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Musikfestspiele
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Bayreuther Festspiele 2025
25.07.2025 - 26.08.2025

Tristan und Isolde

Handlung in drei Aufzügen
Text und Musik von Richard Wagner

In deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 6 h 10' (zwei Pausen)

Premiere der Wiederaufnahme im Festspielhaus Bayreuth am 3. August 2025
(Premiere der Produktion: 25.07.2024)


Bayreuther Festspiele 2011 / Übersicht

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Im Zeichen des Todestranks

Von Thomas Molke, Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Ins zweite Jahr geht in diesem Jahr Tristan und Isolde in der Inszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson. Man mag ein bisschen verwundert gewesen sein, dass diese Produktion im vergangenen Jahr die Inszenierung von Roland Schwab, die 2022 Premiere feierte, abgelöst hat, zumal Schwabs Lesart als inneres Drama der Suche und Weltenflucht eine vorzeitige Absetzung sicherlich nicht erforderlich gemacht hat. Aber die Planungen der Festspiele laufen ja über mehrere Jahre hinaus, so dass man den 2018 für seine Inszenierung der Edda im Schauspielhaus Hannover mit dem Faust-Preis in der Kategorie Regie ausgezeichneten Arnarsson bereits für eine Neuproduktion verpflichtet hatte, bevor die Corona-Pandemie die Theaterspielpläne mächtig durcheinandergebracht hat. So wurde kurzerhand 2022 die Inszenierung von Schwab "eingeschoben", die zwei Jahre später durch die ursprüngliche Planung abgelöst wurde. Ob man sich damit regie-technisch einen Gefallen getan hat, mag unterschiedlich betrachtet werden, da Arnarsson eine Deutung findet, die in einigen Punkten sicherlich diskutabel ist.

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Erlösung durch den Todestrank? Tristan (Andreas Schager, Mitte) und Isolde (Camilla Nylund, Mitte) sind von Marke (Günther Groisböck, 2. von links sitzend) und Melot (Alexander Grassauer, auf der rechten Seite) entdeckt worden (ganz außen: Kurwenal (Jordan Shanahan) und Brangäne (Ekaterina Gubanova)).

Nun besteht ja grundsätzlich die Frage, ob es eines Liebestranks in der Oper wirklich bedarf. Immerhin weiß man aus der Vorgeschichte, dass es ein Blick in die Augen war, der Isoldes ursprünglichen Plan, den Mörder ihres Verlobten Morold zu töten, verhinderte und dazu führte, dass sie den tödlich verwundeten Tristan stattdessen gesund pflegte. Schon Thomas Mann war der Meinung, dass auch reines Wasser die erneute Liebe zwischen den beiden hätte auslösen können. Deswegen konzentriert sich Arnarsson auf den Todestrank, das Gift, und stellt diesen Trank ins Zentrum seiner Inszenierung. Dass Isolde Tristan im ersten Aufzug vergiften möchte, scheint durchaus plausibel. Immerhin fühlt sie sich von ihm verraten, wenn er sie als Braut für seinen König Marke nach Cornwall holt, und möchte späte Rache nehmen. Doch allein Tristans Bereitschaft, das Gift zu trinken und gemeinsam mit Isolde in den Tod zu gehen, reicht aus, dass die beiden den Trank beiseite legen und im Zeichen des nahenden Todes einander erneut ihre Liebe gestehen.

Dass sie nur im Tod Erlösung finden können, scheint den beiden von Anfang an klar zu sein. So ist es im zweiten Aufzug auch nicht Melot, der Tristan eine tödliche Wunde zufügt. Stattdessen nimmt Tristan nun das Gift zu sich und stirbt im letzten Aufzug langsam daran. Eigentlich plant Isolde in diesem Moment, gemeinsam mit ihrem Geliebten aus dem Leben zu scheiden, aber Melot schlägt ihr die Flasche aus der Hand, so dass es eben noch des dritten Aufzugs bedarf, um mit dem Geliebten im Tod zueinanderzufinden. Woher Isolde die Flasche mit dem Gift im dritten Aufzug plötzlich wieder hat, lässt die Regie offen. Jedenfalls ist sie zum rechten Zeitpunkt da, so dass Isolde zum berühmten "Liebestod" ihr Leben aushauchen kann. Das geht dann theoretisch etwas schneller als bei Tristan, der immerhin vom Ende des zweiten Aufzugs bis zur Mitte des dritten Aufzugs benötigt. Aber Zeit und Raum sind in Arnarssons Inszenierung ja flexibel. Vytautas Narbutas hat ein Bühnenbild entworfen, das die Frage aufwirft, ob hier überhaupt mehrere Reisen über einen längeren Zeitraum stattfinden oder ob sich die komplette Handlung auf einem Schiff bzw. in dessen Rumpf abspielt.

Seetüchtig dürfte dieses Schiff nicht mehr sein, da es in der Mitte ein riesiges Loch aufweist, als ob es durch einen Angriff schwer in Mitleidenschaft gezogen wäre. Im ersten Aufzug befindet sich dieses Loch in der Mitte der Bühne auf dem Boden. Scheinwerfer deuten hier an, dass man sich auf keinem realen Schiff befindet, sondern dass alles nur auf einer Theaterbühne nachgestellt wird. Der Sinn der Schiffstaue, die aus dem Schnürboden herabhängen, erschließt sich dabei nicht wirklich. Wenn Tristan gemäß Libretto auftaucht - in Arnarssons Inszenierung ist er schon vorher während Isoldes Erzählung im Hintergrund zu sehen -, wird ein riesiger lädierter Schiffsrumpf von hinten auf die Bühne gefahren, der ebenfalls kaum mehr für die Seefahrt tauglich sein dürfte. In diesem Schiffsrumpf befinden sich allerlei kulturelle Artefakte aus unterschiedlichen Epochen, die Tristan wohl auf seinen zahlreichen Fahrten angehäuft hat und nun wie Schätze aufbewahrt. Im dritten Aufzug sieht man diesen Rumpf dann in seine Einzelteile zerlegt. Von daher mag zwischen dem Ende des zweiten Aufzugs und Tristans Tod im dritten Aufzug ebenfalls nicht viel Zeit vergangen sein, da ja gar kein weiterer Ortswechsel stattgefunden hat. Vielleicht dauert es ja auch nur so lange, bis Isolde kommt, da sie erst noch den Gifttrank suchen muss, den Melot ihr ja am Ende des zweiten Aufzugs aus der Hand geschlagen hat.

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Weit entfernt von inniger Zweisamkeit bei "O sink hernieder, Nacht der Liebe": Tristan (Andreas Schager) und Isolde (Camilla Nylund)

Dass Wagner diese Oper als "Handlung in drei Aufzügen" bezeichnet hat, bringt selbst eingefleischte Fans zum Schmunzeln. Denn kein anderes Musikdrama Wagners ist so "handlungsarm" wie Tristan und Isolde. Hier hat eigentlich die komplette Handlung schon in der Vorgeschichte vor Beginn der Oper stattgefunden. Die rund vier Stunden reine Spielzeit beschreiben eher eine innere Handlung, die in der Musik stattfindet. So verzichtet Arnarsson darauf, das Vorspiel zu inszenieren und überlässt es bei geschlossenem Vorhang ganz dem unter der musikalischen Leitung von Semyon Bychkov hervorragend aufspielenden Festspielorchester. So kann man sich ganz ohne visuelle Ablenkung in die unendlichen Abgründe des "Tristan"-Akkords fallen lassen. Das ist zunächst sehr eindrucksvoll und bleibt es auch musikalisch. Aber die Handlungsarmut des Geschehens auf der Bühne wird auch im weiteren Verlauf noch reduziert. Im ersten Aufzug gönnt Arnarsson dem Liebespaar nach der in der Inszenierung fehlenden Einnahme des Trankes kaum einen Moment der verliebten Zweisamkeit. Stattdessen bleiben Tristan und Isolde isoliert voneinander, sieht man von einem kleinen Moment ab, in dem sie sich unter Isoldes voluminösem Kleid verbergen. Das gleiche gilt für den zweiten Aufzug. Im großen Duett "O sink hernieder, Nacht der Liebe" wandeln die beiden getrennt durch die zahlreichen Artefakte in Tristans Schiffrumpf. Nur bei Brangänes warnenden Rufen finden sie für einen kurzen Moment zueinander. Im dritten Aufzug lässt Arnarsson dann Isolde fernab von dem toten Tristan ihr Leben aushauchen.

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Isolde (Camilla Nylund) hat sich von ihrem Kleid befreit.

Wer sich bei dieser reduzierten Inszenierung nicht allein auf die Musik konzentrieren möchte, bekommt fürs Auge aber doch einiges geboten. Im ersten Aufzug ist es vor allem Isoldes voluminöses Kleid, das einen Großteil der Bühne einnimmt und mit zahlreichen Zitaten aus der Oper beschriftet ist, die allerdings nicht dazu gedacht sind, das Ensemble vor eventuellen Texthängern zu bewahren - immerhin ist der Souffleur-Kasten ja besetzt. Stattdessen sollen hier Worte aufgelistet sein, die die Figuren nur denken und nicht sagen können. Man muss aber schon relativ weit vorne sitzen oder über ein gutes Opernglas verfügen, um hier etwas lesen zu können. Auch in Tristans Schiffsrumpf im zweiten Aufzug gibt es einiges zu entdecken, was allerdings auch ein wenig von der wunderbaren Musik ablenkt. Hier leistet die Licht-Regie von Sascha Zauner Gewaltiges. Mit herrlich warmem goldenem Licht wird im Verlauf der Liebesszene der Raum immer ein kleines bisschen heller. Bei Brangänes warnenden Rufen erstrahlt plötzlich von hinten eine Scheinwerfer-Batterie, die den Rumpf durchleuchtet und dem vorherigen Licht die Wärme nimmt. Im dritten Aufzug kann man sich dann, wenn einem die Musik nicht reicht, mit der Frage beschäftigen, welche Artefakte aus dem zweiten Aufzug es zu Tristans Krankenbett geschafft haben.

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Tristan (Andreas Schager) wartet auf Isolde.

Musikalisch sind an diesem Abend keine Abstriche zu machen. Die Titelpartien sind mit Camilla Nylund und Andreas Schager wie im Vorjahr großartig besetzt. Nylund begeistert mit großen lyrischen Bögen und dramatischen Ausbrüchen. Mit wunderbarer Diktion zieht sie im ersten Aufzug in der großen Erzählung das Publikum in ihren Bann. Auch im Liebesduett im zweiten Aufzug begeistert sie mit warm strömendem Sopran, auch wenn die Personenregie Schager und Nylund innige Momente verweigert. Den berühmten "Liebestod" setzt sie dann ganz zart an, um sich in sich steigernden Bögen regelrecht zu verlieren, bis sie ganz am Ende nahezu zerbrechlich klingt. Das alles wird vom Publikum mit großem Jubel bedacht. Auch Schager verfügt in der anspruchsvollen Partie des Tristan über enorme stimmliche Reserven. Besonders beeindruckend gelingen ihm die Modulationen im dritten Aufzug. Manchmal haben Tenöre ja in der Partie bereits am Ende des zweiten Aufzugs ihr Pulver verschossen und müssen sich mehr oder weniger durch den dritten Aufzug quälen. Schager legt den Anfang auf dem Totenbett sehr weich und scheinbar schwach an, um dann erneut in einen strahlenden Heldentenor auszubrechen. Selten hat man Tristans Gefühlsschwankungen im dritten Aufzug so ausdrucksstark erlebt. Ob er dabei aber als siecher Tristan wie ein kraftstrotzender Jung-Siegfried den armen Kurwenal immer wieder über die Bühne schleudern muss, bleibt fragwürdig.

Auch Günther Groissböck war bereits im Vorjahr in dieser Inszenierung als König Marke zu erleben und begeistert mit sattem Bass und hervorragender Textverständlichkeit. Neu in diesem Jahr sind Jordan Shanahan als Kurwenal, Ekaterina Gubanova als Brangäne und Alexander Grassauer als Melot. Gubanova lotet die Partie der Brangäne mit kraftvollem Mezzosopran aus. Mit großer Dramatik leistet sie Isolde im ersten Aufzug Paroli und punktet mit warmer Stimmführung, wenn ihre Warnungen das Liebesduett im zweiten Aufzug unterbrechen. Shanahan gibt Tristans Gefährten mit intensivem Spiel und profundem Bariton. Grassauer verleiht der unsympathischen Figur des Melot einen dunklen und durch und durch bösen Bassbariton. Semyon Bychkov lässt das Publikum mit dem Festspielorchester in einen regelrechten Klangrausch versinken. Wer sich ganz auf diese Musik einlassen kann, vermisst auf der Bühne bei aller Statik der Inszenierung nicht viel, so dass es am Ende großen Jubel für alle Beteiligten gibt, wobei Bychkov sehr lange auf sich warten lässt, bevor er sich nach mehreren Vorhängen für die Solistinnen und Solisten und auch erst nach dem Regie-Team dem tosenden Applaus stellt.

FAZIT

Arnarsson reduziert das sowieso schon handlungsarme Musikdrama noch mehr, so dass man sich ganz auf die Musik konzentrieren kann. Wer das nicht kann, hat zumindest im zweiten Aufzug optisch viel zu entdecken, was allerdings nicht viel mit dem eigentlichen Musikdrama zu tun hat.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Semyon Bychkov

Regie
Thorleifur Örn Arnarsson

Bühne
Vytautas Narbutas

Kostüme
Sibylle Wallum

Licht
Sascha Zauner

Chorleitung
Thomas Eitler-de-Lint

Dramaturgie
Andri Hardmeier



Festspielorchester

Festspielchor


Solistinnen und Solisten

Tristan
Andreas Schager

Marke
Günther Groissböck

Isolde
Camilla Nylund

Kurwenal
Jordan Shanahan

Melot
Alexander Grassauer

Brangäne
Ekaterina Gubanova

Ein Hirt
Daniel Jenz

Ein Steuermann
Lawson Anderson

Junger Seemann
Matthew Newlin



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