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Musikfestspiele
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Opernfestspiele Heidenheim

05.06.2025 - 27.07.2025

Gianni Schicchi

Oper in einem Akt
Libretto von Giovacchino Forzano inspiriert durch Dante Alighieri
Musik von Giacomo Puccini

Elektra

Tragödie in einem Aufzug
Libretto von Hugo von Hofmannsthal nach Sophokles
Musik von Richard Strauss

in italienischer / deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 30' (eine Pause)

Premiere im Festspielhaus CCH (Gianni Schicchi) und
im Rittersaal Schloss Hellenstein  in Heidenheim am 4. Juli 2025
(rezensierte Aufführung im Festspielhaus CCH / Rittersaal Schloss Hellenstein in Heidenheim:18. Juli 2025)

 


 

 

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Von der Komödie zur Tragödie

Von Thomas Molke / Fotos: © Oliver Vogel

Was verbindet Giacomo Puccinis Operneinakter Gianni Schicchi mit der Tragödie Elektra von Richard Strauss? Auf den ersten Blick gibt es genauso wenig einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Opern wie zwischen Gianni Schicchi und den anderen beiden Einaktern, mit denen Puccini das Stück selbst zum Trittico geformt hat, das nach eigenem Bekunden eine Einheit bildet und nur als Ganzes aufgeführt werden sollte. Wenn man allerdings das Programmheft zum Opern-Doppelabend in Heidenheim liest, wird man doch auf einige Gemeinsamkeiten hingewiesen. In beiden Fällen ist der Auslöser der Handlung ein Toter, und die Geschichte dreht sich um eine Familie, die durchaus als krank bezeichnet werden kann. Auch die für das kurze Stück relativ hohe Anzahl an Solistinnen und Solisten ist gleich. Außerdem kann Gianni Schicchi wohl als eine der lustigsten Komödien der Operngeschichte bezeichnet werden, während Elektra in ihrer Tragik kaum zu überbieten ist, was absolut passend zum diesjährigen Festival-Motto "Lachen und Weinen" ist. Man muss zwar vielleicht nicht so weit gehen wie Festivalleiter Marcus Bosch, der geäußert haben soll, dass die beiden Stücke unbedingt zusammen gespielt werden müssen. Aber es sei darauf hingewiesen, dass, als in den USA Puccinis Gianni Schicchi erstmals aus dem Trittico ausgekoppelt worden ist, das Stück auch mit einer dramatischen Oper von Strauss gespielt worden ist: Salome.

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Prozession vom Festspielhaus zum Rittersaal (vorne: Rory Musgrave)

In Heidenheim führt man außerdem mit diesem Opern-Doppelabend erstmals die beiden Spielstätten, den Rittersaal des Schlosses Schwetzingen und das daneben gelegene Festspielhaus, zusammen. Ansonsten dient das Festspielhaus ja nur als Ausweichspielstätte für die Freilichtaufführungen. Doch dieses Mal agiert man dabei ganz im Sinne des Librettos. Während Puccinis Oper im Haus des Buoso Donati spielt und daher im Festspielhaus aufgeführt wird, findet die Handlung in Elektra draußen vor dem Palast statt, somit im offenen Rittersaal, wenn das Wetter eine Freilichtaufführung zulässt. Und in diesen Genuss kommt man am Tag der besuchten Aufführung. Die Pause zwischen den beiden Stücken wird dafür einfach um eine Viertelstunde verlängert, und der Weg zum Rittersaal wird durch eine Performance inszeniert, bei der Figuren aus Strauss' Oper mit Beilen und "Agamemnon"-Rufen das Publikum in einer Art Prozession vom Festspielhaus zum Rittersaal geleiten.

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Die Donatis stellen entsetzt fest, dass Buoso sein Vermögen der Kirche vererbt hat (von links: Rinuccio (Stefan Cifolelli), Nella (Tineke van Ingelgem), Gherardo (Tobias Völklein), Marco (Daniel Di Prinzio), Zita (Julia Rutigliano), Ciesca (Kateřina Hebelková), Simone (Thomas Gazheli) und Betto (Viacheslav Strelkov)).

Den Anfang macht Puccinis Gianni Schicchi. Das Regie-Team um Vera Nemirova zeigt den Patriarchen Buoso Donati, nach dessen Vermögen die Verwandtschaft giert, als erfolgreichen Modeschöpfer mit einem queeren Geist. Eine weitere Besonderheit der Inszenierung ist, dass der Leiter des Geschäftsbereichs Festspiele und Kulturbüro in Heidenheim, Oliver von Fürich, höchstpersönlich in die Rolle des Buoso schlüpft und einen größeren Part erhält, als der Figur im Stück eigentlich zukommt. Es beginnt mit Buosos Geburtstag, zu dem er seine raffgierige Verwandtschaft eingeladen hat. Bevor die Gäste eintreffen, erstellt er das neue Testament, nach dem er seinen gesamten Besitz der Kirche vermacht, und schluckt Tabletten, um aus dem Leben zu scheiden. Die Verwandtschaft fällt mit Geburtstagsgesängen in Buosos Haus ein und stellt sein Ableben fest. Erst dann setzt die Musik ein. Harald B. Thor hat einen Bühnenraum geschaffen, der von einem skurrilen Bett dominiert wird, das einige verrückte Funktionen hat. Die restlichen Möbel bestehen aus riesigen Umzugkartons und wirken eher spartanisch. Der Steg, der auf die Bühne führt und unter dem das Orchester positioniert ist, das in beiden Produktionen hinter der Bühne spielt, dient als Eingang zu Buosos Wohnung, ist aber wohl mehr für den zweiten Teil Elektra konzipiert. Während Thor für beide Teile die Bühne entwickelt hat, stammen die Kostüme von unterschiedlichen Kostümbildnerinnen. Christina Lelli stattet die Donatis sehr extravagant in einem Stil aus, bei dem schwer zu entscheiden ist, ob das noch modisch oder übertrieben kitschig ist. Dabei werden zahlreiche queere Akzente gesetzt.

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Gianni Schicchi (Rory Musgrave) ist für seine Tochter Lauretta (Ava Dodd) bereit, den Donatis zu helfen.

In diesem Ambiente entfacht das Ensemble nun eine herzerfrischende Komödie mit enormem Spaßfaktor. Hervorzuheben ist hier vor allem Julia Rutigliano als Buosos Cousine Zita, die den anderen Verwandten nichts gönnt und äußerst unglücklich darüber ist, dass ihr unnützer Neffe Rinuccio (Stefan Cifolleli mit sauber angesetzten Höhen) mit der Tochter des Gianni Schicchi, Lauretta, angebandelt hat. Ava Dodd zeichnet die Partie der Lauretta mit lieblichem Sopran und glänzt in der wohl berühmtesten Arie der Oper, "O mio babbino caro", in der sie ihrem Vater mitteilt, dass sie sich im Arno das Leben nehmen werde, wenn er ihrem Geliebten Rinuccio und damit den Donatis nicht hilft. Natürlich hat die Nummer einen gewissen Kitschfaktor, der vom Ensemble mit Seifenblasen und offensichtlicher Rührung ironisch gebrochen wird. Aber bei so reizendem Gesang kann der liebende Vater seiner Tochter den Wunsch natürlich nicht abschlagen. Rory Musgrave verfügt in der Titelpartie nicht nur über einen kraftvollen Bariton, sondern hat auch den Schalk im Nacken und wendet die Geschichte geschickt zu seinem eigenen Vorteil. Wenn er mit großem Spielwitz in die Rolle des Buoso geschlüpft ist und das neue Testament diktiert, taucht im Hintergrund auf dem Steg ein Mann mit einem Eselskopf auf. Man fragt sich zunächst, ob es sich dabei um das begehrte Maultier handelt, was Buoso zu vererben hat. Nachdem sich allerdings Schicchi das Haus, das Maultier und die Mühlen von Signa selbst unter den Nagel gerissen und die lästige Verwandtschaft aus dem Haus geworfen hat, tritt der Esel ins Haus ein und entpuppt sich als Buoso Donati. Hat er seinen Tod also nur vorgetäuscht? Jedenfalls feiert er nun mit Schicchi einen ausgelassen Geburtstag, bei dem auch ein leidenschaftlicher Kuss zwischen den beiden Männern nicht fehlen darf.

Nach dieser herzerfrischenden Komödie, die vom Publikum mit großem Beifall gefeiert wird, geht es wesentlich ernster im Rittersaal weiter. Die natürliche Felsenkulisse des Saals schafft ein wunderbar geeignetes Ambiente für Strauss' Tragödie und gibt der Inszenierung einen archaischen Charakter. Auf der Bühne befindet sich eine recht schmutzige Badewanne, in der Klytämnestra mit ihrem Geliebten Aegisth wahrscheinlich ihren Gatten Agamemnon getötet hat. Der Mantel des Agamemnon befindet sich noch als Relikt in der Wanne und wird von Elektra immer wieder wie ein Heiligtum verehrt. In der Mitte hat Elektra eine Art Steingrab errichtet. Hier ist sie einen großen Teil der Zeit damit beschäftigt, die Steine zu reinigen. In diesem Grab befindet sich das Beil, mit dem der mit Sehnsucht erwartete Orest Rache an der Mutter für den Mord an Agamemnon nehmen soll. Die natürlichen Öffnungen in der Rückwand werden als Fenster genutzt, die einen kleinen Einblick in Klytämnestras Schlafgemach gewähren. Hier sieht man, wie Orest schließlich den Muttermord begeht, während Aegisth auf offener Bühne in der Badewanne getötet wird. Wenn sich Elektra gemäß Libretto am Ende in Ekstase zu Tode tanzt, begibt sich Christiane Libor in der Titelpartie ins Publikum, während am Ende auf der Bühne alle mit Ausnahme Orests leblos zusammensinken.

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Elektra (Christiane Libor) sinnt auf Rache für den Mord an ihrem Vater

Die in der Personenregie von Nemirova packende Inszenierung wird durch das grandiose Spiel der Stuttgarter Philharmoniker unter der Leitung von Marcus Bosch noch unterstützt. Die Musik ist dabei genauso schonungslos und hart wie die Geschichte und lässt nur in einzelnen Momenten weiche Klänge zu, wenn beispielsweise Elektras Schwester Chrysothemis von einem unbeschwerten Leben als Frau und Mutter träumt. Ansonsten zeichnet Bosch mit dem Orchester die Grausamkeit der Geschichte mit jeder Faser nach. Das klingt vielleicht nicht in jedem Moment schön, geht aber unter die Haut. Das Ensemble begeistert auf ganzer Linie. An erster Stelle ist Christiane Libor zu nennen, der über die gesamte Spieldauer von rund 105 Minuten kaum eine Pause gegönnt wird. Mit großer Flexibilität zeichnet sie die Leiden der Titelfigur bewegend nach, punktet mit dramatischen Ausbrüchen und schleudert den ganzen Hass, den sie auf die Welt empfindet, glaubhaft heraus. Dabei unterstreicht sie mit einer gewissen Zärtlichkeit Elektras Liebe zu ihrem ermordeten Vater und zeigt auch einen Moment der Schwäche, wenn es ihr nicht gelingt, die Mutter mit einem Stein zu erschlagen. Ihrer Schwester gegenüber gebärdet sie sich schonungslos und verachtet deren Schwäche. Hoffnungslos tritt sie dem Fremden entgegen, den sie zunächst nicht als ihren Bruder Orest erkennt, und triumphiert umso heftiger, als er schließlich das an ihrem Vater begangene Unrecht rächt.

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Klytämnestra (Kateřina Hebelková) wird von Alpträumen gequält.

Kateřina Hebelková zeichnet die Partie der Klytämnestra mit dunklem Mezzosopran und begeistert durch eine textverständliche Deklamation. Intensiv spielt sie die Ängste der Gattenmörderin aus und versucht zu erklären, dass sie für ihr Handeln Gründe gehabt hat. Großartig gelingt die Szene zwischen ihr und Libor, in der Mutter und Tochter scheinbar für einen Moment zusammenfinden, bis die Tochter ihrer Mutter ins Gesicht schleudert, dass Klytämnestra selbst das Opfer sein muss, dass die ersehnte Ruhe bringt. Tineke van Ingelgem stattet die Partie der Chrysothemis mit lieblichem, weichem Sopran aus, der deutlich macht, dass sie ihrer Schwester bei deren Racheplänen nicht helfen kann. Thomas Gazheli legt die Partie des Orest mit dunklem Bariton an. Stefan Cifolleli meistert die Partie des unsympathischen Aegisth mit kräftigen Höhen, die der Figur entsprechend recht schneidend angesetzt sind. Bei den Mägden muss ein wenig getrickst werden, da Marie-Luise Dreßen bei der besuchten Aufführung aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Ariana Lucas übernimmt die Partien der ersten und zweiten Magd, was im Handlungsverlauf nicht weiter auffällt. Gravierender wäre es schon bei der fünften Magd gewesen, die mit ihrer Unterstützung Elektras in eine Außenseiterrolle gedrängt wird. Julia Danz stattet die Partie mit warmem Sopran aus. So gibt es für alle Beteiligten großen Applaus für eine packende Inszenierung auf hohem musikalischem Niveau.

FAZIT

Das Experiment, Puccinis Gianni Schicchi mit Strauss' Elektra zu verbinden, geht in Vera Nemirovas Inszenierung auf und liefert einen spannenden Opernabend, bei dem man zunächst herzhaft lachen kann und anschließend zutiefst erschüttert ist.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Marcus Bosch

Regie
Vera Nemirova

Bühne
Harald B. Thor

Lichtdesign
Hartmut Litzinger

Dramaturgie
Stephan Knies

 

Stuttgarter Philharmoniker

Statisterie der OH!

 

Gianni Schicchi

Kostüme
Christina Lelli

Solistinnen und Solisten

*rezensierte Aufführung

Buoso Donati
Oliver von Fürich

Gianni Schicchi
Rory Musgrave

Lauretta, seine Tochter
Ava Dodd

Zita, Cousine des Buoso
Julia Rutigliano

Rinuccio, ihr Neffe
Stefan Cifolelli

Gherardo, Neffe des Buoso
Tobias Völklein

Nella, seine Frau
Tineke van Ingelgem

Gherardino, beider Sohn
*Justus Keitel /
Jonathan Dörfler /
Vito Rutigliano

Betto di Signa, Schwager des Buoso
Viacheslav Strelkov

Simone, Cousin des Buoso
Thomas Gazheli

Marco, sein Sohn
Daniel Di Prinzio

Ciesca, dessen Frau
Kateřina Hebelková

Maestro Spinelloccio, Arzt
Rory Dunne

Ser Amantio di Nicolao, Notar
Daniel Dropulja

Pinellino, ein Schuster
Jared Ice

Guccio, ein Färber
Rory Dunne

 

Elektra

Kostüme
Marie-Luise Strandt

Solistinnen und Solisten

Elektra
Christiane Libor

Klytämnestra, ihre Mutter
Kateřina Hebelková

Chrysothemis, ihre Schwester
Tineke van Ingelgem

Aegisth, ihr Stiefvater
Stefan Cifolelli

Orest, ihr Bruder
Thomas Gazheli

Der Pfleger des Orest
Viacheslav Strelkov

Die Vertraute Klytämnestras
Katja Maderer

Die Schleppträgerin Klytämnestras
Theresa Maria Romes

Ein junger Diener
Tobias Völklein

Ein alter Diener
Jared Ice

Die Aufseherin
Katja Maderer

Die erste Magd
Ariana Lucas

Die zweite Magd
Marie-Luise Dreßen /
*Ariana Lucas

Die dritte Magd
Julia Rutigliano

Die vierte Magd
Ava Dodd

Die fünfte Magd
Julia Danz

Diener und Dienerinnen (Chor)
Ensemble
Manuel Hartinger
Rory Dunne
Daniel Di Prinzio

Der Übergang (Performance)
(Marie-Luise Dreßen)
Julia Danz
Ariana Lucas
Theresa Maria Romes
Katja Maderer
Rory Musgrave
Rory Dunne
Daniel Di Prinzio
Daniel Dropulja

 


 
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