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Nelken

Ein Stück von Pina Bausch
(Uraufführung: 30.12.1982)

Aufführungsdauer: ca. 1h 55' (keine Pause)

Wiederaufnahme im Opernhaus Wuppertal am 31. Oktober 2013

 



Tanztheater Wuppertal
(Homepage)

Tanz auf dem Nelkenfeld

Von Thomas Molke / Fotos von Oliver Look

Es war 2005, als die damals bereits international gefeierte Pina Bausch mit ihrem 1982 uraufgeführten Tanzabend Nelken zu den Salzburger Festspielen eingeladen wurde und dort das gleiche erleben musste, was ihre Anfänge in Wuppertal ziemlich erschwert hatten: Unverständnis. Vorzeitiges Verlassen des Saals während der Aufführung und Unmutsbekundungen am Ende der Vorstellung waren eigentlich schon lange Zeit Geschichte gewesen für das renommierte Ensemble, das im In- und Ausland mittlerweile für weit im Voraus ausverkaufte Vorstellungen sorgte, so dass bereits die Anzahl der zu erwerbenden Karten pro Vorstellung ähnlich wie bei begehrten Fußballspielen reglementiert werden mussten. War es der relativ hohe Sprechanteil der Tänzer inklusive der Publikumsbeschimpfung ("Sie gähnen schon und mir tun die Füße weh!"), mit dem das Salzburger Festspielpublikum nicht klar kam? War es die Aufforderung, aufzustehen und mitzutanzen? Bei der Wiederaufnahme, die nun im Rahmen des 40-jährigen Jubiläums im Opernhaus stattfand, ist jedenfalls von Ablehnung nichts zu spüren, und Nelken verzaubert auch nach über 30 Jahren noch mit der ganz eigenen Sprache, die Pina Bausch für diese Sparte entwickelt hat.

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Von links: Fernando Suels Mendoza, Andrey Berezin, Paul White und Scott Jennings im Nelkenfeld

Ein ganz wichtiger Bestandteil ist das Bühnenbild von Peter Pabst, dem das Stück seinen Namen verdankt. Der komplette Boden ist mit Nelken versehen, die dort wie auf einem Feld zu wachsen scheinen. Dieser Anblick ist für zahlreiche Besucher so pittoresk, dass sie dieses Bild mit ihren Handys fotografieren (noch hat die Vorstellung ja nicht angefangen). Man fragt sich, wie in diesem Nelkenfeld Tanz überhaupt möglich sein soll. So staksen die Solisten zunächst auch noch vorsichtig über die Bühne und wirken bemüht, die Blumen nicht zu zertreten. Mit Sesseln suchen sie sich einen Platz in diesem Feld und geben sich der Illusion eines paradiesischen Zustandes hin. "Schön ist die Welt" ertönt es aus den Lautsprechern. Aber das ist sie eben nur, solange man sich nicht bewegt und passiv bleibt. Sobald man versucht, sich darin selbst zu verwirklichen, stößt man an seine Grenzen. So fordert Andrey Berezin von einzelnen Tänzern ständig den Pass zur Legitimation ein und geht sogar so weit, Fernando Suels Mendoza zu demütigen, indem er von ihm verlangt, eine Ziege, einen Hund, einen Papagei und einen Frosch zu imitieren, bevor er ihm schließlich seinen Pass wieder aushändigt. Man möchte nicht darüber nachdenken, welches reale Erlebnis in diesem Bild seinen Ausdruck finden könnte.

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Scott Jennings bei "The Man I Love"

Gerade bei Nelken werden einzelne Szenen eng mit Lutz Förster und Dominique Mercy verbunden, so dass es fast schon eine undankbare Aufgabe ist, die Partien in der Neueinstudierung zu übernehmen. Doch Scott Jennings gelingt bei der Pantomime zu "The Man I Love", die im Verlauf des Stückes noch einmal aufgegriffen wird eine Eindringlichkeit, die mit Försters Interpretation durchaus vergleichbar ist. Es bewegt auch heute noch, wenn Jennings zuerst die Bewegungen ausführt, die erst beim zweiten Durchgang von der Musik und dem melancholischen Text des Gershwin-Songs untermalt werden. Fernando Suels Mendoza zeigt in dem recht aggressiven Monolog, mit dem er die enormen Sprünge und Drehungen untermalt, während er dem Publikum vorwirft, dass er ihm durchaus beweisen könne, welche Fertigkeiten er als Tänzer besitze, eine ebenso intensive Bühnenpräsenz, wie man sie bei Mercy seit Jahren schätzt und bewundert. Daneben vermag Mendoza allerdings auch in eine scheinbar regungslose Lethargie zu verfallen, die ihn zum Spielball der anderen Solisten macht, wenn sie seine Bewegungen ausführen.

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Das Ensemble beim "Tanz der Jahreszeiten"

Dass die Solisten nicht nur Tänzer sondern auch ausdrucksstarke Schauspieler sind, beweisen sie in der Kinderspielsequenz "Un, deux, trois, soleil". Michael Strecker zählt an der Bühnenrampe jeweils bis drei, während die anderen Tänzer versuchen müssen, aus dem Bühnenhintergrund nach vorne zu gelangen, ohne dass Strecker eine Bewegung feststellt. Wie er dabei mit seinen Kollegen verfährt, sich einzelne Tänzer jeweils herauspickt und zum Ausgangspunkt zurückschickt, ist einer der komischsten Momente des Abends. Erwähnenswert sind hier Anna Wehsarg und Paul White, die immer versuchen, aus der Reihe zu tanzen, Eddie Martinez, der für Strecker das ideale Opfer darstellt, auf dem er ständig herumhackt, und Julie Shanahan, die auf den Schultern eines Tänzers mit ihrem langen wallenden Kleid zu einem Riesen mutiert und in ihrer neuen Größe hier schnell das Sagen übernimmt. Faszinierend ist dabei, wie synchron die Beinbewegungen des Tänzers mit Shanahan auf seinen Schultern abgestimmt sind, so dass man die beiden wirklich als einen Menschen wahrnimmt. Zum Schmunzeln sind auch die Tipps, die Strecker, White und Berezin in einer Art Ringelrein geben, um mit schwierigen Situationen fertig zu werden: "Ich mache auf sensibel", "Mir wird schlecht" oder "Ich werde ganz vernünftig und versuche, darüber zu reden".

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Schlussbild der Vorstellung (vordere Reihe von links: Nayoung Kim, Regina Advento, Ruth Amarante, Christiana Morganti, Eddie Martinez; mittlere Reihe von links: Julie Anne Stanzak, Pablo Aran Gimeno, Andrey Berezin, Julie Shanahan, Anna Wehsarg, Daphnis Kokkinos; hintere Reihe von links: Paul White, Franko Schmidt, Scott Jennings, Michael Strecker, Fernando Suels Mendoza)

Doch Humor und Trauer liegen hier oft ganz nah beieinander und gehen teilweise unbemerkt ineinander über. Lacht man vielleicht im ersten Moment noch, wenn die männlichen Tänzer in Ballettkleidern wie Häschen durch das Nelkenfeld hoppeln, bleibt einem im nächsten Moment das Lachen im Hals stecken, wenn wild kläffende Hunde am Bühnenrand der ganzen Szene eine bedrohliche Note geben und Andrey Berezin durch das Feld streift und versucht, einzelne "Hasen" zu fangen. Auch der Einsatz von vier Stuntmen dient dazu, einzelne Tänzerinnen in Angst und Schrecken zu versetzen. Erst ist es Christiana Morganti, die, während die anderen unbewegt tanzen, panisch mit ansehen muss, wie die Stuntmen auf zwei hohe Gerüste steigen und sich von dort in davor aufgestellte Kartons stürzen. Später ist es Aida Vainieri, die auf einem Stuhl beobachten muss, wie die Männer von einem Tisch fallen und mit dem Tisch immer näher an sie heranrücken. Das sind dann die Momente, die beweisen, dass das anfängliche Bild des paradiesischen Nelkenbildes trügerisch gewesen ist. So sind am Ende die Blumen auch alle zertreten. Da nützt es auch nichts, dass die Tänzer in Ballettkleidern in einer Ballettpose auftreten und sich zu einem idyllischen Bild auf der Bühne gruppieren. Der schöne Schein trügt, wie die am Boden liegenden Nelken beweisen.

FAZIT

Nelken kann auch nach über 30 Jahren und in einer neuen Besetzung das Publikum immer noch begeistern.



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Produktionsteam

Inszenierung und Choreographie
Pina Bausch

Bühne
Peter Pabst

Kostüme
Marion Cito

Probenleitung und Mitarbeit
Bénédicte Billiet
Barbara Kaufmann
Dominique Mercy

Dramaturgie
Raimund Hoghe

 


Solisten

*rezensierte Aufführung

*Ruth Amarante /
Silvia Farias Heredia
Regina Advento
Pablo Aran Gimeno
Andrey Berezin
Ale
Čuček
Scott Jennings
Nayoung Kim
Daphnis Kokkinos
Eddie Martinez
Thusnelda Mercy
Christiana Morganti
Franko Schmidt
Julie Shanahan
Julie Anne Stanzak
Michael Strecker
Fernando Suels Mendoza
Aida Vainieri
Anna Wehsarg
Paul White
Tsai-Chin Yu

Stuntmen
Mac Steinmeier
Jürgen Klein
*Bodo Haack /
Michael Mohr
*Hendrik Mohr /
Jürgen Sücker


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Tanztheater Wuppertal
(Homepage)




Da capo al Fine

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