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Volker Hagedorn:
Flammen
Eine europäische Musikerzählung 1900-1918


Musik und Gesellschaft in Zeiten des Umbruchs

Von Johannes Vesper

Den Titel dieses Buches übernimmt Volker Hagedorn von Franz Schrekers gleichnamiger Oper (1902), die von Leidenschaft, Liebe und Seelenbrand "in glühendem Rot" handelt, während zur gleichen Zeit Siegmund Freud an gleichem Ort (Wien!) Seele und Psyche sprachlich analysiert. Damals brach die die Moderne voll aus. Pferdebahnen wurden von elektrischen Straßenbahnen und Kutschen durch Autos ersetzt. In Berlin fuhren damals schon Elektrodroschken. In Paris baute man den Eiffelturm und die Metro.

In dieser Zeit startet die musikalische Erzählung Volker Hagedorns. Er schreibt über die Entwicklung der Musik, wie sie seit dem Tristanakkord 40 Jahre zuvor erwartet worden war, berichtet über Gustav Mahler, Alban Berg und Arnold Schönberg und dessen Beziehungskatastrophe. Der Maler Richard Gerstl, sein Lehrer in der Malerei, hatte mit Schönbergs Frau ein Verhältnis, und der hatte die beiden ertappt. Das zweite Streichquartett mit dem berühmten Thema "Ach du lieber Augustin, alles ist hin" war da schon fast fertig. Aufgrund des Streichquartetts mit dem Lied aus dem Jahr 1679 (Türken vor Wien) avancierte der Komponist zum meistausgezischten der Zeit. Jedenfalls scheint die Auflösung von Harmonik und das Aufkommen der Atonalität eher als Folge denn Ursache des Seitensprungs von Ehefrau Mathilde gedeutet werden zu müssen. Bei der Uraufführung 1908 kam es zu tumultartigem Gebrüll, Pfeifen, Auslachen. In der antisemitischen Presse Wiens schrieb man schon von "entarteter Musik". Solche Musik könne man allenfalls komponieren, aber nicht aufführen, hieß es da.

Unser Autor interessiert sich vor allem für Menschen jenseits akademischer Welt- und offizieller Musikgeschichte, so auch für die Malerei der Zeit und damit natürlich auf für Schönberg als Maler, der als Person ja gleichsam für die frappierende zeitliche Parallelität zwischen der Atonalität der Musik und der Abstraktion in der Malerei steht. Die entwickelte sich von Hilmar af Klint (1906) über Wassili Kandinsky (1910), mit dem er befreundet war, und František Kupka (1912) bis hin zum schwarzen Quadrat Malevitschs (1915), wobei Volker Hagedorn die Vielseitigkeit des malerischen Werkes von Arnold Schönberg nur streift.

Unter dem Antisemitismus der Zeit hatte nicht nur Schönberg zu leiden; er wurde wegen seines Judentums aus einem österreichischen Urlaubsort verbannt. Norderney warb mit judenfreien Hotels und Frankreich zerbrach gesellschaftlich an der Dreyfus-Affäre. In der Politik spielten Frauen noch keine Rolle, und die durchweg männlichen Politiker "schlafwandelten" bei zunehmendem Nationalismus auf den 1. Weltkrieg zu. Bei der ausgiebig recherchierten Geschichte der Zeit handelt es sich nicht um ausschließlich wissenschaftliche Musikgeschichte, sondern eher um Gesellschaftsgeschichte, die unter dem Aspekt der Musik behandelt wird.

Hagedorn wurde zu seinen Erzählungen angeregt von einem Foto, welches fast an Manet erinnert und Claude Debussy in weißem Anzug mit seiner elfjährigen Tochter Chouchou auf lichtem Waldboden beim Frühstück sitzend zeigt. Anhand von Claude Debussy (1862-1918) und der temperamentvollen wie exzentrischen Ethel Smith (1848-1944) wandert der Autor durch die Zeit zwischen 1900 und 1918. Die eher unbekannte englische Komponistin hatte schon 1892 ihre große Messe in D in der Royal Albert Hall vor 5000 Zuhörern uraufgeführt. Der 37jährige Musikkritiker G. B. Shaw fand das Dvořak'sche dagegen tatsächlich mechanisch und langweilig und fürchtete die Eroberung der Musik (vor allem wohl der Musikkritik?) durch die Frauen. Die Messe hatte Smith im Jahr davor zuvor auf ihrem Törn mit der Witwe von Napoleon III. durchs Mittelmeer komponiert, hatte dabei auf Lampedusa dessen Fürsten besucht, der als Der Leopard sogar in die Literaturgeschichte einging. Von der heutigen Migrationskatastrophe war damals auf der Insel noch keine Rede. 1902 wurde in London Ihre Oper Der Wald uraufgeführt, nahezu gleichzeitig Debussys Pelleas et Melisande in Paris. Mit dieser Geschichte märchenhafter Liebe, herzzerreißender Eifersucht unter Brüdern und eines von einem Kind beobachteten Ehebruchs emanzipierte sich Claude Debussy musikalisch von Richard Wagner und "befreit die französische Musik von Wagners Unterdrückung". Für ihn lebte Wagner mit dem berühmten Tristanakkord, ironisch gebrochen, nur weiter im eigenen Ragtime für Klavier (Golliwogg`s cake walk in Childrens corner). Bei Debussy verschwand die Harmonie nicht, aber spätesten in La Mer immerhin die Melodie. Für ihn bestand die Musik aus "Farben und rhythmisierter Zeit".

Wie sich Ethel Smith dem Feminismus zuwandte, Steine in Londons Luxusgeschäfte warf, und sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zur Radiologieassistentin ausbilden ließ, um mit mobilem Röntgengerät den Militärärzten bei der Kriegschirurgie helfen, das alles liest sich ebenso spannend und interessant wie die Krankheitsgeschichte Debussys mit seinem langjährigem Dickdarmkarzinom. Der Unglückliche wollte "in der Gesellschaft von Bäumen und Vogelgezwitscher" begraben werden, tatsächlich fand sein Begräbnis auf dem Friedhof von Passy in Paris am Ende des Krieges unter Artilleriebeschuss statt. Nahezu gleichzeitig probte im Elsass der 22jährige Paul Hindemith in Uniform der Reichswehr mit soldatischen Kammermusikpartnern Debussys Streichquartett op. 10. Sie spielten es ihrem Kommandeur, dem Grafen Kielmansegg, vor. Bei einer Probe unter Gefechtslärm kam die Nachricht vom Tode Claude Debussys. "…jetzt ist's für immer Nacht" schrieb da die inzwischen zwölfjährige Chouchou.

Die Mischung aus Fiktion und Tatsachenbericht, aus fundierten Musikanalysen und gewaltigem Musikertratsch macht diese informative literarisch-historische Erzählung sehr lesbar. Kurz, das Buch ist dem Musikinteressierten ans Herz zu legen. Ein umfangreiches Literatur- und Namensregister erleichtert die Orientierung im Buch, die Gegenüberstellung der Kaufkraft von Mark, Franc und Krone den Vergleich mit heutigen Verhältnissen.

(Dezember 2023)



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Cover


Volker Hagedorn
Flammen
Eine europäische Musikerzählung 1900-1918


Gebundenes Buch mit Lesebändchen,
448 Seiten, 25 Abbildungen
Rowohlt Verlag Hamburg 2022
ISBN 978-3-498-00201-5
€ 32,-

Weitere Informationen unter:
rowohlt.de



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