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Musiktheater
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b.17

7 (Uraufführung)

Ballett von Martin Schläpfer
Musik von Gustav Mahler (7. Symphonie e-Moll)

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Uraufführung am 26. Oktober 2013 im Opernhaus Düsseldorf
(rezensierte Aufführung: 1. November 2013)


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Reise nach Jerusalem

Von Stefan Schmöe / Fotos von Gert Weigelt

“Symphonie heißt mir eben: Mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.“ Wie Gustav Mahler aphoristisch kurz seine kompositorische Leitidee umriss, lässt sich auch Martin Schläpfers choreographischer Ansatz für die lapidar als 7 bezeichnete tänzerischer Umsetzung der 7. Symphonie Mahlers beschreiben. Es geht (nicht nur) darum, die Musik zu „vertanzen“ - das leistet die Choreographie auch, folgt den formalen Blöcken wie den Stimmungsschwankungen der Komposition genau, findet faszinierende Bewegungsabläufe als Pendant – es geht aber eben auch um Welt dahinter. Wie auch Dramaturgin Anne do Paço ihren lesenswerten Essay im Programmheft überschreibt: “Die Herausforderungen des Lebens verkörpern.“


Vergrößerung Marcos Menha, Mariana Dias, Martin Chaix

Schläpfer hat mit dem Ballett am Rhein, aber auch vorher mit dem ballettmainz bereits verschiedene romantische Symphonien als Grundlage für Tanzstücke verwendet; in Düsseldorf und Duisburg spielt da natürlich auch eine Rolle, mit „großen“ Stücken den repräsentativen Auftrag des Balletts zu unterstreichen und den beteiligten Orchestern anspruchsvolle Werke zu bieten. Umgekehrt spiegelt sich die Wertschätzung für Schläpfers Arbeit auch darin, dass Düsseldorfs GMD Axel Kober persönlich am Pult der ausgezeichneten Düsseldorfer Symphoniker steht und für eine vom ersten Ton an packende, in vielen Details die Welt der frühen Mahler'schen Wunderhorn-Symphonien aufleben lassende, in der Betonung der Kleinteiligkeit sehr genau auf die Choreographie abgestimmte Interpretation sorgt. Die Gefahr, dass diese Musik in ihrer Wucht alles Bühnengeschehen erdrückt, scheint groß; Schläpfer aber stellt dem eine Bilderfülle, aber auch eine solche tänzerische Intensität entgegen, dass die Autonomie des Tanzes gewahrt bleibt. Die Körper werden immer wieder bis an die Grenze des Möglichen gespannt: Schläpfer testet (das darf man natürlich auch bildlich verstehen) aus, wie weit der Mensch gehen kann, ohne zu zerreißen.

Vergrößerung

Claudine Schoch, Sonny Locsin, Feline van Dijken

Ob barfuß, mit Spitzenschuh oder sogar mit Stiefeln: Immer wieder hämmern die Tänzerinnen und Tänzer auf den Boden, scheinen sich (ein Gegenstück zu den unendlich hohen Himmelssprüngen im Deutschen Requiem) darin verankern zu wollen. In der Schlussszene klammert sich Anne Marchand an einen Hocker, nein: sie tanzt ein großes, sehr akrobatisches Solo, in dem sie diesen Hocker umschlingt, sich ganz und gar aneignet, sich schließlich darauf behauptet: Ein ganz bildliches sesshaft-werden. Wie gefährdet der Mensch in diesem Wunsch ist, sich zu verwurzeln, zeigt gleichzeitig das Ensemble, das um sie herum eine Art „Reise nach Jerusalem“ spielt: Ein Herumlaufen um einen großen Kreis aus ebensolchen Hockern, bei dem am Ende einige übrig bleiben. Nachdem der etwas unheimlich jubelnde Finalsatz zuvor wie ein Divertissement, eine Abfolge von Tänzen (Tschaikowskijs Dornröschen-Ball als typische Vorlage spielt da als klassisches Modell mit herein) sehr stark absolut-tänzerisch, also ohne verweise auf Handlungselemente, inszeniert ist, fällt dieser beklemmende Schluss umso deutlicher ins Gewicht.

Vergrößerung Chidozie Nzerem, Alexandra Inculet

Die „Reise nach Jerusalem“ hat noch eine andere, sehr raffinierte Dimension, lässt sie sich doch ganz wörtlich verstehen. In den Kostümen (Ausstattung: Florian Etti) gibt es vereinzelt jüdische Elemente wie Gebetsfransen bei den Männern, und Mäntel und Stiefel lassen die Tänzerinnen und Tänzer immer wieder wie Reisende aussehen. Schläpfer hat den Zionismus, die Ankunft emigrierender Juden in Israel, als Subtext eingezogen, sehr dezent und nie wirklich konkret. Natürlich ist dies kein Ballett über den Zionismus, aber, wenn man diese Idee einmal hat, schwingt sie als Assoziation mit, wird selbst zur greifbaren Metapher für die Suche nach Verwurzelung und Heimat. Aus der Luft gegriffen ist das nicht, spielt der Ansatz doch mit der Biographie Mahlers, der, einer jüdischen Familie entstammend, zum Katholizismus konvertierte und im antisemitisch aufgladenen Wien der 1900er-Jahre immer „der Jude“ blieb, aber auch unabhängig davon nie allzu lange an einem Ort blieb: Ein rätselhaft Unsesshafter.

Vergrößerung

Reise nach Jerusalem: Anne Marchand, Ensemble

Das Sich-Einrichten an einem Ort wird recht ironisch im vierten Satz, der Nachtmusik II, als Miniatur-Handlungsballett inszeniert. Zwei Paare (Marlúcia do Amaral und Marcos Menha, Julie Thirault und Bogdan Nicula) sind im bürgerlichen Leben angekommen, räkeln sich beim Aufstehen – aber das ohnehin unwirkliche Idyll ist durch gespenstische Gestalten bedroht. Die dominieren auch das unheimliche Scherzo zuvor, ein Geisterstück mit vogelartigen Wesen. Immer wieder gibt es Begegnungen von Frauen und Männern, dann auch Trennungen, Momente von Trauer und Einsamkeit. Schläpfer erzählt keine durchgehende Geschichte, aber viele kleine, oft nicht konkret greifbare Episoden, die sich collagenartig zu einem riesigen Bogen zusammensetzen, der aber nie einengt, sondern den Assoziationsfreiraum lässt, den Kunst benötigt. Dass Schläpfer gleichsam nebenbei vom Solo über pas de deux und pas de trois bis zum vollen Ensemble formal virtuos choreographiert, dass sich das (mit Saisonbeginn auf elf Positionen veränderte) Ensemble vom Spitzentanz bis zum knallenden Step in hervorragender Verfassung zeigt, unterstreicht den Rang der Produktion. Jubel.


FAZIT

Mit 7 ist Martin Schläpfer ein in jeder Hinsicht großes, sehr bewegendes Stück gelungen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Axel Kober

Choreographie
Martin Schläpfer

Bühne und Kostüme
Florian Etti

Licht
Volker Weinhardt

Die Düsseldorfer Symphoniker


Tänzerinen und Tänzer

Sachika Abe
Ann-Kathrin Adam
Marlúcia do Amaral
Camille Andriot
Doris Becker
Wun Sze Chan
Sabrina Delafield
Mariana Dias
Feline van Dijken
Carolina Francisco Sorg
Nathalie Guth
Alexandra Inculet
Yuko Kato
So-Yeon Kim
Anne Marchand
Nicole Morel
Louisa Rachedi
Claudine Schoch
Virginia Segarra Vidal
Elisabeta Stanculescu
Julie Thirault
Anna Tsybina
Irene Vaqueiro

Rashaen Arts
Christian Bloßfeld
Andriy Boyetskyy
Paul Calderone
Jackson Carroll
Martin Chaix
Michael Foster
Filipe Frederico
Philip Handschin
Richard Jones
Sonny Locsin
Alexander McKinnon
Marcos Menha
Bruno Narnhammer
Bogdan Nicula
Chidozie Nzerem
Alban Pinet
Friedrich Pohl
Boris Randzio
Alexandre Simões



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Ballett am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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