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Tiroler Festspiele Erl Sommer

03.07.2025 - 27.07.2025


Herzog Blaubarts Burg
(A kékszakállú herzeg vára)

Oper in einem Akt
Libretto von Béla Balász
Musik von Béla Bartók

La voix humaine
(Die menschliche Stimme)

Monooper in einem Akt
Libretto nach dem gleichnamigen Monodram von Jean Cocteau
Musik von Francis Poulenc

In ungarischer bzw. französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 30' (zwei Pausen)

Koproduktion mit dem Maggio Musicale Fiorentino

Premiere im Festspielhaus am 11. Juli 2025
(rezensierte Aufführung: 13. Juli 2025)

 

 

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Blaubart und seine Frauen

Von Thomas Molke / Fotos: © Monika Rittershaus (TFE Presse)

Was verbindet Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg mit La voix humaine von Francis Poulenc? Auf den ersten Blick haben die beiden Werke nichts gemeinsam, außer dass es sich um zwei Operneinakter handelt, die sich aufgrund ihrer Kürze gut zu einem Abend verbinden lassen. Bartóks 1911 komponierte und sieben Jahre später uraufgeführte Oper basiert auf einer alten Sage, die erstmals Charles Perrault 1697 in seinem Märchen La barbe bleu verarbeitete. Poulencs 1959 uraufgeführte Monooper hat ein 1930 erschienenes Theaterstück von Jean Cocteau als Grundlage und handelt von einem Telefongespräch. Doch dem Regie-Team um Claus Guth gelingt es, bei den Tiroler Festspielen in Erl diese beiden recht unterschiedlichen Werke zu einer Einheit zu verweben, und so wird die namenlose Frau aus Poulencs Oper gewissermaßen zur fünften Frau Blaubarts und taucht bereits zu Beginn von Bartóks Oper einmal kurz auf. Was hier noch fast wie ein Versehen wirkt, entpuppt sich im weiteren Verlauf des Abends als logische Konsequenz.

Im Gegensatz zur alten Legende und dem Märchen von Charles Perrault hat Bartóks Einakter im traditionellen Sinn gar keine richtige Handlung. Béla Balász, der das Libretto zu Bartóks Oper verfasst hat, interessiert sich für eine symbolistische Neudeutung und reduziert die Geschichte um den Herzog Blaubart, einen reichen, mächtigen Mann, der seine bisherigen Frauen ermordet hat und nun eine junge Frau heiratet, die die Wahrheit ans Licht bringen will, auf den elementaren Gegensatz zwischen der undurchdringlichen Seele Blaubarts und der unstillbaren Neugierde seiner vierten Ehefrau Judith. Gemeinsam öffnen die beiden in der Oper die sieben Türen in der fensterlosen Burg Blaubarts. Hinter der letzten Tür befinden sich seine drei früheren Frauen als Verkörperung der Tageszeiten Morgen, Mittag und Abend. Judith wird ihren Vorgängerinnen nun hinter die letzte Tür als Nacht folgen und die Burg in ewige Dunkelheit versetzen.

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Blaubart (Florian Boesch) führt Judith (Christel Loetzsch) in seine Burg.

Guth arbeitet in seiner Inszenierung stark mit dem Kontrast von Licht und Dunkel. So scheint während des Prologs zur Oper, der Unheil verkündend von Gergö Kaszás eingesprochen wird, ein Scheinwerfer den geschlossenen Vorhang abzusuchen, bis er auf der linken Seite Judith und Blaubart einfängt, die ausgelassen mit einer Flasche Sekt in der Hand von der Hochzeit kommen, Judith in hellem weißem Kleid, Blaubart in dunkelblauem Anzug. Wenn Blaubart den Vorhang öffnet, um Judith den Weg in seine Burg zu weisen, sieht man zunächst nichts. Einzig Judith bringt mit dem auf sie gerichteten Scheinwerfer etwas Licht ins Dunkel. Auf die Türen verzichtet Guth im Großen und Ganzen. Stattdessen setzt sich im weiteren Verlauf beim Öffnen der Türen ein Raum zusammen, in dem sich auch die früheren Frauen Blaubarts befinden. So wird das Innere der Burg eigentlich immer perfekter, bis dann mit dem letzten Bühnenelement wirklich eine Tür erscheint.

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Hinter der siebten Tür findet Judith (Christel Loetzsch, rechts) Blaubarts (Florian Boesch) frühere Frauen (Evie Poaros, Sonja Golubkowa und Mirjam Motzke).

An dieser Tür hängt ein rosafarbenes Kleid, das für Judith bestimmt ist. Die Frauen, die sich bereits als warnende Geister durch die anderen Bilder bewegten, treten nun alle in einem ähnlichen Kleid durch die Tür auf. Blaubart legt Judith das Kleid an und reiht sie in seine "Frauensammlung" ein. Mit diesem Bild endet der erste Teil. Martin Rajna malt mit dem Orchester der Tiroler Festspiele Erl die Räume und Landschaften, die sich hinter den imaginären verschlossenen Türen befinden, absolut lautmalerisch aus und gewährt so einen Einblick in Blaubarts Innenleben. Nahezu gruselig erklingt eine Art Atemhauch, wenn die Burg in ihrem Gebälk zu seufzen scheint. Die Kraft der Musik ist derart suggestiv, dass sie ausreicht, um zu beschreiben, was Judith hinter den einzelnen Türen vorfindet, ohne dass man dies auch auf der Bühne sieht. Christel Loetzsch begeistert als Judith mit klangschönem, lyrisch geprägtem Mezzosopran, der in den Höhen zu kraftvollen Ausbrüchen fähig ist. Wieso sie beim Öffnen einer Tür ihre Brüste entblößen muss, erschließt sich allerdings nicht. Das hätte man der Sängerin durchaus ersparen können. Vielleicht soll es Ausdruck ihrer immer wieder beschwörten Liebe sein, mit der sie Blaubart zwingt, alle Türen zu öffnen und ihr somit alle seine Geheimnisse zu offenbaren. Florian Boesch stattet die Partie des Blaubart mit dunklem Bariton aus, der die Undurchdringlichkeit der Figur unterstreicht.

Um den Übergang zum zweiten Teil des Abends auch musikalisch fließend zu gestalten, geht es nach der Pause mit der Elegia, dem dritten Satz aus Bartóks Konzert für Orchester, weiter. Zunächst scheint man wieder am Anfang des ersten Stückes zu sein. Judith und Blaubart treten wie im ersten Teil von der linken Seite auf. Erneut erscheint die namenlose Frau aus Poulencs Oper und beobachtet die beiden, wie sie hinter dem Vorhang in der Burg verschwinden. Barbara Hannigan tritt als Femme in einem Trenchcoat mit Sonnenbrille und einem riesigen Koffer auf. Man hat das Gefühl, sie wolle selbst in die Burg mit Blaubart einziehen, muss aber nun erkennen, dass er eine andere Geliebte hat. Dies erfährt die Frau während des Telefongesprächs in Poulencs Oper. So begibt sie sich kurzerhand in ein Hotelzimmer, von dem aus sie ihren Geliebten anruft. Dieser Anruf ist auch schon im ersten Teil kurz thematisiert worden, als Blaubart in seiner Burg ans Telefon ging und ein kurzes Gespräch führte, während Judith die Burg weiter erkundete.

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Die Frau (Barbara Hannigan) telefoniert aus einem Hotelzimmer mit ihrem Geliebten.

In diesem Hotelzimmer beginnt nun Poulencs Oper. Hannigan, die mit der Partie aus mehreren Aufführungen sehr vertraut ist, taucht intensiv in die Gefühlswelt der Frau ein, die verzweifelt am Telefon versucht, ihren Geliebten zurückzugewinnen. In rund 40 Minuten hält sie am Telefon einen Monolog, bei dem man nur erahnen kann, wie der Mann am anderen Ende reagiert. Dabei erlebt die Frau ein Wechselbad der Gefühle. Mal zeigt sie sich zornig, dann verletzt, dann wieder zärtlich liebend und gerät immer wieder in Panik, wenn das Gespräch unterbrochen wird oder sich fremde Personen in der Leitung befinden. Ein Großteil der Monooper spielt dabei vor dem Vorhang. Als Hotelzimmer wird ein Bett vor den Vorhang geschoben, auf dessen Ablage ein rotes Telefon steht. Hannigan hält den Hörer nicht permanent in der Hand, sondern bewegt sich auch über die Bühne und spricht aus der Ferne. Wenn die Verbindung zu kippen droht, werden an unterschiedlichen Stellen Telefonhörer durch den Vorhang gehalten, zu denen Hannigan absolut hektisch eilt, um das Gespräch aufrecht zu erhalten.

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Die Frau (Barbara Hannigan) mit Blaubart (Florian Boesch)

Im Koffer der Frau befindet sich ein rosafarbenes Kleid, was dann den Bogen zum ersten Teil spannt. Die Frau scheint also ebenfalls für Blaubart bestimmt zu sein. So gelangt sie auch zum Ende des Gesprächs, wenn sie am Telefon ihre Selbstmordgedanken äußert, in seine Burg. Der Vorhang öffnet sich, und man sieht die Burg, die wieder bis zur Rampe vorgefahren wird. Blaubart sitzt auf einem Stuhl, und auch die anderen vier Frauen erscheinen, um Hannigan in ihren Kreis aufzunehmen. Es kommt zu einer zärtlichen Begegnung zwischen der Frau und Blaubart, während sie schon einen Revolver aus der Handtasche gezogen hat. Dann tötet sie sich allerdings nicht selbst, sondern erschießt Blaubart und setzt damit dem Spuk ein Ende. Das Orchester der Tiroler Festspiele begeistert auch in diesem Teil unter der Leitung von Martin Rajna mit intensivem Spiel, so dass es am Ende verdienten und begeisterten Applaus für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Claus Guths Verknüpfung der beiden unterschiedlichen Operneinakter geht auf und lässt das Publikum einen spannenden, nahezu an Hitchcock erinnernden Abend erleben.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Martin Rajna

Regie
Claus Guth

Bühnenbild
Monika Korpa

Kostüme
Anna Sofie Tuma

Licht
Michael Bauer

Choreographie
Evie Poaros

Dramaturgie
Yvonne Gebauer

 

Orchester der Tiroler Festspiele Erl


Solistinnen und Solisten

Herzog Blaubarts Burg

Herzog Blaubart
Florian Boesch

Judith
Christel Loetzsch

Tänzerinnen / Schauspielerinnen
Evie Poaros
Sonja Golubkowa
Mirjam Motzke

Sprecher des Prologs
Gergö Kaszás

 

La voix humaine

La femme (Die Frau)
Barbara Hannigan

 


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