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Musiktheater
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Arien

Ein Stück von Pina Bausch
Musik von Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart, Sergei Rachmaninow, Robert Schumann, Italienische Arien, Belcanto Italiano, Comedian Harmonists u.a.

Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (keine Pause)

Wiederaufnahme im Opernhaus Wuppertal am 18. Mai 2017
(Uraufführung am 12. Mai 1979, Opernhaus Wuppertal)


Logo: Tanztheater Pina Bausch

Tanztheater Wuppertal
(Homepage)
Dieses Leben ist nur mit Flusspferd zu ertragen

Von Stefan Schmöe / Fotos von Jochen Viehoff

Es beginnt ja scheinbar ganz harmlos. Tänzer sitzen an Schminktischen, aus dem Lautsprecher erklingt entspannte Jazzmusik. Leicht gelangweilte Atmosphäre. Theateralltag, könnte man denken - wenn nicht die Bühne unter Wasser stünde. Knöcheltief stehen die Tänzerinnen und Tänzer im Wasser, mit warmem Streiflicht wunderbar ausgeleuchtet, sodass die Spiegelbilder den Raum strukturieren und die Reflexionen an der Decke des Wuppertaler Opernhauses den Schwebezustand verstärken - allein des genialen Bühnenraums von Ausstatter Rolf Borzik wegen ist Arien ein Ereignis, zumal die Choreographie immer wieder inne hält, in Momenten der Stille den Geräuschen des Wassers nachhört.

Szenenfoto

Das nächste Bild, das man nicht mehr vergessen kann: Ein Tänzer trägt eine Frau herein, regungslos wie eine Puppe, aber aufrecht und mit sehr viel Körperspannung, wobei er sie küsst. Die extrem kleine Ditta Miranda Jasjfi unterstreicht durch den Größenunterschied noch einmal das Merkwürdige dieses für Pina Bausch so typischen Moments voller Zärtlichkeit, Einsamkeit, aber auch latenter Gewalt, der in der asymmetrischen Anordnung liegt. Noch mehrmals wird das Paar wiederkehren, musikalisch begleitet von einer Arie des italienischen Barockkomponisten Antonio Caldara ("Selve amiche"), gesungen von Beniamino Gilgi, - ein Leitmotiv dieses wundersamen Stückes, das immer wieder zwischen Verzweiflung und kleinen Zärtlichkeiten hin und her pendelt.

Szenenfoto

Die allermerkwürdigste Liebesgeschichte des Stückes ist die einer Tänzerin zu einem Flusspferd. Lebensgroß und verblüffend echt hat Borzik das Tier konstruiert, das sich immer wieder schwerfällig über die Bühne schleppt, ab und zu ausruht und zu einer der Tänzerinnen eine ganz eigene Beziehung mit zarten Berührungen entwickelt. Bei der Uraufführung 1979 hatte sich Josephine Ann Endicott in dieses Tier verliebt - jetzt hat sie die Probenleitung dieser Neueinstudierung übernommen. Es tanzt an ihrer Stelle die Amerikanerin Brenna O'Mara mit viel Ausstrahlung. Wie bei allen Stücken von Pina Bausch, zumal den frühen, stellt sich ja das Problem, dass die damaligen Darsteller sehr viel von ihrer eigenen Persönlichkeit einbrachten, eben keine austauschbaren "Rollen" tanzten - was es bei einer vollständigen Neubesetzung entsprechend schwierig macht, das "Authentische" des Stückes zu zeigen. Aber auch in dieser Neueinstudierung ist Arien ein ungeheuer berührendes Werk voller Traurigkeit.

Szenenfoto

Man spielt Kinderspiele (bevorzugt solche, bei denen nach und nach alle ausscheiden), erzählt Kinderreime und Witze, tanzt in Abendgaderobe oder planscht im Wasser herum und übt sich beim Dinner in Begrüßungsfloskeln. Die zwanghafte Strenge mancher der folgenden Bausch-Tanzabende hat das noch nicht, wohl aber eine geradezu hysterische Fröhlichkeit. Die Männer staffieren die Frauen (die das mit unbewegter Miene ertragen) mit schrillen Kostümen aus. Irgendwann entlädt sich die Anspannung in einem verzweifelten kollektiven Schrei. Später droht ein Tänzer, von der Brüstung des ersten Rangs in die Tiefe zu springen. An anderer Stelle wieder wenden sich die Tänzer direkt an das Publikum (auch das ein Element, das in den folgenden Stücken noch ausgebaut wird). Daneben stehen Bilder von bestürzender Einsamkeit. Beethovens Mondscheinsonate und Schumanns Kinderszenen verbreiten tiefe Melancholie. Man findet nicht recht zusammen in dieser Welt ohne Boden. Das Flusspferd scheint irgendwann vergleichsweise normal.

Szenenfoto

Rolf Borzik, der geniale Ausstatter (und Lebensgefährte) Pina Bauschs, starb einige Monate nach der Uraufführung an Leukämie - rückblickend lässt sich die Choreographie auch als ein Aufschrei gegen das Unfassbare, auch Unerträgliche unserer Existenz sehen. Fast trotzig setzt Pina Bausch eine Szene dagegen, in der sich Paare vorsichtig berühren, jedes anders, bei manchen ist es ein unbeholfenes, wie kindliches Schlagen. Es muss doch so etwas wie Liebe geben, scheint das Bild sagen zu wollen.

Einige Szenen werden sehr verknappt (war das nicht ursprünglich länger?) am Ende reprisenartig wiederholt, wodurch der Abend eine vergleichsweise geschlossene Form erhält. Zuletzt ist alles auf Anfang - man sitzt vor den Schminkspiegeln. Ein wenig erinnert das an Shakespeares Sommernachtstraum - für einen surrealen Moment war die Welt aus den Fugen. Oder vielleicht doch viel näher bei sich als sonst.


FAZIT

Ein großes, beklemmendes, zeitlos trauriges Stück.



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Produktionsteam

Inszenierung und Choreographie
Pina Bausch

Bühne und Kostüme
Rolf Borzik

Mitarbeit
Marion Cito
Hans Pop

Probenleitung der Neueinstudierung
Josephine Ann Endicott

Intendanz und
künstlerische Leitung
Adolphe Binder

Assistenz Probenleitung
Bénédicte Billiet

Assistenz Kostüme
Nayoung Kim


Solisten

Tänzerinnen und Tänzer
Emma Barroman
Damiano Ottavio Bigi
Michael Carter
Çağdaş Ermis
Silvia Farias Heredia
Jonathan Fredrickson
Ditta Miranda Jasjfi
Scott Jennings
Barbara Kaufmann
Douglas Letheren
Eddie Martinez
Blanca Noguerol Ramírez
Breanna O'Mara
Nazareth Panadero
Azusa Seyama
Julie Anne Stanzak
Oleg Stepanov
Julian Stierle
Michael Strecker
Tsai-Wei Tien
Stephanie Troyak
Ophelia Young

Nilpferd
René Freitag
Daniela Heller
Christoph Jacobi
Fin Pampus
Tristan Sülz
Lukas Vaupel
Lukas Witte

Einstudierung und Führung
Roman Lindenborn
Ed Kortlandt



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Tanztheater Wuppertal
(Homepage)




Da capo al Fine

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