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Opernfestspiele Heidenheim

05.06.2025 - 27.07.2025

Attila

Dramma lirico in einem Prolog und drei Akten
Libretto von Temistocle Solera (und Francesco Maria Piave)
nach Friedrich Ludwig Zacharias Werner
Musik von Giuseppe Verdi

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 25' (eine Pause)

Premiere im Festspielhaus CCH in Heidenheim am 17. Juli 2025

 

 

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Hunnenkönig im EU-Parlament

Von Thomas Molke / Fotos: © Oliver Vogel

Im Rahmen der Reihe, Verdis Frühwerke in chronologischer Reihenfolge aufzuführen, steht in diesem Jahr bei den Opernfestspielen Heidenheim mittlerweile die neunte Oper Attila auf dem Programm. Mit diesem Werk entwickelte sich Verdi endgültig zu einer Galionsfigur des Risorgimento, der patriotischen Unabhängigkeits-Bestrebung Italiens. Auch wenn der berühmte Gefangenen-Chor aus seiner früheren Oper Nabucco zum Inbegriff der italienischen Sehnsucht nach Freiheit wurde und mittlerweile einen hymnischen Charakter hat, gab es ansonsten in Verdis Werken vor Attila keine eindeutigen politischen Anzeichen. Erst Ezios Vorschlag an Attila im Prolog "Avrai tu l'universo, resti l'Italia a me" ("Du magst das Universum haben, Italien bleibe mir"), verbunden mit dem Ort der Handlung, der von Attila zerstörten Stadt Aquileia, aus der die Bewohner angeblich nach Westen geflüchtet seien, um in einer Lagune die Keimzelle für das spätere Venedig zu legen, ließ sich als eindeutiger Widerstand gegen die Jahrhunderte lange Fremdherrschaft verstehen und führte dazu, dass der Komponist Verdi nun als echter Lokalpatriot wahrgenommen wurde. Doch auch musikalisch hebt sich die Oper deutlich von seinen früheren Werken ab und weist bereits Anklänge an seine späteren Stücke auf.

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Attila (Robert Pomakov, Mitte) lässt sich für seinen Sieg über Aquileia feiern (rechts: Musa Nkuna als Uldino, links: Jared Ice als Leone).

Die Handlung der Oper basiert auf der historisch belegten Eroberung Aquileias, der damals viertgrößten Stadt Italiens, durch den Hunnenkönig Attila im Jahr 452 n. Chr. und greift auch eine Episode auf, wonach Attila nach einem Treffen mit Papst Leo I. (Leone) von einer Eroberung Roms wieder Abstand genommen habe. Auch die Figur des Ezio (Flavius Aetius) als bedeutender römischer Feldherr, der die Vernichtung des späten Weströmischen Reiches durch die Goten und Hunnen verhindern konnte, ist historisch verbürgt. Dass er allerdings Attila, den er schon von Jugend an kannte, angeboten haben soll, sich mit ihm gegen den römischen Kaiser Valentian III. zu verbünden, dürfte wohl eher aus dramaturgischen Gründen aus der Vorlage des Librettos, der romantischen Tragödie Attila, König der Hunnen von Friedrich Ludwig Zacharias Werner übernommen worden sein. Auch die Figur der Odabella, der Tochter des Herrschers über Aquileia, die nach der Ermordung ihres Vaters durch Attila von Rache getrieben wird und sich auf eine Hochzeit mit dem Hunnenkönig einlässt, um diesen mit seinem eigenen Schwert zu erdolchen, basiert auf einer Umgestaltung der Überlieferung, wonach Attila ein Jahr nach der Eroberung Aquileias in der Hochzeitsnacht von seiner gotischen Braut Hildico ermordet worden sein soll. Der junge Foresto, der aus dem zerstörten Aquileia fliehen kann, zunächst um seine Geliebte Odabella bangt und sich anschließend von ihr verraten fühlt, kommt selbst in Werners Tragödie nicht vor und ist von Verdi wahrscheinlich deshalb hinzugefügt worden, um zum einen nicht auf eine obligatorische große Tenor-Partie zu verzichten und um zum anderen eine Liebesgeschichte einzubauen.

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Attila (Robert Pomakov, links unten) verhandelt mit Ezio (Marian Pop, rechts) über Italien.

So wie Werner in seiner Tragödie und Verdi in seiner Oper relativ frei mit den historischen Begebenheiten umgehen, nimmt sich auch das Regie-Team um Matthias Piro einige Freiheiten und lässt den Hunnenkönig gewissermaßen eine Zeitreise durch mehrere Jahrhunderte antreten. Während der Ouvertüre sieht man in einer Videoprojektion von Jonas Dahl und Janic Bebi über der Bühne eine unberührte Landschaft mit einem Tierskelett, bei dem es sich eventuell um eine ausgestorbene Gattung handeln könnte. Als Affen kostümierte Menschen nähern sich und beginnen mit den Knochen zu spielen. Die Knochen werden zu Waffen umfunktioniert, bis sich aus einem Knochen schließlich ein Schwert entwickelt. Mit diesem Bild geht es in den Prolog. Lisa Moro, die für die Bühne und die Kostüme verantwortlich zeichnet, hat ein Podest entwickelt, das als Bühne auf der Bühne dient und von den gleichen Stühlen wie im Saal eingerahmt wird. Der Chor, der hier positioniert ist, scheint also zunächst die Rolle des Publikums einzunehmen, wenn Attila im Kampf mit mehreren Statisten die Stadt Aquileia einnimmt und Odabellas Vater tötet. Attila trägt neben einer schwarzen Hose ein weißes Feinripp-Unterhemd, das er sich im Verlauf des Prologs noch zerreißt, um der Figur den Charakter eines unzivilisierten Herrschers zu geben, der sich nur durch Gewalt und die Macht des Stärkeren behaupten kann. Wieso Ezio in schwarzer Kutte als Mann der Kirche auftritt, erschließt sich nicht. Genauso unklar bleibt, wieso sich der im Programmheft als Bischof von Rom ausgewiesene Leone als Krieger in Attilas Gefolge befindet.

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Chaos im EU-Parlament: vor dem Podest links: Ezio (Marian Pop), neben dem Rednerpult rechts: Foresto (Adam Sánchez), auf der rechten Seite stehend: Attila (Robert Pomakov), ganz rechts: Odabella (Leah Gordon)

Ob der Papst oder Bischof von Rom Attila nach dem Traum wirklich begegnet oder es sich nur um eine Wiederholung der Traumsequenz handelt, lässt die Inszenierung offen. Jedenfalls sieht man ihn nur in einer Videoprojektion über der Bühne. Auch was die Stühle, die nach dem ersten Akt allesamt auf dem Podest aufgestellt sind, bedeuten, wirft Fragen auf. Dienen sie nur dazu, eine Art Verwüstung auf dem Podest anzurichten? Schlüssiger wird die Inszenierung dann im zweiten Akt nach der Pause. Mittlerweile ist man im EU-Parlament angekommen. Im Hintergrund wehen die Fahnen der Mitgliedstaaten. Attila hat sich wie Ezio jetzt optisch dem modernen Politiker angepasst. Auch Odabella trägt ein feines Kostüm, wie man es von den Damen im Parlament kennt. Anstelle eines Gewitters, das sämtliche Lichter zum Erlöschen bringt, verübt Ezio ein Attentat auf Attila, das in der Umsetzung an den Anschlag auf Donald Trump kurz vor seiner Wiederwahl zum Präsidenten erinnert. Von da an überschlagen sich die Aktionen in den Videoprojektionen. Zahlreiche Ereignisse sind zu sehen, die auf demokratiefeindliche und die Demokratie gefährdende Aktionen hinweisen. Uldino versucht unbemerkt, das Gift, mit dem er Attila töten will, in eine Champagner-Flasche zu füllen, bringt die Flasche jedoch zum Überschäumen, was eine gewisse Komik aufweist. Im allgemeinen Trubel, der nach dem missglückten Attentat ausbricht, wird das Parlament in seine Einzelteile zerlegt. Diese Deutung geht einem Teil des Publikums zu weit, so dass es nach dem zweiten Akt neben einigen Bravorufen auch zahlreiche Unmutsbekundungen gibt.

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Zurück zu den Anfängen der Zivilisation: von links: Foresto (Adam Sánchez), Uldino (Musa Nkuna, am Bocen), Attila (Robert Pomakov) und Odabella (Leah Gordon)

Im letzten Akt bewegt man sich aus der Zivilisation gewissermaßen wieder rückwärts. Ezio, Foresto und Odabella sind schwarz gekleidet und bewegen sich wie die Affen über die Bühne, die man in der Projektion während der Ouvertüre gesehen haben. Man ist also wieder am Anfang angekommen, nur dass jetzt mit dem Knochen kein Skelett zertrümmert, sondern Attila getötet wird, aber auch die anderen fallen nach Odabellas Rache Attilas Anhängern zum Opfer, so dass am Ende alle tot auf dem Podest liegen.

Mag das Regie-Konzept das Publikum auch spalten, gibt es zu Recht einhelligen Zuspruch für die großartige musikalische Umsetzung. Für die Cappella Aquileia, das 2011 von Marcus Bosch gegründete Festspielorchester der Opernfestspiele Heidenheim, mag allein schon vom Namen diese Verdi-Oper etwas ganz Besonderes sein, auch wenn "Aquileia" im Namen des Orchesters nicht für die von Attila eroberte Stadt sondern das gleichnamige Kastell steht, das sich in der Römerzeit auf dem Gebiet des heutigen Heidenheim befand. Bosch arbeitet mit dem Orchester die Vielschichtigkeit der Partitur differenziert heraus und macht sowohl mit dem getragenen schwermütigen Ton der Ouvertüre als auch den romantisch anmutenden Naturbeschreibungen in der Lagune im zweiten Bild des Prologs deutlich, dass Verdi musikalisch mit diesem Werk neue Wege beschritten hat. Der von Joel Hána einstudierte Chor glänzt mit wuchtigem Klang, wenn er die siegreichen Hunnen zu Beginn des Prologs und die römischen Soldaten im Finale des dritten Aktes präsentiert, die in Alltagskleidung durch den Saal auftreten. Wenn der Frauenchor beim Festmahl in Attilas Lager im zweiten Akt zu Ehren des Waffenstillstands zwischen Hunnen und Römern ein Ständchen bringt, begeistern die Damen des Chors mit weichen Phrasen.

Marian Pop verfügt als Ezio über einen kraftvollen Bariton und punktet vor allem bei seiner großen Arie "Dagli immortali vertici" im zweiten Akt, wenn er den Verfall des Römischen Reiches beklagt, nachdem er von Kaiser Valentian III. durch einen Brief nach Rom zurückbeordert worden ist. Auch die Duette mit Attila im Prolog, wenn er diesem vorschlägt, die Welt untereinander aufzuteilen, und mit Foresto im zweiten Akt, wenn sie gemeinsam beschließen, Attila zu töten, dürfen zu den musikalischen Perlen des Abends gezählt werden. Adam Sánchez verfügt als Foresto über einen strahlenden Tenor, der in der Mittellage zu glänzen versteht und in den Höhen keine Wünsche offen lässt. Musa Nkuna legt die Partie des Uldino, der zunächst als Sklave Attilas auf Seiten des Hunnenkönigs steht, am Ende aber gegen diesen intrigiert, mit lyrischem Tenor und sauber angesetzten Höhen an.

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Odabella (Leah Gordon) offenbart ihrem Geliebten Foresto (Adam Sánchez) ihren Plan, Attila zu ermorden.

Leah Gordon darf mittlerweile fast schon als fester Bestandteil der Opernfestspiele Heidenheim betrachtet werden. Nach ihrer großartigen Interpretation der Elvira in Verdis Ernani 2019, der Elisabeth in Wagners Tannhäuser 2022 und Elisabeth in Verdis Don Carlo 2023, zeigt sie sich nun als prädestinierte Heroine Odabella, die um jeden Preis selbst Rache an Attila nehmen möchte. Mit einer voluminösen Mittellage tritt sie dem Hunnenkönig im Prolog gegenüber und schraubt sich als furchtlose kämpferische Frau bruchlos in dramatische Höhen empor. Doch auch die lyrischen Passagen der Partie beherrscht sie mit weicher Stimmführung bravourös. In dem Duett mit Sánchez, in dem sich die beiden Liebenden wiederfinden und sie den Geliebten in ihren Plan einweiht, Attila töten zu wollen, findet sie mit Sánchez stimmlich und darstellerisch zu einer bewegenden Innigkeit. Robert Pomakov glänzt in der Titelpartie mit fulminantem Bass, der die Kompromisslosigkeit des Hunnenkönigs glaubhaft hervorhebt. Überzeugend changiert er in der Traumsequenz im ersten Akt zwischen verunsichertem Menschen und furchtlosem Herrscher. So gibt es zumindest für die musikalische Umsetzung des Abends stehende Ovationen. Bei der Inszenierung ist die Meinung des Publikums geteilt.

FAZIT

Szenisch wirft der Abend mit dem Sprung durch die Zeiten einige Fragen auf. Musikalisch bleiben keine Wünsche offen.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Marcus Bosch

Regie
Matthias Piro

Bühne und Kostüme
Lisa Moro

Video
Jonas Dahl
Janic Bebi

Lichtdesign
Leo Moro

Choreinstudierung
Joel Hána

Dramaturgie
Gerhard Herfeldt

 

Cappella Aquileia

Tschechischer Philharmonischer
Chor Brünn


Solistinnen und Solisten

*Premierenbesetzung

Attila, König der Hunnen
Robert Pomakov

Ezio, römischer Feldherr
Marian Pop

Odabella, Tochter des Herrschers von Aquileia
Leah Gordon

Foresto, Ritter aus Aquileia
Adam Sánchez

Uldino, ein junger Bretone, Sklave Attilas
Musa Nkuna

Leone, Bischof von Rom
Jared Ice

Statisterie
Ludwig Dörrer
Gerd Munzinger
Andreas Markus Kopp
Volker Strobel


 
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