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Siegfried

Zweiter Tag des Bühnenfestspiels
für drei Tage und einen Vorabend
Der Ring des Nibelungen

Libretto und Musik von Richard Wagner

In deutscher Sprache mit niederländischen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h (zwei Pausen)

Premiere der ersten Vorstellungsserie im Muziektheater Amsterdam am 1. Juni 1998

Premiere dieser Wiederaufnahmeserie am 31. August 2013

Besuchte Aufführung: 8. September 2013


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De Nederlandse Opera
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Abenteuer mit dem jungen Siegfried

Von Thomas Tillmann / Fotos von De Nederlandse Opera / Ruth Walz


Schon beim Rheingold und der Walküre hatte ich etwas neidisch auf jene Zuschauerinnen und Zuschauer geblickt, die das Glück hatten, einen der so genannten adventure seats zu ergattern, Sitze also, die in das jedes Mal aufs Neue faszinierende Bühnenbild von George Tsypin integriert sind, und so saß ich am Zweiten Tag nun auch auf einer dieser Rampen in schwindelnder Höhe direkt beim Licht, oberhalb des Orchesters, der Darsteller und der Spielfläche, das Kinn aufs Holz gedrückt, um nichts zu verpassen, und beobachtete voller Entzücken, wie viele Menschen hinter der Bühne während der Vorstellung arbeiten, wie einzelne Sänger sich auf ihren Auftritt vorbereiteten, war ganz nah am Geschehen und vor allem mittendrin in Wagners wunderbarer Musik.


Vergrößerung Ein Gesamteindruck von Bühne und Zuschauerraum

Pierre Audis kontemplative, ruhige, zeitlose, zurückhaltend-subtile, keineswegs unentschlossene Regie bleibt auch im Siegfried völlig überzeugend mit ihrer Konzentration auf ausgesuchte Erzähldetails, der Sorgfalt in der Personenzeichnung, den intelligenten Querbezügen, ihrer Nähe zum Text und dem Freiraum, den sie der Musik und den eigenen Ideen der Zuschauerinnen und Zuschauer lässt. Ich wiederhole: Es wäre schade, wenn diese großen Theaterabende, die keinerlei Staub angesetzt haben, tatsächlich nach den zyklischen Aufführungen im Winter nie mehr gezeigt würden. Noch einmal gelobt werden müssen auch die aufwändigen Kostüme von Eiko Ishioka (die 2012 leider verstorben ist) und Robby Duiveman sowie die exzellente Beleuchtung von Wolfgang Göbbel und Cor van den Brink - mehr als in anderen Produktionen spürt man bei diesem Ring, wie sehr hier alle an einem Strang gezogen haben.

Wie immer ist auch die musikalische Seite vollauf überzeugend, Hartmut Haenchen kennt seinen Wagner, das belegen nicht nur seine hoch geschätzten Werkeinführungen, die immer noch auf CD zu haben sind. Beglückt hört man einen in jahrelanger Zusammenarbeit mit dem Nederlands Philharmonisch Orkest gereiften Wagner, der große Binnenspannung aufweist, ich wage auch noch einmal zu schreiben, dass Haenchen die "richtigen" Tempi wählt, auch wenn es die natürlich nicht gibt.

Und auch die Besetzung stimmt, auch hier spürt man in jedem Moment, dass erfahrene Weltklassekünstler zusammen kommen, kommunizieren, interagieren, nach dem großen Ganzen streben und sich gern einlassen auf dieses Konzept. Stephen Gould bringt vieles mit für die kräftezehrende Titelpartie, etwa eine volle, baritonal grundierte, belastbare, kaum je an Grenzen kommende Tenorstimme, die er gleichwohl an den geforderten Stellen sehr sensibel einzusetzen versteht, und ein glaubwürdiger, erfahrener Darsteller ist er auch. Wolfgang Ablinger-Sperrhackes Mime zeichnete das aus, was mir an seiner Interpretation der Partie im Rheingold bereits gefallen hatte, nämlich dass er für seine subtile Charakterisierung vokal wie szenisch jede Outrage vermeidet, vielleicht auch weil er anders als viele Kollegen keine stimmlichen Probleme und Verschleißerscheinungen kaschieren muss.


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Siegfried (Stephen Gould) weist Mime (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) in seine Schranken.

Thomas Johannes Mayer wächst allmählich ins Heldenbaritonfach hinein, als Wanderer hatte er einige bemerkenswerte Momente und durchaus Göttervaterautorität. Allein der Stimme fehlt es nach wie vor an der nötigen Rundung und Durchschlagskraft, das kann man eben nicht erzwingen. Ich würde ihn gern noch einmal in ein paar Jahren in diesen Partien hören. Dagegen ist Werner Van Mechelen als Alberich mit hellerem Material ja schon einige Zeit eine internationale Größe, seit seinen Auftritten in Liège, als ich ihn zum ersten Male in dieser Rolle erlebt habe, hat er sie sich ganz zu eigen gemacht. Jan-Hendrik Rootering ist allerdings mittlerweile doch über seine besten Jahre hörbar hinaus, seine fahlen, müden Fafner-Töne fanden folgerichtig den geringsten Beifall.


Vergrößerung Erda (Marina Prudenskaja) und der umherwandernde Wotan (Thomas Johannes Mayer) erörtern betrübt die Lage der Dinge.

Marina Prudenskaja gehört zweifellos zu den wenigen Sängerinnen, die die Erda noch problemlos und ohne hässliche Tricks bewältigen kann, und ich bewundere sie auch sehr dafür, dass sie mit dem meterlangen Kostüm nicht gestolpert ist, ihre Diktion indes ist nicht immer auf der Höhe der anderen Mitwirkenden. Den Waldvogel von einem Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund singen und vor allem spielen zu lassen, ist keine schlechte Idee, Jules Serger machte das auch durchaus ordentlich, aber eben nicht ganz tadellos hinsichtlich der Intonation. Catherine Naglestad, in der letzten Saison noch eine hervorragende Sieglinde, ist nun eine gute, intensiv erwachende, würdevolle Brünnhilde, und während manche "echte" Hochdramatische vor den hohen Tönen und der Tessitura der zweiten Brünnhilde insgesamt zittert, scheint sich diese Jugendlich-Dramatische gerade darauf zu freuen. Und in diesem Fach sollte sie auch bleiben, denn die letzte Stamina fehlte da doch (noch), etwa wenn das Orchester richtig loslegte.


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Noch verstehen Siegfried (Stephen Gould) und die unlängst erwachte Brünnhilde (Catherine Naglestad) einander nicht.


FAZIT

Wer diesen Ring noch nicht gesehen hat und eine im besten Sinne klassische, aber alles andere als altmodische Inszenierung sehen möchte, sollte sich Karten für die Zyklen im Winter sichern, zumal auch das musikalische Level deutlich über jenen etwa der NRW-Häuser liegt. Und aus Düsseldorf beispielsweise ist man in zwei Stunden dort.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Hartmut Haenchen

Inszenierung
Pierre Audi

Bühne
George Tsypin

Kostüme
Eiko Ishioka
Robby Duiveman

Licht
Wolfgang Göbbel
Cor van den Brink

Video
Maarten van der Put

Dramaturgie
Klaus Bertisch



Nederlands Philharmonisch
Orkest


Solisten

Siegfried
Stephen Goulds

Mime
Wolfgang Ablinger-Sperrhacke

Der Wanderer
Thomas Johannes Mayer

Alberich
Werner Van Mechelen

Fafner
Jan-Hendrik Rootering

Erda
Marina Prudenskaja

Brünnhilde
Catherine Naglestad

Waldvogel
Jules Serger





Weitere Informationen
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De Nederlandse Opera
(Homepage)



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