Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Iphigenie auf Tauris

Tanzoper von Pina Bausch in vier Akten
Text von Nicolas François Guillard, deutsche Fassung (Wien 1781) von J. B. v. Alxinger und vom Komponisten
Musik von Christoph Willibald Gluck

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 10' (eine Pause)

Wiederaufnahme im Opernhaus Wuppertal am 6. Oktober 2012 (Uraufführung: 21. April 1974)
(rezensierte Aufführung: 08.10.2012)

 



Tanztheater Wuppertal
(Homepage)

Nostalgie ohne Staub

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöß und Ulli Weiss

Fast vier Jahrzehnte ist es mittlerweile her, dass die legendäre Pina Bausch als Leiterin des Wuppertaler Tanztheaters mit der Interpretation berühmter Werke der Weltliteratur begann, bevor sie sich Eigenschöpfungen widmete, die sie nach anfänglichen Widerständen an die Weltspitze des modernen Tanztheaters führten. Doch auch ihr zweites Werk als Wuppertaler Choreographin, Christoph Willibald Glucks Tanzoper Iphigenie auf Tauris, vermag 38 Jahre später, selbst an einem ganz gewöhnlichen Wochentag den Wuppertalern ein ausverkauftes Haus zu bescheren, bei dem sich die Kartensuchenden an der Abendkasse scharen und hoffen, eine nicht abgeholte oder zurückkommende Karte zu ergattern. Wer hätte das 1974 ahnen können? Ein solches Phänomen kennt man eigentlich nur von der Mannheimer Parsifal - Inszenierung aus dem Jahr 1957. Bemerkenswert ist, dass sich mittlerweile auch zahlreiche Opernbesucher, die Bauschs modernem Tanztheater gegenüber nicht gerade aufgeschlossen sind, mit ihren frühen Produktionen ausgesöhnt haben und sich die Wiederaufnahmen nicht entgehen lassen.

Natürlich sind nicht mehr die gleichen Solisten zu erleben wie 1974, aber es hat schon einen gewissen Nostalgiefaktor, wenn die Proben zur Wiederaufnahme unter anderem von Malou Airaudo und Dominique Mercy geleitet werden, die bei der Uraufführung die Partien der Iphigenie und des Orest interpretiert haben. So hat man das Gefühl, dass alles im Sinne der 2009 verstorbenen Choreographin weitergeführt wird, demnach eine größere Werktreue angestrebt wird, als es anderen Werken des Tanztheaters hierzulande zuteil wird. Mit Jan Michael Horstmann am Dirigentenpult und Lawrence Bakst als Sänger des Pylades kehren alte Bekannte an das Wuppertaler Opernhaus zurück, die in dieser Produktion bereits vor vielen Jahren zu erleben waren, was ebenfalls Zeugnis über die Hochachtung der Inszenierung seitens der Künstler ablegt.

Bild zum Vergrößern

Iphigenie (Ruth Amarante, rechts) und die Priesterinnen (Ensemble) (Foto von Bettina Stöß)

Die Choreographie folgt dem Handlungsablauf der Oper, wobei Sänger und Tänzer getrennt agieren. So singen die Solisten und der Chor von den Balkonen des ersten Ranges, während die Bühne den Tänzern allein gehört. Clémentine Deluy lässt als Iphigenie in ihrem leicht herben Ausdruck Erinnerungen an Malou Airaudo wach werden. Mit offenen Haaren hebt sie sich im ersten Akt in ihrem weißen Gewand deutlich von den übrigen Priesterinnen auf Tauris ab und beeindruckt sowohl im Solo-Tanz als auch im homogenen Ensemble mit den Priesterinnen, die häufig die linke Hand zum Auge führen, was vielleicht einen Versuch andeutet, vor den grausamen Opferdiensten, zu denen sie verpflichtet sind, die Augen zu schließen. Undine Dreißig stattet die Partie der Iphigenie mit einem klangschönen und recht textverständlichen Sopran aus. Auf der Bühne hängen mehrere weiße Tücher. Hinter einem Tuch steht eine weiße Wanne, in der Anna Wehsarg als Klytämnestra den Mord an ihrem Gatten Agamemnon (Michael Strecker) begeht, während Iphigenie eine Traumvision hat. Andrey Berezin überzeugt als diabolischer Thoas in seinem ausladenden schwarzen Mantel mit bedrohlichen, abgehackten Bewegungen. Thomas Laske unterstreicht die Boshaftigkeit des Herrschers über die Taurer mit dunklem Bariton.

Bild zum Vergrößern

Orest (Pablo Aran Gimeno, links) und Pylades (Fernando Suels Mendoza, rechts) auf dem "Opfertisch" (Foto von Ulli Weiss)

Der zweite Akt präsentiert Orest und Pylades mit verschlungenen Beinen als eine Art Opfergabe auf einem Tisch, der wohl als Altar zu denken ist. Mit bewegender Darstellung machen Pablo Aran Gimeno als Orest und Damiano Ottavio Bigi als Pylades die Verbundenheit der beiden Freunde deutlich, ohne dabei in plakative homoerotische Momente abzudriften, wie es zahlreiche Regisseure in diesem Akt umsetzen. Text und Musik sind an dieser Stelle so subtil, dass sie genauso wie der gemeinsame Tanz und die Umarmungen der Tänzer Interpretationsspielraum lassen. Während es Bigi beim Posieren optisch mit griechischen Heldenstatuen aufnehmen kann, wirkt Gimeno gerade im Zusammenspiel mit Deluy eher zierlich, auch wenn er die Hebefiguren im vierten Akt scheinbar problemlos ausführt. Stimmlich begeistert vor allem Kay Stiefermann als Orest mit fulminantem Bariton, der auch bei den dramatischen Ausbrüchen in den Höhen keinerlei Probleme hat. Lawrence Bakst hingegen verfügt als Pylades zwar über eine wunderbare Mittellage, bekommt in den Höhen allerdings leichte Probleme.

Im dritten Akt befindet sich auf der Bühne ein riesiges quadratisches Loch, das scheinbar in den Abgrund führt und das drohende Ende für die Freunde symbolisiert. Im vierten Akt tauchen nun die Wanne aus dem ersten Akt und der Tisch aus dem zweiten Akt wieder auf, die auf der linken Seite vor dem Vorhang aufgebaut werden. Gimeno trägt eine hohe Leiter herein, die als Pfad zum Tisch fungiert. Über diese Leiter schreitet er seiner Opferung entgegen. Beeindruckend ist in dieser Szene auch die zierliche Ditta Miranda Jasjfi, die als Priesterin weiße Blumen über Orest streut, während sie von den anderen Priesterinnen über ihn gehoben wird. Nachdem sich Orest und Iphigenie kurz vor der Opferung erkannt haben, eilt Pylades herbei, um Thoas zu töten, was vom Auftritt Dianas verhindert wird. Die Göttin erscheint allerdings nicht auf der Bühne, sondern ist nur vom linken Balkon aus zu hören. Miriam Sabba stattet Diana mit einem warmen Sopran aus. Der von Jens Bingert einstudierte Chor präsentiert sich von den Balkonen ebenfalls klangschön, auch wenn die Einsätze nicht immer ganz sauber sind. Jan Michael Horstmann rundet den Abend mit dem Sinfonieorchester Wuppertal zu einem musikalischen Gesamterlebnis ab, so dass es für alle Beteiligten am Ende lang anhaltenden und verdienten Applaus gibt.

FAZIT

Diese Produktion ist auch nach 38 Jahren immer wieder sehens- und hörenswert.



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jan Michael Horstmann

Inszenierung und Choreographie
Pina Bausch

Bühne und Kostüme
Pina Bausch
Jürgen Dreier

Mitarbeit
Rolf Borzik

Mitarbeit Proben
Dominique Mercy
Barbara Kaufmann
Malou Airaudo

Chor
Jens Bingert

 

Chor der Wuppertaler Bühnen

Sinfonieorchester Wuppertal


Solisten

*rezensierte Aufführung

Iphigenie
Undine Dreißig (Gesang)
Ruth Amarante (Tanz) /
*Clémentine Deluy (Tanz)

Orest
*Kay Stiefermann (Gesang) /
Hans Christoph Begemann (Gesang)
Pablo Aran Gimeno (Tanz)

Pylades
Lawrence Bakst (Gesang)
Fernando Suels Mendoza (Tanz) /
*Damiano Ottavio Bigi (Tanz)

Thoas
Thomas Laske (Gesang)
*Andrey Berezin (Tanz) /
Jorge Puerto Armenta (Tanz)

Diana
Miriam Sabba (Gesang)

Ein Diener
Andreas Heichlinger (Gesang)

Priesterinnen (Tanz)
*Regina Advento /
Clémentine Deluy
Luiza Braz Batista
Silvia Farias Heredia
Chang-Wen Hsu
Chrystel Guillebeaud
Ditta Miranda Jasjfi
Thusnelda Mercy
Azusa Seyama
Julie Anne Stanzak
Anna Wehsarg
Tsai-Chin Yu

Medien
Daphnis Kokkinos
Tsai-Chin Yu

Agamemnon
Michael Strecker

Klytämnestra
Anna Wehsarg

Elektra
Julie Anne Stanzak

Skythen - Klytämnestren
*Regina Advento /
Clémentine Deluy
Luiza Braz Batista
Rainer Behr
Ale
Čuček
Silvia Farias Heredia
Chang-Wen Hsu
Chrystel Guillebeaud
Ditta Miranda Jasjfi
Thusnelda Mercy
Franko Schmidt
Azusa Seyama
Julie Anne Stanzak
Michael Strecker
Anna Wehsarg


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Tanztheater Wuppertal
(Homepage)




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2012 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -