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Der Barbier von Sevilla (Il barbiere di Siviglia)

Commedia in zwei Akten
Libretto von Cesare Sterbini, nach Pierre Augustin Caron de Beaumarchais' Le Barbier de Séville
Musik von
Gioachino Rossini

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Übernahme-Premiere im Opernhaus Wuppertal am 20. Oktober 2012
(Premiere im Theater und Konzerthaus Solingen am 09.06.2012)


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Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Rosarotes Gewitter


Von Thomas Molke / Fotos von Sonja Rothweiler

Eigentlich stand die Premiere am Samstag im Wuppertaler Opernhaus unter schlechten Vorzeichen. Erst verletzte sich wenige Tage vorher der Tenor Christian Sturm, der eigentlich für die Rolle des Grafen eingeplant war. Zum Glück hat man im Wuppertaler Chor jedoch mit Nathan Northrup eine Alternativ-Besetzung, und Northrup meisterte mit kleinen Abstrichen in den ersten beiden Arien, die vielleicht auch einer gewissen Premieren-Nervosität geschuldet waren, die Partie recht beachtlich. Dann trat der Intendant des Hauses, Johannes Weigand, vor den Vorhang, um Thomas Laske zu entschuldigen, falls dieser aufgrund einer Erkältung die Titelpartie nicht ganz so souverän meistern sollte. Doch auch diese Sorge entpuppte sich als völlig unbegründet. So konnten die Wuppertaler Bühnen an diesem Abend erneut einen großen Erfolg verbuchen, wie es bereits bei der ersten Neueinstudierung im Konzerthaus Solingen vor der Sommerpause (siehe auch unsere Rezension) gelang.

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Doktor Bartolo (Dariusz Machej) glaubt, seinem Mündel Rosina (Elena Fink) überlegen zu sein.

Dass die Produktion von Johannes Weigand eigentlich aus dem Jahr 2003 stammt, verwundert ein wenig, da man in Wuppertal wie an den meisten kleineren Häusern räumlich keine Möglichkeiten hat, Bühnenbilder einer Inszenierung so lange aufzubewahren. So kann beispielsweise der Wunsch, Gerd Leo Kucks großartige Inszenierung von Wagners Tristan und Isolde aus dem Jahr 2009 anlässlich des großen Wagner-Jubiläums 2013 wieder auf den Spielplan zu nehmen, schon allein deshalb nicht in die Tat umgesetzt werden, da das Bühnenbild nicht mehr existiert. Bei Weigands Barbier hat man dieses Problem allerdings nicht, da Moritz Nitsches Bühne nur aus vier weißen Stellwänden besteht, bei denen jeweils zwei durch eine Achse verbunden sind und durch das Drehen der einzelnen Wände unterschiedliche Räume erzeugen können. Während diese Wände mit den wenigen Requisiten - einem Stuhl und einem Spinett - eher karg ausfallen, sind die Kostüme von Judith Fischer wesentlich aufwändiger gestaltet und erinnern liebevoll an eine klassisch konventionelle Inszenierung. Gelungen ist auch, wie die Lichtregie von Fredy Deisenroth die einzelnen Farben der Kostüme aufgreift, so beispielsweise die Rückwand beim Auftritt von Figaro in hellem Blau erstrahlen lässt oder in dunkles Grün oder grelles Pink taucht, wenn Doktor Bartolo oder sein Mündel Rosina die dominierende Rolle übernehmen.

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Figaro (Thomas Laske, Mitte) versucht, Don Basilio (Martin Jeaseok Ohu, rechts) auf seine Seite zu bringen (unter dem Mantel: Rosina (Elena Fink) und Graf Almaviva (Christian Sturm))

Hinzu kommt eine ausgeklügelte Personenregie, mit der Johannes Weigand die Protagonisten gekonnt in Szene setzt und die bei einem temporeichen der Commedia dell'Arte entsprechenden Handlungsablauf keinerlei Langeweile aufkommen lassen. Die Wuppertaler Bühnen verfügen allerdings auch über ein spielfreudiges Ensemble, das Weigands spritzige Ideen bis in die kleinsten Rollen umzusetzen versteht. Da ist zunächst einmal Joslyn Rechter zu nennen, die nicht nur in ihrer Arie im zweiten Akt "Il vecchiotto cerca moglie", in der sie sich darüber amüsiert, dass Bartolo sein Mündel heiraten will, stimmlich mit ihrem satten Mezzo brilliert, sondern auch darstellerisch ihr komödiantisches Talent voll zur Geltung bringen kann, wenn Rosina sie beim Finale hoffen lässt, ebenfalls eine Strophe singen zu dürfen, die dann aber doch dem Grafen zufällt, so dass Berta leicht beleidigt sich doch wieder nur in den Chor einreihen darf. Gleiches Lob gebührt Martin Jeaseok Ohu, der mit markantem Bass den intriganten Don Basilio mimt und in seinem schwarzen Gewand beinahe wie ein Mann der Kirche aussieht. Das Schattenspiel, mit dem er bei seiner Arie "La calunnia è un venticello" Bartolo regelrecht in die Knie zwingt, wird zu einem Höhepunkt der Aufführung.

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Rosina (Elena Fink), Figaro (Thomas Laske, Mitte) und Graf Almaviva (Christian Sturm, links) planen die gemeinsame Flucht.

Nathan Northrup steigert sich nach anfänglichen Schwierigkeiten in den Höhen und präsentiert einen Grafen, der auch darstellerisch überzeugen kann, ob er nun als angeblich betrunkener Soldat über die Bühne torkelt oder als falscher Musiklehrer Don Alonso vor den Augen Bartolos mit Rosina Fluchtpläne schmiedet. Witzig ist dabei auch die jeweils von Judith Fischer ausgewählte Kostümierung. So wirkt er als Soldat wie ein Napoleon-Verschnitt, um zu unterstreichen, dass es sich nur um eine Kostümierung handelt, während er als Musiklehrer die Locken, die Don Basilio an den Seiten trägt, mitten auf dem Kopf hat, so dass sie schon beinahe an eine Schleife wie bei einer Zeichentrickfigur von Walt Disney erinnern. Dass man Thomas Laske für die Titelpartie eine Glatze verpasst hat, mag bereits andeuten, dass das eigentliche Geschäft dieses Figaro sicherlich nicht ist, Haare zu frisieren. Wie bereits 2003 stellt Laske unter Beweis, dass die Partie des Barbiers eine Traumrolle für ihn ist, sowohl sängerisch, da er die baritonalen Höhen scheinbar ohne Anstrengung mit Bravour meistert, als auch darstellerisch, da sein bewegliches Spiel für diesen Strippenzieher prädestiniert ist.

Mit Dariusz Machej ist ein alter Bekannter für die Partie des Bartolo an die Wupper zurückgekehrt. Bereits 2003 begeisterte er mit beweglicher Akrobatik und zahlreichen Slapstick-Einlagen als grantelnder Doktor. Hinzu kommt sein fundierter Bass, mit dem er zum Beispiel in seiner großen Arie "A un dottor della mia sorte" glänzt. Weiterer Höhepunkt des Abends ist Elena Fink als Rosina. Mit scheinbarer Leichtigkeit lässt sie die Koloraturen in ihrer Arie "Una voce poco fa" nur so perlen. Von großartiger Komik ist auch ihre Gesangsstunde mit Almaviva, in der er sie zu immer neuen Variationen in den Koloraturen antreibt. Ihr keckes Wesen wird durch ihr Kostüm in grellem Pink noch unterstrichen. Auch das Briefpapier ist in Rosa gehalten, und wenn sie sich im zweiten Akt von Almaviva hintergangen fühlt, mag das rosafarbene Papier, welches beim Gewitter aus dem Schnürboden herabregnet, wohl für ihre Tränen stehen, die sie in ihrer Enttäuschung vergießt.

Der von Jens Bingert einstudierte Herrenchor der Wuppertaler Bühnen präsentiert sich homogen und ebenfalls spielfreudig. Florian Frannek zaubert aus dem Orchestergraben einen frischen Rossini-Sound, bei dem nur in der Ouvertüre das Blech noch ein bisschen unsauber klingt, so dass es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten gibt. So geht auch beim Regie-Team ein einsamer Buh-Ruf aus dem Publikum im allgemeinen Jubel unter.

FAZIT

Weigands Inszenierung wirkt auch nach neun Jahren noch frisch und aktuell und kann jedem empfohlen werden, der Rossinis Musik in einer Inszenierung genießen will, die nicht durch modernes Regietheater die Handlung des Stückes in Frage stellt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Florian Frannek

Inszenierung
Johannes Weigand

Bühne
Moritz Nitsche

Kostüme
Judith Fischer

Licht
Fredy Deisenroth

Astroplanetographie
Fritz Ante

Choreinstudierung
Jens Bingert

Dramaturgie
Ulrike Olbrich

 

Herrenchor
der Wuppertaler Bühnen

Sinfonieorchester Wuppertal


Solisten

*Premierenbesetzung

Graf Almaviva
Christian Sturm /
*Nathan Northrup

Rosina
Elena Fink

Figaro
*Thomas Laske /
Miljan Milovic

Doktor Bartolo
Dariusz Machej

Don Basilio
Martin Jeaseok Ohu

Berta
Joslyn Rechter

Fiorillo
Javier Zapata Vera

Ein Offizier
Hak-Young Lee

Ambrogio
Hedie Rzgar

Diener / Notar
Kemal To
ğluoğlu


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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