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Musiktheater
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Two Cigarettes in the Dark

Ein Stück von Pina Bausch
(Uraufführung: 31.03.1985)

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Wiederaufnahme im Opernhaus Wuppertal am 30. August 2012

 



Tanztheater Wuppertal
(Homepage)

Wilde Natur hinter sterilen Fenstern

Von Thomas Molke / Fotos folgen

Nachdem das Tanztheater Wuppertal im Juni anlässlich der Olympischen Spiele in London bei der Cultural Olympiad 2012 mit insgesamt zehn unterschiedlichen Choreographien große Erfolge gefeiert hat, ist es nun zum Beginn der neuen Spielzeit in die Heimat nach Wuppertal zurückgekehrt, um mit der Neueinstudierung des Tanzabends Two Cigarettes in the Dark aus der mittleren Schaffensperiode der 2009 verstorbenen Choreographin Pina Bausch schon vor dem großen Theaterfest, mit dem sich am 8. September 2012 die Wuppertaler Bühnen aus den Theaterferien zurückmelden werden, die Pforten des Opernhauses zu öffnen. Und es ist sicherlich eine Besonderheit im Bereich des Tanztheaters, in einer Produktion 27 Jahre nach der Uraufführung immerhin noch drei von elf Solisten zu erleben, die bereits 1985 mitgewirkt haben.

Der Titel, der wie bei den meisten Stücken von Pina Bausch erst einige Zeit nach der Uraufführung entstand, geht zurück auf einen alten Hollywood-Song von dem amerikanischen Songtexter Paul Francis Webster, der ihn für Bing Crosby komponierte. Das Lied erzählt von einem lyrischen Ich, welches seine Geliebte mit einem anderen Mann überrascht. Der Funke des Streichholzes, mit dem der andere Mann zwei Zigaretten anzündet, verrät die Geliebte und lässt den Funken der Liebe zwischen dem lyrischen Ich und der Frau verglühen. So ernüchternd wie diese Erkenntnis ist auch die Szenen-Collage, die abwechselnd zu klassischer Musik von Monteverdi, Purcell, Beethoven und Jazzmusik präsentiert wird, so dass das Stück mit der Beziehungsproblematik zwischen Männern und Frauen den in den Choreographien der ersten zwei Jahrzehnte überwiegenden düsteren Grundton einfängt, der erst in den 90er Jahren von einer gewissen Lebensfreude durchbrochen worden ist.

Peter Pabst hat einen wuchtigen abgeschlossenen Bühnenraum entworfen, der in seinem klinischen Weiß recht steril wirkt. Drei riesige Fenster auf der Rückwand und den beiden Seiten fangen die Natur in unterschiedlichen Facetten ein. So befindet sich hinter dem Fenster auf der linken Seite ein riesiges Aquarium mit Goldfischen, in das Dominique Mercy in weißer Feinripp-Unterhose mit schwarzen Schwimmflossen hineinsteigt, während Franko Schmidt im schwarzen Anzug auf der Bühne mit einem Stock seine Haltung stabilisiert und das Geschehen kommentiert. Hinter dem Fenster auf der Rückwand sieht man einen mit hohen Pflanzen bewachsenen Garten, der an einen Dschungel erinnert. Wenn ein Mann und eine Frau dem sterilen Raum in diese wilde Natur entfliehen, um dort ihre Triebe auszuleben, werden sie von Mechthild Großmann kurzerhand erschossen. Hinter dem Fenster auf der rechten Seite ist eine Wüstenlandschaft mit einem riesigen Kaktus zu sehen. Nach der Pause verschwinden diese Fenster hinter weißen Wänden und man wird von der Natur und Außenwelt völlig ausgeschlossen, so dass Michael Strecker, der sich zum Ende hin ganz mit weißer Farbe einsprüht, gewissermaßen selbst zur Wand wird.

Die entwickelten Szenen sind stark auf die Persönlichkeiten der Solisten, mit denen das Stück 1985 entwickelt worden ist, abgestimmt. So wären beispielsweise die schauspielerischen Szenen ohne Mechthild Großmann gar nicht denkbar. Wie sie direkt zu Beginn mit Grandezza zur Rampe schreitet und mit großer Geste und ihrer markanten Stimme das Publikum einlädt, doch hereinzukommen, da ihr Mann im Krieg sei, ist genauso einmalig wie die Komik, die sie entwickelt, wenn sie in einem absolut unvorteilhaften Kleid mit scheinbar dickem Bauch und überdimensionalem Hintern in braunen Filzpantoffeln, in denen sie hohe Stöckelschuhe trägt, über die Bühne schlurft und sich darüber aufregt, ständig von Michael Strecker geschubst zu werden. Großartig ist auch der von ihr präsentierte Dialog zwischen Kaspar und Charlotte, in der Kaspar der alkoholisierten Charlotte gegenüber seine Eifersucht auf andere Männer zum Ausdruck bringt. Wie sie stimmlich und darstellerisch zwischen brutaler Aggression und hilfloser Naivität changiert, ist unbeschreiblich.

Auch Dominique Mercy sorgt mit seiner unvergleichlichen Mimik und Gestik für komische Momente und zeigt eine unglaubliche Bühnenpräsenz, ob er nun in braunem Anzug in ungehemmter Fröhlichkeit eine klassische Melodie trällert, ohne sich dabei von Helena Pikon aus der Ruhe bringen zu lassen, oder in einem wallenden Kleid mit diabolischem Tonfall an die böse Stiefmutter aus einem Märchen erinnert. Helena Pikon gehören an diesem Abend eher die tragischen Momente. Sie wirkt in ihrem Tanz bisweilen so zerbrechlich und scheint so verzweifelt gegen laut tönende Choräle anzukämpfen, dass man sich kaum vorstellen kann, dass diese Ausnahmetänzerin diese Partie schon vor 27 Jahren interpretiert hat. Doch auch die "jüngere" Generation hat an diesem Abend ihre großen Momente. Daphnis Kokkinos und Michael Strecker punkten vor allem in einer Szene, in der sie in feiner Abendgarderobe Champagner trinken, wobei Kokkinos den Champagner aus seinem Mund in einer Fontäne in die Luft spritzen lässt und sich anschließend, als ob nichts gewesen wäre, genüsslich das nächste Glas einschenkt, während Strecker den Champagner einfach wieder aus dem Mund über den Anzug fließen und sich dann ebenfalls begeistert das nächste Glas einschenken lässt.

In den Ensembles fasziniert vor allem ein Walzer, in dem die Solisten sich im Sitzen über die Bühne bewegen und sich voller Freude im Walzertakt wiegen. Wenn im Schlussbild zum Titellied die Solisten mit großen leeren Gesten jeweils zur Bühnenrampe schreiten, während Mechthild Großmann mit einer Axt Kleiderbügel auf einem Holzpflock klein hackt und Michael Strecker durch die weiße Farbe mit dem Bühnenbild verschmilzt, wird noch einmal der Kontrast zwischen Schein und Sein überdeutlich. So gibt es am Ende großen Beifall für ein Stück, das die Zuschauer am Ende trotz einzelner komischer Momente mit einer gewissen Traurigkeit entlässt. Und von dieser Melancholie scheinen beim Applaus auch die Solisten eingefangen zu sein, so als ob man immer noch nicht begreifen kann, dass Pina Bausch nicht mehr vor den Vorhang treten kann.

FAZIT

Ein düsteres Stück, das verwirrt und bewegt und von der Ausdruckskraft der Solisten lebt.



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Produktionsteam

Inszenierung und Choreographie
Pina Bausch

Bühne
Peter Pabst

Kostüme
Marion Cito

Mitarbeit
Matthias Burkert

Probenleitung Neueinstudierung
Bénédicte Billiet
Dominique Mercy

Dramaturgie
Raimund Hoghe


Solisten

Ruth Amarante
Silvia Farias Heredia
Mechthild Großmann
Daphnis Kokkinos
Eddie Martinez
Dominique Mercy
Helena Pikon
Franko Schmidt
Julie Shanahan
Michael Strecker
Tsai-Chin Yu


Weitere Informationen
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Tanztheater Wuppertal
(Homepage)




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