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Rossini in Wildbad
Belcanto Opera Festival
18.07.2024 - 28.07.2024


Masaniello ou Le pêcheur napolitain
(Masaniello oder Der neapolitanische Fischer)

Drame historique in vier Akten
Text von Moreau und Lafortelle
Musik von Michele Carafa

In französischer Sprache mit französischen und deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 5' (eine Pause)

Eine Produktion von Passionart und der Filharmonia K. Szymanowskiego Krakowie

Premiere der konzertanten Aufführung in der Trinkhalle am 19. Juli 2024

 

 

 

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Die unbekanntere Variante vom Aufstand Neapels

Von Thomas Molke / Fotos: © Rossini in Wildbad

Michele Carafa zählt zu den zahlreichen Opernkomponisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, deren Werke heute in Vergessenheit geraten sind. Dabei galt er zu seiner Zeit als recht erfolgreicher Vertreter der italienischen Schule, der auch in Paris große Erfolge feiern konnte und es geschickt verstand, den italienischen mit dem französischen Musikstil zu kombinieren. Rossini, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband und für den er einzelne Musikstücke zu den Opern beisteuerte und sogar dessen Semiramide für die Grand Opéra adaptierte, soll einmal im Scherz gesagt haben, dass Carafas einziger Fehler darin bestanden habe, zur gleichen Zeit wie er selbst um die Gunst des Opernpublikums gekämpft zu haben. Carafa hat ihm diese Bemerkung wohl nicht übel genommen, zumal Rossini auch seine Karriere gefördert hat. Da man bei Rossini in Wildbad nicht nur das Werk des Schwans von Pesaro sondern auch seiner Zeitgenossen pflegt, steht nun nach Carafas Buffo-Oper I due Figaro 2006 die moderne Erstaufführung des Drame historique Masaniello ou Le pêcheur napolitain auf dem Programm, das am 27. Dezember 1827 an der Opéra-comique in Paris einen umjubelten Erfolg feierte.

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Ruffino (Nathanaël Tavernier, links) will Masaniello (Mert Süngü, Mitte) und Léona (Catherine Trottmann, rechts daneben) für seine Zwecke instrumentalisieren (ganz rechts: Thérésia (Camilla Carol Farias) und Matteo (Juan José Medina), dahinter der Chor).

Behandelt wird im Prinzip die gleiche historische Geschichte, mit der Daniel-François-Esprit Auber gut zwei Monate später unter dem Titel La muette de Portici den Beginn der erfolgreichen Epoche der französischen Grand Opéra einleitete. Im Gegensatz zu Aubers Muette Fenella, die als Schwester des Fischers Masaniello zur Auslöserin des Aufstands des neapolitanischen Volkes gegen das Regime des spanischen Vizekönigs im Jahr 1647 wird, ist es bei Carafa Masaniellos Ehefrau Léona, die dazu führt, dass sich der einfache Fischer Tommaso Aniello, der in beiden Opern in Masaniello umbenannt wird, an die Spitze des Volkes stellen lässt, um gegen die spanischen Besatzer zu revoltieren. Auch das übrige Personal unterscheidet sich in beiden Werken. Während bei Auber der Sohn des Vize-Königs von Neapel Alphonse Masaniellos Schwester verführt hat, umwirbt bei Carafa der Graf von Torellas Masaniellos Ehefrau und schürt dessen Eifersucht, ohne dass es zu einer Beziehung zwischen Léona und Torellas kommt. Eine wichtige Rolle spielt bei Carafa der heimtückische und intrigante Genueser Ruffino, der sich von den Spaniern hintergangen fühlt und mit dem Aufstand Rache nehmen will. Er versucht, Masaniello geschickt zu manipulieren und für seine eigenen Zwecke einzusetzen. Als dies misslingt, schenkt er ihm vergifteten Wein ein, der Masaniello wahnsinnig werden lässt, so dass er beim Ausbruch des Vesuvs das Volk mit dem Schwert in der Hand bedroht und schließlich von dem Schuss einer Muskete tödlich getroffen stirbt. Da die Oper an der Opéra-comique herauskam, ist sie nicht durchkomponiert, sondern wird von zahlreichen Dialogen unterbrochen, die in leicht gekürzter Form in die konzertante Aufführung integriert werden, weil man ohne diese Dialoge dem Handlungsablauf kaum folgen könnte.

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Ruffino (Nathanaël Tavernier, links) redet dem Grafen von Torellas (Luis Magallanes, rechts) ein, dass Léona ihn liebt.

Die Besetzung erfordert eigentlich sieben Tenöre, davon mit Masaniello und Torellas zwei sehr anspruchsvolle Partien. In Bad Wildbad beschränkt man sich auf fünf Tenöre, wobei Torellas und der Steuereintreiber Calatravio bzw. Pedro und der Marktschreier von jeweils einem Solisten interpretiert werden, was kein Problem ist, da die Figuren im Stück nicht gleichzeitig auftreten. Komplizierter ist es schon, den Gouverneur von Neapel und die einzige komisch angelegte Figur des Gärtners Giacomo von einem Bariton singen zu lassen, da die beiden im Quartett des vierten Aktes gemeinsam auftreten. Hier übernimmt dann aber einfach der Tenor Massimo Frigato den Part des Gärtners. Bei der Vorpremiere der Produktion am 6. Juli 2024 in Krakau hat man auf die Zwischendialoge verzichtet. So ist die konzertante Aufführung in der Trinkhalle in Bad Wildbad um knapp 20 Minuten länger als im Programmheft ausgewiesen, was jedoch auch am Zwischenapplaus zwischen den einzelnen Musiknummern liegen mag, den man so vielleicht nicht eingeplant hat. Die ersten beiden Akte sind mit insgesamt 12 Nummern relativ umfangreich gehalten, während es nach der Pause relativ schnell zum letzten Finale mit dem Tod des Titelhelden kommt.

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Der Graf von Torellas (Luis Magallanes) erklärt Léona (Catherine Trottmann) seine Liebe.

Carafas Musik erweist sich als sehr abwechslungsreich und zeigt, dass er sowohl den italienischen Stil beherrscht als auch die französische Form perfekt in die Komposition einarbeitet. Die Ouvertüre, die vom Philharmonischen Orchester Krakau unter der Leitung von Nicola Pascoli mit großer Leichtigkeit interpretiert wird, lässt eine Nähe zu Rossini erkennen, die vom Orchester mit viel Esprit herausgearbeitet wird. Wenn Carafa dann im ersten Akt das Treiben des neapolitanischen Volkes auf dem Marktplatz beschreibt, findet er einen sehr volksliedhaften Stil, der ihm aus seinen Jugendjahren noch vertraut sein dürfte. Auch Masaniellos Barcarole und Kavatine im ersten Akt klingen recht neapolitanisch. "Französisch" hingegen wird es dann im zweiten Akt in der großen Romanze Léonas, in der sie beteuert, dass Masaniellos Ruhm nicht dazu führen wird, dass er seine einfache Herkunft vergisst. Dramatisch gelingt dann das Aufeinandertreffen zwischen Léona und Torellas, in dem er ihr nicht zuletzt ermutigt durch den intriganten Ruffino seine Liebe gesteht, von Léona aber zurückgewiesen wird, wobei sie nicht so weit geht, ihn den Feinden auszuliefern, sondern immerhin seine Flucht ermöglichen will, was Masaniellos Eifersucht schürt und seinen langsam aufkommenden Wahn unterstützt. Nach der Pause nehmen die Dialoge einen verhältnismäßig großen Umfang ein, so dass die Musik sehr zerstückelt wirkt. Auch gibt es hier keine großen Arien mehr, sondern mit zwei Quartetten, einem Terzett und einem Duett neben den beiden Aktschlüssen nur noch Ensembles.

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Schlussapplaus: von links: Massimo Frigato, Francesco Bossi, Nathanaël Tavernier, Luis Magallanes, Nicola Pascoli, Catherine Trottmann, Mert Süngü, Camilla Carol Farias und Juan José Medina, im Hintergrund: Philharmonischer Chor Krakau, vorne Philharmonisches Orchester Krakau

Gesungen wird auf durchweg gutem Niveau, wobei hervorzuheben ist, dass sich unter den Solistinnen und Solisten auch zwei Stipendiaten und eine Stipendiatin der Akademie BelCanto befinden, denen gemessen an den Leistungen des Abends eine vielversprechende weitere Karriere bestimmt sein dürfte. Da ist zunächst der venezolanische Tenor Luis Magallanes als Graf von Torellas und Calatravio zu nennen. Schon in der kleinen Partie des Steuereintreibers punktet er durch kraftvolle Höhen. Mit lyrischem Schmelz gestaltet er dann den verliebten Grafen von Torellas, dem Ruffino zunächst in einem Duett einredet, dass Léona, die im einst das Leben gerettet hat, tiefe Gefühle für ihn hegt. So bestürmt er sie im zweiten Akt mit leidenschaftlichen Liebesbekundungen, die bei ihr allerdings nicht fruchten. Immerhin ist sie ja selbst mit einem Tenor verheiratet. Camilla Carol Farias stattet Léonas Schwägerin Thérésia mit warmem Mezzosopran und spielerischem Ausdruck aus, und auch Massimo Frigato lässt mit leichtem Tenor als Marktschreier, der seine Marionetten vorführt, und Pedro im Kampf gegen die Spanier aufhorchen.

Weiterer musikalischer Glanzpunkt des Abends ist der Bass Nathanaël Tavernier als Bösewicht Ruffino, der auch in den Sprechtexten mit sonorer Stimme und großartiger Diktion begeistert. Ihm nimmt man den Intriganten in jedem Moment ab. Famos gestaltet er seine große Auftrittsarie, in der er seinen Racheplan kundtut. Im weiteren Verlauf gelingt es ihm immer wieder, sich geschickt ins rechte Licht zu rücken. Das alles schafft er mit einem dunklen, dabei aber absolut beweglichen Bass. Catherine Trottmann begeistert als Léona mit strahlendem Sopran. Zu Beginn zeigt sie sich mit kraftvollen Höhen absolut kämpferisch, wenn sie sich weigert, Abgaben an den Steuereintreiber zu zahlen, und stattdessen lieber ihre Ware wegwirft. In ihrer Romanze im zweiten Akt punktet sie mit lyrischen Bögen, und auch das Duett mit Magallanes kann als musikalischer Höhepunkt bezeichnet werden. Mert Süngü gestaltet die Titelpartie mit recht hartem Tenor, der die kämpferische Entschlossenheit des Fischers betont. Nach der Pause hebt er mit einer weicheren und leiseren Stimmführung hervor, dass Masaniello allmählich den Verstand verliert und nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Seine Wahnsinnsszene kurz vor Ende der Oper gestaltet er mit großer Dramatik. Wenn dann auch noch der Vesuv ausbricht, bedauert man fast, dass es sich nur um eine konzertante Aufführung handelt. Das hätte man schon gerne szenisch umgesetzt gesehen.

Francesco Bossi zeigt in den beiden Partien des Gouverneurs und des Gärtners große Wandlungsfähigkeit. Als Gärtner zieht er sein Sakko aus und schwankt ein wenig vor seinem Pult wie ein Betrunkener, um den Buffo-Charakter der Figur zu unterstreichen. Dabei punktet er mit herrlich beweglichem Bariton und großartiger Mimik. Ganz ernst hingegen präsentiert er sich als Gouverneur, der erkennt, dass er keine Chance gegen Masaniello hat und ihn deshalb auf seine Seite ziehen will. Hier zeigt Bossi, dass er seinen Bariton auch sehr ernsthaft und kalkulierend einsetzen kann. Der von Piotr Piwko einstudierte Philharmonische Chor Krakau punktet als kraftvoller homogener Klangkörper und unterstreicht damit den Kampfeswillen des neapolitanischen Volkes. So gibt es für alle Beteiligten großen Jubel am Ende der Aufführung.

FAZIT

Auch wenn die Aufführung nur konzertant ist, ist diese Wiederentdeckung für Freunde und Freundinnen der Belcanto-Oper absolut empfehlenswert. Auch für Fans von Aubers La muette de Portici dürfte es interessant sein, die historische Geschichte in einer kurz zuvor erschienenen und dabei ganz anderen Fassung zu sehen.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Nicola Pascoli

Musikalische Einstudierung
Cecile Restier

Licht
Marcel Hahn

Künstlerische Leitung und Einstudierung Chor
Piotr Piwko

 

Philharmonisches Orchester Krakau
(Leitung: Alexander Humala)

Philharmonischer Chor Krakau


Solistinnen und Solisten

 

Der Gouverneur von Neapel
Francesco Bossi

Der Graf von Torellas, junger spanischer Edelmann
Luis Magallanes

Masaniello, Fischer
Mert Süngü

Léona, seine Frau
Catherine Trottmann

Thérésia, seine Schwägerin
Camilla Carol Farias

Matteo, sein Bruder
Juan José Medina

Ruffino, heimtückischer und intriganter Genueser
Nathaniël Tavernier

Giacomo, Gärtner aus Pozzuoli
Francesco Bossi

Calatravio, Steuereintreiber
Luis Magallanes

Pedro, Mann aus dem Volk
Massimo Frigato

Ein Marktschreier
Massimo Frigato

Soldaten der spanischen Garde /
Neapolitanisches Volk
Gemischter Chor

 


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