Seit 2011 hat sich das
Akademie-Projekt Barockoper:Jung zu einem unverzichtbaren Programmpunkt der
Innsbrucker Festwochen der Alten Musik entwickelt. Darin erarbeiten unter
anderem die jungen Preisträger und Preisträgerinnen des Internationalen
Gesangswettbewerbs für Barockoper Pietro Antonio Cesti eine Oper. Seit 2017
werden sie vom Barockorchester:Jung musikalisch begleitet, das sich in jedem
Jahr neu aus einem über die Zeit gewachsenen Pool an internationalen
Musikerinnen und Musikern zusammensetzt und bei dem Nachwuchsmusikerinnen und
-musiker auf erfahrene Kolleginnen und Kollegen treffen. Beim Publikum
sind diese Produktionen besonders beliebt, weil man hier die potentiellen Stars
von morgen erleben kann. In diesem Jahr haben die jungen Künstlerinnen und
Künstler Antonio Vivaldis Oper Il Giustino erarbeitet, die am 23. Januar 1724
am Teatro Capranica in Rom zur Uraufführung kam. Die Geschichte um den jungen
Bauern aus Illyrien, der 518 zum oströmischen Kaiser Justinian I. (Giustino)
aufstieg, erfreute sich im 17. und 18. Jahrhundert großer Beliebtheit. Als erster
vertonte Giovanni Legrenzi im Jahr 1683 den Stoff auf ein Libretto von Nicolò
Beregan, dem zahlreiche weitere Kompositionen folgten, für die Pietro Pariati den Text
bearbeitete. Auch Vivaldis Librettist Antonio Maria Lucchini griff für sein
Libretto auf diese Vorlage zurück, die 1737 auch Händel für seine Vertonung in
London verwendete. Mit den historischen Begebenheiten nehmen es allerdings alle
nicht so genau.

Giustino (Justina Vaitkute) rettet Leocasta
(Sarah Hayashi) vor zwei Bären.
Fakt ist, dass Giustino ungefähr im Alter
von 20 Jahren nach Konstantinopel ging und dort Mitglied der Palastwoche wurde,
nachdem er zunächst als Bauernsohn Schweine gehütet hatte. In der Oper erscheint
ihm im Traum die Schicksalsgöttin Fortuna, die ihm ewigen Ruhm als kriegerischer
Held verspricht. Auf dem Weg nach Konstantinopel rettet er die Schwester des
Kaisers Anastasios I. (Anastasio), Leocasta, vor einem Bären, was ihm die Gunst
des Kaisers einbringt. In der wahren Geschichte gelang es ihm, 515 den Aufstand
des Rebellen Vitalianus (Vitaliano) niederzuschlagen, so dass er zum
Befehlshaber der kaiserlichen Palastgarde ernannt wurde. Dies passiert zwar auch
in der Oper, aber zu einem viel späteren Zeitpunkt. Vorher muss er dort noch die
Gattin des Kaisers Ariadne (Arianna), die von Vitaliano entführt worden ist, vor
einem riesigen Seeungeheuer retten, dem Vitaliano die Kaiserin zum Fraß
vorwerfen will. Dass Giustino anschließend beim Kaiser in Ungnade fällt, weil diesem
von seinem General Amanzio eingeredet wird, dass die Kaiserin und Giustino ein
Verhältnis miteinander haben, ist genauso den erforderlichen Verwicklungen einer
Barockoper geschuldet wie die Tatsache, dass sich Vitaliano schließlich als
Giustinos Bruder entpuppt und so gemeinsam mit ihm Amanzios Umsturzpläne
vereitelt. In der wahren Geschichte söhnte sich Giustino nach Anastasios Tod mit
Vitaliano nur unter dem Vorwand aus, den Rebellen nach Konstantinopel zu locken,
um ihn dort ermorden zu lassen. Als deus ex machina ertönt in der Oper
stattdessen die Stimme von Vitalianos Vater aus dem Grab, als dieser gerade mit seinem Bruder Andronico den
schlafenden Giustino ermorden will, um ihm zu verkünden, dass Giustino sein
Bruder ist. Diese Variante ist für eine Barockoper natürlich wesentlich
spektakulärer als lediglich den Tatsachen zu folgen.

Die Kaiserin Arianna (Jiayu Jin) wird von einem
Seeungeheuer bedroht.
Das Regie-Team um Claudia Isabel Martin
Peragallo stellt sich die Frage, wie man diese abstruse Geschichte mit den
zahlreichen Orts- und Zeitwechseln heute für ein modernes Publikum noch auf die
Bühne bringen kann. Für den Bühnenraum hat Polina Liefers eine gute Lösung für
die Ortswechsel gefunden. Unter Nutzung der Drehbühne entstehen aus drei hohen
quaderförmigen Bühnenelementen immer wieder neue Räume, die sehr schnelle
Szenenwechsel ermöglichen. Auf manchen Seiten befinden sich pittoreske
Naturzeichnungen, auf anderen Seiten Türen mit getäfelten Wänden, so dass man
schnell zwischen Innen- und Außenräumen wechseln kann. Durch das
Zusammenschieben und Trennen der Quader können Figuren auch schnell aus dem
Geschehen verschwinden. Ansonsten werden nur wenige Requisiten wie ein Tisch,
mehrere Stühle und Bänke benötigt, die für einzelne Szenen aufgestellt werden.
Wenn Anastasio und Giustino auf der Suche nach der entführten Arianna mit dem
Schiff auf hoher See kentern und just an dem Strand landen, an dem Arianna dem
Seeungeheuer geopfert werden soll, wird ein kleines Schiff kopfüber an der Rampe
aufgestellt, um den Schiffbruch anzudeuten. Auch auf den Bären, der Leocasta im
ersten Akt angreift, und das Seeungeheuer, muss in dieser Inszenierung nicht
verzichtet werden. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller, die auch als Chor
und Statisterie fungieren, treten mit Bärenköpfen auf und bedrohen Leocasta, bis
sie von Giustino in die Flucht geschlagen werden. Als Seeungeheuer schlängeln
sie sich unter einem hellblauen Tuch mit einem weißen Netz auf die Bühne und
werden ebenfalls von Giustino besiegt.

Vitaliano (Thoma Jaron-Wutz) begehrt die Kaiserin
Arianna (Jiayu Jin).
Die Kostüme, für die ebenfalls Liefers
verantwortlich zeichnet, werfen da schon eher Fragen auf. Im Programmheft wird
von einer Kombination von barockem und viktorianischem Zeitalter gesprochen, was sich
allerdings schwer nachvollziehen lässt. Wenn am Anfang und Ende alle schwarz
gekleidet um einen Tisch herum sitzen, denkt man eher an Angehörige einer Sekte.
Auch der Sinn der riesigen Uhr, die an einer Wand hängt und mal schnell
vorwärts, dann wieder rückwärts läuft, bleibt unklar. Wenn damit die Zeitsprünge
der Handlung erklärt werden sollen, macht es keinen Sinn, dass sie rückwärts läuft.
Aber vielleicht ist das alles auch nur als Spiel im Spiel gedacht. Bevor die
Oper beginnt, sieht man nämlich Giustino als Dienstmädchen. Er bzw. sie verteilt
Tassen und Teller auf dem Tisch und fegt den Raum. Träumt sich das Dienstmädchen
eventuell nur in die märchenhafte Geschichte und sitzen deshalb am Ende alle
wieder gemeinsam beisammen am Tisch, weil man sich zwischen der Mahlzeit in eine
Traumwelt begeben hat? Das wäre eine Lesart, die die teils übernatürlichen
Phänomene erklären würde.

Hält Fortuna oder Leocasta (Sarah Hayashi, 4. von
rechts) die Fäden in der Hand? (von links: Massimo Frigato als Polidarte, Thoma
Jaron-Wutz als Vitaliano, Maximiliano Danta als Anastasio, Jiayu Jin als Arianna,
Justina Vaitkute als Giustino, Lucija Varšić als Andronico und
Benedetta Zanotto als Amanzio)
Die Rolle der Fortuna wird von der Regie
mit Leocasta zusammengelegt. Eigentlich taucht die Schicksalsgöttin ja nur zu
Beginn in der Traumsequenz im ersten Akt auf. Aber in Peragallos Inszenierung
hat man den Eindruck, dass Leocasta auch später immer wieder in die Rolle der
Fortuna schlüpft. Als Zeichen dafür lässt sich ein blauer Handschuh deuten, den
sie immer dann überzieht, wenn sie als Schwester des Kaisers nicht in der Szene
ist. Immerhin beeinflusst Leocasta Giustinos Weg zur Kaiserwürde ähnlich wie
die Schicksalsgöttin, die Giustino zu Beginn auffordert, sein Schicksal selbst
in die Hand zu nehmen. Am Ende tritt sie jedenfalls aus der Idylle des
gemeinsamen Essens heraus und wirft eine Taschenuhr in den Raum. Die
Schicksalsgöttin scheint folglich nicht nur mit dem Schicksal der Figuren
sondern auch mit der Zeit zu spielen. Diese Personenführung geht im Großen und
Ganzen auf und ermöglicht, über die teils unsinnige Handlung hinwegzusehen. Ob
man aber neben den Bären und dem Seeungeheuer für eine pastorale Atmosphäre auch
noch Schafe und einen Fuchs benötigt, ist fragwürdig und grenzt an unnötigen Kitsch.
Vivaldis Musik begeistert auf ganzer Linie
und hält einige Überraschungen bereit. So zitiert er beispielsweise beim
Auftritt der Fortuna das berühmte Thema aus "La primavera" aus den berühmten
Quattro stagioni. Auch die Instrumentierung einzelner Arien lässt
aufhorchen. Zu nennen ist hier beispielsweise Giustinos Arie am Ende des zweiten
Aktes, "Ho nel petto un cor sì forte", in der er sein Schicksal bejubelt,
nachdem er Leocasta ein zweites Mal gerettet hat, dieses Mal vor dem
Vergewaltigungsversuch des Andronico. Durch den Einsatz eines Salterio, einer
nach Art des Hackbretts gespielten Kastenzither, erhält sein Triumph einen
nahezu sphärischen Klang. Auch die Arie der Arianna im dritten Akt, "Auguletti
garruletti" in der sie mit Leocasta ihr Schicksal beklagt, unterstreicht durch
die sparsame Begleitung durch das Cembalo, die stellenweise ganz entfällt, so
dass der Gesang a cappella erklingt, die Einsamkeit der Kaiserin, die zu diesem
Zeitpunkt von ihrem Gatten durch Amanzios Intrige verstoßen worden ist. Der
Einsatz der Blechbläser für die Kampfszenen trägt vor allem zum Spannungsaufbau der
Handlung bei.
Dies alles wird von den jungen Sängerinnen
und Sängern gut umgesetzt. Justina Vaitkute legt die Titelpartie des Giustino
mit kraftvollem Contralto an und überzeugt stimmlich und darstellerisch als
heldenhafter Charakter, der keine Gefahren scheut. Sarah Hayashi verkörpert mit
strahlendem Sopran die Doppel-Partie der Leocasta und der Fortuna und arbeitet
darstellerisch die einerseits starke Göttin und andererseits die Frau, die immer
wieder von Giustino gerettet werden muss, kontrastreich heraus. Jiayu Jin
stattet die Partie der Kaiserin Arianna mit leuchtenden Höhen und großer
Dramatik aus, findet aber auch sehr weiche zerbrechliche Töne, wenn sie sich
duldsam in ihr Schicksal fügt. Maximiliano Danta punktet als Kaiser Anastasio
mit beweglichem Countertenor, der so wankelmütig ist wie der Kaiser selbst und
sich deshalb von dem intriganten Amanzio zu einer gravierenden Fehlentscheidung
verleiten lässt. Thoma Jaron-Wutz lässt sich als Bösewicht Viteliano zwar vor
der Vorstellung als leicht indisponiert entschuldigen, was man seinem Tenor
allerdings nicht anmerkt. Da klingt alles sauber und auf den Punkt.
Lucija Varšić bleibt als
Andronico, der sich als Flavia verkleidet, um Leocastas Herz zu erobern, genauso
wie Benedetta Zanotto als intriganter Amanzio ein wenig blass, was aber wohl
eher dem schwachen Rollenprofil der beiden Bösewichte anzulasten ist als Varšićs samtig fließendem Mezzosopran
und Zanottos hellem Sopran, der für einen Intriganten zu lieblich klingt. Auch
die ganze Verkleidungssequenz Andronicos verpufft in der Inszenierung ein
bisschen und trägt kaum zur weiteren Verwirrung der Handlung bei. Vielleicht
liegt das aber auch an einigen Einschnitten und Kürzungen, die man am Text
vorgenommen hat. Massimiliano Frigato rundet mit dunkel gefärbtem Tenor als
Hauptmann Polidarte das spielfreudige Ensemble überzeugend ab und darf auch noch
mit einem Helm auf dem Kopf die Stimme des toten Vaters aus dem Grab erklingen
lassen. Stefano Demicheli führt das Barockorchester:Jung mit sicherer Hand durch
Vivaldis glanzvolle Musik, so dass es für alle Beteiligten verdienten
Beifall gibt.
FAZIT
Für eine szenische Umsetzung weist das Stück einige Probleme auf, die die Regie
im Großen und Ganzen gut umschifft. Musikalisch reiht sich hier eine
Glanznummer an die nächste.
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