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Don Giovanni

Dramma giocosa in zwei Akten
Libretto von Lorenzo Da Ponte
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart


In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 5' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Zürich am 26. Mai 2013
(rezensierte Vorstellung: 22. Juni 2013)


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Opernhaus Zürich
(Homepage)
Feuer gefangen

Von Roberto Becker / Fotos © Monika Rittershaus


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Donna Anna und Ottavio

Das gibt es auch nicht alle Tage: Ein gerade neu einstudierter Don Giovanni an einem wichtigen Opernhaus, bei dem der Dirigent ohne hörbaren Eklat bis zur Premiere mitzieht, auch noch eine Reprise dirigiert und dann hinschmeißt und das Weite sucht, weil er mit der Inszenierung nicht klarkomme, sodass der Chef des Hauses aus dem Stand übernehmen muss. Der heißt seit Beginn von Andreas Homokis Intendanz im Opernhaus Zürich Fabio Luisi. Der Deserteur ist der junge Robin Ticciati. Der Regisseur: Sebastian Baumgarten.

Nun hätte es ja durchaus sein können, dass Baumgarten dem Mozart-Heiligtum so auf die Pelle gerückt ist, dass man es nicht wiedererkennt. Die Schweizer Feuilletons bemängelten vor allem Eingriffen in die Rezitative, also einen Angriff auf das musikalische Gefüge. Sicher kann man den Einwänden, die auch Luisi hat, etwas abgewinnen, dass es sich dabei auch um von Mozart komponierte Da Ponte-Rezitative handelt und man mit denen nicht so frei umgehen sollte wie etwa mit den von fremder Hand nachkomponierten in La clemenza di Tito. Doch nüchtern betrachtet, halten sich die Striche und Veränderungen in überschaubaren Grenzen. Sie werfen jedenfalls keinen kriegsentscheidenden Sand ins Getriebe und sind auch nicht für diese Deutung konstituierend.

Vergrößerung in neuem Fenster Don Giovanni und Donna Elvira

Bei Luisi geht es jetzt präzise und mit sinnlichem Furor zur Sache. Dem Vernehmen nach ist er zehn Minuten schneller am Ende, als es in der Premiere der Fall war. Das historisch aufgerüstete Orchestra La Scintilla (ein Teil des von Luisi in Philharmonia umbenannten Opernorchesters) wird bei ihm zum pointierten musikalischen Motor einer vokal hochkarätig ausgestatteten Produktion. Ob Peter Mattei, dem man die Lust an dieser Variante des großen Verführers anmerkt, Pavol Breslik als smarter Don Ottavio (mit kleinen Konditionsschwächen in der besuchten Vorstellung) oder Ruben Drole als humpelndem aber vokal standfestem Leporello und der sich nur szenisch Mitleid heischend selbst in Bein schießende, sonst aber überzeugend den tumben Sektenjüngling verkörpernde Erik Anstine als Masetto bei den Männern, oder ob die fulminante Marina Rebeka als auftrumpfende Donna Anna, Julia Kleiter als intensive Donna Elvira und die Zerlina von Anna Goryachova: Hier ziehen alle spürbar an einem Strang.

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Don Giovanni

Und Baumgarten? Der fügt der üblichen Spurensuche nach der Faszination des exemplarischen Verführers nicht etwa ein erneutes Plädoyer für den Libertin hinzu, aus dessen Perspektive alle anderen wie die Spießer wirken. Bei ihm ist er ein ziemlich verrückter Grenzgänger: Erst mit Tiermaske, dann als Guru und schließlich als Sado-Priester, der Zerlina für ein blutiges Ritual fesselt, um dann in einer dionysischen Maske beim Essen mit dem Komtur Feuer zu fangen (wie auch die üppige Tafel) und in die Hölle zu fahren, in der er eigentlich schon ist.

Sieht man genauer hin, bemerkt man, dass uns dieser Don Giovanni als abschreckende Projektion einer sexuell verklemmten, hinterwäldlerisch religiösen Sekte vorgeführt wird. Mit der man genauso wenig sympathisieren kann wie mit dem Egotrip des Titelhelden. Baumgarten setzt auf Präzision, Tempo und grotesken Witz ohne vordergründige Trash-Optik. Es gibt sogar sehr schöne, stilisierte Barockkostüme, wenn Ottavio, Anna und Elvira zur blutig schwarzen Orgie anrücken. Dass diese durchdachte Mischung aus szenischem Witz und dunkler Obsession für Irritation sorgte, ist nicht das Schlechteste, was man über einen Don Giovanni sagen kann. Das Publikum hat damit offenbar kaum ein Problem.   


FAZIT

Bei näherem Hinsehen bleibt von dem angeblichen Skandal in Zürich nichts übrig. Nur ein junger Dirigent, der sich bei der Erarbeitung offenbar nicht einbrachte - und dann weglief. Die Inszenierung von Sebastian Baumgarten hat es in sich, doch sie macht Spaß und regt zum Nachdenken an. Musikalisch ist es unter dem eingesprungenen Chef des Hauses ohnehin ein Schmuckstück.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Fabio Luisi

Inszenierung
Sebastian Baumgarten

Bühnenbild
Barbara Ehnes

Kostüme
Tabea Braun

Licht
Franck Evin

Video-Design
Chris Kondek

Chor
Jürg Hämmerli

Dramaturgie
Werner Hintze


Orchestra La Scintilla

Chor der Oper Zürich


Solisten

Don Giovanni
Peter Mattei

Donna Anna
Marina Rebeka

Don Ottavio
Pavol Breslik

Komtur
Rafal Siwek

Donna Elvira
Julia Kleiter

Leporello
Ruben Drole

Zerlina
Anna Goryachova

Masetto
Erik Anstine

Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Opernhaus Zürich
(Homepage)



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