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Orpheus und Eurydike

Libretto von Rainieri de’ Calzabigi
Musik von Christoph Willibald Gluck


Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Premiere im Theater Mönchengladbach am 15. Juni 2017
(rezensierte Aufführung: 17. Juni 2017)

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Theater Krefeld-Mönchengladbach
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Tod und Verklärung

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Stutte

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Begräbnis: Orpheus trauert am Grab Eurydikes.

Dem Menschen ist das ewige Leben verwehrt. Selbst im Orpheus-Mythos. Die trügerische Hoffnung, Eurydike aus dem Reich der Toten zurückzuholen, scheitert bekanntlich, weil das Gebot, sich auf dem Weg durch die Unterwelt nicht nach der geliebten Verstorbenen umzudrehen, unmenschlich (und das kann man ganz wörtlich als "dem Menschen unmöglich" deuten) ist. Auch die Kunst kann angesichts der biologischen Grenzen nichts ausrichten. In Glucks Oper ist das anders, wohl weil die Tradition das lieto fine, das glückliche Ende, einfordert und sich nicht einmal der Reformer Gluck dem widersetzen mochte - da ersteht Eurydike gleich noch ein zweites Mal von den Toten auf. Sehr überzeugend ist das nicht, schließlich hat Orpheus ja auch zuvor schon mit allem ihm zur Verfügung stehenden Wohlklang die Furien bezwungen und Eurydike dennoch nicht endgültig ins Leben zurückholen können - warum es dann einer weiteren, wenn auch berückend schönen Arie gelingt, entzieht sich schlüssiger Opernlogik. Auch Jakob Peters-Messer, Regisseur dieser Neuproduktion, hat da seine Zweifel.

Vergrößerung in neuem Fenster Amor umgarnt den Künstler Orpheus am Schreibtisch.

Vor der Biologie hat die Kunst ihre Grenzen, aber sie schafft sich ihre eigene Wirklichkeit - und so bekommt Eurydike in der Vorstellung des Künstlers Orpheus Unsterblichkeit. So etwa kann man das Konzept der Inszenierung umreißen. Der vermeintlich Rettung bringende Gott Amor entspringt womöglich Orpheus' Fantasie, ein Teufelchen, halb Mensch und halb personifizierter Tod (Gabriela Kuhn bleibt stimmlich recht blass). Fortan wird Orpheus wiederholt mit seinem Notizbuch fuchteln, worin man einen schöpferischen Akt erahnen mag. Eva Maria Günschmann tritt angemessen burschikos auf und gibt der Figur mit leuchtender, nicht zu hell timbrierter Stimme musikalisches Format. Ein paar Töne misslingen zwar, aber die Partie ist mit leidenschaftlicher Emphase gesungen, und das trägt den Abend, weil hier jemand in Trauer und Schmerz zu sich selbst findet. Eurydike ist eine adrette Braut (Sophie Witte singt sie solide mit selbstbewusstem Gestus), und da schimmert ein wenig auf, dass zwischen den irdischen Konflikten des Ehelebens und der idealisierenden Kunst wohl doch unüberbrückbare Diskrepanzen bestehen. Nach ihrem zweiten Tod erscheint der Chor applaudierend wie ein Theaterpublikum - die erneute Auferstehung ist die künstlerische Verklärung, die immerhin angenehm sachlich gerät.

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Die seligen Geister sind medizinisch fortgebildet - und es gibt gleich mehrere Tote wiederzubeleben.

Das Konzept an sich, intellektuell nicht allzu fordernd, ist durchaus tragfähig. Wie so oft in Inszenierungen von Peters-Messer sieht das alles auch auf der Bühne ganz interessant aus, bleibt aber letztendlich auf einer dekorativen Ebene. Die Ausstattung von Markus Meyer schafft eine Kunst-Welt, in der die Figuren wenig lebensnah sind (Orpheus und Eurydike bilden da Ausnahmen). Eurydikes Begräbnis findet in einem bürgerlichen Innenraum statt, dessen große rückwärtige Fensterfront zerbrochen ist, wie man später bemerkt - da geht es wohl auch etwas plump um Übergänge von innen nach außen wie vom Leben in den Tod. Im zweiten Aufzug, wenn Orpheus die tote Eurydike sucht, wandelt sich der Raum zu einer Art pathologischem Institut, in dem man Tote aufgebahrt sieht - das sind je vier Tänzerinnen und Tänzer aus dem Ballettensemble -, und dazu erscheint der Chor in Gestalt von Ärzten und Krankenschwestern, aber der Aspekt der Medizin wird nur ganz kurz angerissen. Wirklich konkret will die Regie nicht werden. So bleibt sie alles in allem eben doch sehr unverbindlich. Die überaus harmlose Choreographie von Robert North hat keinen erkennbaren Bezug zur Thematik, könnte in jedem x-beliebigen Stück so ähnlich eingebaut werden und ist insofern verschenkt.

Vergrößerung in neuem Fenster Eurydikes zweiter Tod - der janusköpfige Amor erwartet sie bereits.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Werner Ehrhardt, einem ausgewiesenen Spezialisten für "alte" Musik (Ehrhardt hat 20 Jahre lang das Ensemble Concerto Köln geleitet). Mit den sehr engagierten Niederrheinischen Sinfonikern, die natürlich kein Spezialensemble sind, hat er einen durchaus authentischen Tonfall gefunden, entschlackt und vibratoarm, mit klar pointierenden Bläsern. Auch der Chor singt ausgesprochen klangschön, ein wenig zurückgenommen und ohne den typischen "Operngestus" - auch hier ist das Vibrato deutlich reduziert, wodurch sich ein sehr homogener, kammermusikalischer und weicher Klang entwickelt (Choreinstudierung: Maria Benyumova und Michael Preiser). Das musikalische Ergebnis ist aller Ehren wert - Gluck behält hier bei allem Wohlklang deutliche Konturen.


FAZIT

Die Regie wirft ein paar nicht uninteressante Ideen auf, verfolgt sie aber ziemlich halbherzig; die musikalische Interpretation ist da mutiger und überzeugender.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Werner Erhardt

Inszenierung
Jakob Peters-Messer

Choreographie
Robert North

Bühne und Kostüme
Markus Meyer

Chor
Maria Benyumova

Dramaturgie
Ulrike Aistleitner


Statisterie des Theater
Krefeld und Mönchengladbach

Chor des Theater
Krefeld und Mönchengladbach

Die Niederrheinischen Sinfoniker


Solisten

* Besetzung der rezensierten Vorstellung

Orpheus
* Eva Maria Günschmann /
Agnes Thorsteins

Eurydike
Sophie Witte

Amor
Julia Danz /
* Gabriela Kuhn

Tänterinnen und Tänzer
Jessica Gillo
Flávia Harada
Victoria Hay
Yoko Osaki
Illya Gorobets
Takashi Kondo
Giuseppe Lazzara
Raphael Peter
Radoslaw Rudiecki



Weitere
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