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Siegfried

Zweiter Tag des Bühnenfestspiel Der Ring des Nibelungen
Text und Musik von Richard Wagner

Aufführungsdauer: ca. 5 Stunden 40 Minuten (zwei Pausen)

In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere am 14. September 2019 im Opernhaus des Staatstheaters Kassel

 

Staatstheater Kassel
 (Homepage)

Grandios gesungen und gespielt


Von Bernd Stopka / Fotos von N. Klinger

Der neue Ring am Staatstheater Kassel geht in die dritte Runde und die ist vor allem ein Sängerfest.

foto folgt
Siegfried (Daniel Brenna), Brünnhilde (Kelly Cae Hogan)

Daniel Brenna ist ein wunderbar jugendlicher, hell timbrierter Heldentenor mit glanzvoll strahlenden Spitzentönen, sanft nachdenklichen Passagen im Piano, wildem Ungestüm, wo es hingehört und vielfältigen Varianten dazwischen. Er gestaltet absolut überzeugend einen jungen Siegfried, wie man sich ihn gern vorstellt – und hier erleben darf. Für alle Solisten gilt, dass sie den Anspruch auf detailgenaue Ausgestaltung des Textes nicht nur ernst nehmen, sondern ungemein lebendig, überzeugend und wortverständlich umsetzen. Daniel Brenna macht dies offensichtlich besonders viel Vergnügen. Jedes Wort, jede Silbe hat eine Bedeutung, die auch mal nachdenklich bedacht, wütend zerschmettert, verschmitzt begrinst, ironisch gebrochen oder in jugendlichem Überschwang verlacht wird. Bei allem jugendlichen Übermut lässt er aber doch auch immer wieder mitklingen, dass ein echter Held in ihm steckt. Nicht nur in der Figur, sondern auch im Sänger, denn nach einem Sturz in der zweiten Pause der Premiere singt und spielt er trotz Prellungen und Verband weiter. Egils Silins singt den Wanderer mit großen, herrlich satten und wohlklingenden Wotantönen, ganz weltmännisch. Der stimmliche Kontrast zum jugendlich-überschwänglichen Siegfried könnte nicht größer sein. Hier, bei der Begegnung des Enkels mit seinem Großvater genauso, wie in den beiden Akten zuvor im Zusammenspiel Siegfrieds mit seinem Ziehvater Mime. Arnold Bezuyen ist wie schon im Rheingold ein fantastischer Mime mit ungeheurer Spielfreude, der dem Zwerg auch dadurch viel Menschliches verleiht, dass er die Partie wirklich singt und nicht nur giftig keift. Die Verschlagenheit und Hinterlist bekommt bei ihm dadurch noch mehr Gewicht, und wenn er entsprechende Passagen sanft und sehnsuchtsvoll klingen lässt, wird deutlich, dass Mime auch eine tragische Figur ist. Letzteres gilt auch für Rúni Brattaberg, der als Fafner vollstimmigen Wohlklang verströmt. Thomas Gazheli lässt kraftvolle Töne und individuelle Vokaleinfärbungen hören, im Gegensatz zum Rheingold hält er sich aber an die notierte Partie des Alberich. Edna Prochnik gestaltet die Erda sehr ausdrucksstark, wenngleich ihr Alt eher schlank als üppig klingt. Elisabeth Bailey singt einen lieblichen Waldvogel. Die von Wotans Wunschmädchen zur weisen Frau gewordene Brünnhilde gestaltet Kelly Cae Hogan mit üppig und warm klingendem Sopran, herrlich aufblühenden Höhen und setzt mit ihren tollen Trillern Glanzpunkte. Sie zeigt die vielen Facetten der zu neuem und anderem Leben aus dem Schlaf erwachten ehemaligen Walküre. Es ist eine Wonne, sie und Daniel Brenna im dritten Akt zu erleben.
GMD Francesco Angelico lässt viele feine Details hören, verliert sich aber nicht darin, sondern spannt immer wieder große Bögen zu einem musikalischen Sog, der den Hörer mitreißt und nicht mehr loslässt. Als Beispiel sei die Wissenswette genannt, in der er mit immer stärker werdender Intensität geradezu Beklemmungsgefühle auslöst. Er nimmt das Orchester sehr zurück, was er bei diesen großen und großartigen Stimmen nicht müsste. Die großen Aufwallungen, wie das Vorspiel zum 3. Akt, wirken dann aber umso gewaltiger.

Vergrößerung in neuem Fenster1. Akt, Mime (Arnold Bezuyen) am Schreibtisch

Die große Stärke der Inszenierung von Markus Dietz liegt in ihrer bis ins kleinste Detail ausgefeilten Personenregie und in der oben bereits beschriebenen wortgenauen Ausdeutung des Textes, die der Regisseur mit den Sängerdarstellern sehr genau erarbeitet hat. Das ist eindrucksvoll, das ist bedeutungsvoll – und das macht richtig viel Spaß. Dem Publikum ebenso wie ganz offensichtlich auch den Darstellern. So wird das zwiespältige Verhältnis von Siegfried und Mime sehr deutlich. Siegfried, der den halben Hausrat zerschlägt und verwüstet und dann doch auch Mimes Nähe sucht (nicht allein, um zu erfahren, wer seine wirklichen Eltern sind), und Mime, der sich nach Siegfrieds Zuneigung durchaus sehnt. Eindrucksvoll ist es dann auch, wenn Siegfried Mime im zweiten Akt gewaltsam den eigenen Gifttrank schlucken lässt, bevor er ihm mit Nothung die Kehle durchschneidet. Beim Schmieden zieht Siegfried sein Kinder-T-Shirt aus, auf dem ein niedlicher grüner Drache zu sehen ist. Darunter trägt er ein dunkles Shirt, das einen Fantasywelt-Drachen zeigt. Der Junge wird erwachsen. Angst vor Drachen sollte er aber nicht haben, denn die sind im Haus in Form von Spielzeug und Bildern sehr präsent. Insbesondere bei der Begegnung mit dem Wanderer im dritten Akt zeigt sich, dass der freie Held auch frei von Umgangsformen und Respekt vor dem Alter ist. Und auch, wenn ihm Brünnhilde als Frau endlich zeigt, was Angst ist, zeigt er sich zwar immer wieder ängstlich, etwas falsch zu machen, bleibt aber der ungestüme junge Mann, der über Brünnhildes verklärte Idealisierungen nur lachen kann.

Weniger überzeugend zeigt sich das Gesamtkonzept, in dem sich der Regisseur zu verheddern beginnt. Der erste Akt kann als sperrmüllartige Messie-Wohnung mit diversen Regalen und Vorräten und einer Schmiede mit allem dazugehörigen Werkzeug durchaus überzeugen. So kann man Mimes Höhle in einer aktualisierenden Sichtweise zeigen. Und es ist sehr klug durchdacht, die Schmiede so zu stellen, dass Siegfried frontal zum Publikum steht und singt, während er sehr theaterrealistisch das Schwert schmiedet, dessen Stücke er zunächst mit einer elektrischen Schleifmaschine funkenreich zerspant hatte. Dass Wotan, der als Oligarchen-Mafioso-Mischung auftritt, die Wissenswette als russisches Roulette mit dem Revolver an der Schläfe spielt, gehört  noch zu den erträglichen der vielen Überbilderungen, mit denen der Regisseur offensichtlich die Angst vor einem Stillstand des Unterhaltungsfaktors zu bekämpfen sucht, womit er sich schon in der Walküre Wasser in den Wein gekippt hat. Zum Vorspiel des ersten Aktes wird ein Film eingeblendet, der die durch einen echten Wald fliehende Sieglinde zeigt, die in einer Höhle Schutz sucht und der Mime dann blutig metzelnd das Baby Siegfried aus dem Bauch schneidet. Das ist eine These, die musikalisch höchst fragwürdig ist, denn wenn Mime Siegfried von seiner Geburt und Sieglindes Tod erzählt, klingt das grundehrlich (besonders, wenn es so schön gesungen wird, wie von Arnold Bezuyen) und auch Sieglindes Unterrock, den er als Beweis hervorzieht, ist nicht blutig, sondern nur schmutzig. Der Unterrock ist ein rührendes Requisit, vor allem, weil Siegfried ihn sehnsuchtsvoll berührt und dann mit sich führt – und wenn er im dritten Akt kurz glaubt, dass Brünnhilde seine Mutter ist, berührt er deren Rocksaum mit gleicher Intensität. Doch warum muss Siegfried von Mime noch „Zeichen“ als Beweise verlangen, wenn er doch schon den Unterrock hat? Das muss er, damit Nothung ins Spiel kommt, aber wirklich logisch ist es nicht. Dergleichen gibt es mehr, viel mehr.
 

Foto folgtDer Wanderer (Egils Silins), hinter dem Zaun: Alberich (Thomas Gazheli)

Der zweite Akt hinterlässt dagegen nicht nur Fragezeichen, sondern auch gesträubte Haare. Konnte man den Gedanken, die Menschen als Kapital anstatt eines Haufen Goldes zu sehen, im Rheingold noch nachvollziehen, erschließt sich die Darstellung hier nicht. Fafner hält sie in weißer Unterwäsche gefangen, während Unmengen von Kleidung den Bühnenboden bedecken. Er quält sie mit Gasangriffen, was zu nervenden, auf der Bühne mitinszenierten Hustenanfällen führt, die sich auch auf den Zuschauerraum übertragen. Da erschlägt Fafner schon mal eine allzu sehr nervende Husterin (zur Nachahmung im Zuschauerraum nicht zu empfehlen). Mime warnt Siegfried zwar vor Fafners "giftigem Geifer", aber das ist sein Speichel, nicht sein Atem, somit findet das Gas keine Begründung im Text.
Fafner hat sich nicht in einen Drachen verwandelt, sondern sitzt mit freiem Oberkörper, der ebenso wie sein Gesicht mit Blut und Fleischresten gesprenkelt ist und isst, nein frisst rohes Fleisch. Wenig Sinn macht es dann, wenn er zu „Siegfried“ singt „Trinken wollt‘ ich, nun treff ich auch Fraß!“ – er frisst ja schon die ganze Zeit. „Eine zierliche Fresse zeigst du mir da, lachende Zähne im Leckermaul!“ zeigt dagegen Siegfrieds Ironisierung bei der Projektion von Fafners Mund und Zunge.
Wenn man gefangene Menschen zeigt, die sich halbnackt in einen Zaun krallen, dazu Kleidermengen und Gas, dann löst dies Assoziationen zu Auschwitz und auch zu heutigen willkürlichen Gefangenenlagern aus. Doch auf welcher Grundlage des Librettos? „Ich lieg‘ und besitz, lasst mich schlafen.“ ist Fafners Credo. Er hatte im Streit um Hort und Ring seinen Bruder erschlagen, ist dadurch aber doch kein Massenmörder und Menschenquäler geworden. Das Haarsträubende ist doch, dass er mit seinem Besitz nichts anfängt, sondern ihn einfach nur haben will. Wäre es Geld, würde er sich nicht einmal für eventuelle Zinsen interessieren. „Nun Alberich, das schlug fehl“ möchte man mit Wotans Worten in Richtung Regie sagen. Das gilt auch für den innenbeleuchteten offenen Kasten, der als Tarnhelm dient, mit dem Siegfried die Menschen blendet und zusammen mit dem Ring zwingt, die Toten, Fafner und Mime, auf Stühle zu setzen, um den Hort zu bewachen. Welchen Hort denn nun? Die Menschen selbst? Die sind doch nun frei, wie man im dritten Akt sieht.

Foto folgtErda (Edna Prochnik), Der Wanderer (Eglis Silins)

Besonders nervig ist eine sehr gewollt wirkende Aufwertung des Waldvogels, der als junge Frau wie eine Begleiterin, Dienerin, Ratgeberin für Siegfried und Wotan im zweiten Akt und in der ersten Szene des dritten Aktes ständig auf der Bühne präsent ist, Wege weist, sich auch mal als Nummerngirl präsentiert und Siegfried im zweiten Akt Drachenblutnachschub holt, damit er sie besser verstehen kann. Heimlich einvernehmlich mit Siegfried biedert sie sich Mime an, gießt mal Wasser und mal Wein über Siegfrieds Kopf. Gespielt wird die Figur von einer Schauspielerin, während der Gesang unsichtbar mal von der linken und mal von der rechten Proszeniumsseite kommt. Wenn Siegfried den Wanderer erfolgreich besiegt hat, stirbt der Waldvogel und hängt leblos über dem Tisch. Na, zumindest zeigt er Siegfried im dritten Akt dann nicht auch noch, wie das mit den Frauen geht…

Was einige der Menschen im dritten Akt mit grünen Plastikflaschen auf der Bühne sollen, erschließt sich nicht. Das immer wieder aufleuchtende bühnengroße W bekommt eine Ergänzung durch Erdas Neonröhren-Reifrock aus dem Rheingold, dessen Röhren denen des W sehr ähneln. Soll da eine Beziehung hergestellt werden? Welche? Denn nicht Erda trägt ihn – sie wird auf einem bettähnlichen Podium aus der Unterbühne heraufgefahren – sondern eine Statistin (pardon „Bürgerin der Stadt Kassel und Umgebung“ – wie es im Programmheft heißt).

Das letzte Bild dagegen verdeutlicht noch einmal die ungeheure Kraft der detailgenauen Textausgestaltung in der Personenregie und, wie schon über die Walküre  geschrieben, dass weniger mehr ist. Die Konzentration auf Text und Musik reicht völlig aus, wenn man so großartige Sängerdarsteller zur Verfügung hat. Auf die schwarze Bühne wird aus der Unterbühne ein innen weißer Quader mit der schlafenden Brünnhilde heraufgefahren. Die Wände aus Stoff werden von Siegfried heruntergerissen, was eine Defloration andeuten mag, zumal sich Siegfried auch körperlich freut, Brünnhilde zu sehen und dies nur ungeschickt verstecken kann. Der Karton, den die Walküren-Schwestern Brünnhilde neben das Bett gestellt hatten, offenbart nun seinen Inhalt: ein Brautkleid und ein schwarzer Anzug für Siegfried. Über diese wieder einmal gewollten Kleinigkeiten sieht man hinweg, denn wie Siegfried und Brünnhilde diesen Akt zu Ende singen und gestalten, ist einfach grandios.


FAZIT

Musikalisch großartig und ein Sängerfest von seltener Qualität. Die Inszenierung verheddert sich insbesondere im zweiten Akt in ihrem Konzept, weil sie unbedingt originell und anders sein will.  Dabei hätte sie das mit ihrer ganz exzellenten Personenregie und detailgenauen Textausgestaltung gar nicht nötig.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Francesco Angelico

Inszenierung
Markus Dietz

Bühne
Ines Nadler

Kostüme
Henrike Bromber

Licht
Christian Franzen

Video
David Worm

Dramaturgie
Christian Steinbock


Staatsorchester Kassel

Bürger*innen der
Stadt Kassel und Umgebung

Solisten


Siegfried
Daniel Brenna

Mime
Arnold Bezuyen

Der Wanderer
Egils Silins

Alberich
Thomas Gazheli

Fafner

Rúni Brattaberg

Erda
Edna Prochnik

Brünnhilde
Kelly Cae Hogan

Stimme des Waldvogels
Elizabeth Bailey

Gestalt des Waldvogels
Dalia Velandia


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Staatstheater Kassel
 (Homepage)





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