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Die Blume von Hawaii

Jazz-Operette in drei Akten
Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda
Musik von
Paul Abraham

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 55' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 21. Januar 2017




Theater Dortmund
(Homepage)
Jazz und Glitter im phantastischen Hawaii

Von Thomas Molke / Fotos von Björn Hickmann (Stage Picture)

Paul Abraham wäre als Bindeglied zwischen Operette und Musical wohl niemals aus dem Repertoire gedrängt worden, wenn die Nationalsozialisten seiner Karriere nicht ein Ende gesetzt hätten. Anfang der 30er Jahre gehörte er nämlich zu den am meisten gespielten Operettenkomponisten, der mit seiner Mischung aus klassischen Operettenmelodien, Jazz und Foxtrott das Publikum in Deutschland zu begeistern wusste. Mit Viktoria und ihr Husar, Die Blume von Hawaii und Ball im Savoy feierte er innerhalb kürzester Zeit drei Riesenerfolge mit eingängigen Hits, die sich zu absoluten Gassenhauern entwickelten. Doch aufgrund seiner jüdischen Wurzeln wurden seine Werke kurz nach der Premiere von Ball im Savoy von den Bühnen verbannt, da mit dem Erstarken der Nationalsozialisten nur noch Platz für arische Komponisten war. Abraham gelang zwar über einige Zwischenstationen die Flucht in die USA. Aber dort wurde ihm als musikalisch keine Beachtung geschenkt. Sein verjazzter Stil galt dort Ende der 30er Jahre schon als veraltet. Zu den finanziellen Schwierigkeiten kamen aufgrund einer verschleppten Syphiliserkrankung gesundheitliche Probleme hinzu, so dass er 1946 ins New Yorker Creedmoor-State-Hospital eingeliefert wurde. Als er dank eines in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Abraham-Komitees 1956 doch nach Deutschland zurückkehren konnte, war er so geschwächt, dass er in die psychiatrische Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf kam. Dort pflegte ihn seine Frau, von der er sich vor seiner Flucht in die USA getrennt hatte, bis zu seinem Tod 1960. Nachdem man in Dortmund vor zwei Spielzeiten mit der Ausgrabung von Abrahams Fußball-Operette Roxy und ihr Wunderteam einen richtigen Coup gelandet hatte (siehe auch unsere Rezension), hat man das gleiche Team mit Thomas Enzinger (Regie), Ramesh Nair (Choreographie) und Toto (Bühne und Kostüme) verpflichtet, um mit Die Blume von Hawaii an den Erfolg vor zwei Jahren anzuknüpfen.

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Prinz Lilo-Taro (Marc Horus, mit den Damen des Chors) ist bei den amerikanischen Damen heiß begehrt.

Die Geschichte spielt in Hawaii zum Zeitpunkt der Annektierung durch die USA Ende des 19. Jahrhunderts. Der Gouverneur Lloyd Harrison plant, seine Nichte Bessie mit dem hawaiianischen Prinzen Lilo-Taro zu verheiraten, um so die Vormachtstellung der USA auf der Inselgruppe zu sichern. Doch Lilo-Taro liebt die Prinzessin Laya, die als kleines Mädchen mit ihm verlobt worden ist, anschließend allerdings nach Paris gegangen ist. Nun kommt sie, getarnt als französische Jazz-Sängerin Suzanne Provence, mit dem farbigen Show-Partner Jim Boy nach Hawaii, um sich in einer nächtlichen Zeremonie zur Königin krönen zu lassen. Dabei soll sie auch Lilo-Taro heiraten und damit erneut die Unabhängigkeit Hawaiis von den USA anstreben. Auf der Überfahrt hat sie sich allerdings in Kapitän Stone verliebt, der den Auftrag hat, sie zu verhaften, sollte sie nicht bereit sein, auf ihre Regierungsansprüche zu verzichten. Doch Stone weigert sich aus Liebe zu ihr, diesem Auftrag Folge zu leisten, und wird selbst abgeführt. Um ihn zu befreien, unterschreibt Laya doch die Verzichtserklärung, was Lilo-Taro an ihrer Liebe zu ihm zweifeln lässt, so dass er sich im Meer ertränken will. In letzter Sekunde kann Kapitän Stone ihn retten und nimmt ihn mit nach Monte Carlo. Dort treffen dann alle Monate später in einem Spielcasino aufeinander. Lilo-Taro und Laya gestehen sich erneut ihre Liebe. Damit der Kapitän nicht leer ausgeht, taucht Layas Doppelgängerin, die richtige Suzanne Provence auf, die ebenfalls von dem Kapitän sehr angetan ist. Und Bessie, die eigentlich gehofft hatte, entweder den Prinzen oder den Kapitän zu bekommen, erkennt, dass John Buffy, der Sekretär ihres Vaters, der sie von Beginn des Stückes an umworben hat, letztlich auch keine ganz so schlechte Partie ist.

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Prinzessin Laya (Emily Newton, in der Mitte mit dem Tanz-Ensemble und Jens Janke (rechts) als John Buffy) kehrt als Jazz-Sängerin Suzanne Provence nach Hawaii zurück.

Bei dieser abstrusen Handlung scheint es nahezu unmöglich zu sein, dieses Stück heute noch ohne gewisse Eingriffe auf die Bühne zu stellen. Doch das Regie-Team um Thomas Enzinger hat eine großartige Idee, die Logiklöcher zu füllen und den Kitsch sogar zu zelebrieren und zu erhöhen, ohne dabei die Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. Dafür führt Enzinger die Figur des Komponisten Paul Abraham ein. Dieser führt als eine Art Conferencier einen Mann namens Jim, der sich am Ende als Arzt im Creedmoor-State-Hospital zu erkennen gibt, in eine Traumwelt, in der Abraham einen seiner größten Erfolge, Die Blume von Hawaii, noch einmal Revue passieren lässt. Dafür schlüpft er selbst in die Rolle des Gouverneurs und lässt den Arzt die Figur des farbigen Sängers Jim Boy übernehmen. Dazu muss sich Gaines Hall als Jim ein paar schwarze Striche ins Gesicht malen, um anzudeuten, dass die Figur auch damals von einem weißen Sänger interpretiert wurde, der sich das Gesicht nur schwarz gefärbt hatte. Auf dem Vorhang sieht man den Rumpf eines großen Schiffes, das in Abrahams Phantasie den Ozean überquert, um ihn nach Deutschland zurückzubringen. Beim musikalischen Vorspiel tritt Marc Weigel als Paul Abraham auf einen Steg vor den Orchestergraben und dirigiert auch dann noch, als das Orchester verstummt. Damit wird wohl auf eine Episode angespielt, die zu Abrahams Einlieferung ins Hospital in New York geführt hat. In der Nähe des Broadways war er nämlich aufgegriffen worden, weil er mitten auf der Straße ein imaginäres Orchester dirigierte.

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Ein Komponist erinnert sich: Paul Abraham (Marc Weigel, Mitte) mit Jim Boy (Gaines Hall, rechts) und John Buffy (Jens Janke, links).

Da sich die ganze Geschichte nun in Abrahams Kopf abspielt, sind dem Farbenrausch und dem Kitsch im Bühnenbild keine Grenzen gesetzt. Toto  hat gleich mehrere schillernde Showtreppen auf die Bühne gestellt, um den Revue-Charakter des Stückes auf die Spitze zu treiben. Da hängt eine Palme aus dem Schnürboden neben glitzernden Disco-Kugeln herab, die für die Krönung der Blumenkönigin auf Hawaii durch riesige bunte Blüten ersetzt werden. Die Anwesenheit der US-Amerikaner schimmert an zahlreichen Stellen durch Anspielungen auf die US-amerikanische Flagge durch. Jims Einwand, dass dies alles nichts mit dem historischen Hawaii zu tun habe, kontert Abraham geschickt mit der Aussage, dass es ihm nicht darum gehe, die reale Geschichte widerzuspiegeln, sondern eine Phantasiewelt zu kreieren, in die man sorglos eintauchen könne und die sich am besten mit dem Schlusslied "Ich will lustig sein" auf den Punkt bringen lasse. Nach und nach lässt sich auch Jim vom Glitter dieser Traumwelt einfangen und taucht wie das Publikum entspannt und begeistert in diese "Gute-Laune"-Welt ein. Aber ganz so glatt gestaltet Enzinger den Abend dann doch nicht. Bei Jims Song "Bin nur ein Jonny" findet er einen sehr kritischen Zugang, das Lied in dieser Operette überhaupt noch spielen zu können. Wenn Jim zu leicht sentimentalen Klängen verkündet, dass er ja "kein Mensch", sondern "nur ein Nigger" sei, dessen Musik zwar gern gehört werde, dem man ansonsten allerdings aus dem Weg gehe, rechtfertigt Abraham diesen Song als seinen eigenen und singt ihn auch zusammen mit Jim. Er erzählt von einem Theatererlebnis in Deutschland, als seine Operette nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zwar noch einmal gespielt worden sei, man ihm selbst als Juden aber den Zutritt zum Theater verwehrt habe. Da wird man im Publikum doch sehr nachdenklich und fragt sich, ob es überhaupt angebracht ist, nach dieser Nummer zu klatschen.

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"Ich hab' ein Diwan-Püppchen": John Buffy (Jens Janke) und Bessie Worthington (Karen Müller)

Marc Weigel gelingt es als Paul Abraham wunderbar, die Balance zwischen den beiden Ebenen des Stückes zu halten. So vermag er es, mit seinem intensiven Spiel einerseits die Melancholie eines von der Geschichte gebrochenen Künstlers herauszuarbeiten, der beim Abtauchen in seine Vergangenheit jedoch andererseits eine unbändige Lebensfreude findet und in der Lage ist, seine Erfolge in schillernden Farben noch einmal zu erleben. Gaines Hall überzeugt nicht nur an Weigels Seite als Arzt durch glaubhaftes Spiel, sondern begeistert auch als Jim Boy mit großartigen Stepp- und Tanz-Einlagen und verfügt außerdem noch über eine tolle Musical-Stimme. Verena Barth-Jurca macht als Hawaiianerin Raka optisch und stimmlich ebenfalls eine sehr gute Figur und darf dann am Ende mit Jim Boy das vierte glückliche Paar in der Geschichte bilden, auch wenn nicht klar wird, wieso sie eigentlich ebenfalls nach Monte Carlo gekommen ist. Aber das spielt ja eigentlich auch gar keine Rolle. Zu absoluten Publikumslieblingen avancieren Karen Müller und Jens Janke als Buffo-Paar Bessie und Buffy. Müller spielt die Oberflächlichkeit der Gouverneurs-Tochter mit hervorragender Komik aus und wirbelt mit atemberaubenden Tanzeinlagen über die Bühne. Janke begeistert als leicht vertrottelter Sekretär Buffy mit wunderbarer Slapstick-Komik, auch wenn man eigentlich gar nicht so genau weiß, was er eigentlich von diesem Mädchen will.

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Laya (Emily Newton) soll zur Blumenkönigin gekrönt werden und muss sich zwischen Lilo-Taro und Kapitän Stone (Fritz Steinbacher) entscheiden.

Gegen den Elan des Buffo-Paars bleiben Fritz Steinbacher als Kapitän Reginald Harold Stone und Marc Horus als Prinz Lilo-Taro rollenbedingt ein bisschen blass. Von Steinbacher ist man gerade im Buffo-Bereich in Dortmund etwas anderes gewohnt, doch als Kapitän muss er sich darstellerisch leider sehr zurückhalten. Horus wird als attraktiver Prinz zwar von den Chordamen und dem weiblichen Tanzensemble als lukrative Partie umgarnt und macht auch auf den gephotoshoppten Projektionen mit muskelbepacktem Körper eine gute Figur, muss aber in den schmalzig-triefenden Liedern in den Höhen stellenweise etwas zu scharf forcieren. Emily Newton hat in der Doppelrolle als Prinzessin Laya und Suzanne Provence schon mehr Möglichkeiten, ihr komisches Talent auszuspielen. Als hawaiianische Prinzessin, die sich als französische Jazz-Sängerin ausgibt, lässt Newton stimmlich mit glockenklaren Höhen die Funken sprühen und überzeugt auch in den Tanzchoreographien. Wenn sie sich ihrer Aufgabe als Prinzessin bewusst wird, schlägt sie auch stimmlich ernstere Töne an, bevor sie im letzten Akt als beschwipste Suzanne Provence auf der Bühne dann alle Hemmungen fallen lässt und sich von ihrer lustigsten Seite zeigt. Hier bezieht sie auch gekonnt das Publikum mit in ihren Auftritt ein. Das achtköpfige Tanz-Ensemble überzeugt in den schmissigen Choreographien von Ramesh Nair. Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster überzeugen mit jazzig-spritzigem Klang genauso wie der spielfreudige und von Manuel Pujol gut einstudierte Chor, so dass es am Ende für alle Beteiligten großen und verdienten Applaus gibt.

FAZIT

Wer sagt, dass Kitsch nicht schön sein kann, sollte sich in Dortmund diese Produktion anschauen und eines Besseren belehren lassen.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Philipp Armbruster

Regie
Thomas Enzinger

Choreographie
Ramesh Nair

Bühne und Kostüme
Toto

Licht
Florian Franzen

Chor
Manuel Pujol

Dramaturgie
Wiebke Hetmanek

 

Dortmunder Philharmoniker

Chor des Theaters Dortmund

 

Solisten

Paul Abraham / Lloyd Harrison
Marc Weigel

Prinzessin Laya / Suzanne Provence
Emily Newton

Prinz Lilo-Taro
Marc Horus

Kapitän Reginald Harold Stone
Fritz Steinbacher

Jim Boy
Gaines Hall

John Buffy
Jens Janke

Bessie Worthington
Karen Müller

Raka
Verena Barth-Jurca

Kaluna / Kanako Hilo
Ian Sidden

Tanzensemble Damen
Nicole Eckenigk
Ann-Marie Gindner
Katrin Lièvre
Melanie Oster

Tanzensemble Herren
Fin Holzwart
Christian Hutter
Romeo Salazar
Frank Wöhrmann


Weitere
Informationen

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Theater Dortmund
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