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Cinderella

Ballett in drei Akten von Tomasz Kajdanski
Musik von Sergej Prokofjew


Aufführungsdauer: ca. 1h 40' (eine Pause)

Premiere im Anhaltischen Theater Dessau am 8. November 2013
(rezensierte Aufführung: 10.11.2013)

Logo: Anhaltisches Theater
                                    Dessau

Anhaltisches Theater Dessau
(Homepage)

Jeder zieht sich den Schuh an, der ihm passt...

Von Joachim Lange / Fotos von Claudia Heysel

SzenenfotoDer Prinz staunt über diese schrille, so schrecklich nette Familie

Am Ende kriegen sich der Prinz und das Aschenputtel natürlich auch in Dessau. Sie gehen eng aneinander geschmiegt nach hinten auf einen projizierten Strand zu. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann freuen sie sich heute noch über den passenden Schuh für sie und den richtigen Riecher, den der Prinz bei der Suche nach dem dazu gehörenden Fuß hatte. Doch selbst so ein harmlos poetisches Bild für ein Bühnen-Happyend ist in Dessau auf erschreckende Weise doppeldeutig. Denn das Wasser steht ihnen bis zum Hals. Aber nicht wegen einer Flut, sondern wegen der Dürre, die eine amoklaufenden Finanzpolitik in Magdeburg verursacht, wo man ja nicht im Ernst glauben kann, mit sieben Millionen Euro weniger für die Theater in Dessau, Halle und Eisleben etwas gegen die Verschuldung eines Zehn-Milliarden Haushaltes auszurichten. Doch für das politisches Gestaltungs-Selbstverständnis der Regierenden ist die Kultur so marginal, dass sie den (auch ökonomischen!) Negativ-Effekt, den die anvisierte Verödung der bislang imponierend bewahrten Kultur- (und Wissenschafts-)landschaft in Sachsen-Anhalt haben wird, einfach ausblenden.

Szenenfoto

Verloren in einem kurzen Glück ohne Dauer

Wie sollte man da nicht die Zukunftssorgen des kämpferischen und trotz begrenzter Ressourcen höchst kreativen und erfolgreichen Dessauer Ballettchefs Tomasz Kajdanski für sich und seine Truppe und die Wut auf die immer zynischer agierenden politischen Entscheidungsträger verstehen?! Die teilten demonstrativ auch das Orchester und das Premierenpublikum bei der jüngsten Ballettpremiere. Man muss kein Prophet sein, um sich auszurechnen, wer bei dem budgetären Crashkurs und der damit begründeten, selbstzerstörerischen (Un-)Kulturpolitik der Magdeburger Landesregierung als erster unter die Räder kommt. Bei der absehbaren kulturellen Verzwergung ihres Bundeslandes da gehört die große Koalition in Magdeburg tatsächlich zu den Frühaufstehern und leistet Erstaunliches…

Unter solchen Rahmenbedingungen eine so liebevolle und witzige Cinderella auf die Bühne zu bringen, ist an sich schon eine Leistung. Und das dann auch noch mit einer solchen Leichtigkeit, virtuosem Witz und tänzerischer Qualität  zu bewältigen, wie es jetzt gelungen ist, erst recht. Außerdem ist es bei Ballettproduktionen keineswegs selbstverständlich, dass der GMD des Hauses am Pult steht. Antony Hermus legt mit der Anhaltischen Philharmonie nicht nur einen ebenso spielerisch dramatischen wie emotional aufleuchtenden Prokofjew vom Feinsten hin, sondern lässt dabei immer wieder auch poetische Ironie aufblitzen.

SzenenfotoAm Horizont das Meer: Zumindest auf der Bühne gibt's ein Happy End.

Der Abend ist mit einhundert Minuten inklusive einer Pause nicht allzu lang, aber er hat es in sich und macht vor allem Spaß. Zuerst sieht man auf der großzügig märchenhaften Bühne von Ausstatter Dorin Gal nur für einen Moment wie Cinderella traurig vor dem Kamin kauert. Vielleicht denkt sie an ihre verstorbene Mutter. Ein Lichtblick ist das Geschenk von ein Paar Tanzschuhen, das sie wie in einer Traumvision vom kurz auftauchenden Prinzen erhält. Wenn dann die beiden bösen Stiefschwestern die Bühne betreten, ist klar, in welche Richtung die Suche Cinderellas nach ihrem Glück gehen wird. Drisella und Anastasia werden nämlich von den beiden Komikertalenten in Kajdanskis Truppe Joe Monaghan und Juan Pablo Lastras-Sanchez getanzt und gespielt. In wunderbar knallig schräger Kostümierung und mit unbändiger Lust an der Travestie schikanieren sie ihre Stiefschwester bei der Hausarbeit, die natürlich ihr allein aufgebürdet wird. Zusammen mit ihrer fast genauso schrägen Mutter (Anna-Maria Tasarz) versuchen sie sich dann, nach der Einladung zum Ball durch einen Boten, bei mit ihrer Frisur, dem Outfit und ihren Tanzbewegung in Form zu bringen. Was nicht ohne Tanzlehrer (Joshua Swain) und gleich zwei Friseure (Thomas Ambrosini und Enea Bakiu), die ihnen Perücken mit der Trockenhaube auf den Kopf zaubern, zu machen ist. Der Versuch, sich beim Prinzen einzuschleimen bleibt natürlich ebenso erfolglos wie der, sich in die Tanzschuhe zu zwängen, die jene Ballprinzessin zurück gelassen hatte, die im Schatten der wallenden Gewänder einer Guten Fee (Mélanie Legrand) erschienen und wieder verschwunden war.

Am Ende kommen die zusammen, die zusammengehören. Der mit seiner elegant athletischen Körpersprache beeindruckende Jonathan Augereau als Prinz und die mit ihrer stillen Güte und Schönheit von innen leuchtende, hinreißende Cinderella von Yurie Matsuura. Wenigstens auf der Bühne also triumphiert das Gute und das Böse macht sich lächerlich. Man sollte unbedingt hingehen in die jüngsten Ballettproduktionen in Dessau und in Halle – nicht, weil es vielleicht das letzte Mal sein könnte, sondern damit genau das nicht passiert!

FAZIT

Am Anhaltischen Theater in Dessau macht Tomas Kajdanksi aus Sergej Prokofjews Ballett-Klassiker Cinderella einen hinreißenden Abend für die ganze Familie.




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Produktionsteam

Inszenierung und Choreografie
Tomasz Kajdanski

Musikalische Leitung
Antony Hermus

Bühne und Kostüme
Dorin Gal

Projektionen
Enrico Mazzi

Dramaturgie
Sophie Walz

 

Anhaltische Philharmonie


Solisten

Cinderella
Yurie Matsuura

Prinz
Jonathan Augereau

Stiefmutter
Anna-Maria Tasarz

Drisella
Joe Monaghan

Anastasia
Juan Pablo Lastras-Sanchez

Tanzlehrer
Joshua Swain

Bote
Sokol Bida

Zwei Friseure
Thomas Ambrosini
Enea Bakiu

Gute Fee
Mélanie Legrand

Vier Freunde des Prinzen, vier Pferde
Thomas Ambrosini
Enea Bakiu
Sokol Bida
Joshua Swain

Ballettgesellschaft, Ziffernblattzahlen
Sabina Abasova
Charline Debons
Madeleine Fehr
Natalia Pasiut
Annelies Waller
Jonathan Augereau
Thomas Ambrosini
Enea Bakiu
Sokol Bida
Joshua Swain

 


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Anhaltischen Theater Dessau
(Homepage)




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