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Die andere IfigeniaVon Thomas Molke / Fotos: © Birgit Gufler / Innsbrucker Festwochen Der 1670 in Venedig geborene Cellist und Komponist Antonio Caldara reiht sich heute in die Riege der Barockkomponisten ein, die größtenteils dem Vergessen anheim gefallen sind. Dabei hat er nach seinen Erfolgen in Italien ab 1716 das Wiener Musikleben als Vize-Kapellmeister neben Johann Joseph Fux gut 20 Jahre lang bestimmt und mit seinen zahlreichen Kompositionen dem Wiener Hof zu einer ungeheuren kulturellen Blüte verholfen. Ob es an seiner festen Stellung lag, dass sich sein Ruhm nicht so über Europa verbreitete wie der seiner Zeitgenossen Georg Friedrich Händel und Alessandro Scarlatti, kann nur gemutmaßt werden. Seine über 90 Opern und Oratorien schlummern zum großen Teil in irgendwelchen Archiven alter Fürstenhäuser und warten darauf, entdeckt zu werden. Aber dafür, so Ottavio Dantone, der künstlerische Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, bedürfe es Musikerinnen und Musiker, die auf Barockmusik spezialisiert seien, da sein Stil tiefere Kenntnis im Bereich der Barockmusik erfordere, die man sich in einem Orchester, das die ganze Bandbreite der klassischen Musik abdecken müsse, nur schwer erarbeiten könne. Diese hat das Ensemble Accademia Bizantina, das Dantone als "Orchester in Residence" mit zu den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik gebracht hat, und so wird bei den diesjährigen Festspielen Caldaras Ifigenia in Aulide aus einem über 300-jährigen Dornröschen-Schlaf erweckt. Caldaras Ifigenia gehört zu den frühen Werken des Venezianers, die er am Wiener Hof des Kaisers Karl VI. am 4. November 1718 am Leopoldinischen Hoftheater in Wien mit einer hochkarätigen Besetzung zur Uraufführung brachte. Im Allgemeinen kennt man den Mythos wie folgt: König Agamemnon (Agamemnone) wird auf dem Weg zum Kampf gegen Troja von einer Windstille in Aulis daran gehindert, mit den Griechen weiterzusegeln. Grund dafür ist, dass er die Göttin Diana verärgert hat, weil er auf der Jagd eine ihr heilige Hirschkuh getötet und sich außerdem gerühmt hat, ein größerer Jäger als die Göttin selbst zu sein. Als Strafe fordert sie die Opferung seiner ältesten Tochter Iphigenie (Ifigenia), die Agamemnone unter dem Vorwand nach Aulis kommen lässt, sie dort mit Achilles (Achille) vermählen zu wollen. Für ein in der Opera seria notwendiges Lieto fine könnte man nun die gängige Fassung wählen, in der Diana Ifigenia vom Opferaltar nach Tauris entrückt und stattdessen eine Hirschkuh geopfert wird. Elisena (Neima Fischer, links) lässt Ifigenia (Marie Lys, rechts) und ihre Mutter Clitennestra (Shakèd Bar, 2. von rechts) an der Treue des Achille zweifeln. Aber Apostolo Zeno wählt für sein Libretto eine weitere, wesentlich unbekanntere Variante, die auch schon Jean Racine in seiner Tragödie Iphigénie 1674 verwendete und die auf eine Überlieferung des griechischen Schriftstellers Pausanias aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert zurückgeht. Danach fordert die Göttin ein ganz anderes Opfer, nämlich die illegitime Tochter von Helena und Theseus, die bei Zeno ebenfalls Ifigenia heißt. Bei Racine handelt es sich um die Sklavin Ériphile, die Achille als Beute aus Lemnos mitbringt. So erschließt sich für Zeno auch eine weitere Möglichkeit, die obligatorischen Liebeswirren und Intrigen in die Handlung einzubauen. In der Oper heißt diese andere Ifigenia Elisena und ist eine Fürstin von Lesbos. Dort ist sie unter falschem Namen aufgewachsen, da ihren Eltern einst prophezeit wurde, dass sie in jungen Jahren sterben werde, wenn sie ihren wahren Namen Ifigenia erfahren würde. Elisena ist unglücklich in Achille verliebt und plant, seine Hochzeit mit Ifigenia zu verhindern. Unterstützung erhält sie dabei von Teucro, einem griechischen Kapitän, der wiederum Elisena liebt und von dem sie erfährt, dass Ifigenia auf dem Altar der Diana für günstige Winde geopfert werden soll. Als Klytämnestra (Clitennestra) bereits beschlossen hat, mit ihrer Tochter Ifigenia wieder nach Mykene abzureisen, da die beiden Achille für untreu halten, offenbart Elisena den Plan der Göttin. Ifigenia fügt sich in ihr Schicksal, bis verkündet wird, dass das geforderte Opfer Elisena, die andere Ifigenia ist. Logisch ist das eigentlich nicht, da Elisena-Ifigenia nichts mit Agamemnones Beleidigung der Gottheit zu tun hat und ihre Opferung keineswegs eine Bestrafung für ihn darstellt, sondern eigentlich eine Bestrafung Helenas für ihre außereheliche Beziehung mit Theseus ist, was wiederum gar nichts mit der Opernhandlung zu tun hat. Lieto fine in opulenter barocker Ästhetik: von links: Teucro (Filippo Mineccia), Ifigenia (Marie Lys), Clitennestra (Shakèd Bar), Achille (Carlo Vistoli), Agamemnone (Martin Vanberg), Arcade (Giacomo Nanni) und Ulisse (Laurence Kilsby), im Hintergrund auf dem Boden liegend: Elisena (Neima Fischer) Aber über diesen Logikfehler sieht man gerne hinweg und lässt sich ganz auf Caldaras großartige Musik ein, die neben zahlreichen wunderbaren Arien, die durch ständigen Zwischenapplaus aus den im Programmheft angekündigten drei fast vier Stunden werden lassen, auch in den Rezitativen, die die Handlung voranbringen, großartige Passagen beinhaltet. Hinzu kommt eine Inszenierung, die in barocker Ästhetik schwelgt und einen wahren Augenschmaus bietet. Verantwortlich dafür zeichnet die dem Marionettentheater verbundene Companyia Per Poc, die 1989 von Santi Arnal gegründet wurde und seit 1998 von Anna Fernández unterstützt wird. Gemeinsam mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Alexandra Semenova entwerfen Arnal und Fernández faszinierende Bilder, die von barocker Bühnenmalerei inspiriert sind. In mehreren Ebenen sieht man auf Vorhängen Zeichnungen, die antike Mythen wie in der Wandmalerei aufgreifen. In der Mitte gibt es im Hintergrund weitere Bilder als Projektionen, die den jeweiligen Ort, Strand bzw. Wald, andeuten. Einzelne liebevoll gestaltete Bühnenelemente wie eine Statue der Diana oder ein riesiger Springbrunnen werden tänzerisch von einer Puppenspielerin und einem Puppenspieler gemeinsam mit Arnal und Fernández auf die Bühne geschoben. Pittoresk ist auch der riesige Pfau, mit dem Ifigenia und Clitennestra in Aulis ankommen oder die kleinen Vögel, die an Stangen den riesigen Springbrunnen umkreisen. Teucro (Filippo Mineccia) liebt Elisena (Neima Fischer). Fragen werfen hingegen die drei großen Puppen auf, die die Frauenfiguren des Stückes doppeln und von den Sängerinnen getragen werden. Elisena tritt schon zu Beginn mit einer großen Puppe auf, die die Sängerin mehr oder weniger verdeckt und von ihr geführt wird. Erst am Ende nach der Selbstopferung trennt sie sich von der Puppe, wenn die Puppe auf dem Altar im Bühnenhintergrund thront und die Sängerin selbst am Fuß des Altars liegt. Clitennestra und Ifigenia treten zunächst ohne Puppen auf. Wenn Agamemnone seiner Frau allerdings verbietet, der vermeintlichen Trauung ihrer Tochter beizuwohnen, und befiehlt, dass sie sofort zurück nach Mykene reist, erhält sie eine Puppe, die bis kurz vor Schluss von ihr geführt wird. Ifigenia bekommt die Puppe, nachdem ihr offenbart worden ist, dass sie als Opfer für günstige Winde vorgesehen ist. Eine Struktur ist bei diesem Spiel nicht zu erkennen. Ob das allerdings der Grund ist, wieso sich in den frenetischen Jubel am Ende einzelne Unmutsbekundungen für das Regie-Team mischen, ist fraglich und auf jeden Fall unberechtigt. Vielleicht können da nur einzelne Anhänger eines modernen Regietheaters nicht mit ästhetisch schönen Bildern umgehen. Denn selbst wenn sich kein tieferer Sinn in den drei Puppen erkennen lässt, schmälert es den visuellen und musikalischen Genuss des Abends keineswegs. Ifigenia (Marie Lys) bittet ihren Vater Agamemnone (Martin Vanberg), die Opferung zu verhindern. Musikalisch hat man ein großartiges Ensemble zusammengestellt, dass aus jeder Partie des Stückes eine Paraderolle gestaltet. Da ist zunächst Marie Lys in der Titelpartie zu nennen. Mit strahlendem und beweglichem Sopran begeistert sie am Anfang in einer Huldigungsarie für den Kaiser, die in dieser Aufführung nicht gestrichen ist, auch wenn sie mit der eigentlichen Opernhandlung nichts zu tun hat und aus heutiger Sicht wie ein Fremdkörper im Stück wirkt. Die Güte der Ifigenia zeichnet Lys im weiteren Verlauf mit leuchtenden Höhen und einer wunderbaren Lieblichkeit in der Stimme, die allerdings auch in unbändige Wut umschlagen kann, wenn sie den Geliebten Achille für untreu hält und gemeinsam mit ihrer Mutter Clitennestra beschließt, nach Mykene abzureisen. Mit weicher Stimmführung gestaltet sie dann Ifigenias Ansinnen, den Vater milde zu stimmen, um ihre Opferung zu verhindern. Bei so viel Wärme und Ausdruck muss sich eigentlich jeder Mensch erweichen lassen. Doch man hat nicht mit der Härte des Odysseus (Ulisse) gerechnet. Laurence Kilsby gestaltet den König von Ithaka mit kraftvollem Tenor und einer enormen Flexibilität in den Läufen. Achille (Carlo Vistoli) will Ifigenia (Marie Lys, rechts) retten (in der Mitte: Shakèd Bar als Clitennestra). Als strahlenden Helden präsentiert Carlo Vistoli den Achille. Vistolis Countertenor besitzt in den Tiefen eine enorme Virilität und beweist in den Höhen große Strahlkraft. Mit exorbitanten Koloraturen und enormer Beweglichkeit in der Stimmführung macht er deutlich, dass er alles tut, um die Opferung seiner Geliebten Ifigenia zu verhindern und dass es schon eines ganzen griechischen Heers bedarf, um diesen Mann in Schranken zu halten. Äußerst kalt weist er das Liebesansinnen Elisenas zurück und triumphiert am Ende gemeinsam mit Lys über das glückliche Ende. Shakèd Bar begeistert als Ifigenias Mutter Clitennestra mit sattem Mezzosopran und wunderbar beweglichen Läufen. Ihr nimmt man ab, dass sie wie eine Löwin um ihre Tochter kämpft und ihrem Mann den Vertrauensbruch nicht verzeihen wird. Martin Vanberg gestaltet die Partie des Agamemnone mit höhensicherem Tenor, der wesentlich weicher klingt als die Stimmfarbe des Ulisse, was unterstreicht, dass er einen Ausweg sucht, um die Opferung seiner Tochter zu verhindern. Vanberg legt diesen inneren Kampf auch darstellerisch sehr überzeugend an. Neima Fischer punktet als Elisena mit strahlenden Höhen und atemberaubenden Koloraturen. Auch wenn sie die eigentliche Intrigantin der Oper ist, kann man ihr nicht wirklich böse sein, weil sie allein von ihren innigen Gefühlen für Achille gelenkt wird und sich am Ende voller Reue in ihr Schicksal fügt. Dass sich Teucro von dem Zauber ihrer Stimme einfangen lässt, kann man gut nachvollziehen. Filippo Mineccia legt die Partie des Teucro mit flexiblem Countertenor an und begeistert ebenfalls mit beweglicher Stimmführung. Mit "tiefer" Stimme rundet Giacomo Nanni als Arcade ab. Auch für ihn hat Caldara großartige Musik komponiert, wenn er alles tut, um die Opferung Ifigenias zu verhindern. Ottavia Dantone führt die Accademia Bizantina mit sicherer Hand durch die wunderbare Klangvielfalt der Partitur und arbeitet die Gefühle der Figuren mit viel Fingerspitzengefühl heraus. FAZIT
Auf diese Weise möchte man
vergessene Barockperlen wiederentdecken. Es bleibt zu
hoffen, dass Caldara in den folgenden Jahren wieder etwas mehr Aufmerksamkeit
geschenkt wird. Die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik geben
zumindest einen Anstoß dazu.
Weitere Rezensionen zu den
Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2025 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungOttavio Dantone Regie, Kostüme und Konzeption Bühne und Kostüme Choreographie Lichtdesign
Solistinnen und Solisten
Ifigenia, Prinzessin von Mykene
Agamemnone, König von Mykene Clitennestra,
Königin von Mykene Achille, Fürst von Thessalien Elisena,
Fürstin von Lesbos Ulisse, König von Ithaka Teucro,
ein griechischer Kapitän Arcade,
Vertrauter des Agamemnone Puppenspiel
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