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Musiktheater
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Prova d'Orchestra (Orchesterprobe)

Sechs musikalische Szenen vom Ende des Jahrhunderts
Libretto von Giorgio Battistelli nach dem Drehbuch des gleichnamigen Films von Frederico Fellini
deutsche Übersetzung von Claus H. Henneberg
Bearbeitung für das Theater Münster von Jens Ponath
Musik von Giorgio Battistelli


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 20' (keine Pause)

Premiere im Großen Haus der Städtischen Bühnen am 20. Mai 2017


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Städtische Bühnen Münster
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Von Stefan Schmöe / Fotos © Oliver Berg, Theater Münster


Die Oper zum Film? Orchesterprobe basiert auf Frederico Fellinis Prova d'Orchestra gedreht 1978 als vergleichsweise unaufwändige Fernsehproduktion (die gleichwohl erst einmal in den Kinos zu sehen war). Der Regisseur zeigt eine Orchesterprobe, die in Anwesenheit eines Fernsehteams zwischen Streit- und Streiklust der Musiker und fehlender Autorität des Dirigenten scheitert. Die Abrissbirne besiegelt apokalyptisch das Ende der Probe, wobei ausgerechnet die sensible Harfenistin zu Tode kommt. Auch wenn Fellini mit seiner vermeintlich unpolitischen Haltung kokettierte, so entstand der Film als Reaktion auf die Ermordung des vormaligen Ministerpräsidenten Aldo Moro durch die Terrororganisation "Rote Brigaden". Auch wenn man das Orchester als Spiegelbild der Gesellschaft schlechthin, als Gegensatz zwischen Individualität und Zwangskollektiv sehen kann, so schimmert doch unübersehbar die Parabel auf die Situation in Italien am Ende der 1970er-Jahre durch: Eine von Terrorismus, häufig wechselnden und meist handlungsunfähigen Regierungen sowie mafiösen und korrupten Strukturen bedrohte Demokratie.

Vergrößerung in neuem Fenster Sehr bunt geht's zu in diesem undisziplinierten Orchester. Anfangs jedenfalls.

Komponist Giorgio Battistelli hat das Libretto seiner 1995 uraufgeführten Oper nach dem Drehbuch des Films selbst verfasst; hinzugekommen sind Passagen, in denen die Musiker ihren Unwillen gegen zeitgenössische Musik äußern. Das ist mehr als nur ironische Selbstreflexion; man darf das wohl verstehen als Ausdruck eines generellen Nicht-Verstehens zwischen denen "unten", den ausführenden Musikern, und denen "oben", die ihre Gedanken nicht vermitteln wollen oder können. Unabhängig davon ist natürlich die Frage, welche Rolle der Musik in einer solchen Filmoper zukommt. Natürlich wird das Sujet auf diese Weise in ihre ureigenste Umgebung versetzt, nämlich dorthin, wo die Musik tatsächlich spielt. (Ob das mehr als ein oberflächlicher Gewinn ist, darüber lässt sich allerdings streiten.) Battistelli wechselt schnell und oft zwischen verschiedenen Ausdruckssphären; mal raunt und grummelt es unheimlich und bedeutungsschwer und überhöht das Geschehen, dann nimmt die Musik stilistische Anleihen bei Nino Rota, Fellinis Leib- und Magen-Filmkomponisten. Mehrere Musiker und der Dirigent geben dem Fernsehteam Interviews, die als Melodram zur schlichten Akkordeonbegleitung gesprochen werden - da wird die Hochkultur mit ihren egomanischen Vertretern musikalisch quasi die Luft abgelassen.

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Konstruktiv musikalisch gearbeitet wird auch. Kurz.

Man könnte die stilistischen Gegensätze sicher prägnanter herausarbeiten als in dieser Aufführung unter der Leitung von Chefdirigent Fabrizio Ventura (der im Programmheft vorsichtshalber seine ausgesprochen demokratische Gesinnung dem Orchester gegenüber zum Ausdruck bringt). Stark beeinträchtigt wird das Klangbild zudem dadurch, dass die Sänger, die hier auf der Bühne die Orchestermitglieder darstellen (während das echte Orchester wie gewohnt im Graben sitzt), elektronisch verstärkt werden (der besseren Textverständlichkeit wegen?). Dadurch wird die räumliche Zuordnung fast unmöglich- egal, ob jemand vom ersten Pult oder aus der letzten Reihe singt, aus dem Lautsprecher klingt das ziemlich gleich, und das führt zu einer gewissen Sterilität des Klangs. Zudem sind die Stimmen unnatürlich laut, wodurch das Orchester wiederum zulegen kann - die Raffinesse der Musik bleibt da immer wieder auf der Strecke. So ist es denn doch lange Zeit eine Art Soundtrack zum Text. Erst in der finalen Katastrophe wirkt die Musik wie ein Ausrufezeichen, und der Schluss mit seinem Wechsel aus Clustern und strahlendem Dur bleibt ambivalent.

Vergrößerung in neuem Fenster Der Konzertmeister im Interview.

In der Regie von Ansgar Weigner sind die Musiker zunächst arg überzeichnet - das liegt natürlich im Stück begründet, aber der Witz geht in der keine Subtilität duldenden Übertreibung verloren. Die an sich überzeugende Charakterisierung der Hauptfiguren muss man ein Stück weit dem Programmheft entnehmen, nicht alles wird auf der Bühne erkennbar. Weigner und Dramaturg Jens Ponath haben die deutsche Fassung der Oper von Claus H. Henneberg noch einmal überarbeitet und dem aktuellen Zeitgeschehen angepasst, nicht immer glücklich. Aus dem undisziplinierten und ziemlich bunten Haufen wird, als das Orchester zu streiken beginnt, eine uniforme Masse mit schwarzen Jacken, und Filmeinblendungen zeigen, wo die Regie die aktuelle Gefahr ausmacht: Nämlich bei Pegida, AfD & Co. Die "Lügenpresse", also das anwesende Fernsehteam, wird kurzerhand per Water Boarding ermordet. Statt der Abrissbirne gibt es Detonationen, der kubusförmige Betonsaal reißt auf und zeigt Bilder einer Kriegsruine. Nun ist dieser drastische und durchaus erschreckende Hinweis darauf, dass die Parteien vom rechten Rand in Deutschland und anderswo in ihrem nationalstaatlichen Denken eben auch das europäische Friedensprojekt aufs Spiel setzen, durchaus angebracht und der moralische wie aufklärerische Anspruch des Theaters an sich ehrenwert. Nur sprengt diese völlig ironiefreie Wendung das Stück, das diese Form der Zuspitzung weder musikalisch noch dramaturgisch vorbereitet.

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Irgendwann ist es gar nicht mehr bunt: Das Orchester als entfesselte Masse, die über Leichen geht.

Die Sänger schlagen sich wacker: Boris Leisenheimer ist ein selbstverliebter Konzertmeister, Eva Bauchmüller eine nette Harfenistin und Christian-Kai Sander ein gar nicht mal so unsympathischer, leider ausländerfeindlicher Klarinettist. Arg prollig muss Lukas Schmid den Fußballfan an der Tuba geben, den Dirigenten (Filippo Bettoschi) dürfte die Regie noch stärker gegenüber den Orchestermusikern absetzen - hier ist er einer von vielen Wahnsinnigen. Die Funktion des Kopisten (Gregor Dalal) muss man vielleicht mehr in italienischen Zuständen suchen, er geistert als graue Eminenz durch den Probenraum (aber wozu braucht man heute einen Kopisten?). Der Chor singt ordentlich. Und die Zuschauer? Kein "Bravo", kein "Buh", obwohl doch die kernige Aussage der Regie das doch geradezu herausfordert. Der Beifall blieb wohlwollend freundlich.


FAZIT
Furchtbar gut gemeint: Das Theater Münster warnt eindringlich vor rechtspopulistischen Hetzern. Battistellis Oper wird dabei von der Regie teils unter-, teils überschätzt und szenisch wie musikalisch arg eindimensional präsentiert.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Fabrizio Ventura

Regie
Ansgar Weigner

Bühne und Kostüme
Kristopher Kempf

Chor
Inna Batyuk

Dramaturgie
Jens Ponath


Statisterie und Chor des
Theaters Münster

Sinfonieorchester Münster


Solisten

Dirigent
Filippo Bettoschi

Konzertmeister
Boris Leisenheimer

1. Cello
Lisa Wedekind

1. Klarinette
Christian-Kai Sander

Harfe
Eva Bauchmüller

Tuba
Lukas Schmid

1. Posaune
Barbara Bräckelmann

2. Violine
Henrike Jacob

1. Trompete (Orchestervorstand)
Suzanne McLeod

1. Schlagzeuger (Gewerkschaftler)
Youn-Seong Shim

2. Schlagzeuger
Melanie Spitau

Kopist
Gregor Dalal



Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Städtische Bühnen Münster
(Homepage)



Da capo al Fine

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