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La Bohème

Oper in vier Bildern
Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica
Musik von Giacomo Puccini

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 20' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus am 18. November 2023


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Künstler-Milieu im Neonlicht

Von Thomas Molke / Fotos: Volker Beushausen

Giacomo Puccinis La Bohème zählt nicht nur zu den populärsten Opern aller Zeiten, sondern stellt auch vielleicht das "persönlichste" Werk des in Lucca geborenen Komponisten dar. Zwar befand er sich zum Zeitpunkt der Komposition keineswegs in dem ärmlichen Milieu, in dem die Geschichte spielt, und galt seit seinem Erfolg mit Manon Lescaut 1893 als finanziell unabhängiger, etablierter Komponist. Trotzdem war er am 10. Dezember 1895 einer der Mitbegründer des "Club La Bohème", der sich von diesem Zeitpunkt an beim Kartenspiel und anderen Aktivitäten einem Leben widmete, wie es Henri Murger in seinem 1851 publizierten Roman Scènes de la vie de bohème beschrieben hatte. Ob Puccinis Zeit als junger armer junger Musikstudent wirklich in der ärmlichen Mansarde widergespiegelt wird, in der die Oper beginnt, darf jedoch bezweifelt werden. Puccini war auch nicht der einzige Komponist, der sich für eine Vertonung entschied. Ruggero Leoncavallo arbeitete zeitgleich an dem Stoff, behauptete sogar, ihn Puccini zuvor vorgeschlagen zu haben, was dieser abgelehnt habe. Puccini dementierte, und es kam zum Zerwürfnis zwischen den beiden ehemaligen Freunden. Puccinis Oper kam dann 15 Monate vor Leoncavallos Werk am 1. Februar 1896 in Turin zur Uraufführung und trat nach einer Vorstellungsserie 1896 im April in Palermo einen Siegeszug um die ganze Welt an, während Leoncavallos Vertonung schnell in Vergessenheit geriet.

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Frieren in der Mansarde: von links: Rodolfo (Jongwoo Kim), Marcello (Insu Hwang) und Colline (Dong-Won Seo)

Wenn man ein solch gängiges Repertoire-Stück auf den Spielplan stellt, muss sich jedes Regie-Team fragen, wie es mit der Erwartungshaltung des Publikums umgehen soll. Sucht man nach einem neuen Ansatz oder vertraut man auf eine "klassische" Variante? Holger Potocki wählt mit seinem Team gewissermaßen einen Mittelweg, bleibt in der Charakterzeichnung der Figuren dem Stück relativ treu und wählt im Bühnenbild und bei den Kostümen eine Lesart, die diskutabel ist. Bühnen- und Kostümbildnerin Lena Brexendorff zeichnet die Mansardenwohnung des ersten Aktes, in der Rodolfo und Marcello frieren, nicht einmal mehr als ein Zimmer. Verschiedene übereinander gestapelte Felsenschollen stellen einen Raum dar, der an Ärmlichkeit kaum zu überbieten ist. Aus dem Schnürboden hängt eine schräge Decke herab, in der kalt strahlende Neonleuchten eingelassen sind. Der Ofen, in dem Rodolfos Drama verbrannt wird, um für einen Moment der Wärme zu sorgen, besteht aus einem Loch im Boden. Irritierend sind die zahlreichen Zeitungen, die zwischen den Felsenspalten stecken. Man wundert sich, wieso Rodolfo und Marcello nicht dieses Papier anstelle des Dramas in den Ofen werfen. Den Stuhl, der den Flammen geopfert werden soll, gibt es auch nicht. Die Kostüme sind zeitlos modern gehalten. Mimì trägt die ganze Zeit Handschuhe, so dass ihre Hände schon sehr kalt sein müssen, wenn Rodolfo das durch die Handschuhe in der berühmten Arie konstatieren soll.

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Quartier Latin im Neonlicht: Chor, Extrachor und Kinderchor

Auf weihnachtlichen Zauber in verkitschtem Paris-Flair hofft man im zweiten Akt vergeblich. Durch Einsatz der Drehbühne wird ein dreiteiliges Gestell auf die Bühne gefahren, das mit bunten Neonröhren in verschiedenen Formen ein kaltes Ambiente hervorruft. Der Chor und Extrachor tritt in schwarzen Kostümen mit aufwendigen teils farbigen Hüten auf, was der Pariser Bevölkerung eine recht unheimliche Note verleiht. Noch fragwürdiger ist die Kostümierung der Kinder, die allesamt wie geklont mit einer Art eng anliegenden Rasta-Perücken in quietschbunten Kleidern mit grünen Strumpfhosen auftreten. Parpignol erscheint als Clown mit Luftballons und könnte direkt einem Horrorfilm von Stephen King entstiegen sein. Ob der Dirigent, der kurz vor der Pause mit einem pinkfarbenen Stab die Kapelle anführt, die auf die Bühne marschiert, eine Parodie auf Richard Wagner sein soll, kann nur gemutmaßt werden. Soll hier auf den Kritiker der Zeitschrift La stampa angespielt werden, der nach der Uraufführung der Oper urteilte, dass man lieber große Operndramen wie beispielsweise die italienische Fassung von Wagners Götterdämmerung sehen wolle?

Zum dritten Akt scheint dem Team bühnenbildtechnisch nicht allzu viel eingefallen zu sein. So lässt man einfach alles dunkel. Im Anfangsbild mit den Zöllnern lässt sich keine große Personenregie ausmachen, da man außer schwarz gekleideten Gestalten auf der Bühne nichts sieht. Interessant hingegen gestaltet Potocki das Ende des dritten Aktes, wenn Mimì und Rodolfo beschließen, noch bis zum Frühling zusammenzubleiben, während Marcello und Musetta einen heftigen Eifersuchtsstreit austragen. Nachdem Marcello und Musetta sich aufs Äußerste beschimpft haben, schließen sie einander in die Arme und machen deutlich, dass sie genauso wenig voneinander loskommen wie Mimì und Rodolfo. So geht der Schluss des dritten Aktes unter die Haut. Im vierten Akt hat sich die Mansarde ein wenig verändert. Die vorher übereinander gestapelten Felsenschollen bilden nun auf der  ganzen Bühne vereinzelte Inseln. Vielleicht soll damit angedeutet werden, wie alles auseinanderfällt. Eine andere Erklärung gibt es dafür eigentlich nicht. Für die Tragik der Geschichte spielt es jedoch keine Rolle. Diese kann man der Musik nicht nehmen.

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Liebe auf den ersten Blick: Mimì (Anna Pisareva) und Rodolfo (Jongwoo Kim)

Und die musikalische Umsetzung lässt an diesem Abend keine Wünsche offen. Joseph Trafton taucht mit dem Philharmonischen Orchester Hagen in die emotionalen Tiefen von Puccinis Partitur ein und lässt sie in klangvollen Bögen aus dem Graben erschallen. Die Sängerinnen und Sänger halten mit kraftvollen Stimmen dagegen und lassen sich vom fulminant aufspielenden Orchester nicht zudecken. Da ist zunächst Jongwoo Kim zu nennen, der als Gast für die Partie des Rodolfo engagiert ist. Mit strahlendem Tenor, der auch in den Höhen zu glänzen vermag, gibt er den Dichter mit sauberer Stimmführung, ohne zu forcieren. Die berühmte Arie "Che gelida manina" gestaltet er mit tenoralem Charme, der wie sein ganzes Spiel nachvollziehbar macht, wieso Mimìs Herz von diesem Dichter im Flug erobert wird. Anna Pisareva, die in Hagen auch als Donna Anna in Mozarts Don Giovanni zu erleben ist, stattet die Mimì mit warmem Sopran und wunderschönen lyrischen Bögen aus, die in den Höhen große Strahlkraft besitzen. Mit mädchenhafter Leichtigkeit legt sie die berühmte Arie "Mi chiamano Mimì" an und findet im folgenden Duett "O soave fanciulla" mit Kim zu einer betörenden Innigkeit, die sie auch in dem dramatischen Duett "Addio... Che! Vai?" im dritten Akt wieder aufgreifen, wenn sie nach zwischenzeitlicher Trennung beschließen, bis zum Frühling zusammen zu bleiben.

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Musetta (Mercy Malieloa) spielt mit Alcindoro (Mario Klein).

Ensemble-Mitglied Insu Hwang kann in der Rolle des Marcello ebenfalls glänzen. Mit profundem Bariton arbeitet er die unterschiedlichen Seiten des Malers glaubhaft heraus und überzeugt als aggressiv eifersüchtiger Liebhaber, der sich von der lebenslustigen Musetta ständig provozieren lässt, genauso wie als einfühlsamer Freund, der sich das karge Künstlerleben mit Rodolfo und den anderen durch manchen komischen Schabernack erträglich macht, an dem Leid Mimìs aber genauso verzweifelt wie sein Freund Rodolfo. Mercy Malieloa gibt die Musetta als recht exaltierte junge Frau, die das Herz aber am rechten Fleck hat und zu tiefen Gefühlen fähig ist. Das zeigt zum einen die innige Umarmung nach dem heftigen Streit am Ende des dritten Aktes, und zum anderen die Selbstlosigkeit, wenn sie der todkranken Mimì den Muff schenkt und sie in dem Glauben lässt, Rodolfo habe ihn besorgt. Die berühmte Arie "Quando me'n vo" legt Malieloa mit leuchtenden Höhen recht verspielt an. Die beiden Ensemble-Mitglieder Dong-Won Seo und Kenneth Mattice runden das Künstler-Quartett als Philosoph Colline und als Musiker Schaunard mit großer Spielfreude und stimmlich überzeugend ab.

Mario Klein, der in die Rollen des unliebsamen Vermieters Benoît und Musettas lästigen Verehrers Alcindoro schlüpft, zeigt große Wandlungsfähigkeit und punktet mit großer Komik. Optisch kann man kaum erkennen, dass die beiden Rollen von dem gleichen Darsteller gespielt werden. Hier hat die Maske wirklich ganze Arbeit geleistet. Beide Partien stattet er mit kraftvollem Bass aus. So gibt es für alle Beteiligten zu Recht großen Applaus.

FAZIT

Musikalisch überzeugt die Produktion auf ganzer Linie. Das Bühnenbild stört nicht weiter, ist jedoch auch nicht direkt ein "Hingucker".



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Joseph Trafton

Inszenierung
Holger Potocki

Bühne und Kostüme
Lena Brexendorff

Licht
Hans-Joachim Köster

Chor
Julian Wolf

Dramaturgie
Thomas Rufin

 

Chor und Extrachor
des Theaters Hagen

Kinderchor des Theaters Hagen

Statisterie des Theaters Hagen

Philharmonisches Orchester Hagen


Solistinnen und Solisten

*Premierenbesetzung

Mimì
Angela Davis /
*Anna Pisareva

Musetta
*Mercy Malieloa /
Anna Sophia Theil

Rodolfo
Jongwoo Kim

Marcello
Insu Hwang

Schaunard
Kenneth Mattice

Colline
Dong-Won Seo

Benoît / Alcindoro
Mario Klein

 


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




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