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Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
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49. Tage Alter Musik in Herne13.11.2025 - 16.11.2025 Polly Ballad Opera Text von John Gay Uraufführungsfassung von Samuel Arnold in Kombination mit deutschen Dialogtexten von Christian Filips, musikalischen Ergänzungen aus der Dreigroschenoper von Kurt Weill sowie Punta Rock aus der zentralamerikanischen Karibik Musik von Johann Christoph Pepusch In deutsche und englischer Sprache, teilweise auch in Garifuna Aufführungsdauer: ca. 2 h 25' (eine Pause) Aufführung im Kulturzentrum in Herne am 14. November 2025 |
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Dekolonialisierung in der Oper Von Thomas Molke / Fotos: © Thomas Kost / WDR Johann Christoph Pepusch und John Gay verbindet man heutzutage meist mit der 1728 uraufgeführten Beggar's Opera, die als Persiflage auf die großen italienischen Opern Georg Friedrich Händel und seinen Komponistenkollegen das Leben schwer machte und schließlich zum Niedergang der Barockoper in England beitrug. Mit 62 Aufführungen in Folge war diese Ballad Opera ein absoluter Kassenschlager, so dass Gay und Pepusch ein Jahr später mit der 20-jährigen Hauptdarstellerin Lavinia Fenton eine Fortsetzungsgeschichte unter dem Titel Polly planten. Doch die Parodie des englischen Hofes und die damit verbundene Kritik am britischen Kolonialismus war so verwegen, dass der für die damalige Zensur verantwortliche Lord Chamberlain ein Aufführungsverbot erließ. Erst 1777, lange nach Gays und Pepuschs Tod, griff der Komponist Samuel Arnold den Stoff wieder auf und brachte das Stück mit musikalischen Ergänzungen am 19. Juni 1777 am Haymarket Theatre in London zur Uraufführung. An den Erfolg der Beggar's Opera konnte das Werk zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr anknüpfen und verschwand in der Versenkung. Erst 1922 kam es in einer revidierten Fassung zu einer Wiederentdeckung. Nun hat sich der Alte-Musik-Spezialist Wolfgang Katschner rund weitere 100 Jahre später mit dem Werk auseinandergesetzt und bringt seine Adaption, die im September 2024 im Berliner Humboldt Forum ihre Premiere feierte, zu den Tagen Alter Musik in Herne. Das Stück schließt an die bekannte Geschichte der Beggar's Opera an und spielt in der Karibik, auf den West Indies. Dorthin ist MacHeath nach der Erhebung in den britischen Adelsstand geschickt worden, um als Pirat für die britische Krone die indigenen Völker auszubeuten. Seine Braut Polly begibt sich ebenfalls dorthin, um ihn zu suchen. Als Mann verkleidet erfährt sie schließlich nicht nur, dass er dort an der Ausbeutung der indigenen Völker beteiligt ist, sondern auch, dass er dort mittlerweile mit Jenny Divers (bei Brecht und Weill die Seeräuber-Jenny) verheiratet ist. Enttäuscht verbündet sie sich mit dem Karibenprinzen Cawwawkee. MacHeath wird schließlich verhaftet und zum Tode verurteilt, während Polly Cawwawkee heiratet. Pen Cayetano (Mitte) und das Garifuna Collective (von links: Kenrick Luvlace Lewis, Desiree Diego und Denmark Flores) (rechts: Wolfgang Katschner als "Mr. Conductor") Wolfgang Katschner möchte mit der lautten compagney die Geschichte nicht im Gewand einer historischen Aufführungspraxis wiedergeben, sondern John Gays Gesellschaftskritik aus einer "dekolonialen Perspektive weiterdenken". Deswegen wird die Uraufführungsfassung von Samuel Arnold nicht nur durch deutsche Dialogtexte von Christian Filips adaptiert und mit Auszügen aus der Dreigroschenoper von Weill und Brecht angereichert, sondern erhält eine ganz neue musikalische Farbe: den Punta Rock aus der zentralamerikanischen Karibik. Der Punta ist ein traditioneller Tanz der Garifuna People, deren Vorfahren aus Westafrika und der Karibik stammen, sich der Sklaverei erfolgreich widersetzt haben und seit über 300 Jahren ihre Tradition vor allem auf Saint Vincent, in Belize, Honduras, Guatemala, Nicaragua und den USA pflegen. Den Punta Rock hat Pen Cayetano 1978 erfunden, um damit die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Garifuna People zum Ausdruck zu bringen. Für die Aufführung von Polly hat er sich nun mit dem Garifuna Collective aus Belize zusammengeschlossen. Das ist zwar klanglich und musikalisch interessant und ansprechend, steht aber mit der eigentlich erzählten Geschichte in keinem Zusammenhang und zerfasert die Handlung leider total. Wolfgang Katschner (links) an der Laute und Martin Steuber (rechts) von der lautten compagney Berlin an der E-Gitarre So wird bis zur Pause eigentlich überhaupt nicht klar, worum es in Polly eigentlich geht. Hinzu kommt, dass Countertenor Georg A. Bochow nicht nur die Partie der Jenny Divers übernimmt, sondern in erster Linie als Textdichter John Gay höchstpersönlich auftritt und zwischen Erzähler des Stückes und Verteidiger seines Textes auftritt. Mirko Ludwig, der die Partie des Karibenprinzen Cawwawkee übernimmt, wird nicht müde zu betonen, dass er keinen indigenen Prinzen spielen kann. So erschweren auch die Dialoge, die dann wieder völlig unvermittelt zwischen Deutsch und Englisch hin- und herspringen, das Verständnis der Handlung. Die beiden Einschübe aus Weills Dreigroschenoper haben höchstens einen nostalgischen Effekt und lenken ebenfalls von der eigentlichen Geschichte ab. Hinzu kommt, dass Bochows Interpretation der Ballade der Seeräuber-Jenny mit dem hohen, recht scharf klingenden Countertenor sehr ungewohnt klingt. Hier hätte er gesanglich vielleicht lieber mit seiner Sprechstimme agieren sollen, um dem Song den vertrauten Ausdruck zu verleihen. Auch zu Beginn des Abends weiß man gar nicht, wo das Stück eigentlich hin will, wenn auf die Ouvertüre aus der Dreigroschenoper ein auf Garifuna gesungener Song folgt, der dann in Arnolds Ouvertüre zu Polly übergeht. von links: Georg A. Bochow als John Gay, Raphael Riebesell als MacHeath, Anna Moritz als Polly und Mirko Ludwig als Cawwawkee Nach der Pause hat man zunächst den Eindruck, dass die Geschichte nun etwas stringenter erzählt wird und man mehr im eigentlichen Stück bleibt. Weniger Stücke des Punta Rock werden eingefügt als im ersten Teil, auch wenn sie hier ebenfalls keinen Bezug zur eigentlich erzählten Geschichte herstellen können. Zumindest bekommt man einen Hauch von Vorstellung, wie Pepuschs Stück in der Bearbeitung von Arnold damals geklungen haben mag. Anna Moritz ist relativ kurzfristig für die erkrankte Elena Elsa Tsantidis als Polly eingesprungen und meistert die Partie mit weichem Sopran. Auch von den Rhythmen der Garifuna People scheint sie sehr angetan zu sein. Raphael Riebesell gestaltet den MacHeath, der im Gegensatz zur Beggar's Opera als Figur relativ blass bleibt, mit hellem Bariton. Mirko Ludwig überzeugt als Karibenprinz Cawwawkee mit lyrischem Tenor. Pen Cayetano hat zu der Aufführung nicht nur Kompositionen des Punta Rock beigesteuert, sondern auch in projizierten Gemälden das Leben und die Tradition der Garifuna People reflektiert. Das Garifuna Collective eröffnet mit den Songs, die teilweise von der Sängerin Desiree Diego stammen, eine neue Welt, die aber mit der Geschichte keine Einheit eingeht. So wirkt es auch völlig aufgesetzt, wenn Polly am Ende nicht den Karibenprinzen sondern Denmark Flores vom Garifuna Collective heiratet. Dem Publikum scheint dieser Ansatz zu gefallen. So erhebt es sich zum Schluss-Song des Garifuna Collective von den Plätzen und wiegt sich in den perkussiven Rhythmen. Das hat es sicherlich bei den Tagen Alter Musik in Herne auch noch nicht gegeben. FAZIT Wer moderne karibische Percussion-Klänge mag, kommt hier auf seine Kosten. Wer nach Herne gekommen ist, um ein unbekanntes Stück wie Pepuschs Polly kennenzulernen, wird enttäuscht. |
AusführendeMusikalische Leitung Dramaturgie Video-Projektionen lautten compagney Berlin Pen Cayetano, Komposition, Gesang und E-Gitarre Mitglieder des Garifuna Collective
Solistinnen und SolistenJohn Gay Polly
MacHeath alias Morano Cawwakee
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