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Moderne Tradition, traditionsverhaftete Modernevon Stefan Schmöe / Fotos © Heinrich Brinkmöller-Becker, Ruhrtriennale 2024
Diese Musik ist von eigenartiger Fremdheit: Aus einfachen, archaisch anmutenden Tonfolgen ergibt sich in der Mehrstimmigkeit ein komplexes harmonisches Gefüge. Wobei unterschiedliche Regionen ihre eigene Ausprägung entwickelt haben. Der traditionelle polyphone Gesang Georgiens zählt seid 2001 zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO. In einem Land, dessen Kultur zum einen immer wieder von Invasoren unterdrückt wurde, zum anderen diese Musik in Tonaufzeichnungen nur in unzureichendem Umfang dokumentiert ist, wird diese Kunst mehr und mehr durch das Vergessen bedroht. Auch in Georgien, so schreibt die UNESCO auf ihrer Website, verdrängt die Gleichförmigkeit einer universellen Pop-Kultur diese Musik.
Ein anderes Zeichen georgischen Kulturbewusstseins im postsowjetischen Zeitalter ist der Neubau der Dreifaltigkeitskirche in der Hauptstadt Tiflis, erbaut zwischen 1995 und 2004. Im Jahr 1998 wurde der Chor dieser Kirche gegründet, der sich der traditionellen georgischen Musikkultur verpflichtet fühlt und 2001 in den Rang des "Staatlichen Georgischen Kammerchors" erhoben wurde. Für die Ruhrtriennale, die unter dem Motto Longing for Tomorrow (Sehnsucht nach morgen) steht, kontrastiert dieser Männerchor in der Turbinenhalle hinter der Jahrhunderthalle in Bochum traditionelle georgische Musik mit zeitgenössischen Kompositionen von Zviad Bolkvadze (*1981) und Ioseb Kachakmadze (1939 - 2023).
Dabei erweist sich die Moderne, die im ersten Teil des Konzerts gesungen wird, als ziemlich gefällig und der traditionellen Harmonik verbunden, vor allem in den Kompositionen Bolkvadzes. Dissonanzen sind aparte Beimischungen. Die einst verliebten Winde vertont mit schwebenden Chorklängen einen Text von Ana Kalandadze (1924 - 2008) , Oh, die Kirschblüten nach einem japanischen Volksgedicht stellt dem Chor ein Vibraphon an die Seite, dessen Metallplatten auch mit einem Geigenbogen gestrichen werden und einen zart säuselnden Klang beimischen - und auch eine Portion Sentiment. Das Kompositionsmodell ist sehr ähnlich dem der Miniatur von Giya Kancheli (1935 - 2019) in gleicher Besetzung und beinahe identischen Klangeffekten (als Zugabe gesungen). Für alle Werke gilt: Ein Abdruck des Textes oder (da man im Halbdunkel der Turbinenhalle sowieso nichts lesen kann) besser eine kurze Einführung zu jeder Komposition, die den Inhalt umreißt, wäre ungemein hilfreich gewesen.
Vielschichtiger in den musikalischen Mitteln sind die Kompositionen von Kechakmadze, die mit den stimmlichen Möglichkeiten wie z.B. einem durch Vokalwechsel veränderten Klang spielen. Übung (besser wäre vermutlich die Bezeichnung "Etüde") verzichtet auf erzählenden Text und setzt sinnfreie Silben aneinander. Der Chor, der bei den langsamen und flächig gestalteten Stücken zwar über ein samtenes Pianissimo verfügt, aber einen leichten Grauschleier über die Intonation legt, besticht bei den schnellen Stücken durch zupackende Agilität und Präzision und durch fein nuancierte Abstufungen des Klangs. Dennoch wirkt die hier vorgeführte Moderne eher rückwärtsgewandt historisierend: Eine musikalische Gegenwart ohne rechte Aufbruchsstimmung.
Der weniger gefällige, aber aufregendere Teil des Konzerts ist der zweite mit traditioneller georgischer Polyphonie. Hier gibt der Programmzettel immerhin kurze Hinweise zum Inhalt der Stücke. Oft werden dem Chor ein oder mehrere Solisten gegenübergestellt, manchmal auch einzelne Instrumente wie im Falle eines Tanzliedes ein Dudelsack. Einen gewissen Hang zum Pathos muss man bei den meisten Solostimmen hinnehmen, mit Ausnahme des mit ungeheuer leisen und zärtlichen Tönen beeindruckenden Zviad Michilashvili. Aber die riesige Bandbreite dieser Musik sowohl inhaltlich als auch im Ausdruck ist beeindruckend. Unter dem Dirigat von Giorgi Donadze (den ersten Teil dirigiert Svimon Jangulkahvili) klingt der Chor jetzt klarer und direkter. Im Forte hat der Klang, passend zur Musik, einen metallisch scharfen, hellen Charakter, und die Übergänge zum geräuschhaften Singen sind fließend.
Die traditionelle Musik wirkt im Vergleich zu den zeitgenössischen Kompositionen des ersten Konzertteils radikaler im Ausschöpfen der klanglichen Möglichkeiten und in der Ausdruckspalette, dadurch auch sperriger. Eine dem Jodeln ähnliche Gesangstechnik etwa führt zu einer verblüffenden Verfremdung der Stimme. Der Chor imponiert durch die bestechende Präzision und große Intonationsreinheit sowie durch eine außerordentliche Flexibilität und schnelles Reagieren auf kleinste Zeichen des Dirigenten. Die beeindruckende Energie und Vitalität dieser Musik machen den Abend, der im ersten Teil seine Längen besitzt, dann doch aufregend.
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AusführendeGeorgian State Chamber Choir (Trinity Cathedral Choir)Dirigenten: Svimon (Jiki) Jangulashvili Giorgi Donadze WerkeErster Teil: Moderne georgische ChormusikDirigent: Svimon (Jiki) Jangulashvili Die einst verliebten Winde Musik von Zviad Bolkvadze (1981) Gedicht von Ana Kalandadse (1924 - 2008) Solo: Tornike Papidze Oh, die Kirschblüten Musik von Zviad Bolkvadze Japanisches Volksgedicht Solo: Vadim Shishkin (Vibraphon) Wenn man unglücklich ist Musik von Ioseb Kechakmadze (1939 - 2013) Gedicht von Yetim Gurgi (1875 - 1940) Solo: Tornike Papidze Als ich noch jung war Musik von Ioseb Kechakmadze Gedicht von Akaki Tsereteli (1840-1915) Oh, Tod, ich bin bereit Musik von Ioseb Kechakmadze Gedicht von Davit Givishvili (1850 - 1916) Mit Schnee bedeckte Villa Musik von Zviad Bolkvadze Gedicht von Terenti Graneli (1897 - 1934) Solo: Irakli Tkvatsiria Die Welt Musik von Zviad Bolkvadze Gedicht von Vazha-Pshavela Solo: Swiad Bolkvadse Übung Musik von Ioseb Kechakmadze Auf dem Weg nach Lashari Musik von Ioseb Kechakmadze Gedicht von Ana Kalandadze Zweiter Teil: Traditionelle georgische Polyphonie Dirigent: Giorgi Donadze O, Heiliger Gott (Ostgeorgien) Mittelalterlicher geistlicher Gesang Lile (Region Svaneti, Westgeorgien) Traditioneller religiöser Ritualgesang. Mravalzhamier (Region Kachetien, Ostgeorgien) Ein Trinkspruch, der viele Jahre wünscht Solisten: Tornike Papidze, Giorgi Khunashvili Odoia (Region Samegrelo, Westgeorgien) Traditionelles Arbeitslied Woher kommst du, junge Frau? (Ostgeorgien) Einer Frau gewidmetes Liebeslied Solo: Zviad Michilashvili Khasanbegura (Region Guria, Westgeorgien) Krimanchuli Stimme (Jodler): Giorgi Gabunia Ein patriotisches Kampflied Namgluri (Östliches Georgien) Solo: Giorgi Khunashvili Ein Lied über landwirtschaftliche Arbeiten, das wärend der verschiedenen Phasen der Ernte gesungen wurde und diese beschreibt Gandagana (Region Adscharien, Westgeorgien) Solisten: Giorgi Khunashvili, Elizbar Khachidze (Dudelsack) Ein festliches Tanzlied Chela (Region Samegrelo, Westgeorgien) Solisten: Irakli Tkvatsiria Zviad Michilashvili Ein lyrisches traditionelles Arbeitslied Tschakrulo (Ostgeorgien) Solisten: Tornike Papidze, Giorgi Khunashvili Ein episch-patriotisches kachetisches Lied Schemokmedura (Region Guria, Westgeorgien) Solisten: Giorgi Gabunia, Elizbar Khachidze (Jodler) Landarbeit-Liedwettbewerb zwischen zwei Gruppen und Jodlern Zugabe: Giya Kancheli (1935 - 2019): Miniaturen Gedicht von Galaktion Tabidze (1891 - 1959) Solisten: Vadim Shishkin (Vibraphon), Zviad Michilashvili Dirigent: Svimon (Jiki) Jangulashvili weitere Berichte von der Ruhrtriennale 2024 - 2026 Homepage der Ruhrtriennale Die Ruhrtriennale in unserem Archiv |
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