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Musiktheater
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Wagners Ring für Kinder

Oper nach Richard Wagners Der Ring des Nibelungen
von Daniel C. Schindler und Ralf Soiron
ab 8 Jahre

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 1h (keine Pause)

Premiere in der Jungen Oper Münster, Theater in der Meerwiese, am 9. November 2013

              
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Junge Oper Münster
(Homepage)
Der Ring als Fantasy-Kammeroper       


Von Christoph Kammertöns / Fotos von
© Junge Oper Münster

Bei Diminutionen von Wagners Musiktheater erwartet man, Nestroy- und Loriot-erprobt, spontan eine ironische Kommentarebene, wenn nicht gleich die komplette Dekonstruktion des Jubilars. Aber wie die wunderbare Persiflage von Star Wars etc. in  Mel Brooks’ Filmkomödie Spaceballs setzte ein solches Vorgehen für den Zuschauer die Kenntnis des Originals voraus, sonst wirkt der Spaß nicht. Also: nichts für Kinder.

In welchem Geist nun ist überhaupt daran zu denken, Wagner für Kinder aufzubereiten? Mehr noch: Warum sollte man diese Aufbereitung überhaupt wollen und umsetzen? Die Frage ist wohl nicht leicht zu beantworten. Ein schwacher, aber möglicher Grund ist die Entdeckung einer Märchen-, neudeutsch: einer Fantasy-Welt im Ring, auf die unsere Kleinen einfach fliegen müssen. Dies vorweg: Die Kinder im Premierenpublikum waren gebannt von dem, was sie sahen und hörten.

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Wotan (Achim Hoffmann) und Brünnhilde (Christine Hoffmann) in der Walküre

Der Ring wurde in Münster in der Tat auf die märchenhaften Elemente reduziert und damit bis zur Unterkomplexität entkernt. Der eigentlich spannendste Aspekt des Originals, die Motivationen der Handelnden, ihre Schwächen und Dilemmata, entfiel vollständig. Übrig blieb die pauschale Annahme, die auch im Märchen nicht hinterfragt wird, dass Gold eben erstrebenswert ist bzw. Gier auslöst. Diese (vom Erwachsenenstandpunkt etwas traurige) Simplifizierung war für die Zielgruppe ab 8 Jahre und angesichts des knappen Zeitrahmens der richtige Schritt. Das Konzept von Daniel C. Schindler und Ralf Soiron ging in der Regie von Alexander Becker auf.

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Wotan (Achim Hoffmann) am Ende der Walküre

Deren Adaption nimmt ihren Ausgang in der eigentlichen Zielsituation, in der Erlösung bringenden vollständigen Zerstörung – von Nora Franzmeier durch ein Wirrwarr zerborstener Stühle sinnfällig gemacht, in der die gebeutelten Akteure in einen ramponierten Mittelalterlook gewandet über den Grund für das Chaos nachdenken. Die eigentliche Geschichte entfaltet sich so als referierende Rückblende, deren Szenen durch Monologe verklammert werden. Schindlers geschicktes dramaturgisches Konzept führt so zu einer guten Verständlichkeit der verbliebenen Handlung. Fraglich bleibt hingegen, ob der Wagner nachempfindende Stabreim wirklich zu einer Homogenisierung der Sprechtexte mit den gesungenen Originalpartien führt bzw. als eine Art Wagnerpropädeutikum fungieren kann.

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Siegfried (Javier Alonso, links) und Hagen (Christian Palm) in der Götterdämmerung

Reduziert fanden sich zwangsläufig auch die Rollen, so dass der sechsjährige Sohn des Kritikers irgendwann fachkundig raunte: »Die haben Mime ausgelassen!« Stimmt, und viele andere fehlen auch – dies aber nicht zum Schaden der Verständlichkeit. Christine Hoffmann gab eine kokette Wellgunde, die auch ohne Schwestern auskam. Als Brünnhilde brachte sie eine Stimmgewalt auf, die ein großes Opernhaus gefüllt hätte. In den eigentlich sehr unterschiedlichen Partien von Loge und Siegfried glänzte wandlungsfähig Javier Alonso. Große Flexibilität stellte stimmschön auch Christian Palm für die Partien von Alberich, Fafner und Hagen unter Beweis. Wotan schließlich erfuhr seine selbst im Rahmen der Minibühne des Theaters in der Meerwiese noch majestätische sängerische und spielerische Verkörperung durch Achim Hoffmann.

Kleine Bühnen sind durch die Schutzlosigkeit der Nähe zu den Zuschauern eine Herausforderung. Diese haben die Darsteller auch Dank der differenzierten Regie Alexander Beckers meistern können. Der erfahrene Regisseur von Kindertheaterstücken verstand es, die Handelnden so miteinander in Interaktion zu bringen, dass sie sich – wie es sein soll, aber häufig nicht ist – gegenseitig stützten.

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Schlussbild der Götterdämmerung: von links: Wotan (Achim Hoffmann), Brünnhilde (Christine Hoffmann), Siegfried (Javier Alonso) und Hagen (Christian Palm)

Als eigentlicher Star des Nachmittags ist schließlich Ralf Soiron zu nennen, der mit fliegenden Händen einem verstimmten Klavier nahezu alle Töne der wahrlich bewegten Partitur entlocken konnte. Es ist dabei eine interessante Erfahrung, welche Folge die Überführung von Orchestermusik in die homogenisierte Klangfarbe und die perkussive Ästhetik des Klaviers hat. Manche Kompositionen überstehen diese Umbettung praktisch schadlos, andere offenbaren sich plötzlich als redundantes Geklingel und Gewoge voller ‚Organistenzwirn’. Man musste sich schon intensiv Wagners Verdienste um die Leitmotivtechnik, die Vorausschau auf die spätere Klangflächenkomposition, um die Differenzierung der Orchesterfarben, um tonale Ambivalenz und Auflösungsprozesse des subjektiven Zeiterlebens in Erinnerung rufen, um hier nicht zum zweiten Schluss zu kommen.

Hinein in die allgemeine Wagner-Begeisterung dieses Jahres stöhnte Nike Wagner: »Die deutschen Opernhäuser spielen 2013 verrückt, holen ihre älteren Wagnerinszenierungen aus dem Fundus und warten am liebsten mit einem neuen Ring auf – und ist der Ring zu lang, wird zu zahllosen Kurz- und Kinder- und Light-Versionen Zuflucht genommen«. Da soll abschließend erneut die Anfangsfrage gestellt werden: Warum diese »Zuflucht«, warum ein Wagner für Kinder? Die ehrliche Antwort müsste wohl sein: Weil ein bestimmtes Milieu von Eltern wünscht, dass der Nachwuchs früh und vielfältig in die kanonisierten musiktheatralischen Juwelen des Abendlandes eingeführt wird. Dies ist zweifellos ein schönes, aber auch ein elitäres Interesse, das echte Begeisterung und den Wunsch nach musikalischer Primärerfahrung mit sozialer Distinktion paart. Heraus kommt die Akkumulation von kulturellem Kapital mit allen Folgen, die die bürgerliche Praxis seit knapp 200 Jahren auszeichnen. Den Opernhäusern kann’s Recht sein. Sie müssen einen Herzschlag weniger zittern, dass das Haus in der nächsten Generation verwaist.

FAZIT

In Münster gelang eine Adaption des Rings, die von den Kindern begeistert angenommen wurde. Die Junge Oper Münster geht mit ihren Produktionen übrigens auch zur Vormittagszeit in Schulen. Diese sollten beim Ring wieder begeistert zugreifen bzw. buchen. Die eigentlich mäßige Kindertauglichkeit Wagners hin und soziale Distinktion her: Der Test in der Meerwiese hätte viele Schulleiter begierig machen können.


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Produktionsteam


 

Musikalische Leitung, Klavier und Arrangement
Ralf Soiron

Inszenierung
Alexander Becker

Bühne und Kostüme
Nora Franzmeier

Dramaturgie
Daniel C. Schindler

 

Solisten

Wellgunde, Brünnhilde
Christine Hoffmann

Loge, Siegfried
Javier Alonso

Wotan
Achim Hoffmann

Alberich, Fafner, Hagen
Christian Palm

 


Weitere Informationen

erhalten Sie von der
Junge Oper Münster
(Homepage)



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