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Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
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Ein Traum in BlauVon Thomas Molke, Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico NawrathObwohl die Lohengrin-Inszenierung von Yuval Sharon in der Ausstattung des Künstlerpaars Neo Rauch und Rosa Loy bereits aus dem Jahr 2018 stammt, geht die Produktion 2025 erst ins vierte Jahr. Schuld daran ist die Corona-Pandemie, die zur Komplett-Absage der Festspiele 2020 führte und eine Wiederaufnahme 2021 wegen der großen Chorpassagen nicht möglich machte. Eigentlich sollte sie 2022 bereits zum letzten Mal auf dem Spielplan stehen. Aber drei Jahre für eine Inszenierung, die in ihrer bildhaften Optik das Publikum begeisterte, schienen dann doch ein bisschen wenig, so dass es schließlich in diesem Jahr noch einmal zu einer Wiederaufnahme kommt. Und die opulenten Bilder von Rauch und Loy haben nichts von ihrem Reiz verloren. Mit der Produktion kehrt auch nach einer kurzen "Bayreuth-Auszeit" Christian Thielemann zu den Festspielen zurück. Lohengrin (Piotr Beczała) lässt sich vom Volk (Chor) mit Elsa (Elza van den Heever) für seinen Sieg feiern (im Hintergrund: Michael Kupfer-Radecky als Heerrufer). Neben der musikalischen Gestaltung lebt die Produktion vor allem von den grandiosen Bildern, die Loy und Rauch kreiert haben und die schon fast an klassisches Kulissentheater erinnern. Dabei dominiert vor allem der Farbton Blau, den Loy und Rauch gemäß Programmheft beim Lauschen der Partitur empfunden hätten, ohne vorher Nietzsches Bemerkung gekannt zu haben, dass die Musik des Vorspiels in ihrer farblichen Ausgestaltung blau sei. In unterschiedlichen Schattierungen dominiert dieser Farbton die Bühne und schafft eine Atmosphäre, die sowohl die ätherischen Klänge des Vorspiels als auch das Geschehen in Brabant trefflich beschreibt. Dabei stehen die Blautöne in der Inszenierung nicht nur für den Himmel und das Wasser, über das zumindest laut Libretto Lohengrin in einem von einem Schwan gezogenen Nachen erscheint, um für Elsa zu kämpfen, und über das er am Ende, nachdem er seine Identität preisgegeben hat, auch wieder verschwindet. Die Farbe beschreibt auch die Gesellschaft von Brabant, deren Kostüme in hellem Delfter Blau gehalten sind. Sharon interpretiert sie außerdem als charakteristisch für eine Gesellschaft, die sich der Technisierung und dem dadurch erzielten Fortschritt verschrieben hat, dabei aber allmählich die Kontrolle über die Maschinen verliert und den technischen Errungenschaften blind folgen, so wie Insekten, die ins Licht fliegen. Vielleicht tragen deshalb die Figuren allesamt Insektenflügel, die sich größenmäßig unterscheiden. Während der König, der Heerrufer und Telramund mit großen Flügeln ausgestattet sind, tragen die Frauen und der Chor kleine Flügelpaare. Damit soll wohl auch eine männlich dominierte Welt angedeutet werden, in der die Frauen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Deutlich wird das beispielsweise, wenn die Frauen des Chors mit gefesselten Händen die Blumen für das Brautpaar Elsa und Lohengrin streuen und nach dem Verteilen der Blüten von den Männern recht harsch beiseite gezogen werden. Diese Domestizierung gelingt bei Ortrud nicht. Sie zeigt sich von Anfang an als rebellische Frau, die mit ihrer großen Handtasche an eine Politikerin erinnert. Elsa (Elza van den Heever) und ihr Bruder Gottfried (Statist) (im Hintergrund: Piotr Beczała als Lohengrin) Und Elsa? Bei ihr ist die Zuordnung nicht eindeutig. Zunächst trägt sie kleine Flügel und lässt sich ebenfalls fesseln, wenn sie Lohengrin verspricht, die verbotene Frage nach seinem Namen nicht zu stellen. Regelrecht demütig kniet sie am Ende des zweiten Aktes vor ihm nieder und lässt sich ins Brautgemach führen. Doch der Zweifel, den Ortrud bei ihr gestreut hat, macht sich bemerkbar. Im dritten Akt trägt sie sowohl kleine als auch große Flügel und befreit sich von den Zwängen, indem sie die verbotene Frage eben doch stellt, auch wenn sie dabei von Lohengrin an einen Mast gefesselt wird, der sich spiralförmig zu einer Art Stromleiter emporhebt. Dabei bildet sie farblich wie das Brautgemach, das in einer Art Turm liegt, mit den Orangetönen einen starken Kontrast zu den ansonsten dominierenden Blautönen. Am Ende ist sie in Sharons Deutung nicht die Verlierende, die entseelt zusammenbricht, sondern befreit sich gewissermaßen von den sie unterdrückenden Zwängen. Nachdem Lohengrin ihr einen orangefarbenen Rucksack gereicht hat, aus dessen Innerem helles Licht erstrahlt, trifft sie auf ihren zurückkehrenden Bruder Gottfried, der optisch an ein grünes Ampelmännchen erinnert. Laut Erläuterung im Programmheft soll es die Natur sein, die über die versagende Technik triumphiert. So brechen am Ende alle mit Ausnahme von Elsa, Ortrud und Gottfried zusammen, und Elsa kann gemeinsam mit ihrem Bruder in eine neue, wenn auch ungewisse Zukunft gehen. "Nie sollst du mich befragen": Lohengrin (Piotr Beczała) und Elsa (Elza van den Heever) im Brautgemach Lohengrin tritt in hellen Blautönen auf, allerdings zunächst ohne Flügel. Mit den blauen Handschuhen wirkt er in seiner Montur beinahe wie ein Elektriker, der mit seinem Auftauchen den Strom und das Licht in die zunächst dunkelblaue Brabanter Gesellschaft zurückbringt. Wieso er mit einem Blitz wie Göttervater Zeus erscheint, erschließt sich nicht wirklich. Vielleicht steht der Blitz anstelle des Schwertes für seine göttliche Herkunft, die er bereit ist, für Elsa aufzugeben, wenn sie sich an das Frageverbot hält. Flügel legt er sich erst zu einem späteren Zeitpunkt an, wenn er versucht, Teil dieser Gesellschaft zu werden. Den Kampf für Elsa führt er in der Luft ohne Flügel und reißt dabei Telramund einen Flügel aus, der anschließend wie eine Trophäe an einer blauen Wand angeheftet wird. Wenn Telramund ihn im dritten Akt mit den vier Edlen angreift, nachdem Elsa die verbotene Frage gestellt hat, löst Lohengrin einen Stromschlag aus, der Telramund zu Boden gehen lässt und die vier Edlen in die Flucht schlägt, nachdem sie Telramund auch noch den zweiten Flügel geraubt haben. Anstelle des auftauchenden Schwans lässt Lohengrin am Ende seinen Blitz einschlagen, der dem Volk und dem König das (Lebens-)Licht nimmt und sie entseelt zusammenbrechen lässt. Damit entfernt sich die Inszenierung vielleicht ein wenig von der erzählten Geschichte, aber man sieht es ihr bei den optisch großartigen Bildern gerne nach. Ortrud (Miina-Liisa Värelä) und Telramund (Olafur Sigurdarson) wollen Elsas Glück zerstören. Am Bildgewaltigsten gelingt der zweite Akt. Vor der Bühne befindet sich eine durchscheinende Projektionsfläche, auf die eine abstrakte blaue Natur mit Gräsern und Wolkengebilden gezeichnet ist. Dieses Bild ist in ständiger Bewegung und läuft wie ein Film weiter, während man die Figuren dahinter bisweilen nur schemenhaft erkennen kann. Einzelne Büsche werden durch Bühnenelemente gedoppelt, so dass die Figuren auftauchen und plötzlich wieder hinter einem Bühnenelement verschwinden können. Hier baut Ortrud den gefallenen Telramund wieder auf und versichert ihm, Elsa und Lohengrin zu Fall zu bringen. Wenn Elsa erscheint, wird schemenhaft ein Turm sichtbar, aus dessen Fenster Elsa schaut. In diesem unheimlichen Ambiente verwundert es nicht, dass Ortruds Zweifel Früchte bei Elsa tragen und sie Ortrud in ihr Zimmer einlässt. Erst dann hebt sich die Projektionsfläche und gibt den Blick auf den Dom frei, hier die Transformatorenstation, in der Lohengrin Elsa vor den Altar führt. Musikalisch ist von 2022 nur Christian Thielemann als musikalischer Leiter des Festspielorchesters geblieben. Die Partien sind allesamt neu besetzt. Wer in der Titelpartie auf ätherisch anmutende Höhen wie bei Klaus Florian Vogt hofft, wird diese bei Piotr Beczała nicht erleben. Sein kraftvoller Heldentenor klingt wesentlich bodenständiger und nicht wie aus einer anderen Welt. Die Höhen meistert er mit großer Strahlkraft und überzeugt mit sehr guter Textverständlichkeit. Auch darstellerisch überzeugt er als Held, an dessen Image Sharon in der Personenregie deutlich kratzt. Elza van den Heever verfügt als Elsa über einen warmen Sopran, der in den Höhen eine enorme Klarheit besitzt. Besonders variabel präsentiert sie sich im dritten Aufzug, wenn sie trotz mehrerer Warnungen nicht umhin kann, die verbotene Frage zu stellen. In ihrer Auftrittsarie im ersten Akt wirkt sie noch sehr zerbrechlich, gewinnt aber im Verlauf der Inszenierung in der Personenregie an Selbstbewusstsein und Kraft. Olafur Sigurdarson begeistert als Telramund mit diabolischen Tiefen und ebenfalls klarer Diktion. Bei aller Härte wird aber sehr schnell klar, dass er nur eine Marionette seiner Frau Ortrud ist. Das wird im Zusammenspiel mit Miina-Liisa Värelä als Ortrud in jedem Moment deutlich. Värelä verfügt über einen voluminösen und in den Höhen äußerst dramatischen Mezzosopran. Allerdings hapert es bei ihr ein wenig mit der Textverständlichkeit. Hier hätte man, so man das Libretto nicht auswendig kennt, dringend Übertitel benötigt, um Ortruds Flüchen und Verwünschungen folgen zu können. Schade ist es vor allem in der großen Szene mit Elsa im zweiten Akt, weil hier dem Text eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Die Partie des Königs Heinrich wurde bei der Wiederaufnahme am 1. August 2025 noch von Andreas Bauer Kanabas gesungen. Ab der zweiten Aufführung übernimmt Mika Kares und punktet mit sonorem Bass und klarer Diktion. Auch Michael Kupfer-Radecky begeistert als Heerrufer mit profundem Bassbariton und großer Textverständlichkeit. Gewaltiges leistet der von Thomas Eitler de Lint einstudierte Festspielchor und punktet nicht nur stimmlich durch homogenen Klang sondern auch darstellerisch durch eine auf den Punkt umgesetzte kluge Personenregie. Thielemann zelebriert mit dem Festspielorchester die luziden Klänge des Vorspiels und lässt sie quasi aus dem Nichts entstehen. Auch im weiteren Verlauf findet er für jede Szene genau die richtige Stimmung, so dass er beim Schlussapplaus nicht nur mit großem Jubel bedacht wird, sondern auch noch stehende Ovationen erhält.
Es war eine sehr gute Entscheidung, diese Produktion in diesem Jahr noch einmal auf den Spielplan zu stellen, da sie optisch ein absoluter Hingucker ist und auch musikalisch begeistert.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Bühne und Kostüme
Licht
Chorleitung
Festspielchor Solistinnen und Solisten*rezensierte Aufführung
Heinrich der Vogler
Lohengrin
Elsa
Friedrich von Telramund
Ortrud
Der Heerrufer des Königs
1. Edler
2. Edler
3. Edler
4. Edler
Edelknaben
Edeldamen
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- Fine -