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Angel's Bone

Oper in einem Akt
Libretto von Royce Vavrek
Musik von Du Yun

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1 h 20' (keine Pause)

Premiere in der Alten Glaserei in Wuppertal am 1. September 2023


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Ernstes Thema metaphorisch verpackt

Von Thomas Molke / Fotos:  Daniel Senzek

Ab der Spielzeit 2023/2024 übernimmt Rebekah Rota die Intendanz der Oper Wuppertal und beginnt in einer nicht ganz einfachen Ausgangssituation. Das Opernhaus ist nämlich zunächst einmal 12 Wochen für den Vorstellungsbetrieb gesperrt, um die Schäden, die das Hochwasser im Juli 2021 verursacht hat, weiter zu beheben. Aber Rota lässt sich von solchen widrigen Bedingungen nicht entmutigen. Für die Eröffnungspremiere hat sie eine Außenspielstätte gesucht und mit der Alten Glaserei an der Nordbahnstraße, unweit von Utopiastadt am Mirker Bahnhof eine ehemalige Industriehalle gefunden, die zwar vielleicht für auswärtige Besucher*innen nicht gerade leicht zu erreichen und zu finden ist, für die ausgewählte Produktion aber ein eindrucksvolles Ambiente schafft. Auf dem Programm steht nämlich die zeitgenössische Oper Angel's Bone der chinesischen Komponistin Du Yun. Das Werk wurde am 6. Januar 2016 beim Prototype Festival in New York City uraufgeführt und 2017 mit dem Pulitzer Preis in Musik ausgezeichnet. Nach einer Produktion in Augsburg in der vergangenen Spielzeit ist Wuppertal das zweite Haus in Deutschland, das dieses Werk auf den Spielplan stellt.

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Girl Angel (Anna Angelini) und Boy Angel (Jason Lee) landen auf der Erde im Garten von Mr. und Mrs. X.E.

Yun behandelt in ihrer insgesamt zweiten Oper ein ernstes, aber auch heute noch sehr relevantes Thema: moderne Sklaverei und Menschenhandel. Erzählt wird die Geschichte des Ehepaares Mrs. und Mr. X.E. Dabei wirft bereits der Name Fragen auf. Steht er für ein x-beliebiges Paar oder handelt es sich um eine Abkürzung? Denkbar wäre, dass E. für den paradiesischen Garten Eden steht, aus dem die Menschen einst vertrieben worden sind, also gewissermaßen eX Eden. Jedenfalls landen eines Tages im Garten dieses frustrierten Ehepaares zwei Engel, die von ihrer langen Reise erschöpft sind. Das Ehepaar beschließt aus Angst, dieses göttliche Geschenk wieder zu verlieren, den Engeln die Flügel zu rupfen und sie zu domestizieren. Besucher*innen von nah und fern werden eingeladen, um gegen eine großzügige Spende die Engel zu betrachten. Dabei werden die Engel immer mehr ausgenutzt und die Menschen immer übergriffiger. Mr. X.E. misshandelt den weiblichen Engel, während Mrs. X.E. glaubt, mit einem Engelskind schwanger zu sein und sich als Reinkarnation der heiligen Mutter Maria betrachtet. Mr. X.E. bereut seine Taten und will den Engeln ihre Flügel zurückgeben. Doch es ist zu spät. Er stirbt, während seine Frau die Engel gehen lässt. Als Gast in einer Fernsehshow präsentiert sie sich anschließend selbst als Opfer und erweist sich im Scheinwerferlicht als geborene Schauspielerin. Doch ihr Gewissen klopft schließlich ohrenbetäubend an die Tür und entlarvt sie als Lügnerin.

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Mrs. X.E. (Edith Grossman) starrt gebannt auf den Fernseher (rechts und links: der Opernchor).

Sammy van den Heuvel hat in der Alten Glaserei einen beklemmenden Bühnenraum geschaffen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Das Publikum schließt die Bühne, die aus einem T-förmigen Steg besteht, in drei Blöcken von zwei Seiten ein. Unter dem Steg befindet sich ein Gang, der wie ein langer Käfig wirkt. Hier werden die Engel, nachdem ihnen die Flügel gerupft worden sind, zunächst eingesperrt. Während in der Oper eigentlich nur drei Engel, ein Girl Angel, ein Boy Angel und ein Archangel, vorkommen, führt Regisseurin Jorinde Keesmaat noch mehrere Statistinnen ein, die ebenfalls als "Ware Engel" gehandelt werden. Der lange Gang unter dem Steg steht vielleicht für den beschwerlichen Weg, den Menschen auf der Suche nach einer besseren Zukunft über Schleuserbanden auf sich nehmen. Auf der rechten Seite des Stegs befindet sich ein Sessel. In ihm sitzt Mrs. X.E. zu Beginn des Abends und verfolgt eine Show im Fernseher, der nur durch ein Flackern in der Beleuchtung angedeutet wird. In der Mitte des Stegs befindet sich eine Art Schrank. Hier bereitet Mrs. X.E. nach dem Auftritt ihres Mannes das Essen vor. Darauf wird später auch der Girl Angel von Mr. X.E. grausam misshandelt.

Das Sinfonieorchester Wuppertal ist auf einem Podest in der Nähe des Eingangs untergebracht. Wenn die Zuschauer*innen kurz vor Beginn der Vorstellung in den Saal gelassen werden und sich durch das Dunkel auf die drei Blöcke verteilen, ist der von Ulrich Zippelius einstudierte Opernchor der Wuppertaler Bühnen bereits im Einsatz, kauert sich von allen Seiten an den Steg und stößt unartikulierte Laute aus. Man hat das Gefühl, dass die Chorsänger*innen sich durch die Gänge zu verständigen suchen. All das schafft eine leicht unheimliche Atmosphäre. Wenn das Stück dann beginnt, geht der Gesang des Chors in eine Art Choral über, und die Chorsänger*innen besteigen ein Podest, das sich neben dem Orchester befindet. Yuns Musiksprache vereint auf unkonventionelle Weise Elemente aus Klassik, Punkrock, Kabarett und Elektronik und ist dabei in ihrer Poesie ähnlich schonungslos wie die Handlung des Stückes.

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Mr. X.E. (Zachary Wilson, links) und Mrs. X.E. (Edith Grossman, auf dem Steg in der Mitte) preisen den Besucher*innen (auf der rechten Seite von links: Ja-Young Park, Marco Agostini und Andreas Heichlinger aus dem Opernchor) die Engel (Statisterie) an.

Das Publikum bleibt keineswegs nur in der Rolle der Betrachtenden. Durch die Nähe zum Geschehen auf der Bühne wird es stellenweise in die Handlung direkt mit einbezogen. Wenn das Ehepaar X.E. Besucher*innen einlädt, die Engel zu betrachten, verteilt beispielsweise Mrs. X.E. im Saal Zettel mit der Telefonnummer, unter der man einen Termin buchen kann. Im weiteren Verlauf gibt es zur Feier der Veranstaltung auch Sekt. Wenn Mrs. X.E. am Ende selbst Teil einer Fernseh-Show wird, nimmt sie im Publikum Platz und beantwortet quasi wie eine Zuschauerin die ihr gestellten Fragen. Insgesamt bleiben jedoch die TV-Szenen sehr abstrakt. Vielleicht spielen sie sich genauso in Mrs. X.E.s Kopf ab wie die Videoprojektionen, mit denen Frouke ten Velden Einblick in Mrs. X.E.s Inneres gewährt. Zwar stilisiert sich Mrs. X.E. auch auf der Bühne mit einem langen blauen Tülltuch als Madonna. Die Videoprojektionen zeigen sie dabei jedoch noch viel hehrer und später auch mit dem Engelskind schwanger. Am Ende machen sie allerdings auch deutlich, wie das eigene schlechte Gewissen Mrs. X.E. heimsucht und ihr falsches Spiel offenbart.

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Mrs. X.E. (Edith Grossman) stilisiert sich als Madonna (auf der linken Seite Mr. X.E. (Zachary Wilson) mit einem gerupften Engelflügel).

Mit Edith Grossman, Jason Lee und Zachary Wilson kann man an diesem Abend bereits drei Solist*innen kennenlernen, die bereits jetzt oder im Falle von Wilson ab 2024 zum neuen Wuppertaler Ensemble gehören. Grossman überzeugt als Mrs. X.E. mit einem satten Mezzosopran und intensivem Spiel. Eindrucksvoll gibt sie die frustrierte Ehefrau, die durch die Engel zunächst neue Hoffnung schöpft, sie dabei jedoch schonungslos für ihre eigenen Zwecke ausnutzt. Dabei gelingt ihr der Wechsel zur stilisierten Heiligen sehr glaubhaft, bevor sie am Ende an ihrer Schuld zerbricht. Yun findet für den Schluss einen schonungslosen Klang, der zunächst unerträglich wird und dann abrupt abbricht. Lee überzeugt mit weichem Tenor als geschundener Boy Angel, der von einem "Female customer" (Banu Schult aus dem Opernchor) missbraucht wird. Wilson punktet als Mr. X.E. mit kraftvollem Bariton, der sich zunächst von seiner Frau lenken lässt, sich dann jedoch rücksichtslos an dem Girl Angel vergreift. Eindrucksvoll wird seine Reue in Szene gesetzt. Vier vermummte schwarze Gestalten aus dem Chor suchen ihn regelrecht heim und sperren ihn in einen von dem Steg gelösten Käfig. Über ihm hängt dabei eine Art Felsen von der Decke herab.

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Mr. X.E. (Zachary Wilson) missbraucht den Girl Angel (Anna Angelini).

In den weiteren Rollen sind Anna Angelini und Gerben van der Werf als Gäste zu erleben. Angelini gibt den Girl Angel mit zartem Sopran sehr verletzlich. Ihre Misshandlung spielt sie überzeugend aus. Hierbei möchte man am liebsten wegschauen, weil die Brutalität der Szene kaum zu ertragen ist. Genauso gnadenlos wie das Geschehen auf der Bühne ist dabei die Musik von Yun, die Johannes Witt mit dem Sinfonieorchester Wuppertal so direkt herausarbeitet, dass Weggucken allein nicht reichen würde. Hier müsste man auch weghören, um diese Bilder aus dem Kopf zu bekommen. Van der Werf stattet den Archangel mit leuchtendem Countertenor aus, der in Keesmaats Inszenierung genauso zur "Ware Engel" wird wie die anderen Figuren. Der von Ulrich Zippelius einstudierte Chor überzeugt nicht nur durch Homogenität sondern auch in kleineren Solopartien. So kann man die Eröffnungspremiere der neuen Intendantin als durchaus gelungen bezeichnen, auch wenn es sich dabei wirklich um harte Kost handelt, auf die sich das Premierenpublikum allerdings einlässt.

FAZIT

Rebekah Rota macht zum Auftakt ihrer Intendanz das Beste aus der schwierigen Situation und findet mit der Alten Glaserei eine mehr als geeignete Spielstätte für einen ernsten, aber gelungenen Einstand.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Johannes Witt

Inszenierung
Jorinde Keesmaat

Bühne und Kostüme
Sammy van den Heuvel

Video- und Lichtdesign
Frouke ten Velden

Choreographie
Pascal Merighi

Choreinstudierung
Ulrich Zippelius

Dramaturgie
Lalina Goddard

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Opernchor der
Wuppertaler Bühnen

Statisterie der 
Wuppertaler Bühnen


Solistinnen und Solisten

Mrs. X.E.
Edith Grossman

Mr. X.E.
Zachary Wilson

Girl Angel
Anna Angelini

Boy Angel
Jason Lee

Archangel
Gerben van der Werf

Man on TV
Marco Agostini

The female customer
Banu Schult

TV Host
Anna-Christine Heymann

Customers
Marco Agostini
Tanja Ball
Katharina Greiß
Andreas Heichlinger
Ja-Young Park
Giorgi Davitadze /
Oliver Picker

 

 


Weitere Informationen
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