Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Tanz auf dem Pulverfass (Die oberen Zehntausend)

Amerikanische Tanzoperette in drei Akten
Text von Julius Freund, für das Stadttheater Gießen eingerichtet von Roman Hovenbitzer
Musik von Gustave Adolph Kerker

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3h 5' (eine Pause)

Premiere im Stadttheater Gießen am 30. November 2013
(rezensierte Aufführung: 06.12.2013)



Stadttheater Gießen
(Homepage)

Abstieg der oberen Zehntausend

Von Thomas Molke / Fotos von Rolf K. Wegst

Das Stadttheater Gießen hat sich seit einigen Spielzeiten auch überregional einen Ruf als Ausgrabungsstätte für in Vergessenheit geratene Werke und Komponisten des Musiktheaters erworben. Während in den letzten Spielzeiten zwei Opern des brasilianischen Komponisten Antônio Carlos Gomez auf dem Spielplan standen (Fosca in der vergangenen Spielzeit und Lo Schiavo in der Spielzeit 2010/2011), widmet man sich in dieser Saison dem deutschen Operetten-Komponisten Gustave Adolph Kerker, der zwischen 1890 und 1920 am Broadway große Erfolge feierte, bis seine Werke auch dort von den großen Erfolgen der Wiener Operette von den Spielplänen verdrängt wurden. Ein einziges Werk schuf er für das Berliner Metropol-Theater, das unter dem Titel Tanz auf dem Pulverfass - Die oberen Zehntausend am 23. April 1909 eine erfolgreiche Premiere erlebte, weil es mit eingängigen Melodien den Geist des Wilhelminischen Kaiserreiches treffend einzufangen vermochte, allerdings in einem Maß, dass man sehr schnell das Interesse an den Themen verlor. So verschwand diese amerikanische Tanzoperette in den Archiven und schlummerte dort über 100 Jahre, bis die NDR Radiophilharmonie 2012 in Hannover das Stück erstmals wieder konzertant präsentierte und es nun in Gießen zur ersten szenischen Neuproduktion kam.

Bild zum Vergrößern

Madame Criquet (Marie-Louise Gutteck, Mitte) mit dem "Klub der topmodernen Frau" (Damenchor und Tänzerinnen der Tanzcompagnie Gießen)

Die Geschichte basiert lose auf einer Komödie des französischen Boulevard-Autoren Victorien Sardou. Dominique Chatillard und Théophile Boche, zwei ältere Millionäre, zeigen auf ihre alten Tage, wie zahlreiche andere wohlhabende Männer auch, Interesse an einer geheimnisvollen orientalischen Prinzessin, die sich den Namen Fifi zugelegt hat, eigentlich aber eine ehemalige Varieté-Künstlerin ist, die einst mit dem Lebemann Gaston de Larivaudière durchbrannte, bevor er vor ihr nach Afrika floh, wo er sie in einem Harem wiedertraf und erneut die Flucht ergriff. Gaston ist nun zurückgekehrt und will ein bürgerliches Leben führen. Dabei verliebt er sich in Chatillards Tochter Germaine, die der Vater aber eigentlich mit Boches erfolgreichem Sohn James verheiraten möchte, der gerade aus Amerika zurückgekehrt ist. Doch James interessiert sich ebenfalls für Fifi, zumal sie ihm von Gaston als finanziell gute Partie angepriesen wird. James überredet seinen Vater und Chatillard, ihr ganzes Vermögen auf eine Bank zu setzen, von der er weiß, dass sie an diesem Tag Insolvenz anmelden muss. Nur er setzt auf die Konkurrenzbank. So sind die beiden Millionäre am Abend pleite und James setzt sich mit Fifi nach Amerika ab. Fifi sieht sich bereits am Ziel ihrer Träume, aber als James offenbart wird, dass Fifi eine Hochstaplerin ist, wartet er mit dem nächsten Coup auf. Auf der Eheurkunde steht nicht sein Name, sondern der seines Vaters. So teilt auch Fifi das Schicksal der anderen.

Bild zum Vergrößern

Scheinbare Seelenverwandtschaft: Fifi (Désirée Brodka) und James (Tomi Wendt)

Roman Hovenbitzer hat für das Stadttheater Gießen eine Fassung eingerichtet, die versucht, die Handlung in die Gegenwart zu übertragen. So heißen Chatillard und Gaston de Larivaudière nicht nur in Anspielung auf aktuelle Politiker Kahn-Stross und Gaston de Mont-Guttenberg, sondern auch die Bank, auf die die Gesellschaft ihr gesamtes Vermögen setzt, weckt unter dem Namen Lehman Bank Erinnerungen an die folgenreiche Insolvenz aus dem Jahr 2008. Ob man diese Textänderungen wirklich benötigt, um zu erkennen, dass auch für unsere heutige westliche Gesellschaft der gesungene Text "Wir tanzen auf einem Pulverfass, und grad' das, gerade das, gerade das macht Spaß. Man tanzt, und wenn schon die Lunte brennt. Man tanzt, man tanzt bis zum letzten Moment" durchaus aktuell ist, ist Ansichtssache. Auch das Wortspiel "James Boche - James Bond" ist eher ein unnötiger Gag, da es inhaltlich keinen Zusammenhang zwischen dem britischen Agenten und dem durchtriebenen jungen Mann gibt, der in Amerika gelernt hat, wie man den Kapitalismus zur Anhäufung des eigenen Wohlstandes instrumentalisieren kann. Unklar bleibt auch die Funktion der Madame Criquet, die in Form eines Conférenciers durch den Abend führt. Während ihr Umgang mit dem Orchester eine Ohrfeige für die Verantwortlichen der Kulturpolitik sein dürfte - so sei für den Abend aus Kostengründen ein osteuropäisches Orchester engagiert worden, das aber zunächst zu spät kommt und nach dem zweiten Akt aus dem Orchestergraben ohne Gage vertrieben wird, da es angeblich zu schlecht gespielt habe -, wird nicht klar, wieso sie in einer Art Grashüpfer-Kostüm mit zwei zusätzlichen Armen auftritt. Soll das eine Vorwegnahme der Aliens sein, die nach dem Zusammenbruch der Börse über die nun bankrotte Gesellschaft teilweise sogar mit Kettensäge herfallen?

Bild zum Vergrößern

Nach dem Börsen-Coup schwimmen James (Tomi Wendt) und Fifi (Désirée Brodka) im Geld (dahinter: Madame Criquet (Marie-Louise Gutteck) und der Chor).

Während nicht nur die bereits erwähnten Kostüme von Hank Irwin Kittel Fragen nach dem Sinn aufwerfen, bleibt auch unklar, wieso die Chordamen als Damen des "Klubs der topmodernen Frau" als aufreizende Schulmädchen im Lolita-Look auflaufen. Soll das Ausdruck einer dekadenten Gesellschaft sein? Dieser Ansatz gelingt Kittel bei den Herren der Gesellschaft wesentlich besser, wenn sie alle ihren Wohlstand in einem goldenen Bauch vor sich hertragen, der ihnen von James, nachdem er sie alle um ihr Vermögen gebracht hat, abgenommen wird. Dass James in einem goldenen Anzug gekleidet ist, macht deutlich, dass er als einziger die Spielregeln verstanden hat und von dem finanziellen Bankrott der anderen profitiert. Auch die Drehbühne wird von Kittel geschickt eingesetzt. Die Marmorierung der Bühnenelemente lässt den Wohlstand erkennen, in dem sich die "oberen Zehntausend" vor ihrem Abstieg bewegen. Ein Bühnenelement in der Mitte lässt sich wie eine Art Wippe bewegen, so dass der Aufstieg nach oben schnell in einen Abstieg umschwingen kann. Während im ersten Teil der Halbkreis noch wie eine Showbühne senkrecht über der Bühne prangt, ist er im zweiten Teil zur Spielfläche geworden, auf der sich die Gesellschaft im Kreis bewegt. Im dritten Akt ist dieses Element in Einzelteile zerlegt worden, um zu demonstrieren, dass der Wohlstand nun ein Ende hat.

Bild zum Vergrößern

Leben nach dem Wohlstand: von links: Ivette (Naroa Intxausti), Germaine (Judith Spiesser), Moulinette (Calin-Valentin Cozma), Claire (Aline Wilhelmy), Gaston (Ricardo Frenzel Baudisch) und Oliver (Andreas Kalmbach) im Hintergrund: Kahn-Stross (Thomas Stückemann)

Während die ersten beiden Akte trotz der oben genannten Einschränkungen melodisch und szenisch kurzweilige Unterhaltung bieten, weist der dritte Akt einige Längen auf, zumal er auch musikalisch nichts Neues zu bieten hat. Wenn sich der Vorhang nach dem zweiten Akt nach dem Bankrott der Gesellschaft gesenkt hat, und einzelne Aliens verzweifelte Chormitglieder über die schmale Vorderbühne jagen, denkt ein Großteil des Publikums, dass es sich hierbei um eine etwas merkwürdige Applaus-Ordnung handeln könnte, und ist sichtlich irritiert, wenn Madame Criquet auftritt und mitteilt, dass man den Abend doch nicht in diesem Tumult enden lassen könne. Nachdem sie dann den Großteil des Orchesters aus dem Graben vertrieben hat und erneut einen Pianisten auf der Bühne angefordert hat, wird nun das triste Dasein von Kahn-Stross und seiner Familie gezeigt. Germaine und Gaston sind nun ein Paar, was sie allerdings auch schon am Ende des zweiten Aktes waren, so dass nun zwanzig Minuten gähnende Langeweile folgen. Da hilft es auch nichts, dass James mit Fifi auftaucht und sich geschickt seiner Gattin entledigt, nachdem er erkannt hat, dass sie ihn hinters Licht geführt hat oder dass die anderen Fifi ein Haifisch-Kostüm überstülpen. Madame Criquet versetzt dann mit magischem Staub alle in Schlaf, und es folgt noch einmal, dieses Mal allerdings völlig unmotiviert der Titelsong "Wir tanzen auf einem Pulverfass". Dramaturgisch kommt also nach dem zweiten Akt nichts, worauf man nicht hätte verzichten können, und da Hovenbitzer sowieso schon zahlreiche Eingriffe vorgenommen hat, hätte er vielleicht gut daran getan, das Stück nach dem zweiten Akt enden zu lassen.

Das Ensemble präsentiert sich in großer Spielfreude mit überwiegend stimmlich überzeugenden Qualitäten. Leider lässt beim von Jan Hoffmann einstudierten Chor die Textverständlichkeit arg zu wünschen übrig, was bei einem derart unbekannten Stück einige Probleme für das Verständnis aufwirft. Der eine oder andere Gag der Damen des "Klubs der topmodernen Frau" geht damit vielleicht verloren. Auch Naroa Intxausti und Calin-Valentin Cozma geben zwar ein darstellerisch herrlich angelegtes Ehepaar Ivette und Moulinette, das sich nicht mehr allzu viel zu sagen hat, bleiben aber beim gesungenen und teilweise auch beim gesprochenen Text häufig unverständlich. Ricardo Frenzel Baudisch übertreibt als Gaston vielleicht ein bisschen mit der Darstellung seiner Spießigkeit, erzielt aber in seinem Lied "Ein charmantes und pikantes Nippfigürchen ist mein Schatz" äußerst komische Momente, wenn er Germaine die Vorstellungen über seine zukünftige Ehefrau mitteilt, die sie im Schlussbild dann auch erfüllt. Désirée Brodka und Judith Spiesser machen als Fifi und Germaine optisch eine sehr gute Figur und überzeugen sowohl darstellerisch durch verführerisches Spiel und gute Textverständlichkeit als auch stimmlich durch einen klaren Sopran. Tomi Wendt gibt einen aalglatten und skrupellosen James Boche, der die Macho-Allüren der Figur hervorragend ausspielt. Auch Marie-Louise Gutteck überzeugt als Madame Criquet darstellerisch, die sich als eine Spielleiterin zwischen dem Stück und dem Publikum bewegt und dem Orchester gegenüber auch richtig fies werden kann. Florian Ziemen findet mit dem Philharmonischen Orchester Gießen einen guten Zugang zu der schmissigen Musik Kerkers. So gibt es am Ende der Vorstellung großen Applaus für alle Beteiligten.

FAZIT

Musikalisch weist Kerkers Operette schmissige Melodien auf, die es sicherlich mit Lehár oder Johann Strauß aufnehmen können und es verdienen, nicht wieder in der Versenkung zu verschwinden. Szenisch gelingt es Hovenbitzer nicht, den letzten Akt zu retten. Hier wäre kürzer besser gewesen.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Florian Ziemen

Inszenierung
Roman Hovenbitzer

Bühne und Kostüme
Hank Irwin Kittel

Chorleitung
Jan Hoffmann

Musikalische Rekonstruktion /
Bearbeitung
Masae Nomura

Choreographie
Stefan Haufe

Licht
Manfred Wende

Dramaturgie
Christian Schröder

 

Philharmonisches Orchester
Gießen

Chor und Extrachor des
Stadttheater Gießen

Tanzcompagnie Gießen

 

Solisten

*Besuchte Aufführung

Dominique Kahn-Stross
Thomas Stückemann

Ivette, seine Tochter
Naroa Intxausti

Germaine, seine Tochter
Judith Spiesser

Claire, seine Tochter
Aline Wilhelmy

Aristide, sein Sohn
Robert Schmidt

Moulinette, Ivettes Gatte
Calin-Valentin Cozma

Théophile Boche
Dan Chamandy

James Boche, sein Sohn
Tomi Wendt

Prinzessin Fifi
Désirée Brodka

Gaston de Mont-Guttenberg
Ricardo Frenzel Baudisch

Oliver, Chauffeur
Andreas Kalmbach

Madame Criquet
Marie-Louise Gutteck

Ein Pianist
Wolfgang Wels /
*Evgeni Ganev

Eine Reinigungsfachkraft
Monica Musteanu


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Stadttheater Gießen
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2013 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -