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Letzte Runde für den RingVon Joachim Lange, Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Der anfangs heftig kritisierte Ring von Valentin Schwarz ging jetzt mit souveräner Gelassenheit in sein viertes und letztes Bayreuthjahr. Wem der Ansatz grundsätzlich gegen den Erwartungsstrich ging, ließ sich natürlich auch jetzt nicht mehr von dessen Sinnhaftigkeit überzeugen. Wer nicht so festgelegt war, konnte sich an dem neuerlichen Besuch bei den feindlichen Brüdern im Geiste, Wotan und Alberich (die bei Schwarz zu solchen von Geburt an mutiert sind), freuen.
Das Rheingold: Ärger beim Wotansclan - die Bauherren der Firma Walhall-bau fordern ihren Lohn
Für Dirigentin Simone Young war es der zweite Jahrgang. Sie hat damit die Hälfte aller Aufführungen dieses Rings verantwortet und ihn so zu "ihrem" Ring gemacht. Von Anfang an hat sie das Ganze im Blick. Ob die Zwischenspiele oder Populäres wie das Vorspiel oder den Einzug der Götter, die "Winterstürme wichen den Wonnemond" oder den "Walkürenritt", die Schmiedelieder Siegfrieds und das grandiose Liebesduett mit Brünnhilde, aber auch den gewaltigen Chor und das grandiose Ende von allem. Immer mit Gefühl, dramatischem Witz und großer Geste, ohne daraus Angebernummern zu machen, die sich vordrängeln. Wenn man auch nicht jedes Wort auf der Bühne versteht - was aus dem Graben kommt, versteht man immer.
Für Glanz und Freude sorgt auch das Protagonistenensemble. Die großen Partien sind durchweg in festspielwürdigen Kehlen. Christa Mayer übertraf ihre Fricka mit einer sensationellen Waltrautenerzählung. Tomasz Konieczny als Wotan fasziniert mit darstellerischer Selbstverständlichkeit und vokaler Kraft. Michael Spyres überzeugt mit umangestrengtem Charisma als Siegmund. Klaus Florian Vogt fügt in beiden Siegfried-Partien seinen lyrischen Vorzügen auch die Kraft hinzu, die es dafür braucht. Catherine Foster hat sich als Brünnhilde noch gesteigert, ist eine darstellerische Urgewalt. Mit kultiviert gezügelten Ausbrüchen und der Fähigkeit, sich zurückzunehmen, passt ihre Stimme wunderbar zu Vogts Kantabilität.
So spinnefeind sich alle im Stück auch sein mögen - die Familie der Interpreten auf Zeit hat offenkundig einen integrativen Sog, in dem sich die Neulinge einfügen. Daran dürfte der Regisseur nicht ganz unschuldig sein. Auch wenn nicht immer ganz klar ist, wer gerade der Ring sein könnte bzw. an wessen Hand das doch wieder eingeführte Schmuckstück gerade ist. Aber sei's drum.
Die Walküre: Zum Walkürenritt versammelt man sich in der Beautyklinik
Die Bühne mit ihren abwechslungsreichen und über alle vier Teile aufeinander beziehenden Räumen und Symbolen trägt dazu bei, eine spannende Geschichte zu erzählen. Dabei wird der Kerngedanke, dass nicht das Gold, sondern die Macht über die Zukunft, sprich die nachfolgenden Generationen, der wahre Reichtum ist, alles in allem konsequent durchgespielt. Alberich raubt den Goldjungen Klein-Hagen. Dessen wechselvolles Schicksal bis zum Mord an Siegfried ist dank einer hinzugefügten stummen Rolle immer gegenwärtig.
Manche Szenen bleiben besonders im Gedächtnis. Nibelheim als Kinderhort für die noch jungen Walküren taucht als Beautyklinik für die erwachsenen Walküren wieder auf. Auch die noblen Kinderzimmer von Siegmund und Sieglinde werden erst in Hundings Hausmeisterbleibe herabgelassen und sind dann der Ort, in dem Siegfried und Brünnhilde mit ihrer Kleinfamilie (auch da gibt es Nachwuchs) in die Krise geraten. Besonders gelungen ist die Übersetzung der Neidhöhle in ein Luxuskrankenlager des Baulöwen Fafner.
Das Rheingold - kein Stein wankt im Gestemm
Im Rheingold waren neben der Stammbesetzung Christa Mayer (Fricka), Olafur Siguardarson (Alberich), Tomasz Konieczny (Wotan) und Tobias Kehrer (Fafner) in ihrer dritten Runde in diesem Jahr Anna Kissjudit als referenzverdächtige Erda, Daniel Behle als höchst beweglicher Loge, Patrick Zielke als Fasolt und Katharina Konradi als Woglinde neu im Team. Selbst wenn es einer gewissen Eingewöhnung für das kraftvoll markige Losdonnern von Koniecznys Wotan bedarf, wurde er durch die darstellerische Selbstverständlichkeit, mit der er diesen windigen Clan-Boss spielt, zum charismatischen Kraftzentrum, bei dem man auf jede Geste achtete und über das Gesamtpaket staunte. Auch Siguardarson als sein Gegenspieler Alberich hat es fertigbekommen, Irritationen über manche stimmliche Rauheit durch die vokale und darstellerische Intensität vergessen zu machen. Christa Mayer war mit großer Zuverlässigkeit die Göttergattin, die den Schein wahrt und mitmischen will. Dass die Freia von Christina Nilsson dieses Rheingold nicht überlebt, ahnt man, wenn sie im letzten Bild eine Pistole an ihre Schläfe führt. Ob dieser Selbstmord mit dem Trauma einer Vergewaltigung durch Fasolt oder mit der Trauer über dessen Tod zu begründen ist, bleibt offen. Möglich wäre beides. Auf den Gag, dass sich Erda Gehör verschafft, indem sie ein Tablett mit Gläsern auf den Boden knallt, folgt ein atemberaubendes "Weiche Wotan …", das man lange nicht so gehört hat und das dem ganzen Abend einen dunkel funkelnden vokalen Edelstein hinzufügt.
Siegfried: Nicht vor Neidhöhle, sondern im Luxuskrankenzimmer des todkranken Baulöwen Fafner gibt es Tote
Wer akzeptierte, dass in dieser Inszenierung der Ring, sprich der Reichtum und die Macht über die Zukunft, ein Knabe ist, den Alberich vom Pool weg entführt und in seinen Kindergarten Nibelheim nach seinen Wünschen zu einem antiautoritären Goldjungen er- (oder ver-)zieht, für den war es leichter, sich das zu übersetzen, was daraus folgt.
Die Walküre - Wotan lässt sich scheiden
In der Walküre sorgte Michael Spyres - wie schon im vorigen Jahr - für helles Siegmund-Vergnügen. Seine Wälse-Rufe wirkten endlos und vollkommen unangestrengt, dazu kommt ein verführerisches Charisma seiner Stimme! Als neue Sieglinde steigerte sich Jennifer Holloway eindrucksvoll in die Rolle seiner tragischen Schwester und Geliebten. Bei Valentin Schwarz ist sie schon hochschwanger, wenn Siegmund in der Hausmeisterwohnung Hundings auftaucht. Als Hausherr ist jetzt Vitalij Kowaljow in jedem Ton und jeder Geste der finstere Muster-Macho. Da man in den (mittlerweile etwas entschärften) Fieberfantasien Sieglindes mitbekommt, dass Wotan wohl nicht nur ihr Vater, sondern auch der ihres Kindes ist, wirkt die Liebe der Zwillinge, vor allem aber Siegmund, in gewisser Hinsicht unschuldiger als sonst.
Christa Mayer und Tomasz Konieczny waren als Fricka und Wotan vokale Säulen dieser Walküre und das Paradebeispiel eines Ehepaares in der Krise mit einer dramatischen Trennung am Ende. Da fasziniert die Inszenierung mit Wucht wie mit klug platzierter Schlichtheit. Eine undurchdringliche Wand trennt Wotan von Brünnhilde. Sie ist verbannt und er vollkommen allein. Als Fricka triumphierend mit einem Servierwagen, einer Kerze (mehr Feuerzauber gibt es hier nicht und ist auch nicht nötig) auftaucht, will sie mit Wotan auf die Wiederherstellung von Gesetz und Ordnung anstoßen. Er kippt ihr aber sein Weinglas vor die Füße und wirft seinen Ehering in ihrs, nimmt seinen (Wanderer-) Hut und geht in die eine Richtung, während sie beleidigt und ohne jedes Verstehen in die andere davonzieht. Von dieser Walküre bleiben zwei weitere Bilder im Gedächtnis. Das eine sind die einschwebenden Nobelkinderzimmer von Siegmund und Sieglinde während ihres großen Duetts am Ende des ersten Aufzuges. Das andere ist die Beauty-Klinik, in der sich die Walküren bei ihrem "Ritt" versammeln. Hier bietet Schwarz mit Humor einigen Unterhaltungswert. Dass Catherine Foster ein darstellerisches und vokales Ereignis der Sonderklasse lieferte, machte sie vom ersten Walkürenruf an klar.
Siegfried - ungebetene Besucher
Im grandiosen Liebesduett zum Finale des dritten Siegfried-Aufzuges fanden Siegfried und Brünnhilde auch deshalb erstaunlich gut zusammen, weil Klaus Florian Vogt alle seine dramatischen Möglichkeiten ausschöpfte und dem (immer noch) betörenden Wohlklang seiner Stimme hinzufügte. Und, weil Catherine Foster mit der schon in der Walküre überraschend gezügelt kultivierten Strahlkraft glänzte. Abgesehen davon, dass die beiden auch von einem gewissen Quantum szenischen Witzes profitierten, die ihn lausbubenhaft und sie nach dem Motto halb-zog er-sie-halb-sank-sie-hin ziemlich menschlich erscheinen ließen. Die Wotansabkömmlinge wirkten plötzlich für Momente tatsächlich mal wie junge Menschen, die gemeinsam ihre Sexualität entdecken.
Götterdämmerung: Der Eklat in aller Öffentlichkeit - Gunther spielt den Helden, Brünnhilde durchschaut das böse Spiel
Im mittleren Siegfried-Aufzug ist der metaphorische Kontext mit dem " Ich-lieg'-und-besitz'"-Unternehmer Fafner großräumig zum Krankenzimmer umfunktionierten großen Salon mit Kamin besonders schlüssig. Hier finden sich die ungleichen Brüder Alberich und Wotan, Mime und Siegfried als ungebetene Besucher ein und treffen auf den todkranken Fafner und den mittlerweile erwachsenen Hagen.
Götterdämmerung - ein Fünkchen Hoffnung
Die Götterdämmerung endet mit einer veritablen Katastrophe im ausgetrockneten Pool des großspurig pyramidalen Luxusareals des Wotanclans. Grane, eigentlich ein Pferd (hier als dienstbarer Mann immer an Brünnhildes Seite) hat seinen Kopf verloren. Auch dessen Schlächter Hagen ist am Ende tot. Aber selbst er war nicht nur der Barbar, der aus Machtgier über Leichen geht, sondern hatte einen mitfühlend menschlichen Zug. Es ist berührend, wie er vor dem Mord an Siegfried verzweifelt mit sich ringt, die Tat zu begehen, zu der er sich verpflichtet hat, und wie er sich dann für Momente dessen Kind annimmt. Den halbseidenen Gunther im glitzernden "Who the fuck is Grane" T-Shirt zu erledigen, fällt ihm allerdings nicht schwer.
Dieser real und metaphorisch ausgetrocknete Pool wird zu einem Sammelbecken der Toten. Siegfried ist durch brutale Schläge ermordet, Gunther aus dem Weg geräumt, Grane nur noch als Kopf in der Plastiktüte mit von der Partie. Brünnhilde setzt ihren Selbstmord mit großer Geste in Szene. Im Schlussbild sieht man in der Höhe der Neonröhrenwand, dass sich auch Wotan erhängt hat.
Eine Hoffnung bleibt. Siegfrieds und Brünnhildes Sprössling hat sich mit den Rheintöchtern davongemacht. Und dann ist da eine Hochschwangere, die offensichtlich Zwillinge unterm Herzen trägt. Die Regieklammer um diese Ring-Deutung blendet jetzt ein Video ein, in dem sich zwei schon klar erkennbare künftige Menschenkinder nicht wie am Anfang attackieren und verletzten, sondern umarmen. Vielleicht gibt es doch eine andere Möglichkeit des Umgangs miteinander? Wer weiß.
Diese Inszenierung hat sich als haltbarer und konsistenter erwiesen, als noch im ersten Jahr zu befürchten war. Der Jubel für die Dirigentin und die Protagonisten war denn auch nach jedem Teil enthusiastisch. Natürlich blieb ein Teil des Publikums bei der Ablehnung der Regie. Aber neben Buhs gab es auch viele Bravos. Und das ist auch schon deshalb in Ordnung, weil die Inszenierung in der Werkstatt Bayreuth offensichtlich mit Sorgfalt gepflegt und nachgebessert wurde. Mit diesem mittlerweile ausbalancierten Pro und Contra dürfte das Regie-Team wohl ganz gut leben können.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Video
Licht
Chor
Dramaturgie SolistenDas Rheingold
Wotan
Donner
Froh
Loge
Fricka
Freia
Erda
Alberich
Mime
Fasolt
Fafner
Woglinde
Wellende
Floßhilde
Die Walküre
Siegmund
Sieglinde
Wotan
Fricka
Brünnhilde
Gerhilde
Ortlinde
Waltraute
Schwertleite
Helmwige
Siegrune
Greimgerde
Rossweisse
Siegfried
Siegried
Brünnhilde
Wanderer
Alberich
Mime
Fafner
Erda
Waldvogel
Götterdämmerung
Siegfried
Brünnhilde
Alberich
Hagen
Gunther
Gutrune
Waltraute
Erste Norn
Zweite Norn
Dritte Norn
Woglinde
Wellgunde
Floßhilde
Grane
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