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b.36

Schwanensee

Ballett von Martin Schläpfer
Musik von Peter I. Tschaikowsky op. 20

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Düsseldorf am 8. Juni 2018


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Klassiker des Handlungsballetts ohne Divertissements

Von Thomas Molke / Fotos von Gert Weigelt

Seit Martin Schläpfer zum Beginn der Spielzeit 2009/2010 als Direktor und Chefchoreograph die Ballettsparte der Rheinoper übernommen hat, gab es dort kein klassisches Handlungsballett im eigentlichen Sinne mehr. Dafür musste man schon in die nähere Umgebung nach Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Krefeld, Mönchengladbach oder Hagen fahren. Folglich kam es nahezu einer Sensation gleich, als im März 2017 verkündet wurde, dass Schläpfer sich in der Spielzeit 2017/2018 mit dem "Ballett der Ballette" auseinandersetzen werde. Mit großer Spannung wurde erwartet, wie sich Schläpfer diesem Klassiker nähern werde. Würde es eine traditionelle Choreographie mit perfektioniertem Spitzentanz wie kürzlich beim Aalto Ballett in Essen geben (siehe auch unsere Rezension)? Oder würde sich Schläpfer dem Mythos mit modernen Mitteln nähern und die Geschichte auf den Kopf stellen, wie einst Bernd Schindowski in Gelsenkirchen, der die Schwäne in Bikinis statt Tutus auftreten ließ, oder Birgit Scherzer, die statt der Schwäne Enten in roten Badeanzügen auf die Bühne stellte? Doch Schläpfer interessieren weder mehr oder weniger nachvollziehbare Aktualisierungen des Stoffes noch eine Umsetzung der Fassung von Marius Petipa und Lew Iwanow. Stattdessen greift er zurück auf die musikalische Originalversion aus den Jahren 1875 bis 1877, die in einer Choreographie von Wenzel Julius Reisinger 1877 im Moskauer Bolschoi-Theater ihre Uraufführung erlebte.

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Prinz Siegfried (Marcos Menha, Mitte) und seine Freunde (von links: Rubén Cabaleiro Campo, Daniel Vizcayo, Alexandre Simões und Brice Asnar) sind in Party-Laune.

Darin treten zahlreiche weitere Figuren auf, die in der späteren Fassung von Petipa und Iwanow gestrichen wurden. Odette ist die Tochter eines edlen Ritters und einer guten Fee. Allerdings war der Ritter seiner Frau nicht treu und verfiel dem Zauber einer bösen Hexe, die nach dem Tod der Mutter Odettes Stiefmutter wurde und auch diese zerstören will. Schutz fand Odette bei ihrem Großvater, dem Seekönig, der so viele Tränen über den Verlust seiner Tochter geweint hatte, dass sich ein riesiger See gebildet hatte. Hier nahm sie die Gestalt eines Schwans an, um sich vor der Stiefmutter zu verstecken. Nur nachts kann sie sich am See als Mensch zeigen. Rotbart taucht in dieser Fassung nur als Handlanger der Stiefmutter auf, die mit einem ganzen Gefolge die Schwanenfrauen in ihrem Bann gefangen hält. Als Siegfried im Wald auf Odette trifft und durch seine Liebe den bösen Zauber zu lösen droht, kreiert die Stiefmutter gemeinsam mit Rotbart Odile, die Siegfried auf dem Fest am folgenden Tag verzaubert. Zu spät erkennt er, dass es sich bei Odile nicht um seine geliebte Odette handelt, und flieht erneut zum Schwanensee. Doch Odette stirbt, weil ihre Liebe verraten worden ist. Siegfried folgt ihr in den Tod.

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Odettes Stiefmutter (Young Soon Hue) zieht die Fäden, Rotbart (Sonny Locsin) ist nur ihr Handlanger.

Schläpfer konzentriert sich in seiner Choreographie ganz auf die Geschichte und versucht, die zahlreichen Divertissements, die als Tanzeinlagen die Handlung unterbrechen, in einen Handlungsstrang umzuwandeln. Das gelingt im ersten Akt sehr gut. Der Königshof, an dem Prinz Siegfried ausgelassen seinen 21. Geburtstag feiert, ist kein opulentes Schloss mit aufwändigem Dekor, sondern eine Art Clan, bei dem ein König mit seinem Gefolge bei einer Feier an einem Tisch sitzen kann, mit den Menschen in engem Kontakt steht, aber dennoch der König bleibt. Florian Etti hat ein sehr dunkles Bühnenbild entworfen, dass im Hintergrund aus einer Art überdimensionaler großer Bilderrahmen besteht, die allerdings keine Bilder zeigen. Siegfrieds Mutter (Virginie Segarra Vidal) herrscht hier und wartet darauf, die Macht an ihren Sohn Siegfried abzutreten, der sich dafür aber zunächst eine Gattin auswählen muss. An ihrer Seite steht ein Zeremonienmeister (Chidozie Nzerem), der mehrere Male versucht, Siegfried in seine Schranken zu weisen und an die bevorstehende Aufgabe gemahnt. Doch Siegfried will das Leben genießen. Ausgelassen feiert er mit seinen Freunden, allen voran Benno und will sich eigentlich noch nicht von seiner jugendlichen Freiheit verabschieden. Marcos Menha setzt als Siegfried diese Lebensfreude mit Alxandre Simões als Benno und Damen und Herren des Corps de ballet in frischem modernen Ausdruckstanz überzeugend um. Umso niedergeschlagener ist er, als der Zeremonienmeister gemeinsam mit der Königin dem fröhlichen Treiben Einhalt gebietet. Siegfried zieht sich frustriert in die Natur zurück.

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Odettes Großvater (Boris Randzio) als Seekönig inmitten der Schwanenfrauen (Ensemble)

Die Bilderrahmen werden nun in den Schnürboden emporgezogen und geben den Blick auf einen riesigen Felsen und zwei in der Luft hängende Quader frei, die jeweils einen Ausschnitt eines blauen Himmels mit weißen Wolken zeigen. Soll hier gezeigt werden, dass die Natur nur bedingt die Oberhand behält und alles von der bösen, schwarzen Stiefmutter beherrscht wird? Young Soon Hue hat als Stiefmutter eine enorme Bühnenpräsenz und wirkt ohne große Bewegungen mit ihrem unheimlichen Gefolge stets sehr bedrohlich. Die weißen Schwäne tragen keine Tutus, sondern einen weißen Federrock über ihren leichten weißen mit blassem Blau durchsetzten Kleidern. Auch tanzen sie barfuß, um ihre Verwundbarkeit deutlich zu machen. Lediglich Odette trägt Spitzenschuhe, die die im Libretto beschriebene Krone ersetzen, mit der sie sich eigentlich vor dem Zauber ihrer Stiefmutter schützt. Marlúcia do Amaral bietet als zerbrechliche Odette Spitzentanz vom Feinsten. Das bezaubernde Pas de deux mit Menha dürfte die Herzen der Traditionalisten unter den Ballettfans höher schlagen lassen. Erwartungen gebrochen werden jedoch bei der berühmten Musiknummer der vier kleinen Schwäne, die Schläpfer als Divertissement genauso wenig auftreten lässt wie die großen Schwäne. Stattdessen gehört der "Tanz der kleinen Schwäne" der Stiefmutter und ihrem Gefolge, die diesen in modernem Ausdruckstanz umsetzen. Auch wählt Schläpfer in diesem zweiten Akt lange Momente der Stille, wenn Geschichten erzählt werden, die in der erhaltenen Musik gar nicht vorkommen. So hat Odette Großvater (Boris Randzio) nicht viel zu tanzen, sondern schleicht häufig trauernd über den Verlust seiner Tochter und verzweifelt über die Gefahr für seine Enkeltochter über die Bühne. Dadurch entstehen im zweiten Akt einige Längen.

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Siegfried (Marcos Menha) hat seine Geliebte Odette (Marlúcia do Amaral) verloren.

Umso überzeugender gelingt dann nach der Pause der dritte Akt. Die drei Prinzessinnen (Sonia Dvořák, Feline van Dijken und Aleksandra Liashenko), die um Siegfried werben, werden nicht von ihrem Nationalgefolge präsentiert, sondern versuchen in akkuratem Spitzentanz allein das Herz des Prinzen zu erobern. Menha lässt sich auch jeweils kurz auf ein Pas de deux mit der jeweiligen Prinzessin ein, unterbricht dann jedoch sofort wieder, weil seine Gedanken immer noch um Odette kreisen. Nun hat Rotbart (Sonny Locsin) mit Odile (Camille Andriot) seinen großen Auftritt. Schläpfer lässt Odette/Odile nicht von einer Tänzerin tanzen und setzt mit Andriot ganz andere Akzente als mit do Amaral. Andriot unterscheidet sich in ihrem Ausdruck ganz deutlich von den zarten fließenden Bewegungen do Amarals. Aber gerade dadurch arbeitet sie hervorragend heraus, wie sie den Prinzen allmählich in ihren Bann zieht. Auch das Wechselspiel mit den anderen Prinzessinnen wird hier szenisch großartig umgesetzt. Hier ist wirklich alles konzentrierte Handlung und kein bloßer Tanz um des Tanzes willen. Nachdem Siegfried Odette die Treue gebrochen hat, taucht diese mit der bösen Stiefmutter im Hintergrund auf und verschwindet sofort wieder. Siegfried erkennt seinen Fehler, flieht aus dem Palast und lässt seine Mutter und den Zeremonienmeister gebrochen zurück.

Für den letzten Akt ist jegliche Natur im Hintergrund verschwunden. Die hohen dunklen Quader, die im dritten Akt den Palast im Hintergrund begrenzt haben, werden gedreht und wirken wie sich spiegelndes Wasser in dem See, an dem die Geschichte nun ihr tragisches Ende findet. Menha und do Amaral haben noch ein bewegendes Pas de deux mit großem Ausdruck, bevor Odette in den Armen ihres Geliebten stirbt. Doch auch die Stiefmutter und ihr Gefolge wirken in dieser Situation nicht wie die Sieger. Sollte ihr Bann durch den Tod nun ebenfalls gebrochen sein? Siegfried entschwindet im Nichts, während die Schwanenfrauen erneut ihre Kreise ziehen. Axel Kober arbeitet mit den Düsseldorfer Symphonikern die romantischen Nuancen der Partitur differenziert heraus, so dass es am Ende großen Jubel für alle Beteiligten gibt.


FAZIT

Martin Schläpfer ist es gelungen, den Ballettklassiker Schwanensee in einer bewegenden Choreographie umzusetzen, ohne sich dabei an die traditionelle Deutung von Petipa und Iwanow zu halten und dabei dennoch der Geschichte in ihrem Kern treu zu bleiben.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
*Axel Kober /
Aziz Shokhakoimov

Choreographie
Martin Schläpfer

Bühne & Kostüme
Florian Etti

Licht
Stefan Bolliger

Dramaturgie
Anne do Paço

 

Düsseldorfer Symphoniker

Solo-Violine
Dragos Manza

Solo-Violoncello
Doo-Min Kim

Harfe
Sophie Schwödiauer

 

Tänzerinnen und Tänzer

*Premierenbesetzung

Siegfried Mutter
Monique Janotta /
*Virginie Segarra Vidal

Zeremonienmeister
*Chidozie Nzerem /
Michael Foster

Siegfried
*Marcos Menha /
Rashaen Arts

Benno
*Alexandre Simões /
Vincent Hoffman

Hofdamen
*Claudine Schoch /
Ann-Kathrin Adam
*Julie Thirault /
So-Yeon Kim

Siegfrieds Freunde
Brice Asnar
Rubén Cabaleiro Campo
Daniel Vizcayo

Frauen
Mariana Dias
Helen Clare Kinney
Norma Magalhães

Männer
Yoav Bosidan
Oduren Dagva
Pedro Maricato
Bruno Narnhammer
Arthur Stashak

Odette
*Marlúcia do Amaral /
Cassie Martin

Odile
*Camille Andriot /
Doris Becker

Odettes Stiefmutter
Young Soon Hue

Ihr Gefolge
*Yuko Kato
*So-Yeon Kim /
Mariana Dias
*Tomoaki Nakanome
*Eric White

Rotbart
Sonny Locsin

Odettes Großvater
*Boris Randzio /
Philip Handschin

Schwanenfrauen
Doris Becker
Julie Thirault
Mariana Dias
Feline van Dijken
Sonia Dvořák
Alexandra Inculet
Kailey Kaba
Helen Clare Kinney
Aleksandra Liashenko
Norma Magalhães
Claudine Schoch
Virginia Segarra Vidal /
*Ann-Kathrin Adam
*Elisabeta Stanculescu
Julie Thirault /
So-Yeon Kim
*Irene Vaqueiro
 

Erste Prinzessin
Sonia Dvořák

Zweite Prinzessin
Feline van Dijken

Dritte Prinzessin
Aleksandra Liashenko

Hofstaat
Alexandra Inculet
Irene Vaqueiro

Siegfrieds Erinnerung
Mariana Dias
Helen Clare Kinney
Norma Magalhães




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Ballett am Rhein
(Homepage)



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