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Optimistischer als vor 20 Jahren
Rolf Stiska (75) scheidet zum Ende der laufenden Spielzeit als Chef der Theater, Oper und Orchester GmbH in Halle aus. Diese Konstruktion vereint Staatskapelle, Oper, Neues Theater, Thalia Theater, Puppentheater und Ballett unter einem Dach. Wenn man den Mann erlebt, kommt einem das Wort Ruhestand nicht in den Sinn. Doch in Halle hat sein Nachfolger und mit Florian Lutz ein neuer (von Stiska mit ausgesuchter und befürworteter) Opern-Intendant die nächste Spielzeit vorgestellt. Für Stiska endet damit etwas, was nach seiner Zeit als erfolgreicher Generalintendant in Chemnitz von 1992 bis 2006 als Zweijahresjob zur GmbH-Gründung begann und sich zu einem weiteren Jahrzehnt an der Spitze eines mitteldeutschen Stadttheaters auswuchs. Schon wegen dieser beiden Leitungsaufgaben gehört er zu denen, die aus eigener Erfahrung bestens beurteilen können, wie es um das deutsche Stadttheatersystem, seine Gefährdungen und Potenziale steht.
OMM:
Herr Stiska - zehn Jahre Halle und davor 14 Jahre Chemnitz - gibt ess Unterschiede zwischen den Städten?
Stiska:
Ja klar. In Chemnitz ist es mit der Wiedereröffnung des Opernhauses 1992 tatsächlich gelungen, die die Stadt tragende Bevölkerung ins Haus zu kriegen. Die Chemnitzer machten sich fein und kamen. Wir hatten dort schon einen Opernball, als es das in Dresden noch nicht gab. Und das funktioniert immer noch, trotz steigender Preise. OMM:
Also braucht es einen radikalen Neuanfang in der Oper? Stiska:
Wenn man hier eine Veränderung will, dann muss man wohl etwas ganz anderes versuchen. So wie Florian Lutz und seine Mannschaft das jetzt vorhaben. Ob es funktionieren wird, weiß ich auch nicht. Das Konzept ist erstmal toll. Das wird sicher auch Leute verschrecken und es müssen neue kommen. Aber es wird die Oper auf jeden Fall stärker in die Diskussion bringen. Dass das streitbar wird, ist Absicht. Das muss so sein. OMM:
Und warum ist in Chemnitz ist die Oper etablierter? Stiska:
Als ich nach zehn Jahren das erste Mal wieder dort war, habe ich festgestellt, dass da dieselben Leute stehen und auch noch genauso aussehen! Also ja, es funktioniert.
Man muss in einer Stadt wie Chemnitz das richtige Maß finden. Da hab ich auch meine Kritikpunkte gehabt.. OMM:
… aber einen Wagnerzyklus, der den ganzen Bayreuther Kanon umfasst, muss man erstmal hinkriegen … Stiska:
Ja, nach dem Tannhäuser wollte das alle. Beinahe wäre unser Ring sogar der erste Ring in China geworden. Da hat uns die Stadt etwas im Stich gelassen und es fehlten am Ende ein paar Hunderttausend. Man kann eben nicht alles haben. OMM:
Haben Sie sich da oft eingemischt? Stiska:
Zumindest habe ich mir selbst immer Zurückhaltung auferlegt. In Halle bin ich eh vor allem für die Geschäfte zuständig und die künstlerischen Leiter agieren selbständig. Aber es ist schon die Versuchung da, sich einzumischen. In Chemnitz habe ich mit den Schauspieldirektoren vor allem den Spielplan abgestimmt. In der Oper war das etwas anders. Von den Dramaturgen habe ich immer erwartet, dass sie alles wissen, gesehen haben und Vorschläge machen. Da das aber nur im Ausnahmefall so war, wollte ich dann möglichst immer mehr wissen als die Dramaturgen…. OMM:
Wenn Sie zurückschauen, welche Position hat Ihnen mehr Spaß gemacht? Stiska:
Na schon Chemnitz. Da konnte ich über 15 Jahre selbst etwas gestalten. Aber eine zu lange Zeit bringt dann auch Routine, die nicht gut ist. OMM:
Fällt es schwer zu gehen? Stiska:
Man geht schon ungern weg. Das war in Chemnitz so und hier haben auch viele gesagt: Bleiben Sie doch noch. Und man lässt sich ja auch überreden. Und dann ist es ja auch so, dass die Ensembles immer Angst vor Veränderungen haben. OMM:
Sie waren zehn Jahre nicht in Chemnitz, haben Sie gesagt - hatten Sie ein Problem mit dem Weggang dort? Stiska:
Nein, gar nicht, ich wollte nur nicht dauernd auf meine Zeit dort angesprochen werden - so nach dem Motto: "Bei Ihnen war …." OMM:
Wie sieht ihre Bilanz für das Jahrzehnt in Halle aus? Stiska:
Der Ansatz war ja die Einsicht, dass das Theater so, wie es war, immer unfinanzierbarer wurde. Wie geht eine Stadt damit um, ohne selbst Leute zu entlassen? Es wurde also eine GmbH gegründet, und die sollte das übernehmen, was die Stadt nicht machen wollte. Das Einzige war der Beschluss, die beiden Orchester zu fusionieren. Danach waren es immer noch 152 Musiker. Im deutschlandweiten Vergleich ist das sehr viel und im Grund nicht vermittelbar. Als ich da gesagt habe, das muss noch kleiner werden, bekam ich von allen Seiten Prügel. Da war ich der Feind und der Böse. Aber schauen Sie heute: Wir haben das ganz gut hinbekommen. Da die Politik 152 Musiker versprochen hatte, musste ich sagen: "Es hat sich ergeben, dass Politik nicht immer verlässlich ist." Dann gab es den Stadtratsbeschluss mit 99 Musikern - da hab ich gesagt, mit Entlassungen nach Sozialkriterien geht das gar nicht. So haben wir als Alternative den Haustarifvertrag auf 7 Jahre verhandelt. So was gibt es kaum irgendwo. Niemand musste entlassen werden und es sind immer noch real über 130 Musiker. Seither steht das Orchester hinter mir. OMM:
War dieser Abbau verkraftbar, weil das ererbte Ausgangsniveau aus DDR-Zeiten, verglichen mit heute, so hoch war? Stiska:
Ja klar. Am Orchester sieht man das exemplarisch. Erstaunlich ist, dass es noch so lange nach der Wende mit zwei Orchestern funktioniert hat. OMM:
Hinterlassen Sie ein, wie man so sagt, geordnetes Haus? Stiska:
Sagen wir so: Wir stehen nicht schlecht da, was die Ausstattung und die personellen Möglichkeiten betrifft. Sicher, es reicht nie und gemessen an dem, was wir machen, ist der Rahmen eng. Auch die Frage, wie viel eigentlich gut ist für eine Stadt, kann keiner wirklich beantworten. Man kann da immer nur anbieten. Das Puppentheater und das Neue Theater laufen gut. Da muss die Oper in Halle auch wieder hin. OMM:
Herr Stiska, hat das Stadttheater eine Zukunft? Stiska:
Ja. Das Stadttheater ist etwas funktionierendes, lebendiges und anpassungsfähiges.
Als wir in Sachsen Anfang der 90er Jahre das Kulturraumgesetz gemacht haben, dachte ich: Die kleineren Bühnen in Annaberg oder Döbeln werden sich unmöglich halten können. Wenn sie heute schauen: Es ist alles noch da. Als man Freiberg schließen wollte, gab es einen Riesenaufschrei in der Bürgerschaft. Mit Erfolg. Das ist doch toll. In den Kommunen haben sie begriffen, dass das, was an Theater da ist, zu dem gehört, was eine Stadt ausmacht. Ich bin in dieser Beziehung heute optimistischer als vor 20 Jahren. Man muss aber aufpassen, wie man damit umgeht und wie man auf die Stadt eingeht. Und da habe ich, auch nach 40 Jahren, kein Patentrezept. Man darf nur den eigenen Anspruch und die Leute nicht aufgeben! OMM:
Und wie ist es mit dem bei der Kultur eingebauten Finanzierungsdefekt? Stiska:
Da gibt es, bei aller Kritik am Theaterfördervertrag 2014-18, eine positive Veränderung: erstmals enthält der eine Dynamisierung. Wir bekommen 2% für die Tarifsteigerungen und die Stadt schließt sich an. 2014 haben wir das noch nicht bekommen - wegen der "Hausaufgaben". Aber mit dem Haushaltsplan 15/16 ist das fest vereinbart. Von den 2,4 % aktueller Steigerung wird also der größte Teil abgefangen. Das ist wirklich positiv. OMM:
Ziehen Sie insgesamt also ein eher bitteres Fazit? Stiska:
Nein, keineswegs. Man muss schon was aushalten in einer Position wie in Halle. Wo mir der Oberbürgermeister ja öffentlich unterstellt hatte, ich wolle gar nichts ändern und mich sogar aufforderte, Insolvenz anzumelden. Das war der Tiefpunkt unserer Beziehung. Von da an hat es sich verbessert, ja geradezu gedreht. |
![]() Rolf Stiska
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- Fine -