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Drei Farben Tanz

Dreiteiliger Ballettabend mit Choreographien von William Forsythe, Alexander Ekman und Douglas Lee

PianoPiece (Uraufführung)
Choreographie von Douglas Lee, Musik von Jurriaan Andriessen, Frank Henne, Chiel Meijering, Jeroen van Veen

The Vertiginous Thrill of Exactitude
Choreographie von William Forsythe, Musik von Franz Schubert

Cacti
Choreographie von Alexander Ekman, Musik von Ludwig van Beethoven, Joseph Haydn, Franz Schubert,
Lyrics von Spenser Theberge

Aufführungsdauer: ca. 2h 5' (zwei Pausen)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 9. November 2013

 



Theater Dortmund
(Homepage)

Drei unterschiedliche Handschriften des zeitgenössischen Tanzes

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöss (Stage Pictures)

Anders als in den vergangenen Spielzeiten eröffnet Ballettdirektor Xin Peng Wang die diesjährige Ballettsaison nicht mit einem eigens kreierten Handlungsballett sondern mit zeitgenössischem Tanz, der drei völlig unterschiedliche Handschriften zeigt, was bereits im Titel des Abends zum Ausdruck kommt. Dabei treffen mit Douglas Lee und Alexander Ekman zwei absolute "Youngster" auf den Altmeister des zeitgenössischen Tanzes, William Forsythe, und rahmen ihn gewissermaßen ein. Lässt sich zwischen Lee und Forsythe der Zusammenhang herstellen, dass beide ihre ersten großen Erfolge als Choreographen mit dem Stuttgarter Ballett verbuchen konnten, mag das Bindeglied zwischen Forsythes und Ekmans Choreographie die klassische Musikauswahl sein, die in beiden Fällen auf Franz Schubert zurückgreift. Was die Thematik und die Körpersprache in diesen drei Teilen betrifft, lässt sich keine Verbindung zwischen den drei Teilen herstellen, so dass die Dortmunder Compagnie die Möglichkeit hat, erneut ihre Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen.

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Jacqueline Bâby und Arsen Azatyan in PianoPiece

Den Anfang macht das eigens für das Dortmunder Ballett entwickelte Stück PianoPiece von Douglas Lee, in dem Lee seine persönliche Liebe zur Klaviermusik zum Ausdruck bringt. Von vier auf der Bühne platzierten Flügeln umgeben, bewegen sich drei Tänzerinnen und vier Tänzer in acht einzelnen Episoden, die keine durchgängige Geschichte erzählen, sondern nur unterschiedliche Stimmungen einfangen. Lee geht dabei von einem Ausspruch des berühmten Choreographen George Balanchine aus, der einmal gesagt haben soll, dass die Tänzer das Klavier seien und der Choreograph der Pianist. So wirken die sieben Solisten in den eng anliegenden Kostümen fast wie die weißen und schwarzen Tasten eines Klaviers. Die ausgewählten Klavierkompositionen, die vom Band erklingen und die Flügel auf der Bühne damit nur zu Requisiten degradieren, stammen von zeitgenössischen Komponisten, deren Stil man der Minimal Music zuordnen könnte. In fließenden Bewegungen tanzen die Solisten um und auf den Flügeln und verharren zwischenzeitlich immer wieder in starren Posen, die die Choreographie zu einer Choreographik machen, so wie die Partitur der verwendeten Komposition Portrait of Hedwig des Niederländers Jurriaan Andriessen aus einer gewissen Distanz an das Gesicht von Andriessens Lebensgefährtin erinnern soll. Jacqueline Bâby, Monica Fotescu-Uta, Jelena-Ana Stupar, Arsen Azatyan, Eugeniu Cilenco, Mark Radjapov und Andrei Morariu setzen mit einer eindrucksvollen Interpretation in einer recht düsteren Lichtstimmung die magische Atmosphäre dieses recht kurzen ersten Teils überzeugend um.

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The Vertiginous Thrill of Exactitude: von links: Monica Fotescu-Uta, Risa Tateishi, Sakura Sakamoto

Der zweite ebenfalls recht kurze Teil des Abends, The Vertiginous Thrill of Exactitude, was sich wörtlich mit "Der schwindelerregende Schauder der Exaktheit" übersetzen lässt, stammt von William Forsythe und wurde ursprünglich 1996 für das Stuttgarter Ballett konzipiert, neun Jahre, nachdem Forsythe radikal mit klassischen Traditionen gebrochen hatte. Zu Franz Schuberts Sinfonie Nr. 9, D 944, wirbeln drei Tänzerinnen in als steifer Scheibe angedeuteten Tutus in nahezu klassischem Spitzentanz mit zwei Tänzern in eng anliegenden roten Kostümen über die Bühne, ohne dass es dabei einen Stopp gibt. Was im ersten Moment klassisch wirkt, entpuppt sich dadurch als Zerlegung der klassischen Komponenten, da die Tänzer nicht in gewissen Posen Halt machen, sondern diese mit einem neuen Bewegungsvokabular fortsetzen. Dabei erweist sich die Musikauswahl als besonders geeignet, da Schuberts von allem Bedeutungshaften befreite Sinfonie die Tänzer regelrecht aufsaugt. Monica Fotescu-Uta, Sakura Sakamoto und Risa Tateishi begeistern hier durch großartige Virtuosität im Spitzentanz und entwickeln mit Howard Quintero Lopez und Gal Mazor Mahzari in diesem rasend schnellen Stück ein atemberaubendes Tempo. Leider ist Forsythe nicht selbst angereist, um den Applaus für diese Choreographie entgegenzunehmen.

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Ensemble in Cacti

Der dritte Teil von dem noch nicht einmal 30-jährigen Newcomer Alexander Ekman aus Schweden bringt dann mit einem wieder ganz anderen Stil die dritte Farbe ins Spiel und darf wohl, gemessen an den Publikumsreaktionen, als Höhepunkt des Abends bezeichnet werden. Ekman schuf das Stück Cacti als Interaktion zwischen Musik, Tanz und Text 2010 für das Nederlands Dans Theater und wurde mit dieser Choreographie für den niederländischen "Zwan Award" nominiert. Grundlage bildet ein Text des Tänzers Spenser Theberge, den Ekman wohl während seiner Lehrtätigkeit an der Julliard School in New York City kennen lernte und der 2009 an das Nederlands Dans Theater wechselte. Theberge beschreibt darin, dass der Untergang unserer von Technologie gesteuerten Welt nur durch das Zusammenwirken der einzelnen Kräfte erreicht werden könne, und fordert folglich zur Interaktion auf. So sieht man insgesamt 16 Tänzerinnen und Tänzer auf elfenbeinfarbenen Podesten in unterschiedlicher Höhe mit einem Streichquartett gewissermaßen kommunizieren. Die Musiker lassen einzelne Töne beziehungsweise den Anfang einer Melodie erklingen, auf den die Tänzer mit Schnaufen oder Trommeln reagieren. Dabei sind die Tänzer sehr auf ihre Podeste fixiert, was auch noch durch das Lichtdesign unterstützt wird. Im Folgenden verlassen die vier Musiker die Bühne und die Tänzer bewegen sich auf ihren Podesten in den einzelnen Lichtkegeln zur Musik vom Band, bis Theberges Stimme erneut einschreitet und im Zeichen der Postmoderne ein Zusammenwirken zwischen Live-Musik und Tanz fordert. Dafür müssen sich die Tänzer aber von ihren Podesten befreien, um sich auch jenseits fester Strukturen bewegen zu können.

Was das Stück mit Kakteen zu tun hat, bleibt die große Frage des Abends. Zwar tragen die Tänzer jeder einen riesigen Kaktus hinein, den sie zunächst auf ihr Podest stellen und dann in einer energischen Bewegung herunterschieben. Auch greift Theberge in seinem Text die Kakteen als "allwissende Sonne" auf, scheint damit allerdings eher die Postmoderne zu karikieren. Auch das "Ende" des Abends steht längere Zeit im gesprochenen Text in der Schwebe, was aber gerade die Komik dieses Teils ausmacht. Ein weiterer komischer Höhepunkt wird in dem Duett zwischen Risa Tateishi und Arsen Azatyan erreicht, die in einem surrealen Gespräch, der von Band eingespielt wird, zum Dialog zwischen den beiden Sprechern Aram und Riley tanzen und mit grandiosen Slapstick-Einlagen, die genau auf die gesprochenen Passagen abgestimmt sind, das Publikum zum Lachen bringen, auch wenn es makaber anmutet, wenn bei der Frage, was bei einer Trennung aus der gemeinsamen Katze werde, unter dem lauten Aufschrei einer Katze ein Gegenstand aus dem Schürboden herabfällt, womit sich das Problem mit der Katze, so Aram, wohl erledigt habe.

Am Ende stehen die einzelnen Podeste im Bühnenhintergrund durcheinander aufgestapelt und die Tänzer scheinen sich mit den Kakteen aus den starren und einengenden Strukturen befreit zu haben. Ob man diesen Schluss positiv deuten soll, bleibt fraglich. Jedenfalls ist das Publikum nach diesem unterhaltsamen Stück gut gelaunt und feiert die Tänzer, Musiker und auch den Choreographen mit frenetischem Applaus.

FAZIT

Der Abend verbindet drei absolut unterschiedliche Handschriften des modernen Tanzes und bietet dem Freund zeitgenössischen Tanzes ein breites Spektrum.


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Produktionsteam

 

PianoPiece

Choreographie, Bühne und Kostüme
Douglas Lee

Lichtdesign
Bonnie Beecher

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

*Jacqueline Bâby /
Stephanine Ricciardi Rocha
*Monica Fotescu-Uta /
Emilie Nguyen
*Jelena-Ana Stupar /
Barbara Melo Freire
*Arsen Azatyan /
Gal Mazor Mahzari
*Eugeniu Cilenco /
Yuri Polkovodtsev
*Mark Radjapov /
Howard Quintero Lopez
*Andrei Morariu /
Giuseppe Ragona

 

The Vertiginous Thrill
of Exactitude

Choreographie, Bühnenbild und Lichtdesign
William Forsythe

Kostüme
Stephen Galloway

Einstudierung
Noah D. Gelber

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

*Monica Fotescu-Uta /
Jelena-Ana Stupar /
Stephanine Ricciardi Rocha
*Sakura Sakamoto /
Emilie Nguyen /
Barbara Melo Freire
*Risa Tateishi /
Sayo Yoshida /
Jacqueline Bâby
*Howard Quintero Lopez /
Giuseppe Ragona /
Andrei Morariu /
Stephen King
*Gal Mazor Mahzari /
Arsen Azatyan /
Allyson da Rocha Alves

 

Cacti

Choreographie, Bühnenbild und Kostüme
Alexander Ekman

Bühnenbild und Lichtdesign
Tom Visser

Einstudierung
Nina Botkay-Courcier

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

Duett
Risa Tateishi
Arsen Azatyan

Ensemble
Jacqueline Bâby
Denise Chiarioni
Barbara Melo Freire
Shirley-Cordula Meissner
Emilie Nguyen
Jelena-Ana Stupar
Risa Tateishi
Sayo Yoshida
Arsen Azatyan
Eugeniu Cilenco
Gal Mazor Mahzari
Francesco Nigro
Jie Qu
Mark Radjapov
Giuseppe Ragona
Takahiro Tamagawa

1. Violine
*Alexander Prushinsky /
Slava Chestiglazov

2. Violine
*Frank Rudolph /
Swetlana Shtraub

Viola
*Roman Nowicki /
Luise Spahn

Violoncello
*Franziska Batzdorf /
Sebastian Hartung 


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Theater Dortmund
(Homepage)



Da capo al Fine

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