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Ein Sommernachtstraum 

Tanztheater von Hans Henning Paar nach William Shakespeare
Musik von The Doors, Duke Ellington, Keith Jarrett, Miles Davis, Benny Goodman, Miles Davis, Jonas Nondorf, Julia Hülsmann und Max Richter

Aufführungsdauer: ca. 1 h 10' (keine Pause)

Premiere im Großen Haus des Theater Münster am 15.12. 2012

              
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Theater Münster
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Sex and Drugs in einer Sommernacht       


Von Thomas Molke / Fotos von Pedro Malinowski

Nachdem Hans Henning Paar mit dem neu kreierten Handlungsballett Macbeth einen furiosen Einstand in Münster gegeben hat (siehe auch unsere Rezension), widmet er sich auch in seiner zweiten Produktion nicht nur einem Handlungsballett, sondern wählt erneut als Grundlage ein Stück von William Shakespeare aus. Dabei entstand diese Inszenierung allerdings nicht eigens für Münster. Vielmehr bringt Paar sie aus seiner Zeit am Münchner Gärtnerplatz-Theater mit, wo sie 2010 ihre Uraufführung erlebte. Nachdem Paar sie anschließend im letzten Sommer mit dem Ballett der Staatsoper Ankara einstudiert hat, hat er nun eine überarbeitete Fassung entwickelt, die auf die Gegebenheiten im Kleinen Haus mit der unmittelbaren Nähe zum Publikum hervorragend eingeht.

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Titania (Anna Caviezel) und Oberon (Cornelius Mickel) haben Streit.

Anders als Heinz Spoerlis Choreographie der Shakespeare'schen Vorlage, die seit November im Aalto-Theater Essen gespielt wird (siehe auch unsere Rezension), konzentriert sich Paar nur auf die Liebeswirrungen der einzelnen Paare und lässt einen großen Teil der Handlung, wie beispielsweise die Handwerker-Szenen, einfach weg. Auch auf die Schauspielmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy wird in Münster verzichtet. Stattdessen wählt Paar mit Musik von The Doors, Benny Goodman und Duke Ellington einen Rahmen, der die Handlung in den 60er oder 70er Jahren des letzten Jahrhunderts verortet, und zwar auf einer Party in der Flower-Power-Zeit, bei der man sich unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen der gesellschaftlichen Zwänge entledigt und der freien Liebe und dem Partnertausch keine Grenzen gesetzt werden. Hippolyta und Theseus fungieren hier als Gastgeber, die die anderen Protagonisten zu einer ausgelassenen Feier eingeladen haben. Zu "Sing Sing Sing" von Benny Goodman wird vom Ensemble hier ausgelassen getanzt, wobei die Tänzer den Eindruck vermitteln, großen Spaß an der Party zu haben.

Titania und Oberon bilden eine Art Klammer um das ganze Stück. Sie sind ein streitendes Paar, das scheinbar schon diverse Höhen und Tiefen erlebt hat und in einer nicht so guten Phase zu dieser Party kommen. Laut streitend treten Cornelius Mickel und Anna Caviezel durch den Zuschauerraum zum "Alabama Song" von The Doors auf und liefern zur Musik eher einen Zweikampf als ein Pas de deux ab, wobei die verbalen Beschimpfungen in abweisende Gesten und körperliche Übergriffe übergehen. Interessant ist dabei die Funktion von Tommaso Balbo, der als Puck mit einer weißen Fellweste, die ihn fast wie den Hirtengott Pan erscheinen lässt, ständig bemüht ist, einen roten Teppich unter den beiden auszurollen, der den beiden als Bühne für ihre Auseinandersetzungen dient.

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Noch ist bei Hermia (Priscilla Fiuza) und Lysander (hier: Marcelo Moraes) die Welt in Ordnung.

Für die Party bei Hippolyta und Theseus hat Hanna Zimmermann mit weißen Fädenvorhängen, die den Zugang zur Bühne ermöglichen, und zwei großen weißen Ledersofas ein Ambiente geschaffen, das den Stil der 60er bzw. 70er Jahre gut imitiert. Vorne links ist eine Bar aufgebaut, an der Jonas Nondorf als Barkeeper fungiert, bevor er sich in der folgenden Traumsequenz zu seinem Schlagzeug auf der rechten Seite der Bühne begibt. Auch die Kostüme von Isabel Kork lassen die Flower-Power-Zeit in bunten Farben und langen Perücken wieder aufleben. Schon beim ausgelassenen Tanz auf der Party wird allerdings deutlich, dass nicht alle in einer so ausgelassener Feierstimmung sind, wie die Gute-Laune-Musik vermuten lässt. Während Lysander (Erik Constantin) und Hermia (Priscilla Fiuza) frisch verliebt sind, versucht Demetrius (Vladimir de Freitas) permanent das junge Glück zu stören. So kommt es zu diversen Handgreiflichkeiten zwischen den beiden jungen Männern, die schließlich von Theseus (Marcelo Moraes) unterbunden werden. Auch María Bayarri Pérez macht als Helena eindringlich deutlich, wie sehr sie unter Demetrius' Zurückweisung leidet.

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Puck (Tommaso Balbo, Mitte) verzaubert als Mohnblume Titania (Anna Caviezel) und den Schüchternen (Adam Dembczynski, rechts).

Da Paar die Handwerker aus seiner Inszenierung gestrichen hat, muss er sich für den Esel, der Titanias Zuneigung gewinnt, etwas anderes einfallen lassen. Aus diesem Grund hat er den Schüchternen auf der Party eingeführt. Diese Figur ist eine Art Außenseiter, der aufgrund seines verklemmten Auftretens mit den anderen nicht mithalten kann. Adam Dembczynski stattet die Figur mit einer wunderbar unbeholfenen Komik aus. Wie er im Gegensatz zu den anderen Protagonisten beim ausgelassenen Tanz scheinbar absolut steif und ohne Taktgefühl bleibt, ist großartig. Hinzu kommt, dass Isabel Kork ihm auch noch ein unglaublich spießiges Kostüm verpasst hat. Dass Titania sich mit ihm einlässt, kann folglich nur dem Alkoholkonsum geschuldet sein, zumal sich Dembczynski auch, nachdem er seine Kleidung abgelegt hat und nur noch eine Unterhose trägt, in einem  behaarten Hautanzug absolut unattraktiv präsentiert.

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Helena (María Bayarri Pérez) und Demetrius (Vladimir de Freitas)

Wie die Stimmung auf der Party sich durch Alkohol und Drogen allmählich verändert, wird zum einen durch den Wechsel der Musik deutlich, die immer surrealer wird, bis sie letztendlich nur noch aus Percussion-Klängen von Jonas Nondorf besteht, und zum anderen durch aus dem Schnürboden herabhängende Schlingpflanzen und Baumprojektionen auf die weißen Fädenvorhänge ausgedrückt, die den Partyraum in eine Art Urwald verwandeln. Eingeleitet wird dies von Tommaso Balbo als Puck, der mit einem riesigen roten Hut als Mohnblume einem Blumenkübel aus dem Hintergrund entsteigt und die Figuren in Trance versetzt. So himmeln plötzlich Lysander und Demetrius beide Helena an und wollen von Hermia nichts mehr wissen. Der Kampf zwischen den beiden Männern bleibt zwar der gleiche, nur das Objekt der Begierde hat gewechselt. Auch die Frauen geraten in Streit. In dieser Sequenz kommt der Ballettabend der Vorlage Shakespeares sicherlich am nächsten.

Als Traumsequenzen lässt Paar Phantasiegebilde auftreten. So kriechen Kana Mabuchi und Marcelo Moraes als zwei Schnecken über die Bühne, die durch ihre Vereinigung die erotischen Phantasien der Gäste ausleben. Ako Nakanome schreitet in grüner Unterwäsche mit grünen Stöckelschuhen an den Händen als eine Gottesanbeterin durch den Saal und über die Bühne und scheint auf der Suche nach ihrem nächsten Opfer zu sein. Erst wenn die Nacht vorbei ist, verschwinden die Schlingpflanzen wieder im Schnürboden, und die Figuren stellen sich erneut der Realität, die jedoch anders ist als bei Shakespeare. Für Demetrius und Helena gibt es kein glückliches Ende. Hermia ist ebenfalls nicht bereit, die vergangene Nacht zu vergessen und trennt sich von Lysander, so dass es am Ende offen bleibt, ob vielleicht aus Hermia und Demetrius ein Paar wird. Die einzigen, die aus dieser Nacht gelernt haben, sind Oberon und Titania. Sie sind bereit, sich die Geschehnisse der vergangenen Nacht zu verzeihen und finden am Ende doch noch in einem recht innigen Pas de deux wieder zueinander. So gibt es am Ende großen Applaus für einen kurzweiligen Abend, der die Essenz des Sommernachtstraums glaubhaft in die Gegenwart überträgt.

FAZIT

Hans Henning Paar und sein Ensemble haben erneut überzeugend unter Beweis gestellt, dass das Tanztheater ein unverzichtbarer Bestandteil in Münster ist.


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Produktionsteam

Choreographie und Inszenierung
Hans Henning Paar

Bühne
Hanna Zimmermann

Kostüme
Isabel Kork

Dramaturgie
Esther von der Fuhr   


Percussion
Jonas Nondorf
 


Solisten

*Besetzung der Premiere

Oberon
*Cornelius Mickel /
Adam Dembczynski

Titania
*Anna Caviezel /
Sandra Guénin

Theseus
*Marcelo Moraes /
Tommaso Balbo

Hippolyta
Ako Nakanome

Lysander
*Erik Constantin /
Marcelo Moraes

Hermia
*Priscilla Fiuza /
Kana Mabuchi

Demetrius
*Vladimir de Freitas /
Cornelius Mickel

Helena
*María Bayarri Pérez /
Anna Caviezel

Puck / Mohnblume
*Tommaso Balbo /
María Bayarri Pérez

Schüchterner
*Adam Dembczynski /
Vladimir De Freitas

Partygäste
*Kana Mabuchi
Erik Constantin
*Sandra Guénin
Priscilla Fiuza
*Alexandra Andreeva
*Tsutomu Ozeki
*Jonas Nondorf

Schnecken
*Marcelo Moraes /
Erik Constantin /
*Kana Mabuchi /
Priscilla Fiuza

Faun
*Cornelius Mickel /
Adam Dembczynski

Gottesanbeterin
*Ako Nakanome /
Sandra Guénin

Bäume
Kana Mabuchi
Marcelo Moraes
Alexandra Andreeva
Adam Dembczynski

Spiegelbild
Sandra Guénin


Weitere Informationen

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Theater Münster
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