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Stiffelio

Oper in drei Akten
Text von Francesco Maria Piave nach Émile Souvestre und Eugène Bourgeois
Musik von Giuseppe Verdi

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (eine Pause)

Premiere im Theater Mönchengladbach am 28. September 2013

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Theater Krefeld-Mönchengladbach
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Über Ehebruch und Evangelium

Von Thomas Molke / Fotos von Matthias Stutte

Während Verdis Rigoletto zur sogenannten "trilogia popolare" zählt, die den Durchbruch seiner musikästhetischen Konzeption markiert, fristet der nahezu zeitgleich komponierte Stiffelio ein absolutes Schattendasein, obwohl sich in der musikalischen Dramaturgie, der Unkonventionalität der beiden Titelhelden und den daraus resultierenden Schwierigkeiten mit der Zensur zahlreiche Parallelen aufzeigen lassen. Letzteres führte allerdings dazu, dass Verdi Stiffelio nach nur sechs Jahren zurückzog und den Verkauf und Verleih des Notenmaterials einstellen ließ, da die behördlichen Einschnitte dem Werk jedwede Brisanz nahmen. So verschwand es von den Spielplänen und wurde erst 1968 wiederentdeckt, als Abschriften der verloren geglaubten Partitur im Konservatorium von Neapel wieder auftauchten. Dass Verdi selbst von den Qualitäten dieser Oper überzeugt war, belegt zum einen ein Brief an De Sanctis aus dem Jahr 1854, in dem er sich wünscht, dass Stiffelio nicht dem Vergessen anheim falle. Zum anderen arbeitete Verdi gemeinsam mit seinem Librettisten Piave den Stoff um, verlegte den Ort der Handlung ins mittelalterliche Schottland und ließ aus dem protestantischen Geistlichen Stiffelio unter Beibehaltung eines Großteils der Musik und der Geschichte den Kreuzfahrerritter Aroldo werden.

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Lina (Izabela Matula) hat ein Verhältnis mit Raffaele von Leuthold (Michael Siemon).

Die Handlung spielt im 19. Jahrhundert in Deutschland. Während sich der protestantische Prediger Stiffelio auf einer längeren Missionsreise befindet, hat der Graf Raffaele von Leuthold Stiffelios Ehefrau Lina verführt. Der Ehebruch droht aufzufliegen, da Stiffelio bei seiner Rückkehr eine Brieftasche überreicht worden ist, die Raffaele bei der Flucht aus Linas Zimmer verloren hat. Doch Stiffelio verzichtet darauf, weitere Nachforschungen anzustellen, und vernichtet die Brieftasche vor aller Augen. Als er allerdings Linas seltsames Verhalten bemerkt und feststellt, dass Linas Ehering fehlt, fürchtet er, betrogen worden zu sein. Inzwischen fängt Linas Vater Stankar einen Brief seiner Tochter ab, in dem sie ihrem Mann ihr Verhältnis mit Raffaele gestehen will. Stankar zwingt sie, die Wahrheit zu verschweigen, und beschließt, Raffaele zum Duell zu fordern. Auf dem Friedhof vor der Kirche stellt Stankar den Grafen. Stiffelio verhindert einen Kampf. Als er allerdings erfährt, dass Raffaele Linas Liebhaber ist, will er selbst Rache nehmen. Nur die Stimmen seiner in der Kirche betenden Glaubensbrüder bringen ihn zur Besinnung. Folglich beschließt er, Lina für Raffaele freizugeben. Doch nach Unterzeichnung der Scheidungsurkunde gesteht Lina ihm, nie aufgehört zu haben, ihren Mann zu lieben, und von Raffaele mit Gewalt verführt worden zu sein. Währenddessen tötet Stankar den Grafen. Stiffelio versammelt die Gläubigen in der Kirche und vergibt seiner Frau mit den Bibelworten: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."

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Stiffelio (Michael Wade Lee) wundert sich, dass seine Frau Lina (Izabela Matula) nach seiner Rückkehr so verschlossen ist.

Helen Malkowsky konzentriert sich in ihrer Inszenierung auf die im Stück gestellten Fragen nach Liebe und Vergebung, ohne dabei Antworten zu finden Stattdessen drehen sich die Figuren auf der Suche danach ständig im Kreis. Hartmut Schörghofer hat dafür einen abgeschlossenen Bühnenraum mit hohen kahlen Wänden geschaffen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Zwar sieht man auf dem Vorhang vor diesem Raum ein Dorf, in dem wohl die Handlung spielen soll, aber diese Bergweltidylle ist sehr grob gepixelt, was passiert, wenn man zu nah an ein Bild heranzoomt. Statt weiterer Erkenntnisse wird alles nur noch verschwommener. Außer Reichweite der Figuren befinden sich an den hohen Wänden zahlreiche Metallkisten, die auf einem hoch angebrachten Brett lagern. In diesen verstauen die Gemeindemitglieder Briefe, die sie während des Gottesdienstes einsammeln. Ob es sich dabei um Sündenbekenntnisse oder um Fragen und Wünsche handelt, bleibt der eigenen Fantasie überlassen. Ersteres mag wahrscheinlicher sein, da beispielsweise der von Gnade und Verzeihen predigende Stiffelio den Inhalt einer Kiste zerreißt und Lina bei dem Versuch, diese Briefe einzusammeln, von den Gemeindemitgliedern nur kalte Ablehnung zu spüren bekommt. Die Gläubigen scheinen von Linas Schuld zu wissen und erachten sie vielleicht gerade deshalb nicht würdig, ihr die eigene Schuld anzuvertrauen.

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Konfrontation auf dem Friedhof: Stiffelio (Michael Wade Lee, dritter von rechts) will Rache an Raffaele (Michael Siemon, ganz vorne) nehmen (im Hintergrund von links: Lina (Izabela Matula), Stankar (Johannes Schwärsky) und Jorg (Hayk Dèinyan)).

Für die Friedhofsszene im zweiten Akt wird aus dem Schnürboden ein großer Gitterrahmen in Form eines Setzkastens herabgelassen, der in vier Teile zerlegt wird und mit etwas Fantasie ein Kreuz markiert. Auch in diesem Setzkasten befinden sich diverse Metallkisten, wohl die Briefe der Verstorbenen. In Linas Auftrittsarie "Oh cielo! ... dove son io!" wird unter anderem deutlich, welche musikalischen Qualitäten in diesem zu Unrecht vernachlässigten Werk stecken. Lina sucht hier in ihrer Verzweiflung Zuflucht am Grab ihrer Mutter. Izabela Matula gestaltet diese große Szene mit warmem Sopran, der an den Pianostellen in seiner Innigkeit unter die Haut geht. Mit welcher Zerrissenheit sie Linas Schuldgefühle stimmlich und darstellerisch präsentiert, ist einer der ganz großen Momente des Abends. Dass Raffaele bereits während der Arie auftritt, mag dramaturgisch noch zu rechtfertigen sein. Dass Lina ihn allerdings bereits am Ende der Arie wahrnimmt und bei den letzten Tönen in seinen Armen Schutz sucht, wirkt inhaltlich verfehlt, da sie ihn im Anschluss ja recht brüsk von sich weist. Unklar bleibt in dieser Szene auch, wieso Stankar zum Duell mit zwei unterschiedlichen Waffen einlädt. Der folgende Kampf wirkt dadurch etwas unrealistisch.

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Lina (Izabela Matula) bittet Stiffelio (Michael Wade Lee, Mitte vorne) um Vergebung (im Hintergrund: Raffaele (Michael Siemon)).

Einen weiteren musikalischen Höhepunkt beschert Johannes Schwärsky als Stankar zu Beginn des dritten Aktes. Wenn Linas Vater hier Selbstmord begehen will, weil er um seine Rache an Raffaele gebracht worden ist, lässt seine große Arie Anklänge an Rigolettos Leid erkennen, als diesem seine Tochter Gilda geraubt worden ist. Schwärsky glänzt hier mit großem Bariton und dramatischem Ausdruck. Dem versöhnlichen Ende misstraut Malkowsky allerdings in ihrer Inszenierung. Nachdem Stankar Raffaele ermordet hat, wird die Leiche unter dem zum Altar umfunktionierten Tisch verborgen. Wenn dann Stiffelio mit dem oben erwähnten Bibelzitat seine Predigt beschließt, reißt er das Tuch vom Altar und der Anblick des ermordeten Raffaele löst bei den Gläubigen eine regelrechte Panik aus. Im Hintergrund wird ein Gitter aus grellen Leuchtröhren aus dem Schnürboden herabgelassen und lässt die ganze Szenerie in eisiger Kälte einfrieren. Die Frage bleibt also offen, ob Stiffelio wirklich die von Christus geforderte Vergebung gegenüber seiner untreuen Gattin walten lassen kann.

Neben Matula, die als Lina mit betörendem Sopran glänzt, und Schwärsky, der als Stankar mit fulminantem Bariton als rachsüchtiger Charakter begeistert, bewegen sich auch die anderen Solisten auf durchgehend hohem Niveau. Michael Wade Lee stattet die Titelpartie mit kräftigem Tenor aus, der keine Ermüdungserscheinungen zeigt und auch die Spitzentöne sauber ansetzt, ohne dabei zu forcieren. Auch darstellerisch setzt er den inneren Kampf Stiffelios zwischen seinen Gefühlen und seiner Verantwortung als Prediger glaubhaft um. Michael Siemon überzeugt als sein Nebenbuhler Raffaele mit lyrischem Tenor. Hayk Dèinyan verleiht dem Gemeindevorsteher Jorg profunde Tiefe. Auch Eva Maria Günschmann und Andrey Nevyantsev zeigen als Linas Cousine und Cousin eine ebenso solide Leistung wie der von Ursulas Stigloher einstudierte Chor. Mihkel Kütson führt die Niederrheinischen Sinfoniker mit souveräner Hand durch eine Partitur, die in ihrer instrumentalen Ausgestaltung den Belcanto bereits hinter sich gelassen hat. So gibt es am Ende großen und verdienten Applaus für alle Beteiligten.

FAZIT

Es gibt zwei gute Gründe, warum man sich diese Inszenierung in Mönchengladbach im Verdi-Jubiläumsjahr nicht entgehen lassen sollte. Erstens kann man sich musikalisch davon überzeugen, dass dieses Werk zu Unrecht ein Schattendasein fristet. Zweitens findet Malkowsky einen durchaus modernen Zugang, der das Stück nicht gegen den Strich bürstet.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Mihkel Kütson

Inszenierung
Helen Malkowsky

Bühne
Hartmut Schörghofer

Kostüme
Susanne Hubrich

Choreinstudierung
Ursula Stigloher

Dramaturgie
Andreas Wendholz


Chor des Theaters Krefeld
und Mönchengladbach

Niederrheinische Sinfoniker


Solisten

*Premierenbesetzung

Stiffelio, ein Geistlicher
*Michael Wade Lee /
Kairschan Scholdybajew

Lina, seine Frau
Janet Bartolova /
*Izabela Matula

Stankar, ein alter Oberst, Linas Vater
Johannes Schwärsky

Raffaele von Leuthold
Michael Siemon

Jorg, Gemeindevorsteher
Hayk Dèinyan

Federico von Frengel, Linas Cousin
Jerzy Gurzynski /
*Andrey Nevyantsev

Dorotea, Linas Cousine
Eva Maria Günschmann

 


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