|
Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
|
|
|
Und ewig lockt das WeibVon Thomas Molke / Fotos: © Graça und Darius Bialojan Francesco Conti zählt zu den heute eher unbekannten Komponisten des Spätbarock. Als Zeitgenosse Bachs und Händels fiel der 1682 in Florenz geborene Conti zunächst als begnadeter Theorbenvirtuose auf, was ihm bereits mit 19 Jahren eine Anstellung am Wiener Hof einbrachte. Mit Anfang 30 wurde er dort in der Nachfolge von Johann Joseph Fux zum Hofkomponisten ernannt und brachte zahlreiche Bühnenkompositionen heraus, die den neapolitanischen Opernstil mit der Wiener Operntradition verbanden. Dazu zählt auch das Oratorium La colpa originale, das erstmals 1718 aufgeführt wurde und 1725 in der Karwoche in Wien mit teilweise veränderter Sängerbesetzung wieder aufgenommen wurde. Dort muss es wohl Prinz Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen gehört haben, was ihn veranlasste, eine Abschrift der Partitur ins Meininger Schloss mitzunehmen. Im dortigen Archiv entdeckte Alice Lackner, die Künstlerische Leiterin des Festivals Güldener Herbst in Vorbereitung ihres ersten Festival-Jahrgangs und plante, das Werk gemeinsam mit Dorothee Oberlinger und ihrem Ensemble 1700 zur Aufführung zu bringen. Da Oberlinger nun im zweiten Jahr Artist in Residence beim alljährlich im September stattfindenden Festival Alte Musik Knechtsteden ist, ist die Aufführung als Kooperation sowohl in der Klosterbasilika Knechtsteden als auch eine Woche später in Meiningen zu erleben. Gott (David Tricou, rechts) zeigt Adam (Timothy Morgan, links) und Eva (Jiayu Jin) den Garten Eden. Erzählt wird die bekannte Geschichte aus dem Alten Testament vom ersten Sündenfall, wobei die Musiksprache und die Gestaltung der Erzählung eine Nähe zur Oper der damaligen Zeit aufweist. Vielleicht hat man sich deshalb zu einer halbszenischen Umsetzung entschieden, für die Nils Niemann verantwortlich zeichnet. Die fünf Sängerinnen und Sänger treten zwar mit Textbuch auf, spielen ihre Rollen aber von unterschiedlichen Positionen, mal hinter, mal vor dem Orchester. Auch der Baum der Erkenntnis, an dem leuchtende rote Kugeln als verführerische Äpfel prangen, ist hinter dem Orchester auf einem erhöhten Podest aufgebaut. Um einen Stamm windet sich verführerisch die Schlange mit offenem Maul, in das Lucifero im ersten Teil den Apfel legen wird, den die neugierige Eva schließlich pflückt. Die barocken Bildnisse von dem Mann und der Frau, die mit einem Tuch ihre Blöße bedecken und das Orchester einrahmen, hätte man allerdings verzichten können, zumal Adam und Eva, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gekostet haben, mit grünen Tüchern agieren, die wohl andeuten sollen, dass sie ihre Nacktheit erkannt haben und nun bedecken wollen. Finale: von links: Alice Lackner (Cherubino), Timothy Morgan (Adamo), David Tricou (Dio), Luigi di Donato (Lucifero) und Jiayu Jin (Eva) Neben Adam und Eva treten in dieser opernhaften Umsetzung des Stoffes auch Lucifero, ein Cherubin und Gott höchstpersönlich auf, was auf den ersten Blick vielleicht irritieren mag, in den Oratorien der damaligen Zeit allerdings nicht unüblich war. Nach einer Orchestereinleitung, die vom Ensemble 1700 unter der musikalischen Leitung von Dorothee Oberlinger frisch und zupackend präsentiert wird und bei der man den Eindruck hat, dass Gott seine Schöpfung gerade voller Tatendrang abgeschlossen hat, folgt ein düsteres Largo, das in Moll-Tönen bereits das drohende Unheil prophezeit. David Tricou tritt als Gott mit Timothy Morgan und Jiayu Jin als Adam und Eva hinter dem Orchester auf und präsentiert den beiden den Garten Eden. Wieso er für seine erste Arie vor das Orchester tritt, erschließt sich nicht wirklich. Vielleicht soll angedeutet werden, dass er mit Adam und Eva das Paradies durchschreitet und seine Warnung vor dem Baum der Erkenntnis in einiger Entfernung ausspricht. Tricou legt die Partie Gottes mit dunkel gefärbtem, kraftvoll geführtem Tenor an. Nur bei einigen schnellen flexiblen Läufen hat er Schwierigkeiten, sich gegen das Orchester durchzusetzen, was allerdings auch der Akustik der Klosterbasilika geschuldet sein kann, die zwar einen wunderbaren Hall bietet, aber in der nicht auf jedem Platz Stimmen und Orchester optimal zu einer Einheit finden. Am besten mischt sich der Klang im hinteren Bereich in der Rotunde der Kirche. Dorothee Oberlinger Morgan gestaltet den Adam mit einem weichen Countertenor, der zunächst sehr brav klingt, was Adams Charakter entspricht, der Gottes Gebot bedingungslos gehorchen will. Anders verhält es sich bei Eva. Jiayu Jin stattet die Partie mit einem frischen, jugendlichen Sopran aus, der im Kirchenraum faszinierend zur Geltung kommt. Man nimmt ihr ihre Bewunderung für Gott in ihrer ersten Arie genauso ab wie ihre anschließende Neugier, wenn sie wie ein kleines Kind den Baum der Erkenntnis ins Visier nimmt. Da ist sie für Lucifero eine leichte Beute. Luigi di Donato verleiht dem "Teufel" mit beweglichem, dunklem Bass einen sehr diabolischen Charakter, den er auch darstellerisch in seinem schwarz glänzenden Anzug mit verführerischem Spiel unterstreicht. Dieses verführerische Spiel übernimmt Jin, nachdem sie den Apfel vom Baum der Erkenntnis gepflückt bzw. aus dem Maul der Schlange entgegengenommen hat. Bei Jins Spiel und intensiven Blicken hätte wohl jeder von dieser Frucht gekostet, und so kann auch Adam schließlich der Versuchung nicht widerstehen. Alice Lackner, die zuvor als Cherubin mit leuchtenden Höhen Gottes Größe gepriesen hat, verkündet nun das drohende Unheil, das das Publikum mit einem Quintett der göttlichen Intelligenzen in die Pause entlässt. Eigentlich weiß man ja schon, wie die Geschichte im zweiten Teil ausgehen muss. Spannend ist aber, was Conti musikalisch im zweiten Teil noch für Perlen bereithält. Nachdem Adam und Eva zunächst in traurigen Arien ihr Schicksal beklagt haben und Lucifero über seinen Erfolg triumphiert hat, folgt ein musikalisches Glanzstück für Adam, in dem er in einen betörenden Dialog mit der Soloposaune tritt. Wunderbar greift der Posaunist die Vorwürfe auf, die Adam seiner Gattin macht. Der dumpfe Klang der Posaune betont außerdem, dass das Paradies in weite Ferne gerückt ist. Doch auch Evas Antwort kann bewegen, die mit wunderbar fließenden Tönen von der Theorbe begleitet wird. Auch der Einsatz des Hackbretts bewirkt eine spannende Klangfarbe, so dass der zweite Teil musikalisch noch eine Steigerung zum ersten Teil darstellt. Hier ist also weniger interessant, was passiert, sondern vielmehr, wie es musikalisch geschildert wird. Die eingängigen Melodien werden vom Ensemble 1700 unter der Leitung von Oberlinger differenziert herausgearbeitet und machen deutlich, dass Conti als Komponist eine Wiederentdeckung verdient. FAZIT
Der inhaltlich tragische Sündenfall bietet in Contis Komposition
zumindest musikalisch Hoffnung auf Erlösung. |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Szenische Beratung
Musikalische Assistenz
Ensemble 1700
Solistinnen und SolistenDio Adamo Eva Lucifero Cherubino
|
- Fine -