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Musiktheater
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Schwanensee

Ballett von Bridget Breiner
Musik von Peter Tschaikowskij


Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Musiktheater im Revier am 9. November 2013


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Musiktheater im Revier
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Auf die Spitze, fertig, los

Von Stefan Schmöe / Fotos: Sebastian Galtier

Ach, ausgerechnet Schwanensee! Das „Ballett im Revier“ mit seiner Leiterin Bridget Breiner setzt ganz mutig mit einer Compagnie von gerade einmal 14 Tänzerinnen und Tänzern das romantische Ballett schlechthin in Szene, und noch dazu mit Musik nicht vom Band wie an kleineren Häusern in der Ballettsparte üblich, sondern live von der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Heiko Matthias Förster (etwas krachend) gespielt. Da schlägt die Gelsenkirchener Ballettchefin schon ganz große Pflöcke ein, die zeigen sollen, in welche Höhen die künstlerische Reise gehen soll. Und auch wenn so manches noch ein wenig holprig gelingt, sieht das alles zweieinviertel Stunden so aus, als wolle es permanent sagen: Seht her, so geht großes Ballett. Schier endlos wird auf Spitze getanzt, gehoben und gedreht. Den Nerv des frenetisch jubelnden Gelsenkirchener Publikums hat Bridget Breiner damit offensichtlich getroffen. Und das, obwohl eines fehlt: Die Schwäne.

Szenenfoto kommt später

Unter den Augen der gestrengen Königin: Der Prinz und seine ungeliebte Verlobte

Ob es die Angst vor dem vermeintlichen Kitsch war oder die Erkenntnis, mit dem kleinen Ensemble in den großen Tableaus zwangsläufig an den Sehgewohnheiten zu scheitern – obwohl Bridget Breiner eine insgesamt sehr konventionelle Choreographie erstellt hat, bleiben ausgerechnet die namensstiftenden Tiere außen vor. Die Inhaltsangabe deutet auf eine dezent psychologisierende Deutung hin: Der Prinz (Prinzen sind, im Gegensatz zu Schwänen, zugelassen) soll standesgemäß verheiratet werden, verliebt sich aber in ein geheimnisvolles Mädchen im Wald (das Programmheft schreibt: „ … das instinktgebunden seine Natur lebt“). Schließlich doch von seiner Verlobten verführt, wird er der rätselhaften Naturschönheit untreu, die unglücklich zurück bleibt. Zauberer und Intrigen sind gestrichen, die Spiegelung vom guten „weißen“ und bösen „schwarzen“ Schwan (traditionell von derselben Tänzerin verkörpert) leider auch, denn dadurch geht ein wesentliches Spannungselement verloren. Statt des schwarzen Schwans gibt es die adrette Verlobte, von Aidan Gibson ziemlich brav und völlig undämonisch getanzt – eine Randfigur ohne nennenswerte Ausstrahlung.

Szenenfoto kommt später

Begegnung im nächtlichen Wald: Odette und der Prinz

Der „weiße“ Schwan Odette, das ist hier das ungeschminkte Naturmädchen. Kusha Alexi ist unumstrittener Star des Abends, sehr drahtig und muskulös, was im extrem knappen Kleidchen (Typ „Jane im Tarzan-Dschungel“) noch unterstrichen wird – hier soll offenbar, und das ergibt dramaturgisch ja auch Sinn, ein Gegenpol zur schönen, heilen Hofballettwelt aufgezeigt werden. Aber warum nur tanzen dieses Mädchen und der Prinz dann einen so konventionellen, bemüht akademischen pas de deux? Hier müsste nicht (nur) das Kostüm, sondern (vor allem) die Tanzsprache eine andere Welt aufzeigen. Bridget Breiner reicht das sozusagen nach, indem sie drei Klavierlieder von Tschaikowskij einschiebt (von Noriko Ogawa-Yatake mit sehr brüchiger Stimme leider wenig klangschön gesungen): Drei kleine Miniaturen für die ansonsten ausdrucksmäßig weitgehend unterforderte Kusha Alexi, in denen sie tatsächlich diese andere Welt aufblitzen lässt. Das sind die berührendsten Momente des Abends, die aber isoliert bleiben.

Szenenfoto kommt später

Sterbender Schwan? Der Prinz möchte nicht mehr heiraten.

Mit nach hinten gestreckten Armen deutet Kusha Alexi immer wieder den Schwan an, und das wäre auf leerer Bühne, die man sich für die „weißen“ Akte herbei wünscht, ein schönes Symbol und völlig ausreichender Verweis auf die Geschichte. Aber den Weg vom konventionellen Ballettmärchen zur psychologisierenden Deutung geht Bridget Breiner nur halb-, ach was: viertelherzig. So wird die Odette im ziemlich romantisch raunenden Wald (nichts da mit leerer Bühne) zwar nicht von Schwänen, sondern von „Schatten“ begleitet, zunächst drei an der Zahl, am Ende gesellt sich das komplette Ensemble dazu und gibt den hübsch anzusehenden, aber doch künstlerisch ziemlich belanglosen Wassergeisterreigen – mit merkwürdigen graublauen Schleiern eher unattraktiv bekleidet. Wenn aber schon so romantisch, warum dann nicht auch der Mut zum Schwan?

Szenenfoto kommt später

Odette und Prinz - kein Happy End.

Am Hof trifft zackige Militäratmosphäre mit eckigen Bewegungen auf jugendlich-neckische, dabei ziemlich konventionell choreographierte Hofdamen. Gerade die Ballszenen bräuchten hier allerdings ein Bühnenbild, das hilft, den Raum mit so wenigen Tänzerinnen und Tänzern wirkungsvoll zu füllen – die Ausstattung von Jean-Marc Puissant leistet das nicht. Ein gebrochener überdimensionaler Bilderrahmen, keine besonders neue Idee, soll wohl eine gewisse Distanz zur Es-war-einmal-Atmosphäre schaffen, lässt das Ensemble auf der ansonsten viel zu offenen Bühne aber ziemlich allein. Erst im dritten Akt gelingt Bridget Breiner eine wirklich spannende Szene, in der die Hofgesellschaft die Schwanengestik der Odette dumpf parodiert. Dem Prinzen (Ordep Rodriguez Chacon tanzt ihn solide, ohne der Figur wirklich interessante Facetten abzugewinnen) müsste hier eigentlich bewusst werden, was auf dem Spiel steht. Die ziemlich banale Verführungsnummer durch seine Verlobte ist danach keine allzu plausible Lösung, um die tragische Entwicklung zu motivieren, über einen (vom Vorhang gnädig verdeckten) Quickie sollte ein doch gerade nicht kleinbürgerlicher Geist wie Odette großzügig hinwegsehen können. Tut sie nicht und bleibt folglich allein. Letztendlich fehlt der Geschichte nicht nur hier die Stringenz, die durch den Tanz beglaubigt werden müsste. Der aber bedient dann doch eher die traditionellen Sehgewohnheiten.


FAZIT

Klassische Tanzkultur auf recht ordentlichem (nicht überragendem) Niveau, eine konventionell erzählte Geschichte mit einer kräftigen Prise Romantik, eine vorsichtige Neudeutung – Bridget Breiner liefert von allem etwas. Je nach Sichtweise kann man auch sagen: Nichts Halbes und nichts Ganzes.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Heiko Matthias Förster

Choreographie
Bridget Breiner

Ausstattung
Jean-Marc Puissant

Szenische Mitarbeit
Sebastian Schwab

Licht
Patrick Fuchs

1. Ballettmeisterin
Lynne Charles

Ballettmeister
Marika Carena
Alexander Zaitsev a.G.

Dramaturgie
Juliane Schunke


Neue Philharmonie Westfalen


Solisten

Der Schwan
Kuscha Alexi

Die Schatten
Joseph Bunn
Junior Demitre
Petar Djorcevski

Der Prinz
Ordep Rodriguez Chacon

Die Königin
Ayako Kikuchi

Die drei Barone
Joseph Bunn
Junior Demitre
Petar Djorcevski

Die Verlobte
Aidan Gibson

Der Freund des Prinzen
Valentin Juteau

Das Mädchen
Maiko Arai

Drei Hofdamen
Francesca Berruto
Nora Brown
Rita Duclos

Die zwei edlen Herren
Fabio Boccalatte
Hugo Mercier

Gesang
Noriko Ogawa-Yatake

Klavier
Salvador Caro



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Da capo al Fine

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