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Musiktheater
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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Oper von Kurt Weill
Text von Bertolt Brecht

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden 45 Minuten (1 Pause)

Premiere im Stadttheater Hildesheim des Theaters für Niedersachsen am 23. September 2017



Theater für Niedersachsen
(Homepage)

Brennend aktuell

Von Bernd Stopka / Fotos: Isabel Winarsch

Am Theater für Niedersachsen (TfN) stehen die Zeichen auf Neuanfang. Das ist spannend für das Publikum und schwierig für den Neuen. Aber der Einstand gelang dem neuen Operndirektor und Generalmusikdirektor Florian Ziemen mit einem grandiosen Paukenschlag -  nicht mit einer klassischen Oper wie La Bohème oder Carmen, sondern mit Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Bertolt Brecht und Kurt Weill. „Dieses Werk ist ein genialer Solitär im Opernrepertoire und mit seiner Mischung aus mitreißendem Esprit und stachliger Aufgewühltheit eine wunderbare Überschrift für unseren Neubeginn“ – hatte er im Vorfeld erklärt und macht nun viel Vorfreude auf das, was unter dieser Überschrift zukünftig zu erleben sein wird.

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Neele Kramer (Leokadja Begbick), Christoph Waltle (Fatty), Uwe Tobias Hieronimi (Dreieinigkeitsmoses)

Drei flüchtige Ganoven (die Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses) gründen in der Wüste eine Stadt, Mahagonny, in der alles für Geld zu haben ist. Sie nehmen Goldgräber und Glückssucher aus und kontrollieren die gesamte Wirtschaft mit engen Regeln und Verboten. Eine Zeit lang geht das gut, doch dann bleiben die Gäste weg. Als die Vernichtung durch einen Taifun droht, fällt dem Holzfäller Jim eine neue Losung ein „Du darfst! - alles ist erlaubt“.
Doch der Sturm verschont die Stadt und unter der neuen Prämisse kommen die Gäste wieder. Mord und Totschlag, Glücksspiel und Prostitution, Korruption und Betrug lassen die Stadt kollabieren. Jim verliert im Übermut alles Geld und wird von seinen verbliebenen Freunden nicht gerettet. Auch nicht von Jenny, einer Hure, in die er sich verliebt hatte. Er landet im Gefängnis. Vor Gericht kann sich der Mörder Tobby Higgins mit Bestechungsgeldern freikaufen, Jim hingegen wird zum Tode verurteilt und gehängt, weil er seine Zeche und eine Lokalrunde nicht zahlen kann. Da wird selbst Gottvater das Treiben in Mahagonny zu bunt. Er kommt in die Stadt und will seine Bewohner in die Hölle werfen, doch sie weigern sich ganz einfach. Daraufhin verbrennt die Stadt zu Schutt und Asche. Das hemmungslose Mahagonny geht hemmungslos zugrunde. Eine brennend aktuelle Geschichte.

Lustbefriedigung (Fressen, Sex, Boxen und Saufen), Geld und vermeintliche Freiheit sind die drei wichtigsten Stichworte dieser Parabel von Bertolt Brecht, deren Fragestellung stark an das 15. Kapitel des ersten Korintherbriefes erinnert: „Esset, trinket, denn morgen sterben wir!“ Die Geschichte beschreibt aber auch das ewig gleiche Muster: Große Idee, maßlose Übertreibung, Zusammenbruch – wobei es nur selten einen strafenden Gott braucht, um so manche Utopie in Flammen aufgehen zu lassen.
Brecht bezieht hier in seine Idee des epischen Theaters auch das Musiktheater ein. Kurt Weills Musik bewegt sich zwischen sakraler Musik, Barock(er Fuge), Klassik, Romantik, Jazz und Atonalität und zeigt auch dadurch, dass das Thema wie der Mensch sein Leben leben kann, soll, darf… zeitlos ist. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny ist eine Sammlung von unterschiedlichster Musik, Songs und Texten, die einzeln dastehen könnten und trotzdem ein großes Ganzes bilden.

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Herrenchor

Hans Hollmann, der inzwischen 84jährige Regie-Altmeister des zeitgenössischen Theaters und Musiktheaters, erzählt die Geschichte mit den klassischen Mitteln des Theaters, arbeitet viel mit Licht und Schatten, lebenden Bildern, Zeitlupen und findet für jede Szene und ihre höchst unterschiedlichen Stimmungen eigene Bilder, ohne zu überzeichnen und ohne zu aktualisieren. Diese Produktion könnte man sich so auch in den 50er oder 60er Jahren vorstellen. Das schiebt das Thema aber nicht weit weg, sondern holt es näher ran: Das Publikum kann die Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft (und Weltgemeinschaft) problemlos selbst ziehen – und eine selbst erlangte Erkenntnis wirkt immer viel intensiver als ein Holzhammer. Auch die angemessene, intensive, aber nie überzogene Spielfreude beweist die vollkommene Beherrschung des Regiehandwerks, die man hier als beglückende Offenbarung erlebt.

Als szenischer Rahmen reichen wenige Mittel aus. Mit farbenfrohen Kostümen führt uns Romina Kaap in die Vereinigten Staaten der Goldgräberzeit. Auf die ansonsten schwarze Bühne stellt sie eine Art aufklappbarer überdimensionaler Kommode aus (natürlich) mahagonifarbenem Holz mit dezenten Goldverzierungen, die von der Begbick als „Mahagonny“ präsentiert wird. Eine schicke Insel in der schwarzen Wüste, die gleichfalls als Bordell, Bad und Gefängnis dient. Im zweiten Akt ist sie teilweise zerlegt und die Holzelemente sind auf der Bühne verstreut – die Zerstörung hat bereits begonnen. Über allem schwebt ein weißer, stilisierter Menschenkopf in einem Schaukasten. Ganz am Anfang werden auf ihn die Symbole verschiedener Religionen und Gesellschaftsordnungen projiziert (Kreuz, Hakenkreuz, Davidstern, Halbmond, Hammer und Sichel usw.), das war es dann aber dankenswerterweise auch schon mit dem überdeutlichen Zeigefinger. Das immer mal wieder auftauchende große M meint sicher Mahagonny – erinnert aber auch an den Fritz Lang- Film M – eine Stadt sucht einen Mörder.

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Mitte von vorne nach hinten: Hans-Jürgen Schöpflin (Jim Mahoney), Meike Hartmann (Jenny Hill), Levente György (Sparbüchsenbill), Chor

Der erste Akt beginnt, allerdings auch stückbedingt, noch etwas zäh und endet damit, dass die Menschen ihr Mahagonny mit Stühlen und Möbeln bedrohen – nachdem die Pleite gegangenen Gründer-Ganoven sogar in den Männern der Straßenreinigung reiche Geldbringer sehen wollten. Nach der Pause folgt dann Schlag auf Schlag. Die verängstigten Mahagonnyaner hocken zusammengekauert auf der Bühne, durch blaue und rote Beleuchtung in zwei Gruppen geteilt. Der abdrehende Taifun wird durch eine Monsterfigur auf Stelzen dargestellt, die an chinesisches Maskentheater erinnert und als eine Reminiszenz an die Elemente erscheint, die Brecht aus China mitgebracht hat. Köstlich und nur ein bisschen eklig liegt der überfressene Mr. Schmidt in einer Badewanne mit einer roten Masse, die blutiges Fleisch assoziieren lässt, singt seine musikalisch parodistische Arie und lebt ab, bevor er das dritte Kalb verspeisen kann. 
Urkomisch gelingt die Bordellszene: Die als Krankenschwester kostümierte Begbick präsentiert einen Teller voller Kondome, der Dreieinigkeitsmoses einen blauen Plastikeimer. Die Männer waschen und desinfizieren sich unter Aufsicht die Hände, stellen sich in Reih und Glied und gehen dann nacheinander in den „Mahagonny-Schrank“. Sie kommen mit offener Hose heraus, die sie schließen und dann das stolz präsentierte gefüllte Kondom in den blauen Eimer werfen. Eine lächerlich organisierte Aktion, der sich die lüsternen Männer aber unterwerfen. Einige stellen sich sogar ein zweites Mal an…
Zum Höhepunkt wird dann die Gerichtsverhandlung, szenisch gleichermaßen komisch wie dramatisch und musikalisch wie ein massiver, sich immer weiter steigernder Sog. Gottvater selbst, dem die Hauptdrahtzieher stellvertretend für alle anderen den Respekt verweigern, beschließt mit einem eher kleinen Feuerchen das Schicksal der vermeintlichen Paradiesstadt. Der potpourriartige Schlusschor warnt, auch musikalisch resümierend, vor all dem, was in Mahagonny schiefgelaufen ist. Ganz langsam schreitet das gesamte Ensemble aus der dunklen Hinterbühne an die Rampe, während über ihm die weiße Maske brennt.  Der Mensch ist immer das Opfer – aber meistens auch der Täter.

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Hans-Jürgen Schöpflin (Jim Mahoney), Aljoscha Lennert (Jakob Schmidt), Levente György (Sparbüchsenbill), Peter Kubik (Alaskawolfjoe)

Der neue Operndirektor und Generalmusikdirektor Florian Ziemen gibt mit Mahagonny einen begeistert gefeierten Einstand am TfN in Hildesheim. Er versucht nicht, den ersten Akt künstlich aufzupeppen, sondern arbeitet hier die Feinheiten deutlich heraus, was einen musikalischen Gesamtbogen zum dramatischen Ende über das ganze Werk spannt. Schwung und Elan, Pep und Drive beherrscht er ebenso wie die herrlich parodistischen Musiknummern, die romantisch-emotionalen Szenen und den körperlich spürbaren Sog der Gerichtszene und des Schlusschors. Das Orchester geht mit hörbarem Elan und Engagement mit, ebenso der von Achim Falkenhausen einstudierte großartig singende und agierende Chor.

Als Jim Mahoney begeistert Hans-Jürgen Schöpflin mit vielfarbigem, ausdrucksstarkem und, wo es gefordert ist, auch wunderschön lyrischem Tenor. Neele Kramer ist eine herrliche Leokadja Begbick mit genau der richtigen Mischung aus freundlich wirkender Verführungskraft, kalter Geschäftstüchtigkeit und einer gewissen, komisch, aber nicht albern wirkenden Naivität –  und kann diese Facetten der Partie nicht nur szenisch, sondern auch stimmlich überzeugend darstellen. Uwe Tobias Hieronimi lässt seinen runden Bass als Dreieinigkeitsmoses herrlich klingen und erfreut mit guter Textverständlichkeit. Meike Hartmann beeindruckt als Jenny Hill mit traumhaft schönen Tönen in den romantischen Szenen, kann ihrer Stimme aber auch die trotzigen, egoistischen Züge verleihen, die diese Figur nicht wirklich sympathisch sein lassen. Obendrein ist sie auch figürlich für diese Partie wie geschaffen, mit tollen Beinen – bis zum Hals. Aljoscha Lennert, als indisponiert angekündigt, singt als überfressener Jakob Schmidt ein Kabinettstückchen in der Badewanne und kann auch als Tobby Higgins überzeugen. Christoph Waltle als Fatty, Levente György als Sparbüchsenbill, Peter Kubik als Alaskawolfjoe und Ingrid Sanne als Ausruferin komplettieren adäquat das erlesene Ensemble.

FAZIT

Ein gelungener Einstand, musikalisch hinreißend und szenisch ein Labsal an perfekt beherrschtem klassischem Regiehandwerk


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Florian Ziemen

Inszenierung
Hans Hollmann

Bühne und Kostüme
Romina Kaap

Chor
Achim Falkenhausen

Dramaturgie
Maximilian Hagemeyer

 

Opern-, Extra- und Jugendchor des TfN

Statisterie des TfN

Orchester des TfN

 

Solisten

Leokadja Begbick
Neele Kramer

Fatty, der “Prokurist”
Christoph Waltle

Dreieinigkeitsmoses
Uwe Tobias Hieronimi

Jenny Hill
Meike Hartmann

Jim Mahoney
Hans-Jürgen Schöpflin

Jakob Schmidt
Aljoscha Lennert

Sparbüchsenbill
Levente György

Alaskawolfjoe
Peter Kubik

Tobby Higgins
Aljoscha Lennert

Ausruferin
Ingrid Sanne

Der Taifun
Natascha Flindt

Ein Barpianist
Sergei Kiselev

 


Weitere
Informationen

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Theater für Niedersachsen
(Homepage)



Da capo al Fine

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