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Musiktheater
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Die Fledermaus

Operette in drei Akten
Text von Richard Genée nach der Komödie Le Réveillon von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
Musik von
Johann Strauß Sohn

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 27. September 2013


Logo: Wuppertaler Bühnen

Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Glücklich ist, wer vergisst...


Von Thomas Molke / Fotos von Uwe Stratmann

Ziemlich viel Unruhe herrscht derweil an den Wuppertaler Bühnen. Die anfängliche Euphorie darüber, dass der ehemalige und musikalisch hochgeschätzte Generalmusikdirektor Toshiyuki Kamioka ab der Spielzeit 2014 / 2015 auch das Amt des Opernintendanten übernimmt, ist schnell verflogen, nachdem das komplette Opern-Ensemble die Kündigung zum Ende der Spielzeit ausgesprochen bekam und Gerüchte laut wurden, dass Kamioka komplett auf ein festes Ensemble verzichten wolle. Mittlerweile haben die Kulturverantwortlichen der Stadt in Pressemitteilungen verlauten lassen, dass es schon noch ein kleines eigenes Ensemble geben solle, nur eben in geringerem Umfang als bisher. Was das heißen soll, bleibt abzuwarten. Jedenfalls hält der zum Ende der Spielzeit scheidende Opernintendant Johannes Weigand wie zum Trotz mit der gewissermaßen "klassischsten" Operette dagegen, die mit ihrer Musik stets auf den Riss zwischen gelebter und vorgetäuschter Haltung abzielt, und präsentiert frei nach dem Motto "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist" mit einem durchweg spielfreudigen Ensemble, das sich ebenfalls keine Zukunftsängste anmerken lässt, eine kurzweilige Inszenierung: "Es lebe Champagner der Erste!"

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Rosalinde (Banu Böke) genießt die Zweisamkeit mit Alfred (Christian Sturm) (im Hintergrund rechts: Adele (Elena Fink)).

Dabei verzichtet Weigand auf eine Neudeutung, verkürzt im ersten und zweiten Akt ein wenig die Dialoge und lässt das Werk für sich sprechen. Erst im dritten Akt holt er dann doch mit einem völlig neu geschriebenen Monolog des Gefängniswärters Frosch zum Schlag gegen die Wuppertaler Kommunalpolitik aus und trifft damit genau den Nerv des Premierenpublikums. Wenn Gregor Henze als Frosch gegen den neuen "Hofkapellmeister" wettert, der am liebsten Einsparungen dadurch erreichen wolle, dass er nur auf geliehenen teuren Instrumenten spiele, löst diese Bemerkung bei den Zuschauern ebenso frenetischen Beifall aus wie die Anspielung auf die desolaten Straßenverhältnisse, auf denen die "kaiserliche Kutsche" von einem Schlagloch zum nächsten stolpere. Henze legt dabei die Figur des Gefängniswärters wesentlich ernster und bitterer an, als man das aus zahlreichen anderen Inszenierungen gewohnt ist, und gibt ihn somit nicht der Lächerlichkeit preis, was seine scharfzüngigen Bemerkungen noch wirkungsvoller werden lässt. Auch verzichtet er auf alberne Slapstick-Einlagen, sieht man einmal von dem unter dem Schuh klebenden Toilettenpapier ab.

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Gabriel von Eisenstein (Kay Stiefermann) umwirbt auf dem Ball seine eigene Frau Rosalinde (Banu Böke), ohne sie zu erkennen (im Hintergrund: Chor).

Moritz Nitsche hat Bühnenbilder geschaffen, die im ersten und dritten Akt mit einer Art Guckkastenbühne den bürgerlich-spießigen Charakter der Eisensteins und den von Paragraphen beherrschten Bürokratismus einer Amtsstube glaubhaft einfangen. Dabei wirkt das Wohnzimmer der Eisensteins mit dem großen Flügel und dem Mobiliar allerdings ziemlich überfrachtet, so dass die Solisten schon fast Probleme bekommen, sich in diesem engen Raum zu bewegen. Auch die Amtsstube ist für das Schlussbild, wenn Orlofsky mit der ganzen Gesellschaft dort auftaucht eigentlich zu klein. Im zweiten Akt nutzt Nitsche hingegen die komplette Bühne, wenn er die Feier beim Prinzen in einem großen Garten stattfinden lässt. Judith Fischer stattet das Ensemble für den Ball im zweiten Akt mit aufwändigen, fantasievollen Kostümen aus. Besonders besticht hier die als ungarische Gräfin maskierte Rosalinde in einem bodenlangen feuerroten Kleid. Dass Orlofsky am Ende des zweiten Aktes einen Heißluftballon besteigt und mit ihm gen Schnürboden abhebt, mag die Dekadenz der Gesellschaft ausdrücken, die ihre Sorgen hemmungslos im Alkohol ertränkt.

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"Es lebe Champagner der Erste" (von links: Frank (Olaf Haye), Dr. Falke (Miljan Milović), Rosalinde (Banu Böke), Prinz Orlofsky (Joslyn Rechter), Eisenstein (Kay Stiefermann), Adele (Elena Fink), Ida (Annika Boos) und der Chor im Hintergrund)

Auch wenn musikalisch leichte Abstriche gemacht werden müssen, präsentieren die Solisten eine darstellerische Leistung, die deutlich macht, wovon der Ensemble-Gedanke eines Stadttheaters lebt. Christian Sturm mimt einen jugendlich frischen Gesangslehrer Alfred, der problemlos durch das Fenster der Eisensteins ein- und aussteigt, in den Höhen allerdings nicht den tenoralen Glanz versprühen kann, der glaubhaft macht, dass Rosalinde bei seinem "hohen B" schwach werden muss. Auch Banu Böke gefällt als Rosalinde durch überzeugendes Spiel und eine kräftige Mittellage. Ihr großer Csárdás "Klänge der Heimat" im zweiten Akt, in dem sie sich als ungarische Gräfin präsentiert, lässt allerdings am Schluss die entscheidende Durchschlagskraft in den Höhen vermissen. Miljan Milović bleibt als Dr. Falke, der als eigentliche Drahtzieher der ganzen Geschichte fungiert, sowohl stimmlich als auch darstellerisch etwas blass.

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Adele (Elena Fink, rechts) versucht, Frank (Olaf Haye) von ihren schauspielerischen Fähigkeiten zu überzeugen (links: Ida (Annika Boos)).

Kay Stiefermann stellt als Gabriel von Eisenstein unter Beweis, dass er auch das komische Fach beherrscht. Obwohl die Partie eigentlich für einen Tenor komponiert ist, bewältigt Stiefermann sie mit großer Souveränität und gefällt vor allem im zweiten Akt, wenn er mit seinem Uhrentrick versucht, die vermeintliche ungarische Gräfin zu umgarnen oder als getarnter Marquis Renard auf das Stubenmädchen Adele trifft, die vorgibt eine Schauspielerin namens Olga zu sein. Elena Fink lässt als Adele in der berühmten Arie "Mein Herr Marquis", wenn sie Eisenstein kokett zu verstehen gibt, dass sie genauso wenig eine Schauspielerin sei wie er ein Marquis, die Koloraturen perlen - wenn auch bisweilen mit einer leichten Schärfe in den Höhen - und begeistert auch im dritten Akt mit "Spiel ich die Unschuld vom Lande", mit dem sie den Gefängnisdirektor Frank davon überzeugen will, sie für das Theater ausbilden zu lassen. Auch Joslyn Rechter als recht behäbiger Prinz Orlofsky, Olaf Haye als Gefängnisdirektor Frank, Boris Leisenheimer als Dr. Blind, Annika Boos als Ida  und der von Jens Bingert einstudierte Chor überzeugen durch eine solide Leistung. Florian Frannek führt das Sinfonieorchester souverän durch die federleichte Partitur. Ob der frenetische Beifall nur die Begeisterung des Premierenpublikums widerspiegelt oder auch Ausdruck einer gewissen Protesthaltung gegen die Kündigung des kompletten Ensembles ist, kann nur gemutmaßt werden.

FAZIT

Das Wuppertaler Publikum hat - zumindest in der Premiere - deutlich gemacht, welche Art Theater es in seiner Stadt haben möchte. Nun liegt es an Herrn Kamioka und den für die Kultur verantwortlichen Politikern der Stadt, inwieweit dieser Wunsch auch in Zukunft umgesetzt wird.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Florian Frannek

Inszenierung
Johannes Weigand

Bühne
Moritz Nitsche

Kostüme
Judith Fischer

Licht
Fredy Deisenroth

Choreinstudierung
Jens Bingert

Dramaturgie
Ulrike Olbrich
 

Opernchor und Statisterie der
Wuppertaler Bühnen

Sinfonieorchester Wuppertal


Solisten

*Premierenbesetzung

Gabriel von Eisenstein
Thomas Laske /
*Kay Stiefermann

Rosalinde, seine Frau
*Banu Böke /
Elena Fink

Adele, Stubenmädchen
*Elena Fink /
Annika Boos

Frank, Gefängnisdirektor
Olaf Haye

Prinz Orlofsky
Joslyn Rechter

Alfred, Gesangslehrer
*Christian Sturm /
Boris Leisenheimer

Dr. Falke, Notar
Miljan Milovi
ć

Dr. Blind, Advokat
*Boris Leisenheimer /
Philipp Werner

Ida, Adeles Schwester
*Annika Boos /
Katharina Greiß

Frosch, Gerichtsdiener
Gregor Henze

Ivan
Alexander Kaymer


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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