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Musiktheater
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Jenufa

Oper in drei Akten
Text und Musik von Leo
š Janácek

In tschechischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Zürich am 24. September 2012


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Opernhaus Zürich
(Homepage)
Nicht auf den Dachboden

Von Roberto Becker / Fotos von Monika Rittershaus

Wenn ein neuer Intendant sein Amt antritt, der wie Andreas Homoki selbst Regisseur  und obendrein der Nachfolger eines Alexander Pereira ist, dann schaut man genau hin. Womit beginnt er? Macht er es selbst? Und wenn nicht, wen lädt er ein? Man hat mit Janáčeks Jenufa begonnen, was trotz der Präsenz des großen Mähren auf den Bühnen in einem Haus wie Zürich fast schon kühn ist. Und Homoki hat nicht gleich selbst inszeniert, was nach den Jahren des zwar nicht inszenierenden aber doch ziemlich egomanen Vorgängerintendanten etwas von kluger Zurückhaltung hat. Dass er den mittlerweile hochgehandelten Russen Dmitri Tcherniakov damit betraute, die Tragödie um den Mord, den die Ziehmutter am unerwünschten, weil unehelichen Kind der Jenufa verübt, daraufhin zu befragen, ob die Geschichte uns heute noch etwas angeht, ist gleichwohl ein Bekenntnis zu einem Musiktheater, dem es um mehr geht als um die Garnierung von Starauftritten.

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Noch ist die Welt in Ordnung. Jenufa tanzt, weil Steva nicht zum Militär muss.

Zum neugierigen Hinhören gibt es auch einen besonderen personellen Grund. Mit dem bisherigen Intendanten der Komischen Oper Berlin kam auch Fabio Luisi als GMD mit nach Zürich. Ihn holte sich Homoki aus Dresden oder aus Wien – je nachdem wie man es sehen will - und er muss sich seine Zeit fortan vor allem zwischen Zürich und New York aufteilen. In Zürich hat er als erstes das Opernorchester in „Philharmonia“ umbenannt, womit er seine erklärte Absicht, Qualität auch durch verstärkte Konzerttätigkeit zu sichern, nach außen hin unterstreicht. Schlecht macht er seine Sache zum Auftakt nicht, wenngleich nicht zu überhören ist, dass seine Vorlieben etwas weiter südwestlich von Janáčeks mährischen Klanglandschaften liegen. Luisi zieht mitunter bei der Laustärke so an, dass es schon eines Wagner-geschulten Organs wie das seines Laca (Christopher Ventris) bedarf, um sich dagegen vokal zu behaupten. Ein eher lyrisch leichter Tenor, wie der von Pavol Breslik als Steva hat es da hörbar schwerer, wird anfangs sogar fast gänzlich überdeckt. Janáček hat bei Luisi zwar einen symphonischen Sog, doch die ganz eigene, betörende Klangfärbung seiner unterschwelligen Traurigkeit bleibt dabei ein wenig auf der Strecke. Als GMD wird Luisi vierzig Abende leiten und neben der Jenufa auch bei Verdis Rigoletto und Bellinis La straniera am Pult stehen.

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Leben in einer sterilen Einfamilienhaushölle

Vokal überzeugen vor allem die drei zentralen Frauenfiguren. Grandios ist Hanna Schwarz, zu deren Leib- und Magenrollen die Alte Buryja im Moment gehört. Sie ist stimmlich nach wie vor hochsouverän und vermag mit ihrer darstellerischen Intensität so ganz nebenbei eine ganz eigene Lebensgeschichte zu erzählen. Sie lebt in einer für sie offenbar großen Vergangenheit, hat die Attitüde einer Dame von Welt auch auf ihrem Altenteil beibehalten und hatte wohl früher selbst eine Schwäche für hübsche Windhunde wie Steva. Als Jenufa imponiert Kristine Opolais mit ihrer glaubwürdig gestalteten Entwicklung von jugendlicher Unbekümmertheit hin zu einer erfahrungssatten Härte. Auch die dritte im Bunde, Michaela Martens, macht aus ihrer vergleichsweise jungen Küsterin trotz mancher Schärfe ein überzeugendes Rollenporträt. Auch sonst ist das Ensemble sorgfältig besetzt und wie der Chor bestens präpariert.

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Steva mit seiner neuen Braut, der Alten scheint das zu gefallen.

Der Regisseur Tcherniakov frönt als sein eigener Bühnenbildner auch in Zürich seiner Vorliebe für geschlossene Innenräume. Diesmal ist es ein ziemlich aufgeräumtes, fast klinisch reines Einfamilienhaus mit drei Etagen, das sich im Laufe des Abends auch auf und ab bewegt. Unten gibt es ein Wohnzimmer mit Sitzgarnitur, im ersten Stock das Schlafzimmer Jenufas und dann sieht man oben noch den Dachboden, auf dem das Kind Jenufas auf mysteriöse Weise ums Leben kommt. Der genaue Hergang bleibt vage, ob ein offenes Fenster genügt hat, oder die Ziehmutter oder gar die Alte nachgeholfen haben, das bleibt bewusst im Unklaren. Deshalb ist auch das Schlussbild so stark. Da bleiben die drei Frauen nämlich mit sich allein. Immerhin lässt sich Jenufa nichts mehr sagen. Nachdem die Küsterin öffentlich die Schuld an dem Tod des Kindes auf sich genommen, Jenufa um Verzeihung gebeten und ihren Beinahe Ehemann nach draußen hat, verschließt sie die Tür. Was ziemlich endgültig wirkt. Dann schlendert sie an der Alten vorbei und nimmt ihr das Sektglas aus der Hand. Schluss mit Lustig also auch hier. Am deutlichsten wird Tcherniakov aber mit der Geste, mit der Jenufa ihrer Ziehmutter zunächst über die Wange streicht, um ihr dann ins Gesicht zu fassen und sie zu Boden zu werfen. Hier wird es keine Verzeihung geben. Was wiederum in dieser Inszenierung durchaus schlüssig wirkt.

Vor allem durch das Haus und durch die Kostüme von Elena Zaytseva ist die Handlung so nah an unsere Gegenwart herangerückt, dass diese Vergegenwärtigung der Geschichte um die sitzen gelassene Jenufa und das uneheliche Kind die tragische Brisanz nimmt, die sie zur Entstehungszeit der Oper oder der Zeit, in der sie eigentlich spielt, ohne Zweifel hatte. Nachdem sich diese Jenufa den ganzen Abend hindurch ziemlich steril gab, greift sie so am Ende dann doch direkt ans Gefühl.

FAZIT

Das Premierenpublikum stellte sich mit seinem geschlossenen Applaus hinter den szenisch und musikalisch gelungenen Neuanfang in Zürich. Dass es dabei noch Steigerungsmöglichkeiten gibt, macht diese Spielzeit spannend.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Fabio Luisi

Inszenierung
Dmitri Tcherniakov

Bühne
Dmitri Tcherniakov

Kostüme
Elena Zaytseva

Lichtgestaltung
Gleb Filshtinsky

Choreinstudierung
Ernst Raffelsberger

Dramaturgie
Beate Breidenbach

 



Chor der Oper Zürich

Philharmonia Zürich


Solisten

Jenufa
Kristine Opolais

Küsterin
Michaela Martens

Alte Buryja
Hanna Schwarz

Laca Klemen
Christopher Ventris

Steva Buryja
Pavol Breslik

Altgesell
Cheyne Davidson

Dorfrichter
Pavel Daniluk

Frau des Dorfrichters
Irène Friedli

Karolka
Ivana Rusko

Magd
Chloé Chavanon

Barena
Herdís Anna Jónasdóttir

Jana
Susanne Grosssteiner

Tante
Silvia Spassova

1. Stimme
Olivera Dukic

2. Stimme
Kai Florian Bischoff



Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Opernhaus Zürich
(Homepage)



Da capo al Fine

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