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La Clemenza di Tito

Dramma per musica in drei Akten
Libretto von Pietro Metastasio
Musik von Christoph Willibald Gluck

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4h 20' (eine Pause)

Koproduktion mit l'arte del mondo und dem WDR

Konzertante Aufführung im Bayer Kulturhaus am 3. November 2013

 

 

(Homepage)

Der unbekannte Tito


Von Thomas Molke
/ Fotos: Hanne Engwald

La Clemenza di Tito verbinden die meisten sicherlich mit Mozarts letzter Oper, die Alessandro De Marchi einmal als "großartiges Finale der Opera seria und gleichzeitig Ouvertüre zur Oper des 19. Jahrhunderts" bezeichnet hat. Den über 50 weiteren Vertonungen des Librettos von Pietro Metastasio, das als Fürstenspiegel für die herrschenden Monarchen hervorragend geeignet war, da die Milde des römischen Kaisers zum einen als Huldigung, zum anderen aber auch als Mahnung an den jeweiligen Herrscher verstanden werden kann, wird dagegen eher geringe bis gar keine Beachtung geschenkt. Dabei stammen diese Versionen nicht nur von heute größtenteils vergessenen Komponisten. Auch Christoph Willibald Gluck, der die Oper des 18. Jahrhunderts reformierte, hat sich dieser Geschichte gewidmet, allerdings 10 Jahre, bevor er mit Orfeo ed Euridice seine erste Reformoper komponierte. Im Bayer Kulturhaus präsentiert man nun diese unbekannte Version, die dabei auch auf CD eingespielt und bei SONY in der Reihe "Oper aus den Archiven der Welt" erscheinen wird.

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von links: Tito (Rainer Trost), Annio (Valer Sabadus), Servilia (Arantza Ezenarro), Vitellia (Laura Aikin), Werner Ehrhardt, Sesto (Raffaella Milanesi), Publio (Flavio Ferri-Benedetti) und dahinter l'arte del mondo

Der römische Kaiser Titus Vespasian (Tito) galt zumindest während seiner kurzen Herrschaft von 79  - 81 n. Chr. als idealer Kaiser, der sich im Gegensatz zu zahlreichen Vorgängern um ein gutes Verhältnis zum Senat bemühte und für die Belange des römischen Volkes einsetzte, was Metastasio dazu veranlasst haben mag, die Milde dieses Kaisers als Thema für sein Libretto auszuwählen. Vitellia, die Tochter des 10 Jahre zuvor entmachteten Kaisers Vitellius, fühlt sich von Titus zurückgesetzt, weil er eine andere Frau zur Kaiserin machen will und stiftet Sesto, einen Freund des Kaisers dazu an, den Kaiser zu ermorden. Sesto fühlt sich hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Vitellia und der Treue zum Kaiser, ist aber schließlich bereit, Vitellias Wunsch nachzugeben. Als Sestos Schwester Servilia, die Tito als künftige Gemahlin auserwählt hat, ihm mitteilt, dass sie Sestos Freund Annio liebe, ist Tito bereit auf Servilia zu verzichten und stattdessen Vitellia zu heiraten. Doch die Verschwörung ist im vollen Gange. Sesto wird überführt, einen Anschlag auf den Kaiser geplant zu haben und schweigt zu den Vorgängen, um Vitellia zu schützen. Als Vitellia schließlich ihr Vergehen gesteht, verzeiht Tito großmütig allen, verzichtet auf Vitellia und überlässt sie seinem Freund Sesto.

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Laura Aikin als Vitellia

Für die konzertante Aufführung und die CD-Einspielung hatte man in Leverkusen eine hochkarätige Solisten-Riege engagiert, die mit Simone Kermes auch überregionales Publikum angelockt hatte. Allerdings musste Kermes ein paar Tage vor der geplanten Aufführung den Auftritt absagen, so dass nun Laura Aikin die undankbare Aufgabe zukam, die teils weit angereisten Gäste zu entschädigen. Doch Aikin ließ sich diesen Druck nicht anmerken und zerstreute direkt mit ihrer ersten Arie nicht nur Sestos Zweifel über die Verschwörung, sondern auch etwaige Bedenken des Publikums, dass kein adäquater Ersatz für Kermes gefunden worden sei. Zu musikalischen Höhepunkten avancierten ihre beiden Arien zum Abschluss des ersten und zweiten Aktes. Wenn Vitellia am Ende des ersten Aktes ihre Sorge darüber kundtut, dass Sesto seinen Auftrag zu schnell ausführen könne, tritt sie in einen wunderbaren Dialog mit der Oboe. An dieser Stelle mag man bemängeln, dass Kermes diesen Dialog vielleicht mit dem ihr eigenen Temperament und Feuer zu einem Duell mit dem Instrument ausgeweitet hätte, während Aikin in ihrer Interpretation der Arie doch eher zurückhaltend agiert. Gleiches gilt für ihre Arie am Ende des zweiten Aktes, in der sie Vitellias Verzweiflung zwar mit sauber gesetzten Koloraturen und unglaublichen Oktavsprüngen untermauert, in der Darstellung allerdings leider recht kühl bleibt.

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Raffaella Milanesi als Sesto

Ganz anders hingegen tritt Raffaella Milanesi als ihr Geliebter Sesto auf. Schon wenn sie die Bühne betritt oder verlässt, hat sie niemals die Partitur in der Hand, sondern geht ganz in den Emotionen ihrer Figur auf. Ihr nimmt man die Zerrissenheit zwischen Liebe und Pflichtgefühl in jedem Moment ab. Dabei stattet sie die bravourösen Arien, die ursprünglich für den Starkastraten Caffarelli komponiert worden waren, mit atemberaubenden Koloraturen und grandiosen Verzierungen aus. Höhepunkte ihrer Interpretation sind neben Sestos Arie im ersten Akt, in der Sestos fatale Abhängigkeit von Vitellia in einen Wettstreit mit seinem Kampfgeist tritt, vor allem die beiden Arien im zweiten Akt. Wenn Sesto befürchtet, dass Tito dem Attentat zum Opfer gefallen sei, zerreißt es Milanesi regelrecht in halsbrecherischen Koloraturen. Melancholie und Trauer hingegen überwiegen in ihrer großen Arie "Se mai senti spirarti sul volto", in der sich Sesto von Vitellia verabschiedet, um sich als überführter Verschwörer der Hinrichtung zu ergeben. Diese Arie dürfte vielen unter dem Titel "O malheureuse Iphigénie" bekannt sein, da Gluck sie 1778 noch einmal in seiner Iphigénie en Tauride verwendete.

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Valer Sabadus als Annio

Dritter Star des Abends ist Valer Sabadus in der Partie des Annio. Mit beweglichem und weichem Countertenor lässt er die Angst des jungen Mannes, der fürchtet, seine geliebte Servilia zu verlieren, regelrecht spürbar werden. Auch wenn Annio im zweiten Akt verdächtigt wird, den Verschwörern anzugehören und er aus Liebe zu seinem Freund Sesto schweigt, versteht Sabadus diese unglückliche Treue wunderbar umzusetzen. Welche Spitzentöne er dabei ohne zu forcieren erreicht, lässt erahnen, welche Faszination die Stimmen von Kastraten auf das damalige Publikum wohl ausgeübt haben dürften. Das Publikum feiert ihn dafür mit regelrechten Begeisterungsstürmen. Arantza Ezenarro begeistert als von Annio begehrte Servilia mit leuchtendem Sopran.

Erstaunlich ist, dass auch der Vertraute Publio mit einem Countertenor besetzt ist (bei Mozart ist diese Partie für einen Bass komponiert). Flavio Ferri-Benedetti stattet den Vertrauten Titos in beiden Arien mit weichem Countertenor und sauber geführten Spitzentönen aus. So bleibt der Herrscher Tito als einzige "tiefe" Partie, die von dem Tenor Rainer Trost interpretiert wird. Leider können die Arien des Herrschers in der Virtuosität nicht mit den anderen Musiknummern mithalten, so dass Trost trotz sauberer Stimmführung eher blass bleibt. Wahrscheinlich ist der ständig gnädiger Kaiser, der allen verzeiht, als Figur doch einfach zu langweilig, so dass die affektgeladene Musik für diesen Charakter einfach nicht viel zu bieten hat. Werner Ehrhardt führt das im Barock erprobte Orchester l'arte del mondo mit präziser Führung durch die Partitur und lässt seine Begeisterung für die Musik auf die Musiker und Solisten überschwappen. So vergehen über vier Stunden wie im Flug, und alle Beteiligten werden frenetisch gefeiert.

FAZIT

Dass dieses Konzert eine einmalige Veranstaltung ist, ist für alle, die es nicht miterleben konnten, zu bedauern. Als Trost sei auf die bei SONY erscheinende CD hingewiesen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Werner Erhardt

 

l'arte del mondo


Solisten

Tito Vespasiano, römischer Kaiser
Rainer Trost 

Vitellia, Tochter des Kaisers Vitellius
Laura Aikin

Sesto, Freund Titos
Raffaella Milanesi

Servilia, Schwester Sestos
Arantza Ezenarro

Annio, Freund Sestos
Valer Sabadus

Publio, Präfekt der Prätorianer
Flavio Ferri-Benedetti


Weitere Informationen
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