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Musiktheater
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Das große Heft
(Uraufführung)

Musiktheater in fünf Abteilungen
Libretto nach dem Roman von Ágota Kristóf, eingerichtet von Sidney Corbett und Ralf Waldschmidt
Musik von Sidney Corbett


In deutscher Sprache mit deutschen Seitentiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 40’ (keine Pause)

Premiere im Theater am Domhof am 16. März 2013
(rezensierte Vorstellung am 11. April 2013
)

 

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Theater Osnabrück
(Homepage)

Musiktheater als Lehrstück wider das Vergessen          

Von Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Marek Kruszewski, Marius Maasewerd

Osnabrücks neue großartige Opernpremiere ist eine Uraufführung. Erstmalig gezeigt wird Das große Heft von Sidney Corbett , ein eindrückliches Lehrstück wider das Vergessen. Das Libretto, das der Intendant des Theaters Ralf Waldschmidt in Zusammenarbeit mit dem Komponisten aus der gleichnamigen, fiktiv autobiographische Züge tragenden Romanvorlage Ágota Kristófs entwickelte, berichtet in 5 Akten, wie namenlose, jugendliche Zwillingsbrüder beschließen, ihre Kindheits- und Kriegserlebnisse wahrheitsgemäß, nach dem Vorbild der Bibel in „das große Heft“ einzutragen, wie sie von der Mutter zur Großmutter aufs Land gebracht und von dieser nur widerwillig geduldet und geschlagen werden, wie sie Schritt für Schritt und mehr oder weniger freiwillig lernen und lernen wollen, zu verrohen, Emotionen abzutöten, wie sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, um zu überleben und dabei auch vor Straffälligkeiten nicht zurückzuschrecken.

Kurze Szenen, in denen Hunger, Angst, Tier- und Kinderquälerei, Mitleid, Deportation, Hilfe, Tod, menschliche Zuwendung und sexuelle Gewalt thematisiert werden, verdeutlichen dabei in erschreckender, schockierender Weise, wie aus der Perspektive unschuldiger Kinder  die demoralisierende Wirkung von Krieg erlebt wird. Wenn das Gebot, du sollst nicht töten, nicht mehr gilt, scheinen auch andere moralische Schranken weitestgehend zu fallen.

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Die Zwillinge halten wie Pech und Schwefel zusammen.

Corbetts Musik stellt dieser reduzierten Sprache und diesem reduzierten Menschsein eine emotional differenzierte, einfühlsame, expressive und reichhaltige Klangarchitektur gegenüber. Zu einem mittelgroßen Orchester gesellt sich ein Akkordeon und Schlaginstrumente verschiedenster Art. Z.B. mischen sich unter die orchestrale Klangwelt auch Farben wie Sandpapier, Donnerblech, Ölfass, Metallketten, Almglocken und andere Dinge. Immer wieder schälen sich aus vereinzelten, wiederholten Punktklängen, Tonwiederholungen oder überwiegend rhythmisch geprägten Abschnitten zarte, expressive Harmonien und Melodien. Häufig kontrastieren orchestrale, polyphone Rhythmen und an Alban Berg erinnernde melodische Gesangslinien, werden Zwischenräume atmosphärisch ausgelotet und Personen durch melodische Besonderheiten charakterisiert. Z.B. wird Hasenschartes Auftritt von einer Klangarchitektur aus heulenden Sirenen und anderen hektisch montierten, stilisierten Verkehrsgeräuschen untermalt, während ihre Gesangslinie von Ekelgeräuschen, Pausen und ständigen Intervallsprüngen geprägt ist. Die unzertrennlichen Zwillinge singen ein permanentes Duett aus Koloratur- und Begleitstimme, mal zusammen, mal hintereinander, mal führt die eine, mal die andere Stimme.  Zwischendurch berichtet die meist vom Orchester untermalte Sprechstimme aus dem Off von den erlebten Grausamkeiten und Erfahrungen.

Bühnenbild, Regie und Kostüme lassen dem Zuschauer viel Raum für Assoziationen.  Etienne Pluss grenzt den weitgehend leeren, dunkel ausgeleuchteten Bühnenraum durch schwarze, leicht metallen schimmernde, hohe Raumteiler ein, die von Szene zu Szene wie die Seiten eines überdimensionalen Tagebuches umgeblättert werden. Kostüme und Strubbelfrisur der Zwillingsbrüder wecken entfernte Assoziationen an Max und Moritz. Der Pfarrer trägt Züge eines geschniegelten Oberlehrers, während die Großmutter an Mutter Courage erinnert.

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Magd und hungernde Deportierte

Wenn dieser Abend besonders nachhaltig als Gesamtwerk in Erinnerung bleiben wird, so ist dies vor allem auch der passenden Stimmbesetzung und eindrucksvollen Personencharakterisierung des Gesangsensembles, Kinderchors und Orchesters unter der Leitung von Andreas Hotz  geschuldet.  Allen voran, die weite Teile des Abends bestreitenden, in Schauspiel und Stimme überzeugenden Soprane von Marie-Christine Haase und Susanne Vent, die sich wunderbar aufeinander abgestimmt ergänzen - egal ob glockenreine Koloraturen, glasklare Spitzentöne gepaart mit warmgründigem, lyrischem Wohlklang oder Orchesterschläge und Schreie im Wechsel. Mit klangvollem, lyrischem Sopran verkörpert Almerija Delic die Warmherzigkeit der Mutter und sinnlichen Begehrlichkeiten der Magd. Jan Friedrich Eggers singt die Partie des Missbrauch und Moralerziehung für sich beanspruchenden Priesters und sado-masochistisch veranlagten Offiziers, während Mark Hamann in der Doppelrolle des stotternden, gebrochenen Vaters und Polizisten überzeugt.  Musikalisch anschaulich gestaltet Genadijus Bergorulko die Figur des seine Deportation ahnenden Schusters. Besonders eindrucksvoll ist Ariane Ernesti in der Rolle der kranken, von sexueller Gewalt verstümmelten Hasenscharte. Wie sie zwischen Ekelgeräuschen, Pausen durchsetzter Gesangslinie und ständigen Intervallsprüngen hin- und herspringt und wie Eva Gillhofer die Rolle der überforderten Großmutter zwischen Befehlston und bemitleidenswerter Unsicherheit, mit stockendem, kratzenden Sprechgesang und sarkastischen Lachsilben zu charakterisieren weiß, ist einfach außergewöhnliche Darstellungskunst.

FAZIT

Ein beeindruckendes modernes Gesamtkunstwerk, das in Osnabrück eine in jeder Hinsicht starke und gut besuchte Uraufführung erlebt



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Andreas Hotz

Inszenierung
Alexander May

Bühne, Kostüme
Etienne Pluss

Video
Bert Zander

Choreinstudierung
Markus Lafleur

Dramaturgie
Ralf Waldschmidt,
Alexander Wunderlich

 

Chor und Kinderchor
des Theaters Osnabrück

Osnabrücker Symphonieorchester


Solisten

Junge 1
Marie-Christine Haase

Junge 2
Susann Vent

Großmutter
Eva Gilhofer

Mutter / Magd
Almerija Delic

Der Schuster
Genadijus Bergorulko

Pfarrer / Der fremde Offizier
Jan Friedrich Eggers

Polizist / Vater
Mark Hamman

Hasenscharte
Ariane Ernesti

Sprecherin
Marie Bauer



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Osnabrück
(Homepage)





Da capo al Fine

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