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Musiktheater
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Street Scene

Eine amerikanische Oper in zwei Akten
Buch von Elmar Rice, Songtexte von Elmar Rice und Langston Hughes, deutsche Textfassung von Stefan Troßbach
Musik von Kurt Weill

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Dauer: 2 ¾  Stunden – eine Pause

Premiere am 4. November 2013
(rezensierte Aufführung. 13.11. 2013)



Staatsoper Hannover
(Homepage)

Irgendwie zwischen Verismo und Varieté

Von Christoph Wurzel

Anders als viele aus Nazideutschland emigrierte Künstler wurde Kurt Weill Amerikaner aus Überzeugung. Bereits kurz nach seiner Ankunft im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ 1935 äußerte er sich überschwänglich über den American Dream und inspiriert vom „Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit, Entfaltungsmöglichkeiten und Menschenwürde“ stürzte er sich in den amerikanischen Kulturbetrieb, wo er sich – ganz anders als sein künstlerischer Partner  Bertolt Brecht – sogleich ziemlich heimisch fühlte. Auf dem Feld des Musiktheaters sah er sich völlig anderen Bedingungen gegenüber als in Europa. In New York gebe es „leider nur den Broadway, d.h. das kommerzielle Theater – ein sehr enges Feld und ein harter Kampf“, aber das Publikum sei großartig. Der Komponist politisch provozierenden Musiktheaters im Berlin der Zwanziger Jahre  wandte sich in Amerika rasch den dortigen Anforderungen nach unterhaltenden Stoffen zu, mit denen das Publikum sich identifizieren konnte. Musikalisch blieb er dabei seinem Credo treu, dass die Musik unmittelbar den Sinn der Szene zu unterstützen habe, was er die „Alchemie der Musik“ nannte. In Amerika gehörten für ihn alle dort gängigen musikalischen Formen dazu, vom Folksong bis zur Revuenummer. In all seinen Aufträgen für den Broadway war er auf der Suche nach der amerikanischen Oper. Und in Street Scene, glaubte er, sei die Synthese der klassischen Operform mit der populären Musik, dem musikalischen Lebensgefühl des amerikanischen Publikums, am besten gelungen.

Die Handlung dieser „amerikanischen Oper“ basiert auf dem gleichnamigen Erfolgsstück des Pulitzerpreisträgers Elmar Rice. Ganz im Sinne Weills zeigt sie das Leben der Durchschnittsamerikaner, focussiert auf den Alltag in der Mietshaus-Enge einer kleinen Straße irgendwo im Melting Pot Amerika. Einwanderfamilien aller möglichen Provenienz leben hier nicht ganz spannungsfrei miteinander, es gibt ethnisch oder religiös begründete Vorurteile, neugieriges Beobachten der Nachbarn, dann aber auch echte Anteilnahme und geteiltes Vergnügen, sei es nur am Genuss von erfrischendem Speiseeis. Eine Familie wird zwischendurch noch vom Vermieter auf die Straße gesetzt und nur der Hausmeister (im Original ein Afroamerikaner) steht dem Treiben ganz stoisch gegenüber und singt  gelassenen seinen Blues. In solche Milieubilder hinein gepackt wird eine echte Opergeschichte, die sich zum Ende hin dramatisch zuspitzt: der Eifersuchtsmord eines Ehemannes (Frank Maurrant) an seiner Frau Anna und dessen Liebhaber, dem Milchmann Sankey. All diese Figuren träumen ihren American Dream auf andere Weise. Für den Sohn Willie ist es die Freiheit des Bolzplatzes, für Rose endlich Selbständigkeit von der Familie, für Sam Kaplan eine gemeinsame Zukunft mit der angebeteten Rose und für Anna Maurant einfach mehr Liebe, die ihr der jähzornige Ehemann nicht zu schenken vermag. Alles eher ein melancholischer, skeptischer Blick auf den Traum vom Glück.

Insgesamt böte der Plot Raum für enorm bühnenwirksame Bilder, der in Hannover allerdings auf eine Art Sporthalle verengt wird, in der zwar die Enge der Existenz all dieser Menschen mit ihren unterschiedlichen Hoffnungen und Sorgen deutlich wird, die Einzelschicksale dann aber doch ihre Besonderheit verlieren. Der Regisseur Bernd Mottl, in Hannover schon erfolgreich mit mehreren Musical-Inszenierungen, hat denn auch die Charakterisierung der Figuren eher plakativ angelegt, bis hin zur karikierenden Überzeichnung, wie dem Trio der Kindermädchen, die  am Schluss der Oper sensationsgierig den Tatort des Doppelmordes besichtigen. Nach Aussagen des Regisseurs sollte explizit auf Sozialschilderung verzichtet werden, stattdessen wird stark auf den Revuecharakter des Stückes gesetzt. Dadurch mag die Inszenierung Unterhaltungswert gewinnen (was dem Publikum hörbar Freude bereitete), ein Gleichgewicht zwischen Broadway und Oper in der Form der Synthese, wie sie Weill vorgeschwebt haben mag, wird dadurch aber schwerlich erreicht. Die tragische Seite der Handlung, die Weill auch musikalisch im konsequenten Opernstil ausbaute, bleibt unterbelichtet und zu wenig szenisch entwickelt. Hier lässt der Regisseur die Figuren weitgehend allein, vor allem die Figur der Rose Maurrant bleibt hölzern. Dass der Eifersuchtsmörder Frank Maurrant am Schluss fast die Tragik einer Woyzeck-Gestalt annimmt, bleibt nur zu erahnen. Auch die „kleinen“ Nachbarschaftskonflikte in Form von Klatsch, Tratsch und Häme werden durch Ausblenden des sozialen Hintergrunds ihrer auch hier allmählich vergiftenden  Wirkung entkleidet. So wirkt auch gerade die entsprechende Figur, Mrs. Jones, über weite Strecken vornehmlich als Trägerin von Parolen, weniger als Bühnencharakter. Dafür bietet die Inszenierung eine Menge an zündenden Shownummern, besonders eindrucksvoll die Truppe der Cheerleader-Girls und der mitreißend wilde Dance Song des schrillen Punkpaares Mae  (Nini Stadelmann) und Dick (Wolfgang Schwingler). Auch amerikanische Klischees wie übergewichtige Frauen, grelle Farben und lebensgroße Comicfiguren werden genüsslich eingesetzt.

Ein breites Panorama musikalischer Formen entfaltet Kurt Weill in diesem Stück mit ingeniösem Talent. Wirklich gelungen ist ihm der Anspruch, die jeweils geeignete Musikfarbe für die entsprechende Handlung zu finden. Die stilistische Palette reicht vom einfachen Kinderlied (ein Lob dem Kinderchor der Staatsoper!) bis zur groß angelegten Arie, von der schwungvollen Musicalnummer über melodramatische Szenen bis hin zum  opernhaften Trauermarsch - eine große Anforderung an Sänger und Orchester. In Hannover gelingt das insgesamt gut. Sicher wäre mehr Feinarbeit in dem divergierenden Mix möglich gewesen, aber das Orchester schafft den Switch zwischen den Stilen. Allerdings hätte Dirigent Benjamin Reiners etwas differenzierter den Lautstärke-Regler bedienen sollen, vor allem, weil die opernhaften Passagen doch recht üppig instrumentiert sind. Dies ist wohl auch der Grund, warum alle Darsteller mit Microports ausgestattet sind, was Gesang und Sprechdialog eine störende Künstlichkeit verleiht. Auch die Übersetzung in stellenweise plattes Deutsch (Still Kindchen, still, dein Vater der ist knüll...) raubt der Story Authentizität.

Ein Blick auf den Personenzettel zeigt die enorme Anzahl von fast drei Dutzend Solisten, unter denen sängerisch vor allem Kelly God als großartige Anna Maurant und Judith Hoffmann als ihre Tochter Rose herausragen. In der kleineren Rolle des Gigolos Easter, der es auf Rose abgesehen hat, überzeugt Christopher Tomkin. Dagegen hat es Sam Kaplan (schwärmerisch: Ivan Turšić) recht schwer, mit seinen ernsten Absichten bei ihr zu landen. Am Schluss gibt sie auch den Verlockungen Easters („Willst du nicht am Broadway ein Star werden?“) nach. Doch ob nicht auch dieser Traum nur, wie viele andere in diesem Stück, wie eine Seifenblase zerplatzt, das bleibt ein offenes Ende.

FAZIT

Diese lohnenswerte Repertoire-Erweiterung ist dem Staatstheater Hannover auf jeden Fall zu danken. Die starke Akzentuierung der Regie auf das Revuehafte besitzt zwar einigen Unterhaltungswert, schöpft aber das Potential dieses Werks nicht ganz aus. Auf der musikalischen Seite punktet die Produktion vor allem durch einige große Sängerleistungen.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Benjamin Reiners

Inszenierung
Bernd Mottl

Choreographie
Katrin Helmerichs-Naujok

Bühne
Friedrich Eggert

Kostüme
Alexandre Corazzola

Licht
Elana Siberski

Chor- und Kinderchoreinstudierung
Dan Ratiu

Dramaturgie
Katharina Ortmann

 

Chor der Staatsoper Hannover

Kinderchor der Staatsoper
Hannover

Niedersächsisches Staatsorchester
Hannover

Solisten

Mrs. Anna Maurrant
Kelly God

Mr. Frank Maurrant
Brian Davis

Rose Maurrant
Ania Vegry

Willie Maurrant
Marcel Durka

Sam Kaplan
Ivan Turšić

Abraham Kaplan
Roland Wagenführer

Shirley Kaplan
Carola Rentz

Henry Davis, Hausmeister
Francis Bouyer

Lippo Fiorentino
Sung-Keun Park


Mrs. Greta Fiorentino
Dorothea Maria Marx

Mr. George Jones
Mohsen Rashidkhan

Mrs. Emma Jones
Mareike Morr

Vincent
Peter Sikorski

Mae
Nini Stadlmann

Mr. Carl Olsen
Frank Schneiders

Mrs. Olga Olsen
Julie-Marie Sundal

Daniel Buchanan
Edward Mout

Mrs. Buchanan
Katja Bruhn-Keymling


Mrs. Hildebrand
Constanze Haase-Wiegandt

Jennie Hildebrand
Rebecca Wiemers

Joan Hildebrand
Sarah Hinz

Charlie
Valentin Ratiu

Easter
Christopher Tonkin

Dick
Wolfgang Schwingler

Steve Sankey, Milchmann
Ingolf Kumbrink

Dr. Wilson
Volkhard Oberdalhoff

Officer Murphy
Karel Mac-Lean

Fred Cullum, Polizist
Frank Domnick

Erdbeerverkäuferin / Lieferantin
Tatjana Rodenburg

1. Kindermädchen / Heilsarmee
Carmen Fuggiss

2. Kindermädchen / Heilsarmee
Hanna Larissa Naujoks

Zweite Schülerin
Dialekti Kampakou

Dritte Schülerin
Lenka Macharashvili

Geigenschülerin
Charlotte Moesta




Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Staatsoper Hannover
(Homepage)




Da capo al Fine

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