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Innsbrucker Festwochen der Alten Musik
25.07.2025 - 31.08.2025


I
l Giustino

Oper in drei Akten
Libretto von Antonio Maria Lucchini nach Nicolò Beregan und Pietro Pariati
Musik von Antonio Vivaldi

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 15' (eine Pause)

Premiere in den Kammerspielen im Haus der Musik Innsbruck am 17. August 2025




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Die Macht des Schicksals

Von Thomas Molke / Fotos: © Birgit Gufler / Innsbrucker Festwochen

Seit 2011 hat sich das Akademie-Projekt Barockoper:Jung zu einem unverzichtbaren Programmpunkt der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik entwickelt. Darin erarbeiten unter anderem die jungen Preisträger und Preisträgerinnen des Internationalen Gesangswettbewerbs für Barockoper Pietro Antonio Cesti eine Oper. Seit 2017 werden sie vom Barockorchester:Jung musikalisch begleitet, das sich in jedem Jahr neu aus einem über die Zeit gewachsenen Pool an internationalen Musikerinnen und Musikern zusammensetzt und bei dem Nachwuchsmusikerinnen und -musiker auf erfahrene Kolleginnen und Kollegen treffen. Beim Publikum sind diese Produktionen besonders beliebt, weil man hier die potentiellen Stars von morgen erleben kann. In diesem Jahr haben die jungen Künstlerinnen und Künstler Antonio Vivaldis Oper Il Giustino erarbeitet, die am 23. Januar 1724 am Teatro Capranica in Rom zur Uraufführung kam. Die Geschichte um den jungen Bauern aus Illyrien, der 518 zum oströmischen Kaiser Justinian I. (Giustino) aufstieg, erfreute sich im 17. und 18. Jahrhundert großer Beliebtheit. Als erster vertonte Giovanni Legrenzi im Jahr 1683 den Stoff auf ein Libretto von Nicolò Beregan, dem zahlreiche weitere Kompositionen folgten, für die Pietro Pariati den Text bearbeitete. Auch Vivaldis Librettist Antonio Maria Lucchini griff für sein Libretto auf diese Vorlage zurück, die 1737 auch Händel für seine Vertonung in London verwendete. Mit den historischen Begebenheiten nehmen es allerdings alle nicht so genau.

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Giustino (Justina Vaitkute) rettet Leocasta (Sarah Hayashi) vor zwei Bären.

Fakt ist, dass Giustino ungefähr im Alter von 20 Jahren nach Konstantinopel ging und dort Mitglied der Palastwoche wurde, nachdem er zunächst als Bauernsohn Schweine gehütet hatte. In der Oper erscheint ihm im Traum die Schicksalsgöttin Fortuna, die ihm ewigen Ruhm als kriegerischer Held verspricht. Auf dem Weg nach Konstantinopel rettet er die Schwester des Kaisers Anastasios I. (Anastasio), Leocasta, vor einem Bären, was ihm die Gunst des Kaisers einbringt. In der wahren Geschichte gelang es ihm, 515 den Aufstand des Rebellen Vitalianus (Vitaliano) niederzuschlagen, so dass er zum Befehlshaber der kaiserlichen Palastgarde ernannt wurde. Dies passiert zwar auch in der Oper, aber zu einem viel späteren Zeitpunkt. Vorher muss er dort noch die Gattin des Kaisers Ariadne (Arianna), die von Vitaliano entführt worden ist, vor einem riesigen Seeungeheuer retten, dem Vitaliano die Kaiserin zum Fraß vorwerfen will. Dass Giustino anschließend beim Kaiser in Ungnade fällt, weil diesem von seinem General Amanzio eingeredet wird, dass die Kaiserin und Giustino ein Verhältnis miteinander haben, ist genauso den erforderlichen Verwicklungen einer Barockoper geschuldet wie die Tatsache, dass sich Vitaliano schließlich als Giustinos Bruder entpuppt und so gemeinsam mit ihm Amanzios Umsturzpläne vereitelt. In der wahren Geschichte söhnte sich Giustino nach Anastasios Tod mit Vitaliano nur unter dem Vorwand aus, den Rebellen nach Konstantinopel zu locken, um ihn dort ermorden zu lassen. Als deus ex machina ertönt in der Oper stattdessen die Stimme von Vitalianos Vater aus dem Grab, als dieser gerade mit seinem Bruder Andronico den schlafenden Giustino ermorden will, um ihm zu verkünden, dass Giustino sein Bruder ist. Diese Variante ist für eine Barockoper natürlich wesentlich spektakulärer als lediglich den Tatsachen zu folgen.

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Die Kaiserin Arianna (Jiayu Jin) wird von einem Seeungeheuer bedroht.

Das Regie-Team um Claudia Isabel Martin Peragallo stellt sich die Frage, wie man diese abstruse Geschichte mit den zahlreichen Orts- und Zeitwechseln heute für ein modernes Publikum noch auf die Bühne bringen kann. Für den Bühnenraum hat Polina Liefers eine gute Lösung für die Ortswechsel gefunden. Unter Nutzung der Drehbühne entstehen aus drei hohen quaderförmigen Bühnenelementen immer wieder neue Räume, die sehr schnelle Szenenwechsel ermöglichen. Auf manchen Seiten befinden sich pittoreske Naturzeichnungen, auf anderen Seiten Türen mit getäfelten Wänden, so dass man schnell zwischen Innen- und Außenräumen wechseln kann. Durch das Zusammenschieben und Trennen der Quader können Figuren auch schnell aus dem Geschehen verschwinden. Ansonsten werden nur wenige Requisiten wie ein Tisch, mehrere Stühle und Bänke benötigt, die für einzelne Szenen aufgestellt werden. Wenn Anastasio und Giustino auf der Suche nach der entführten Arianna mit dem Schiff auf hoher See kentern und just an dem Strand landen, an dem Arianna dem Seeungeheuer geopfert werden soll, wird ein kleines Schiff kopfüber an der Rampe aufgestellt, um den Schiffbruch anzudeuten. Auch auf den Bären, der Leocasta im ersten Akt angreift, und das Seeungeheuer, muss in dieser Inszenierung nicht verzichtet werden. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller, die auch als Chor und Statisterie fungieren, treten mit Bärenköpfen auf und bedrohen Leocasta, bis sie von Giustino in die Flucht geschlagen werden. Als Seeungeheuer schlängeln sie sich unter einem hellblauen Tuch mit einem weißen Netz auf die Bühne und werden ebenfalls von Giustino besiegt.

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Vitaliano (Thoma Jaron-Wutz) begehrt die Kaiserin Arianna (Jiayu Jin).

Die Kostüme, für die ebenfalls Liefers verantwortlich zeichnet, werfen da schon eher Fragen auf. Im Programmheft wird von einer Kombination von barockem und viktorianischem Zeitalter gesprochen, was sich allerdings schwer nachvollziehen lässt. Wenn am Anfang und Ende alle schwarz gekleidet um einen Tisch herum sitzen, denkt man eher an Angehörige einer Sekte. Auch der Sinn der riesigen Uhr, die an einer Wand hängt und mal schnell vorwärts, dann wieder rückwärts läuft, bleibt unklar. Wenn damit die Zeitsprünge der Handlung erklärt werden sollen, macht es keinen Sinn, dass sie rückwärts läuft. Aber vielleicht ist das alles auch nur als Spiel im Spiel gedacht. Bevor die Oper beginnt, sieht man nämlich Giustino als Dienstmädchen. Er bzw. sie verteilt Tassen und Teller auf dem Tisch und fegt den Raum. Träumt sich das Dienstmädchen eventuell nur in die märchenhafte Geschichte und sitzen deshalb am Ende alle wieder gemeinsam beisammen am Tisch, weil man sich zwischen der Mahlzeit in eine Traumwelt begeben hat? Das wäre eine Lesart, die die teils übernatürlichen Phänomene erklären würde.

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Hält Fortuna oder Leocasta (Sarah Hayashi, 4. von rechts) die Fäden in der Hand? (von links: Massimo Frigato als Polidarte, Thoma Jaron-Wutz als Vitaliano, Maximiliano Danta als Anastasio, Jiayu Jin als Arianna, Justina Vaitkute als Giustino, Lucija Varšić als Andronico und Benedetta Zanotto als Amanzio)

Die Rolle der Fortuna wird von der Regie mit Leocasta zusammengelegt. Eigentlich taucht die Schicksalsgöttin ja nur zu Beginn in der Traumsequenz im ersten Akt auf. Aber in Peragallos Inszenierung hat man den Eindruck, dass Leocasta auch später immer wieder in die Rolle der Fortuna schlüpft. Als Zeichen dafür lässt sich ein blauer Handschuh deuten, den sie immer dann überzieht, wenn sie als Schwester des Kaisers nicht in der Szene ist. Immerhin beeinflusst Leocasta Giustinos Weg zur Kaiserwürde ähnlich wie die Schicksalsgöttin, die Giustino zu Beginn auffordert, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Am Ende tritt sie jedenfalls aus der Idylle des gemeinsamen Essens heraus und wirft eine Taschenuhr in den Raum. Die Schicksalsgöttin scheint folglich nicht nur mit dem Schicksal der Figuren sondern auch mit der Zeit zu spielen. Diese Personenführung geht im Großen und Ganzen auf und ermöglicht, über die teils unsinnige Handlung hinwegzusehen. Ob man aber neben den Bären und dem Seeungeheuer für eine pastorale Atmosphäre auch noch Schafe und einen Fuchs benötigt, ist fragwürdig und grenzt an unnötigen Kitsch.

Vivaldis Musik begeistert auf ganzer Linie und hält einige Überraschungen bereit. So zitiert er beispielsweise beim Auftritt der Fortuna das berühmte Thema aus "La primavera" aus den berühmten Quattro stagioni. Auch die Instrumentierung einzelner Arien lässt aufhorchen. Zu nennen ist hier beispielsweise Giustinos Arie am Ende des zweiten Aktes, "Ho nel petto un cor sì forte", in der er sein Schicksal bejubelt, nachdem er Leocasta ein zweites Mal gerettet hat, dieses Mal vor dem Vergewaltigungsversuch des Andronico. Durch den Einsatz eines Salterio, einer nach Art des Hackbretts gespielten Kastenzither, erhält sein Triumph einen nahezu sphärischen Klang. Auch die Arie der Arianna im dritten Akt, "Auguletti garruletti" in der sie mit Leocasta ihr Schicksal beklagt, unterstreicht durch die sparsame Begleitung durch das Cembalo, die stellenweise ganz entfällt, so dass der Gesang a cappella erklingt, die Einsamkeit der Kaiserin, die zu diesem Zeitpunkt von ihrem Gatten durch Amanzios Intrige verstoßen worden ist. Der Einsatz der Blechbläser für die Kampfszenen trägt vor allem zum Spannungsaufbau der Handlung bei.

Dies alles wird von den jungen Sängerinnen und Sängern gut umgesetzt. Justina Vaitkute legt die Titelpartie des Giustino mit kraftvollem Contralto an und überzeugt stimmlich und darstellerisch als heldenhafter Charakter, der keine Gefahren scheut. Sarah Hayashi verkörpert mit strahlendem Sopran die Doppel-Partie der Leocasta und der Fortuna und arbeitet darstellerisch die einerseits starke Göttin und andererseits die Frau, die immer wieder von Giustino gerettet werden muss, kontrastreich heraus. Jiayu Jin stattet die Partie der Kaiserin Arianna mit leuchtenden Höhen und großer Dramatik aus, findet aber auch sehr weiche zerbrechliche Töne, wenn sie sich duldsam in ihr Schicksal fügt. Maximiliano Danta punktet als Kaiser Anastasio mit beweglichem Countertenor, der so wankelmütig ist wie der Kaiser selbst und sich deshalb von dem intriganten Amanzio zu einer gravierenden Fehlentscheidung verleiten lässt. Thoma Jaron-Wutz lässt sich als Bösewicht Viteliano zwar vor der Vorstellung als leicht indisponiert entschuldigen, was man seinem Tenor allerdings nicht anmerkt. Da klingt alles sauber und auf den Punkt.

Lucija Varšić bleibt als Andronico, der sich als Flavia verkleidet, um Leocastas Herz zu erobern, genauso wie Benedetta Zanotto als intriganter Amanzio ein wenig blass, was aber wohl eher dem schwachen Rollenprofil der beiden Bösewichte anzulasten ist als Varšićs samtig fließendem Mezzosopran und Zanottos hellem Sopran, der für einen Intriganten zu lieblich klingt. Auch die ganze Verkleidungssequenz Andronicos verpufft in der Inszenierung ein bisschen und trägt kaum zur weiteren Verwirrung der Handlung bei. Vielleicht liegt das aber auch an einigen Einschnitten und Kürzungen, die man am Text vorgenommen hat. Massimiliano Frigato rundet mit dunkel gefärbtem Tenor als Hauptmann Polidarte das spielfreudige Ensemble überzeugend ab und darf auch noch mit einem Helm auf dem Kopf die Stimme des toten Vaters aus dem Grab erklingen lassen. Stefano Demicheli führt das Barockorchester:Jung mit sicherer Hand durch Vivaldis glanzvolle Musik, so dass es für alle Beteiligten verdienten Beifall gibt.

FAZIT

Für eine szenische Umsetzung weist das Stück einige Probleme auf, die die Regie im Großen und Ganzen gut umschifft. Musikalisch reiht sich hier eine Glanznummer an die nächste.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefano Demicheli

Regie
Claudia Isabel Martin Peragallo

Bühne und Kostüme
Polina Liefers

Gesangscoach
Jeffrey Francis

Dramaturgie und Übertitel
Uma Tholen

 

Barockorchester:Jung


Solistinnen und Solisten

Giustino, ein Bauer, später Kaiser
Justina Vaitkute

Anastasio, Kaiser von Byzanz
Maximiliano Danta

Arianna, Kaiserin von Byzanz
Jiayu Jin

Leocasta, Schwester des Anastasio /
Fortuna, Göttin des Glücks und Schicksals
Sarah Hayashi

Vitaliano, Tyrann von Kleinasien
Thoma Jaron-Wutz

Andronico, Bruder des Vitaliano
Lucija Varšić

Amanzio, General der kaiserlichen Truppen
Benedetta Zanotto

Polidarte, Hauptmann der Leibwache
des Vitaliano

Massimo Frigato

 


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