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Von säkularer zu geistlicher MusikVon Thomas Molke / Fotos: © Amir Kaufmann / Innsbrucker Festwochen folgen 2025 jährt sich der Todestag von Alessandro Scarlatti zum 300. Mal. Das ist Grund genug für die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik diesem außergewöhnlichen Komponisten einen Konzertabend zu widmen, in dem ein Auszug aus seinem breiten kompositorischen Schaffen präsentiert wird. Neben mindestens 110 geistlichen Werken und Hunderten von Kantaten schuf er nach eigener Zählung auch 114 Opern. Hinzu kommen über 30 Serenaten und einige Instrumentalwerke. Ottavione Dantone hat nun aus diesem umfangreichen Œuvre ein Programm zusammengestellt, das die Vielschichtigkeit dieses bedeutenden Barockkomponisten unterstreicht. Den Anfang macht ein gut zehnminütiges Instrumentalstück, das verrückter Weise wahrscheinlich gar nicht von Scarlatti stammt. Der Londoner Verleger Benjamin Cooke brachte 1740 mit dem Komponisten Charles Avison eine Sammlung von sechs Concertos in Seven Parts mit dem Nachsatz heraus, dass diese von Alessandro Scarlatti komponiert seien. Wahrscheinlich stammen aber nur vier Stücke aus dieser Sammlung von Scarlatti, während die zwei weiteren von Scarlattis jüngerem Bruder Francesco komponiert worden sind. Das präsentierte Concerto grosso F-Dur für Streicher und Basso continuo ist höchstwahrscheinlich eines davon, orientiert sich im Stil aber besonders im Finale an einer Struktur, wie Alessandro Scarlatti sie für einige seiner Opernsinfonien verwendet hat. Die Accademia Bizantina arbeitet unter der Leitung von Ottavio Dantone die Frische und musikalische Leichtigkeit der Komposition wunderbar heraus. Carlotta Colombo als Diana, am Cembalo: Ottavio Dantone Im Anschluss folgt die Serenata Diana ed Endimione, die wahrscheinlich um 1680 entstand und damit Scarlattis älteste erhaltene Huldigungsmusik darstellt. Was der Anlass für diese Komposition war und für wen sie gedacht war, ist heute nicht bekannt. Der Text greift eine Episode aus der Mythologie auf und handelt von der keuschen Göttin Diana, die sich gegen ihren Willen in den schönen Hirten Endymion (Endimione) verliebt hat und nun verzweifelt gegen ihre Gefühle ankämpft. Zunächst raubt sie sein Herz, um ihre Liebe zu bekämpfen. Erst als der Hirte bereit ist, zu ihren Füßen zu sterben, lenkt sie ein und besingt gemeinsam mit Endimione die Liebe, die neben Tyrannei und Grausamkeit eben auch Mitgefühl bedeute. Als Diana ist die italienische Sopranistin Carlotta Colombo zu erleben, die 2022 zu den Finalistinnen und Finalisten des Cesti-Wettbewerbs bei den Festspielen gehörte. Mit strahlendem Sopran, der in den Höhen eine große Wärme besitzt, gestaltet sie den inneren Kampf der Göttin, die zunächst heftig gegen ihre Gefühle für Endimione ankämpft. Paul-Antoine Bénos-Djian legt die Partie des Endimione mit dunkel gefärbtem Countertenor an, der eine ungemeine Virilität besitzt und in seinem Glanz deutlich macht, wieso die Göttin Schwierigkeiten hat, ihm zu widerstehen. Das Gespräch, das sich zwischen den beiden entwickelt, mündet in einem Hohelied auf die Liebe, das in der musikalischen Gestaltung die Vereinigung der beiden erahnen lässt. Žiga Čopi (links) und Marco Saccardin (rechts) in Buffo-Szenen von Scarlattis Opern Nach der Pause gibt es dann eine Kostprobe von Scarlattis komödiantischem Talent. In seinen zahlreichen ernsten Opern für Neapel hat er nämlich auch sogenannte "Scene buffe" eingebaut, in der ein komisches Paar die eigentlich ernste Handlung kontrastiert. Dabei ist die jeweilige Frauenrolle bewusst mit einem Tenor besetzt und spielt mit den Geschlechterrollen. Im ersten Auszug kommt das Gärtnerehepaar Morasso und Niceta zu Wort, das in der Oper L'Emireno overo Il consiglio dell'ombra als Pflegeeltern die jungen Liebenden Rosinda und Emireno erzieht, die sich später als Königskinder erweisen. Žiga Čopi und Marco Saccardin zeichnen die beiden Partien mit großem Spielwitz. Während Čopi mit hellem Tenor unter Einsatz der Kopfstimme die Niceta als ständig nörgelnde Frau anlegt, die ihrem Gatten Liebe und Leidenschaft zu entlocken versucht, zeigt sich Saccardin mit dunkel gefärbtem Bariton als Morasso stets eifersüchtig und fühlt sich durch Nicetas Verhalten in seinem Stolz verletzt. Die zweite Szene dreht die Verhältnisse um. In Il prigioniero fortunato ist es Saccardin als Delbo, der die alte Amme Lucilla mit feurigen Liebesschwüren umwirbt, während sie sich allerdings äußerst spröde zeigt und wissen will, was er ihr als Liebhaber denn überhaupt zu bieten habe. Die Szene mündet in einem witzigen Schlagabtausch, in dem Delbo Lucillas angebliche Schönheit preist und sie ihn als hässlich bezeichnet. Die dritte und letzte Szene aus La donna ancora è fedele zeigt dann eine zarte Annäherung zwischen der alten Amme Filandra und dem Gärtner Selvino. Zunächst verspottet Filandra noch das Begehren, sich einen Ehemann zu angeln als Krankheit junger Mädchen. Doch dann will sie selbst ihre Chancen bei dem Gärtner testen, dem das zunächst nicht ganz geheuer ist. Nach anfänglichen Schwierigkeiten finden die beiden dann aber doch zusammen. Čopi begeistert hier durch verführerisches und komödiantisches Spiel, während Saccardin die Annäherungsversuche zunächst mit einer gewissen Ironie kommentiert. In schnellen Parlando-Läufen, die schon fast wesentlich später aufkommende Buffo-Duette andeuten, glänzen Čopi und Saccardin auch stimmlich und werden mit großem Applaus belohnt. Salve Regina: von links: Carlotta Colombo, Paul-Antoine Bénos Djian, am Cembalo: Ottavio Dantone, Žiga Čopi und Marco Saccardin Nach dem Concerto grosso a-Moll für Blockflöte, Streicher und Basso continuo, bei dem Alessandro Nasello von der Accademia Bizantina an der Solo-Blockflöte begeistert, folgt noch das Salve Regina a 4 als "geistlicher Abschluss". Hier finden Colombo, Béjon-Djian, Čopi und Saccardin in einer Anrufung der Mutter Gottes mit anschließender Anbetung gemeinsam mit der Accademia Bizantina zu einem betörenden Gesamtklang, der einen großartigen Kontrast zu den vorherigen Teilen des Konzerts bildet. Das Publikum bedankt sich mit großem Applaus für alle Beteiligten. FAZIT
Das Konzert zeigt, wie vielseitig Alessandro Scarlattis kompositorisches
Schaffen ist und dass es dort noch einiges zu entdecken gibt.
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Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2025 |
AusführendeMusikalische Leitung und Cembalo Diana / Sopran Endimione / Alt Niceta / Lucilla / Filandra / Tenor Morasso / Delbo / Selvino / Bariton ProgrammAlessandro Scarlatti Diana ed Endimione Scena di Niceta e Morasso Scena di Lucilla e Delbo Scena di Filandra e Selivino Concerto grosso a-Moll Salve Regina a 4
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