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Viel Engagement für ein schwaches Stück Von Christoph Wurzel / Fotos: © Monika Rittershaus Von den zehn Opern Peter Tschaikowskys sind hierzulande eigentlich nur zwei fester Bestandteil im Repertoire der Opernhäuser geworden: Eugen Onegin und Pique Dame. Bisweilen taucht Die Jungfrau von Orleans einmal auf einer Bühne auf oder der Einakter Jolanthe. Die übrigen Opern Tschaikowskys sind so gut wie unbekannt. Mazeppa, das Werk aus seiner mittleren Schaffensperiode, gehört zu dieser Gruppe. In Russland ist es wegen des nationalpatriotischen Inhalts beliebt, außerhalb hatte die Oper seit ihrer Uraufführung 1883 am Bolschoi-Theater nur wenig Erfolg. Und das ist auch nicht verwunderlich, denn diese Oper kann man eigentlich nicht als besonders gelungen betrachten. Das Libretto von Viktor Burenin ist eine vom Komponisten wesentlich beeinflusste Bearbeitung eines Versepos von Alexander Puschkin, das von der Niederlage des Hetman (Heerführers) der Ukraine-Kosaken Mazeppa gegen Peter I., den Reformzaren zu Beginn des 18. Jahrhunderts, handelt. Ursprünglich mit ihm verbündet, wandte sich der Hetman vom Zaren ab und strebte nach Unabhängigkeit seines Gebiets. 1709, in der Schlacht von Poltawa (so auch der Titel von Puschkins Poem) unterlag er aber mit seinen Leuten und floh ins Osmanische Reich. In der Überlieferung geht Mazeppa der Ruf eines unberechenbaren und brutalen Machthabers voraus, aber in verschiedenen Künsten taugte er durchaus zur Heldenverehrung. Franz Liszt widmete ihm eine sinfonische Dichtung und Peter Tschaikowski eben diese Oper. Olga Peretyatko (Maria) und Vladimir Sulimsky (Mazeppa) mit den Berliner Philharmonkern und dem Rundfunkchor Berlin unter der Leitung von Kirill Petrenko Die geschichtlichen Vorgänge sind wie meistens in Opern auch hier lediglich die Folie, auf der private Konflikte abgebildet werden. Die junge Gutsherren-Tochter Maria hat sich in den wesentlich älteren Mazeppa (ihren Taufpaten) verliebt und verlässt für ihn gegen den ausdrücklichen Willen der Eltern Haus und Hof. Aus Rache schwärzt ihr Vater den Hetman wegen angeblicher Separationspläne beim Zaren an. Mazeppa lässt daraufhin den Vater foltern, hinrichten und dessen Gut verwüsten. Desillusioniert löst sich Maria von Mazeppa, der inzwischen in der Schlacht vom Zaren besiegt wurde. Auf der Flucht begegnet er Andrei, der auf zaristischer Seite gekämpft hat und Maria seit beider Jugendtage liebt. Eifersüchtig stürzt sich Andrei auf den Widersacher, doch dieser streckt ihn mit der Pistole nieder. Andrei stirbt in den Armen der wahnsinnig gewordenen Maria. Ist der Plot an sich schon klischeebeladen genug, so fehlt es dem Libretto zusätzlich an dramaturgischer Geschlossenheit. Aufgrund vieler Leerstellen wirkt der Handlungsverlauf sprunghaft und wenig schlüssig, was vielleicht in einer Inszenierung ausgeglichen werden könnte, sich bei dieser (der Pandemie geschuldeten) konzertanten Aufführung aber als besonderer Nachteil erwies. Zudem sind die Charaktere nicht überzeugend gezeichnet. Marias Schwärmerei für Mazeppa wird nicht glaubhaft entwickelt. Mazeppas Haltung ist widersprüchlich. In einem langen Arioso monologisiert er von seiner Liebe zu Maria, gleichzeitig unterzieht er ihren Vater schlimmster Torturen. Bis auf den jungen Andrei, dessen Liebe von Maria barsch zurückgewiesen wurde, sind die Protagonisten negative Helden, was die Identifikation mit ihrem Schicksal erschwert. Dies gilt auch für den rachedürstigen und denunziatorischen Vater Marias, für den Tschaikowski eine große Kerkerszene komponiert hat. Die tragische Attitüde der Musik vermag nicht so recht zu fesseln, da die Fallhöhe nicht groß genug ist. Aber Kirill Petrenko und den Philharmonikern gelingt es, der nicht allzu inspirierten Musik noch einige Zugkraft zu verliehen. Vor allem in den folkloristischen Einlagen und sinfonischen Zwischenspielen wie dem pompösen Schlachtengemälde inklusive der pathetischen Zarenhymne gelingen dem Rundfunkchor Berlin und den bestens präparierten Philharmonikern Orchester effektvolle Momente. Das gesamte Ensemble der Aufführung Gesungen wird an diesem Abend auf hohem Niveau. Olga Peretyatko singt die Partie der Maria mit warmer Tongebung und vor allem im Piano ("Ich liebe ihn!") ausnehmend schön. Stimmlich machtvoll, gestalterisch aber so unentschieden wie sein Rollenprofil es eben vorsieht, präsentiert sich der Bariton Vladimir Sulimsky als Mazeppa, vermag aber stimmlich die Zwiespältigkeit dieser Figur kaum zu beglaubigen. In seiner vehement ablehnenden Haltung gegenüber dem Entschluss Marias kann dagegen als ihr Vater Kotschubei der Bariton Dmitry Ulyanov überzeugen. Vergeblich versucht auch die Mutter (Oksana Volkova, Mezzosopran), Maria von Mazeppa abzubringen. Emphatisch dringt Andrei auf die junge Frau ein. Der Tenor Dmitry Golovnin bringt für diese Rolle den nötigen Schneid mit. Da die Tessitur der Rolle an den meisten Stellen aber sehr hoch liegt, klingt die Stimme in der Höhe eng und gepresst, in der mittleren Lage aber angenehm und abgerundet. Eine glänzende Einlage gibt Alexander Kravets als betrunkener Kosak. Er bringt auch mit der gestischen Gestaltung seiner Rolle als Einziger Lebendigkeit in die Riege der Sängerinnen und Sänger. Am Schluss singt Maria für Andrei, der sterbend in ihren Armen liegt, ein inniges Wiegenlied. So verklingt die Oper leise und unspektakulär und letztendlich doch noch ein bisschen anrührend. Mit diesem musikalisch schön gestalteten Finale konnten Sängerin und Orchester dann doch über manche Schwächen dieser Oper hinweg trösten. Fazit Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker haben sich für Mazeppa gehörig ins Zeug gelegt. Die Oper konnte damit allerdings kaum rehabilitiert werden. Im kommenden Jahr wollen sie zu Ostern Pique Dame und Jolanthe nach Baden- Baden bringen - und dies auch szenisch. Das dürfte, gleiches Engagement vorausgesetzt, ungleich größeres Interesse hervorrufen.
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Ausführende
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Solistinnen und Solisten
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