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Maskenspiel im Wellness-ResortVon Thomas Molke / Fotos: © Patricio Cassinoni Pietro Mascagni zählt zu der Riege der Opernkomponisten, die mit nur einem Werk in die Musikgeschichte eingegangen sind. Bei ihm ist es sogar besonders tragisch, weil er direkt mit seinem Erstling, Cavalleria rusticana, Weltruhm erlangte, an den er mit zahlreichen Versuchen nicht mehr anknüpfen konnte. Mit seinen insgesamt 14 restlichen Opern, die er nach Cavalleria komponierte oder wieder in Angriff nahm, schlug er zahlreiche unterschiedliche Wege ein, die aber nicht den erhofften Erfolg brachten, weil sie beim Publikum nicht die an ihn gestellten Erwartungen erfüllten. Mit großem Frust musste er zusehen, wie sein Rivale Puccini vom Publikum immer mehr verehrt wurde, während er sich selbst doch für den einzigen Vertreter der "wahren Italianità" hielt. Besonders deutlich wird dies in seiner achten Oper Le maschere, die er an insgesamt sieben Opernhäusern gleichzeitig herausbringen wollte und die in der Handlung auf die Commedia dell' arte zurückgreift. Fünf der sechs Uraufführungen fielen beim Publikum komplett durch. In Neapel wurde das Stück verschoben, und in Rom, wo Mascagni die Vorstellung selbst dirigierte, gab es nur zwei Vorhänge für Mascagni am Ende, weil das Publikum das Stück als viel zu lang erachtete. Mascagni reagierte zwar sofort darauf und nahm schon bei der zweiten Aufführung entscheidende Kürzungen vor, aber auch das konnte dem Stück keinen Ruhm einbringen. In Wexford, wo man sich ja stets um Opernraritäten bemüht, hat man nun Mascagnis maschere zur Eröffnung des diesjährigen Festivals auf den Spielplan gestellt, der unter dem Motto "Theatre within Theatre" steht. Rosaura (Lavinia Bini) und Florindo (Andrew Morstein) lieben einander (im Hintergrund: Colombina (Ioana Constantin Pipelea)). Inhaltlich passt das eigentlich auch sehr gut. Die Oper stellt in einem Prolog die Masken vor, die in den folgenden drei Akten eine Geschichte im klassischen Stil der Commedia dell' arte spielen. Der wohlhabende Pantalone will seine Tochter Rosaura mit dem arroganten Capitano Spavento verheiraten, der eigentlich nur an der Mitgift interessiert ist. Rosaura liebt allerdings Florindo und überlegt gemeinsam mit ihrer Zofe Colombina, die ein Auge auf den Händler Brighella geworfen hat, wie die Hochzeit verhindert werden kann. Brighella schlägt vor, ein Pulver in die Getränke zu schütten und damit dafür zu sorgen, dass der Hochzeitskontrakt nicht unterzeichnet werden kann. Obwohl die anderen davon nicht begeistert sind, lassen sie sich darauf ein. Das Pulver in den Getränken löst das erwartete Chaos aus. Colombina versucht anschließend, Spaventos Diener Arlecchino zu bezirzen und ihn dazu zu bringen, seinen Herrn von der Hochzeit mit Rosaura abzubringen. Doch Spavento ist davon nicht begeistert. Sorge bereitet ihm allerdings sein Rivale Florindo, der ihn zu einem Duell herausfordern will. Da offenbart Doktor Graziano, der im ganzen Pulverchaos die Aktentasche von Spavento an sich genommen hat, dessen wahre Pläne mit der Hochzeit. Pantalone stimmt folglich der Ehe zwischen Rosaura und Florindo unter der Bedingung zu, dass sie ihm in neun Monaten einen "Pantoloncino" präsentieren. Vorstellung der Masken: von links: Rosaura (Lavinia Bini), Spavento (Matteo Mancini) und Brighella (Gillen Munguia) Liest sich die Handlung an sich schon sehr verworren, trägt die Inszenierung von Stefano Ricci ebenfalls nicht dazu bei, die Geschichte verständlicher zu machen oder in diesem Stück irgendeinen Sinn zu erkennen. Wenn das Orchester gerade mit der Ouvertüre begonnen hat, in der Mascagni den Stil Rossinis ein wenig imitiert, unterbricht die Sprechrolle Giocadio (Peter McCamley) das Spiel, um die einzelnen Figuren einzuführen. Mascagnis ursprüngliche Idee war es, die Commedia dell' arte auf seine Zeit, 1901, zu übertragen und zu aktualisieren. So will Ricci nun einen Schritt weitergehen bis in unsere Gegenwart und stellt fest, dass da eigentlich jeder eine Maske trägt und selten seine wahren Absichten offenbart. Folglich sucht er nach einem Ort, wo die Menschen ihre Masken ablegen und landet in einem Wellness-Resort, was eigentlich überhaupt keinen Sinn macht, da die Geschichte dort überhaupt nicht funktioniert. So stellt Giocadio (McCamley mit dem ihm ganz eigenen Sprachwitz und Humor) die Figuren zunächst in klassischen Kostümen mit Masken im Saal vor, was von den Zuschauerinnen und Zuschauern auf den Rängen gar nicht gesehen werden kann. Dann betreten die Figuren die Bühne, um ihre Kostüme abzulegen und sich moderne Kleidung anzuziehen. Dabei werden die einzelnen Charaktere noch einmal musikalisch vorgestellt, ohne dass die Chance besteht, sie sich groß einzuprägen. Colombina (Ioana Constantin Pipelea, links), Brighella (Gillen Munguia, Mitte), Rosaura (Lavinia Bini, Mitte) und Florindo (Andrew Morstein, rechts) wollen durch das Pulver Chaos verursachen. Hinter der klinisch weißen Wand zum Wellness-Resort, das in einem riesigen Fenster mal den Saal spiegelt, dann die einzelnen Figuren auftreten lässt, befindet sich eine Art Park im satten Grün. Hier sitzt der Chor in weißen Bademänteln, wobei bei Besucherinnen und Besuchern, die regelmäßig das Rossini Opera Festival in Rosetta Cucchis Heimatstadt Pesaro besuchen, direkt eine Assoziation zu den jährlich stattfindenden beiden Aufführungen von Rossinis Il viaggio a Reims geweckt wird. Während dieses Konzept in Pesaro aber durchaus Sinn macht, bleibt es in Riccis Inszenierung in Wexford völlig unverständlich. Wieso bewegen sich die Figuren des Stücks in Alltagskleidung im Park voller Gäste in weißen Bademänteln? Kommen sie gerade erst an? Einzig Brighella, der hier mit einem Bauchladen seine Pasten und Salben anpreist, macht hier Sinn. Die Rolle des Doktors ist eigentlich völlig unklar. Oder soll er der Arzt in diesem Wellness-Resort sein? Auch die krude Geschichte mit dem Pulver will in Riccis Inszenierung nicht richtig zünden. Immerhin tragen die Figuren anschließend auch weiße Bademäntel und sind nun endlich in der Wellness-Oase angekommen. Was die kopulierenden Hirsche auf der Bühne bei Rosauras und Florindos Liebes-Duett sollen, erschließt sich aber nicht. Chaos durch das Pulver: von links: Colombina (Ioana Constantin Pipelea), Spavento (Matteo Mancini), Pantalone (Mariano Orozco), Dottore Graziano (Rory Musgrave) und Brighella (Gillen Munguia) Auch die Auflösung der ganzen Intrige verpufft in der Inszenierung, wird aber vielleicht auch im eigentlichen Stück nicht ganz klar. Am Ende verwandeln sich die Figuren wieder in die klassischen Charaktere. Die Rückwand mit den riesigen Blättern und die Baumstämme auf der linken Bühnenseite werden in den Schnürboden gezogen und geben den Blick auf die Rückwand einer Theaterkulisse frei. Wir befinden uns also jetzt scheinbar im Theater, wo die Figuren ihre Commedia dell' arte aufgeführt haben, die allerdings keiner so richtig verstanden hat. Das ist zwar alles sehr nett anzusehen, trägt aber nicht über zweieinhalb Stunden.
Musikalisch erinnert das Werk stark an Puccini, auch wenn Mascagni sich stets
bemüht hat, sich von seinem Rivalen abzugrenzen. In den Passagen zwischen Rosaura und Florindo hat man allerdings den Eindruck, dass Puccini sie später für Lauretta
und Rinuccio in Gianni Schicchi verwendet hat. Einige Passagen lassen
auch eine Nähe zu Verdis Spätwerk Falstaff erkennen. Francesco Cilluffo
arbeitet die wuchtigen Melodiebögen mit dem Orchester des Wexford Festival
Orchestra mit viel Akribie und Fingerspitzengefühl heraus. Auch die Solistinnen
und Solisten lassen stimmlich keine Wünsche offen. Lavinia Bini glänzt als
Rosaura mit in den Höhen strahlendem und kraftvollem Sopran. Gleiches gilt für
Ioana Constantin Pipelea als Colombina. Andrew Morstein gibt einen
leidenschaftlichen Liebhaber Florindo, dessen kraftvoller Tenor in den Höhen
allerdings ein bisschen angestrengt klingt. Gillen Munguia legt den Händler
Brighella mit dunkel gefärbtem Tenor und witzigem Spiel an. Benoît Joseph Meier
versprüht als Arlecchino mit leichtem Spieltenor ebenfalls große Komik. Matteo
Mancini verfügt als Capitano Spavento über einen kraftvollen, virilen Bariton.
Mariano Orozco verleiht Rosauras Vater Pantalone mit profundem Bass die
erforderliche Autorität. Giorgio Caodura setzt als stotternder Tartaglia
mit sonorem Bariton komische Akzente. Rory Musgrave punktet als Dottore Graziano mit
kräftigem Bariton, auch wenn seine Funktion im Stück größtenteils unklar bleibt.
So entschädigt zumindest die musikalische Seite für die inhaltliche Schwäche des
Werkes.
FAZIT
Bei manchen Opern lohnt es sich nicht, sie wieder auszugraben. Mascagnis Le
maschere gehört sicherlich in diese Kategorie.
Weitere Rezensionen zum
Wexford Festival Opera 2024 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungFrancesco Cilluffo Inszenierung und Ausstattung Choreographie Licht Chorleitung
Orchester des Wexford Festival Opera Chor des Wexford Festival Opera
Solistinnen und SolistenGiocadio (Sprechrolle)
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- Fine -