Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Bregenzer Festspiele

16.07.2025 - 17.08.2025


La Cenerentola ossia
La bontà in trionfo

Dramma giocoso in zwei Akten
Libretto von Jacopo Ferretti u. a. nach dem Märchen Cendrillon ou La Petite Pantoufle de verre (Aschenputtel oder Der kleine Glaspantoffel) nach Charles Perrault
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 50' (eine Pause)

Premiere im Theater am Kornmarkt am 12. August 2025

 

 

 

Homepage

Alidoro als Strippenzieher im Funhouse

Von Thomas Molke / Fotos: © Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Seit 2015 gibt es in Bregenz während der Festspiele das Opernstudio, in dem junge Sängerinnen und Sänger am Anfang ihrer Karriere eine Chance erhalten, im Austausch und unter Anleitung von etablierten Künstlerinnen und Künstlern eine Meisterklasse zu absolvieren und szenisch einen Opernabend zu erarbeiten. Musikalisch begleitet werden sie dabei jeweils vom 1984 gegründeten Symphonieorchester Vorarlberg, das sich schon seit vielen Jahren durch sein breites Spektrum zu einem professionellen Klangkörper der Region entwickelt hat. In diesem Jahr ist die Wahl auf Rossinis Dramma giocoso La Cenerentola gefallen, das mittlerweile so große Popularität erlangt hat, dass diese Oper - wenn man dem vor wenigen Jahren verstorbenen Rossini-Spezialisten Alberto Zedda Glauben schenken darf - den Barbiere di Siviglia in der Publikumsgunst bald sogar übertreffen könnte. Immerhin sind die musikalischen Höhepunkte der Oper gleichmäßiger über beide Akte verteilt, während der Barbiere fast sein ganzes Pulver bereits im ersten Akt verschießt.

Bild zum Vergrößern

Angelina (Jingjing Xu, Mitte) wird von ihren beiden Stiefschwestern Clorinda (Aitana Sanz, links) und Tisbe (Anja Mittermüller, rechts) gequält.

Dabei war die Uraufführung am 25. Januar 1817 am Teatro Valle in Rom nicht gerade von Erfolg gekrönt. Der anfängliche Missmut des Publikums mag mehrere Gründe gehabt haben. Zum einen war man vielleicht erbost darüber, dass die Uraufführung erst mit einmonatiger Verspätung auf die Bühne kam. Auch die Änderungen, die Rossini und sein Librettist Jacopo Ferretti an der berühmten Märchenvorlage vorgenommen haben, mögen zunächst für Irritation gesorgt haben. Aber auf Dauer konnte sich das Publikum dem Sog der perlenden Melodien und der herrlich schräg gezeichneten Figuren nicht entziehen, so dass die Oper ab der zweiten Aufführung an Zustimmung gewann und sehr schnell einen Siegeszug durch die Theater im In- und Ausland antrat. Die Titelpartie mit einer Mezzosopranistin zu besetzen, entsprach zwar eigentlich nicht den damaligen Konventionen der Oper. Für die Uraufführung stand Rossini aber wie bei L'italiana in Algeri und Il barbiere di Siviglia  jeweils eine Sopranistin mit einem tieferen Timbre zur Verfügung, so dass in späteren Jahren vor allem großartige Interpretinnen wie Teresa Berganza und Cecilia Bartoli dem Werk zu neuer Popularität verholfen und das spannende Repertoire für Mezzosopranistinnen erweitert haben.

Bild zum Vergrößern

Don Magnifico (Ferhat Baday, vorne Mitte) preist dem als Prinzen verkleideten Dandini (Josef Jeongmeen Ahn, auf dem Pferd) seine beiden Töchter Clorinda (Aitana Sanz, links) und Tisbe (Anja Mittermüller, rechts) an.

Ob nun Rossini selbst oder sein Librettist Jacopo Ferretti auf die Idee gekommen ist, das berühmte Märchen, das man vor allem aus der Vorlage von Charles Perrault und den Gebrüdern Grimm kennt, zu vertonen, ist umstritten. Jedenfalls folgt die Fassung weniger der märchenhaften Handlung, sondern hält sich eher an die 1810 erschienene Opéra-féerie Cendrillon von Nicolas Isouard auf ein Libretto von Charles-Guillaume Étienne. Darin wird die ursprüngliche böse Stiefmutter durch den Stiefvater Don Magnifico ersetzt, was wohl dem Bedürfnis nach einer großen komischen Buffo-Bass-Partie geschuldet war. Außerdem verliert Cenerentola bei der Flucht vom Ball des Prinzen keinen gläsernen Schuh, sondern überreicht ihm einen Armreif, an dessen Pendant er sie auf seiner späteren Suche wiedererkennen soll und der ihn zu einer großen Tenor-Arie veranlasst. Die Idee, dass der Prinz mit seinem Kammerdiener Dandini die Rollen tauscht, um seine zukünftige Braut inkognito zu testen, und die Einführung des Erziehers und Philosophen Alidoro, der anstelle der guten Fee im Hintergrund die Fäden zieht, haben Rossini und Ferretti von Stefano Pavesis Agatina o La virtù premiata übernommen, die 1814 in Mailand zur Uraufführung gekommen war. Im Gegensatz zu Isouard und Pavesi befreien Rossini und Ferretti die Geschichte allerdings von allen magischen Elementen und verleihen ihr trotz Überzeichnung der Figuren ein realistischeres Setting.

Bild zum Vergrößern

Don Ramiro (Aaron Godfrey-Mayes, Mitte mit Alidoros Gehilfen) schwört, die schöne Unbekannte wiederzufinden.

Dieses Magisch-Märchenhafte der Geschichte möchte das Regie-Team um Amy Lane wieder einführen und verlegt die Handlung daher in ein Funhouse, in dem Alidoro in Gestalt eines verrückten Hutmachers à la Alice in Wonderland die Strippen zieht. Anna Reid hat einen surrealen Raum entworfen, der mit der im Schachbrettmuster kurvig ansteigenden Rückwand keine festen Strukturen hat. Durch die Schwingtüren auf der rechten und linken Seite können Figuren blitzschnell erscheinen und auch wieder verschwinden. Verzerrende Spiegel, die in einzelnen Szenen aus dem Schnürboden herabgelassen werden, erinnern an ein Spiegellabyrinth, durch das die Figuren im Verlauf der Handlung herumirren. Wenn Dandini erstmals in der Verkleidung des Prinzen Don Ramiro auftritt, wird er auf einem Karusselpferd von den acht Choristen hereingeschoben, die als Alidoros fleißige Gehilfen in ihren Bewegungen, die genau auf den Rhythmus der Musik abgestimmt sind, ein wenig an Pinguine erinnern. Die Kostüme, für die Reid ebenfalls verantwortlich zeichnet, sind ähnlich knallbunt gehalten wie das Bühnenbild. Nur die beiden Stiefschwestern treten auf dem Ball in weißen Kleidern auf, die wohl andeuten sollen, dass sie auf eine baldige Hochzeit mit dem Prinzen spekulieren.

Bild zum Vergrößern

Angelina (Jingjing Xu, Mitte) vergibt ihrem Stiefvater Don Magnifico (Ferhat Baday, auf der rechten Seite kniend) und den Stiefschwestern Clorinda (Aitana Sanz, links) und Tisbe (Anja Mittermüller, 2. von links) (auf der rechten Seite von links: Lobel Barun als Alidoro und Aaron Godfrey-Mayes als Don Ramiro).

In diesem Ambiente entfachen die durchweg jungen Sängerinnen und Sänger ein regelrechtes Komödienfeuerwerk und treiben die Absurdität mit großer Spielfreude in einer ausgeklügelten Personenregie auf die Spitze. Über allem thront dabei Alidoro und führt die einzelnen Figuren teilweise wie Marionetten. Dass er als Uhrmacher die Zeit vor- und zurückdrehen kann, wie Lane in einem im Programmheft abgedruckten Produktionsgespräch verrät, ist allerdings kaum zu beobachten und würde ohne den Hinweis im Programmheft sicherlich nicht auffallen. Musikalisch lässt vor allem Jingjing Xu in der Titelpartie mit einem satten Mezzosopran aufhorchen. Mit wunderbarer Melancholie legt sie die Auftritts-Canzone "Una volta c'era un re" an, in der sie in einer Traumvision das glückliche Ende bereits vorwegnimmt. Duldsam erträgt sie die Demütigungen der beiden bösen Stiefschwestern und die schlechte Behandlung durch ihren Stiefvater und begeistert mit jugendlicher Frische, wenn sie erstmals dem als Kammerdiener verkleideten Prinzen begegnet. Mit Aaron Godfrey-Mayes' strahlend hellem Tenor findet sie dabei in betörender Innigkeit zueinander. Entschieden weist sie die Annäherungsversuche des falschen Prinzen zurück, da sie doch schließlich den Kammerdiener liebe, was zu einem weiteren großartigen Duett mit Godfrey-Mayes führt. Im berühmten Schluss-Rondo reißt sie dann mit exorbitanten Koloraturen, die sie in scheinbarer Leichtigkeit fließen lässt, das Publikum zu regelrechten Begeisterungsstürmen hin. Godfrey-Mayes glänzt mit tenoralem Schmelz und strahlenden Höhen in seiner großen Arie im zweiten Akt, wenn er schwört, die schöne Unbekannte ausfindig zu machen und an dem überreichten Armband zu erkennen.

Großartigen Spielwitz entfachen Ferhat Baday als Don Magnifico und Aitana Sanz und Anja Mittermüller als seine beiden Töchter Clorinda und Tisbe. Baday verfügt über einen profunden Bass mit einer großen Beweglichkeit, der in seiner großen Auftrittsarie, in der er seinen merkwürdigen Traum berichtet, in den schnellen Parlando-Stellen allerdings leichte Schwierigkeiten in der Abstimmung mit dem Orchester bei den Tempi hat. Da ist man nicht immer ganz auf dem Punkt. Warum seine große Arie im zweiten Akt gestrichen worden ist, erschließt sich nicht. Vielleicht hätten Alidoros Helfer als Chor in die Preisung des Weinkellers nicht hineingepasst. Sanz und Mittermüller legen die beiden Stiefschwestern wunderbar zickig an. Dabei verzichtet Sanz bewusst darauf, ihren leuchtenden Sopran lieblich klingen zu lassen. Mittermüller verfügt als Tisbe über eine voluminöse Mittellage. Josef Jeongmeen Ahn scheint die Rolle als verkleideter Prinz ebenfalls in vollen Zügen zu genießen und begeistert im Spiel mit den beiden Schwestern und beim Auftritt auf dem Karussellpferd mit großer Komik. Sieht man beim großen Buffo-Duett mit Baday von kleineren Ungenauigkeiten bei den Tempi ab, entwickelt sich auch diese Nummer zu einem Höhepunkt des Abends.

Lobel Barun ist als Alidoro schon allein aufgrund seiner Größe eine stattliche Erscheinung und macht darstellerisch deutlich, dass er die Fäden jederzeit in der Hand hält. Stimmlich überzeugt er mit kraftvollem Bass. Das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Kaapo Ijas lässt vor allem zu Beginn in der Ouvertüre noch die für Rossini erforderliche Leichtigkeit vermissen. Da klingt das Spiel noch etwas abgehackt und hart. Im weiteren Verlauf findet man sich aber in den Fluss hinein, auch wenn beim großen Finale des ersten Aktes und den erwähnten Szenen die Abstimmungen in den Tempi mit den Sängerinnen und Sängern noch ausbaufähig sind. Das mindert die Begeisterung des Publikums aber keineswegs, so dass es für alle Beteiligten am Ende großen Jubel und Beifall gibt.  

FAZIT

Amy Lane macht in einer kurzweiligen und unterhaltsamen Inszenierung mit einem hochmotivierten jungen Ensemble deutlich, wieso La Cenerentola musikalisch und szenisch eines der Meisterwerke Rossinis ist.

Weitere Rezensionen zu den Bregenzer Festspielen 2025


Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Kaapo Ijas

Inszenierung
Amy Lane

Bühne und Kostüme
Anna Reid

Bewegungsregie
Tim Claydon

Licht
Charlie Morgan Jones

Dramaturgie
Florian Amort

 

Symphonieorchester Vorarlberg

Hammerklavier
Hana Lee


Solistinnen und Solisten

Don Ramiro
Aaron Godfrey-Mayes

Dandini
Josef Jeongmeen Ahn

Don Magnifico
Ferhat Baday

Clorinda
Aitana Sanz

Tisbe
Anja Mittermüller

Angelina (Cenerentola)
Jingjing Xu

Alidoro
Lobel Barun

Alidoros Gehilfen
Dario Albornoz
Christoph Hartmann
David Höfel
Jakob Peböck
Jonas Peter
Achim Schurig
Florian Schneller
Benedikt Spiegel


Zur Homepage der
Bregenzer Festspiele




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum

© 2025 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -