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Musiktheater
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Der Freischütz

Romantische Oper in drei Aufzügen
Textfassung auf der Basis des Originallibrettos von Friedrich Kind, ergänzt durch Auszüge aus der Erzählung Der Freischütz (aus dem Gespensterbuch von Johann August Apel und Friedrich Laun), sowie durch Zaubersprüche aus Deutsche Mythologie von Jacob Grimm
Musik von Carl Maria von Weber

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 40' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 14. September 2012


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Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Deutscher Wald als Bretterkiste


Von Thomas Molke / Fotos von Uwe Stratmann

Mehr als 20 Jahre ist es her, dass Carl Maria von Webers Freischütz in Wuppertal zu erleben war, wobei der damalige Intendant Holk Freytag in seiner Inszenierung mit einem riesigen Wildschwein, das in der Wolfsschlucht-Szene die Bühne beherrschte und beim Gießen der Freikugeln Blitze aus seinem Hinterteil entweichen ließ, das Publikum polarisierte. Lange Zeit thronte dieses Schwein später noch auf dem Dach des mittlerweile geschlossenen Schauspielhauses und hielt die Erinnerung an diese Produktion wach. Bei der Präsentation des Spielplans für die neue Spielzeit hatte Opernintendant Johannes Weigand dem Publikum angekündigt, dass Andrea Schwalbach bei der Neuinszenierung der Oper einen Zugang gefunden habe, der einen anderen Blickwinkel auf das Werk werfe als die damalige Produktion, was zunächst viel versprechend klang. Nach der Premiere am Freitag muss man allerdings feststellen, dass ein Teil des Publikums nach der neuen Inszenierung wehmütig an die damalige Produktion zurückdenken dürfte.

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Pakt zwischen Samiel (Marco Wohlwend, links) und Kaspar (John In Eichen)

Während man sich bei Schauspielproduktionen bereits wohl oder übel an zahlreiche Texteingriffe gewöhnt hat, bleibt das Opernpublikum mit Ausnahme von Strichen im Libretto davon in der Regel verschont, da es wesentlich schwieriger ist, einen anderen Text auf die komponierte Musik zu setzen. Wenn allerdings zwischen den Musiknummern Sprechtexte im Libretto vorgesehen sind, scheinen Regisseure wesentlich geringere Hemmungen zu haben, ihre Intentionen in geänderten Texten umzusetzen. Immerhin ist man im Programmheft in Wuppertal so ehrlich, darauf hinzuweisen, dass die verwendete Textfassung nur auf dem Originallibretto basiere und durch Auszüge aus der Erzählung Der Freischütz, der ersten Geschichte im ersten Band aus Johann August Apels und Friedrich Launs Gespensterbuch, sowie Zaubersprüche aus Deutsche Mythologie von Jacob Grimm ergänzt sei. So erklärt sich zum einen für den kundigen Zuschauer, der glaubt, mit dem Werk bereits vertraut zu sein, wieso er außer dem gesungenen Text nichts wiedererkennt. Zum anderen wird dem unkundigen Besucher damit die Illusion genommen, er bekomme hier die Geschichte in der Originalfassung präsentiert. Der Sinn für diese Veränderungen erschließt sich allerdings nicht, da weder die magischen Lebensweisheiten, die Ännchen, Samiel und Agathe vor der Hochzeit von sich geben, noch Samiels Erzählung der Geschichte zu Beginn der Oper irgendwelche neuen Einblicke in die Handlung geben, von daher also verzichtbar gewesen wären.

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Agathe (Banu Böke, vorne rechts) wird von bösen Vorahnungen gequält (im Hintergrund: Ännchen (Dorothea Brandt) und Samiel (Marco Wohlwend)).

Auch die Eingriffe, die Schwalbach in der Personenregie vornimmt, sind für die eigentliche Handlung äußerst fragwürdig. So fühlt sich Agathe während der ganzen Oper noch zu Kaspar hingezogen, der laut Schwalbach den Pakt mit Samiel nur geschlossen hat, da sein Probeschuss um Agathes Hand nicht von Erfolg gekrönt war. Wenn Max mit seiner letzten Freikugel im dritten Aufzug auf Kaspar zielt, stellt sich Agathe schützend vor Kaspar und stirbt nur deshalb nicht durch die siebte Kugel, weil Kaspar sie beiseite schubst und somit selbst von der Kugel getroffen wird. Auch wieso Samiel in einem unauffälligen beige-farbenen Anzug, in dem er eher an einen Versicherungsvertreter als an den Teufel erinnert, eigentlich permanent auf der Bühne nicht nur kommentierend präsent ist, sondern auch mit Ännchen und Agathe in Kontakt tritt, bleibt unverständlich. Die homoerotische Beziehung, die Schwalbach zwischen dem Bauern Kilian, der zu Beginn der Oper für seinen erfolgreichen Schuss gefeiert wird, und Samiel aufbaut, die am Ende des ersten Aktes dazu führt, dass Samiel den Bauern nach einem recht leidenschaftlichen Kuss brutal umbringt, wirkt ebenfalls ein bisschen weit hergeholt. Will Schwalbach damit andeuten, dass Kilian seinen Erfolg auch nur einem Pakt mit dem Teufel zu verdanken hat und er dafür sein Opfer bringen muss?

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Max (Niclas Oettermann, Mitte) mit Samiel (Marco Wohlwend, links) und der Jungfrau (Wencke Drumm, links) beim Gießen der Freikugeln. Was macht Ännchen (Dorothea Brandt, rechts) in der Wolfsschlucht?

Welche Rolle Ännchen und Agathe in Schwalbachs Inszenierung eigentlich zugedacht ist, wird ebenfalls nicht klar. Es bleibt überhaupt nicht nachvollziehbar, wieso die beiden beim Gießen der Freikugeln in der Wolfsschlucht dabei sein sollen oder was die beiden eigentlich mit Samiel verbindet. Durch den Kuss mit dem Teufel scheint Samiel auch in Agathe die Gier nach Blut geweckt zu haben, da ihr Mund am Ende ebenfalls blutverschmiert ist. Auch ob in der Wolfsschlucht-Szene eine Jungfrau im weißen Kleid geopfert werden muss, durch deren Blut Samiel die Kraft gewinnt, die Freikugeln auszuspucken, ist in der Schlüssigkeit zu hinterfragen. Genauso abstrus ist es, dass der Mann, dem Samiel beim Gießen der Freikugeln die Augen aussticht, sich hinterher als der Eremit entpuppt, der der Tradition des Probeschusses ein Ende setzt. Wenn Samiel selbst den Jungfernkranz windet, ihn der toten Jungfrau aufsetzt und Agathe den mittlerweile blutverschmierten Schleier der Brautjungfern zurückweist, um den von Samiel gewundenen Kranz der Toten aufzusetzen und anschließend zu äußern, dass dieser Kranz von einer Toten stammt, inszeniert Schwalbach zwar an dieser Stelle nicht gegen den Text, dürfte die Kernaussage der Szene aber dennoch nicht wirklich treffen.

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Kuss in der Wolfsschlucht zwischen Agathe (Banu Böke) und Samiel (Marco Wohlwend, vorne Mitte). Kaspar (John In Eichen, links) und der Eremit (Martin Jeaseok Ohu, Mitte hinten, mit dem Chor) schauen zu.

Beim Bühnenbild hat Nanette Zimmermann wohl die Tatsache zu ernst genommen, dass der deutsche Wald zu Webers Zeit aufgrund der zahlreichen Bauvorhaben für die stark wachsende Bevölkerung in Mitteleuropa in einem schlimmeren Zustand gewesen sein soll als heute. Jedenfalls besteht der komplette Wald in der Inszenierung aus Brettern, die im ersten Akt die Figuren wie in einer riesigen Kiste einpferchen, in der Wolfsschlucht-Szene dann einzeln aus dem Schnürboden herabhängen und nach der Pause nur noch als aufgestapelter Haufen auf der Bühne liegen. Von romantischer Natur ist nichts geblieben. Als weitere Requisiten dienen Stühle, aus denen unter anderem auch ein Hochsitz wie für einen Jäger gebaut ist, auf dem bisweilen Samiel thront und das Geschehen beobachtet und auf dem in der Wolfsschlucht die Jungfrau geopfert wird, um mit ihrem Blut die magischen Freikugeln zu gießen. Am Anfang befindet sich ein Haufen erlegter wilder Tiere auf der Bühne, die Ännchen im weiteren Verlauf als Trophäen an den Holzbrettern aufhängt. Der Sinn des aus drei Brettern aufgebauten Holzzeltes, unter dem Agathe Schutz sucht, erschließt sich genauso wenig wie Schwalbachs alberne Idee, Agathe mit einer weißen Taube und Samiel mit dem geschossenen Adler als Kopfschmuck gemeinsam für ein Foto posieren zu lassen.

Wenigstens entschädigt die musikalische Umsetzung für die szenischen Schwächen. Auch wenn man Schwalbachs Personenregie für Samiel nicht teilt, muss man Marco Wohlwend zugestehen, dass er dem schwarzen Jäger in seiner Darstellung eine Furcht einflößende Diabolik verleiht und es mit Mimik und Gestik schafft, auch ohne Worte die Szene zu beherrschen. Niclas Oettermann übernimmt als Gast die Partie des Max und überzeugt in allen Lagen mit einem sauber geführten Tenor, der auch durch Textverständlichkeit punkten kann. Die anderen Partien sind mit Ensemblemitgliedern besetzt. Banu Böke gefällt als Agathe mit warmem Sopran, wobei im Punkte Textverständlichkeit bei ihr in den Arien eine Übertitelung wünschenswert gewesen wäre. Dorothea Brandt begeistert als Ännchen mit glockenklarem Sopran. John In Eichen gibt mit schwarzem Bass einen fulminanten Einstieg als Bösewicht Kaspar. Auch Thomas Laske als Ottokar, Olaf Haye als Kuno und Boris Leisenheimer als Kilian, sowie die drei Brautjungfern Hong-Ae Kim, Angelika März und Ja-Young Park überzeugen in den kleineren Partien. Der von Jens Bingert einstudierte Chor und Extrachor präsentieren sich homogen und spielfreudig. Das Sinfonieorchester Wuppertal unter der Leitung von Florian Frannek rundet den Abend zumindest musikalisch gelungen ab.

FAZIT

Die Wuppertaler Bühnen haben in den letzten Jahren zur Spielzeiteröffnung ein glücklicheres Händchen gehabt. Schwalbachs Inszenierung kann leider nicht überzeugen.

Zur Rezension der Gießener Freischütz-Inszenierung


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Florian Frannek

Inszenierung
Andrea Schwalbach

Bühne und Kostüme
Nanette Zimmermann

Licht
Henning Priemer

Choreinstudierung
Jens Bingert

Dramaturgie
Johannes Blum

 

Opern- und Extrachor
der Wuppertaler Bühnen

Statisterie der
Wuppertaler Bühnen

Sinfonieorchester Wuppertal


Solisten

*Premierenbesetzung

Ottokar, böhmischer Fürst
Miljan Milovic /
*Thomas Laske

Kuno, fürstlicher Erbförster
Olaf Haye

Agathe, seine Tochter
Banu Böke

Ännchen, eine junge Verwandte
*Dorothea Brandt /
Elena Fink

Max, Erster Jägerbursche
Niclas Oettermann

Kaspar, Zweiter Jägerbursche
John In Eichen

Ein Eremit
Martin Jeaseok Ohu

Kilian, ein reicher Bauer
Boris Leisenheimer

Samiel, der schwarze Jäger
Marco Wohlwend

Brautjungfern
Hong-Ae Kim
Angelika März
Ja-Young Park

Jungfrau in der Wolfsschlucht
Wencke Drumm


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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