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Richard Wagner und die lachende KuhVon Stefan Schmöe, Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Was hat eine Kuh mit Wagner zu tun? Im Jahr 1921 nannte eine Molkerei im französischen Jura eine ihrer Käsesorten "La vache qui rit" ("die Kuh, die lacht"). Auf der runden Verpackung war eine lachende Kuh mit Ohrring abgebildet. Das Motiv stammt von dem französischen Illustrator Benjamin Rabier (1864-1939), der damit im Ersten Weltkrieg Lastwagen des Militärs bemalte. "La vache qui rit", lautmalerisch zusammengezogen zu "La Wachkyrie", verballhornte den Titel von Richard Wagners Walküre, französisch La Walkyrie, und verspottete die deutsche Kriegspropaganda, die auf das Pathos Wagners setzte. Im Bayreuther Richard-Wagner-Museum kann man im Rahmen der Sonderausstellung "Spot(t)-Light. Richard Wagner in der zeitgenössischen Karikatur" die entsprechenden Zeichnungen sehen. Auch im Schlussbild dieser Neuinszenierung der Meistersinger sieht man eine lachende Kuh mit Ohrring, hier als riesige aufblasbare Gummipuppe, die wie ein gekrümmter Portalbogen auf dem Rücken liegend über der Festwiese hängt.
Die lachende Kuh schwebt über dem Finale. In der Mitte Stolzing (in Blau) und Pogner
Regisseur Matthias Davids hat sich bislang nur in der Musical-Szene einen Namen gemacht, weshalb seine Berufung zu den Bayreuther Festspielen eine handfeste Überraschung war. Wenn er den Schluss der Oper als großes, quietschbuntes Revue-Finale mit Volksfestcharakter samt Gurken-, Kartoffel- und diversen anderen Gemüse-Königinnen inszeniert, darf man das als ironische Selbstreferenz betrachten. Die Kuh allerdings gibt der Szene aus den oben genannten Gründen eine raffinierte Doppelbödigkeit, denn sie kommentiert mit ihrem Grinsen eben auch die gefürchtete, von nationalistischen Tönen geprägte Schlussansprache des Hans Sachs. So nimmt die Regie, die (anders als die vorangegangenen Bayreuther Inszenierungen von Katharina Wagner 2007 und Barrie Kosky 2017) im Wesentlichen nah am Libretto die Handlung nacherzählt, dann doch noch Stellung zur problematischen Konzeption wie Rezeption der Meistersinger.
Davids befördert die Oper in die Gegenwart, wobei die ehrwürdigen Meistersinger als ein wenig anachronistische Gestalten mit merkwürdigen Kopfbedeckungen auftreten (Kostüme: Susanne Hubrich). Denkt man sich die beige-weißen Roben für einen Moment blau, dann kommt einem schnell der Begriff "schlumpfig" in den Sinn. Das Innere der Katharinenkirche im ersten Akt wird zunächst ersetzt durch eine lange und steile Treppe, die zu einer winzigen Kapelle hinaufführt (Bühne: Andrew D. Edwards). Ein wenig Kirche muss offenbar sein, auch wenn das Bild schnell weggedreht wird und sich die Geschichte in einen Raum verlagert, der die Architektur des Zuschauerraums im Festspielhaus aufgreift. Damit wird deutlich, wo man wahren Meistergesang zu verorten hat. Der Bogen von der Hochkultur zu den vermeintlichen Niederungen der volkstheaterhaften Revue im Schlussbild ist aber zu weit gespannt, um diesen Aspekt der Inszenierung zu tragen. So bleibt der mitunter angestrengt um Lustigkeit bemühte erste Akt der schwächste, zumal es der Regie nicht gelingt, der Figur des rebellischen Walther von Stolzing ein genaues Profil zu geben.
Zweiter Akt: Sachs und Eva
Das Nürnberg des zweiten Akts besteht aus spielzeughaften Fachwerkhäusern, die wie Bauklötze gestapelt sind, oft quer oder falsch herum. In der Mitte ist ein schmaler Durchgang freigelassen. Das greift Wagners originale Regieanweisung auf, wobei die Linde vor Pogners Haus durch eine alte (gelbe) Telefonzelle ersetzt ist, die zum öffentlichen Bücherschrank umfunktioniert ist. Das Spiel mit Tradition und Werktreue könnte freilich noch genauer sein, hätte man auf die bunten zypressenartigen Bäume verzichtet und ein sinnfälliges Symbol für den ausgiebig besungenen Flieder gefunden. Ansonsten läuft die Inszenierung in erwartbaren, dem Text entsprechenden Bahnen, findet aber für die Prügelszene (mit ein paar Stunt-Einlagen, die Gewalt zeigen sollen) keine überzeugende Deutung. Das schönste Bild des Abends gibt die runde Schusterstube im dritten Akt ab, die wie ein Rückzugsort im leeren Raum wirkt und mit effektvollen Lichteffekten (Fabrice Kebour) das Innenleben der Akteure unterstreicht.
Überzeugender als manche schnell verblassende Pointe im Bühnenbild hebt die nicht immer sehr einfallsreiche, an den Schlüsselstellen aber genaue Personenregie die komödiantischen Elemente hervor - wobei sie weder an den Witz noch an die Präzision von Aron Stihls ähnlich angelegter Bonner Inszenierung vom Anfang der Spielzeit heranreicht. Georg Zeppenfeld singt und spielt einen eleganten, keineswegs alten oder gar altväterlichen Sachs. Eine Verbindung mit der jungen Eva scheint durchaus im Bereich des Möglichen. Daher ist Sachs' Verzicht darauf keine leichte Entscheidung und von einem veritablen Wutanfall begleitet. Zeppenfelds volle, warm klingende Stimme ist nicht riesig; er beeindruckt vor allem in den sorgfältig und immer textgenau durchgestalteten lyrischen Passagen. In Michael Nagy als Beckmesser findet er einen kongenialen, ebenfalls ausgesprochen schön singenden und würdevollen Gegenspieler, der sich am Ende als fairer Verlierer erweist und in freundschaftlicher Debatte mit Sachs abgeht. Er lässt bei einiger Komik die Figur nie ins Lächerliche abgleiten. Musikalisch wären diese beiden Herren dem höhensicheren, aber etwas angestrengten und zu selten frei ausschwingenden Tenor von Michael Spyres, dem Darsteller des Stolzing, vorzuziehen, und auch darstellerisch bleibt Spyres oft merkwürdig unbeteiligt. Mit hell leuchtendem, jugendlich-dramatischem Sopran gibt Christina Nilsson eine leidenschaftliche Eva. Jongmin Park fällt als ihr Vater Pogner mit dröhnendem, die Vokale mulmig eindunkelndem Bass aus dem ansonsten eher lichten Klangbild heraus. Fabelhaft ist der immer klangschöne, geschmeidige Tenor, mit dem Matthias Stier den David ausstattet.
Dritter Akt: Quintett in der Schusterstube. Von links: Stolzing, Sachs, Eva, Magdalene und David
Dirigent Daniele Gatti hat mit dem gewohnt zuverlässigen Festspielorchester die stärksten Momente in den ruhigen, grüblerischen Passagen, für die er sich viel Zeit nimmt und die er nuanciert ausgestaltet. Auch die komischen Elemente in den Beckmesser-Szenen werden liebevoll und mit Sinn für das musikalische Detail gespielt. Das Quintett im letzten Akt ist klanglich genau austariert. Im Kontrast zu diesen festspielwürdig schönen Momenten steht das in flüssigem Tempo gespielte, aber eher pauschal abgehandelte Vorspiel zum ersten Akt. Den imposanten Chorszenen fehlt es ein wenig an Transparenz und Präzision. Der Chor der Bayreuther Festspiele imponiert durch volle, nicht lärmenden Klang (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint), weniger durch rhythmische Genauigkeit. Wie Gatti den "Wach auf!"-Choral in getragenem Tempo zelebriert (inklusive überdeutlicher Zäsur zwischen "Wach" und "auf"), wirkt in seinem unangenehmen Pathos aus der Zeit gefallen. Da hat man Verständnis, dass Eva und Stolzing aller Sachs'schen Nationalstaat-kontra-Nationalkunst-Dialektik zum Trotz das Weite und ein Glück jenseits von Meistergesang und Dorffest suchen. Beim Premierenpublikum überwog die Zustimmung zur Regie die Ablehnung deutlich; Sängerinnen und Sänger wurden gefeiert, das Dirigat eher höflich beklatscht.
Matthias Davids' Regie hat ihre schönen wie auch ihre oberflächlichen Momente - kein großer Wurf, aber auch kein Desaster. Musikalisch glänzt vieles, aber nicht alles.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreographie
Chor
Dramaturgie Solisten
Hans Sachs, Schuster
Veit Pogner, Goldschmied
Kunz Vogelgesang, Kürschner
Konrad Nachtigal, Spengler
Sixtus Beckmesser, Stadtschreiber
Fritz Kothner, Bäcker
Balthasar Zorn, Zinngießer
Ulrich Eisslinger, Würzkrämer
Augustin Moser, Schneider
Hermann Ortel, Seifensieder
Hans Schwarz, Strumpfwirker
Hans Foltz, Kupferschmied
Walther von Stolzing
David, Sachsens Lehrbube
Eva, Pogners Tochter
Magdalene, Evas Amme
Ein Nachtwächter
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