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Musiktheater
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Das Geheimnis des Edwin Drood 

Musical in zwei Teilen
nach dem gleichnamigen Romanfragment von Charles Dickens, Übersetzung von Markus Weber
Musik, Dialoge und Songtexte von Rupert Holmes

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2 h 55' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Theater Münster am 09.02.2013

              
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Theater Münster
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Mitmach-Krimi im Großen Haus       


Von Thomas Molke / Fotos von Jochen Quast

Nachdem sich Wolfgang Quetes zum Abschluss seiner Intendanz mit einer spartenübergreifenden Inszenierung von Carl Maria von Webers Oberon vom Münsteraner Publikum verabschiedet hat (siehe auch unsere Rezension), gibt es nun erstmals seit sieben Jahren wieder ein Musical in Zusammenarbeit sämtlicher Kunstsparten des Hauses. Dabei hat man auf ein Werk zurückgegriffen, das in Deutschland relativ unbekannt ist, in Großbritannien und den USA allerdings zu einem regelrechten Kultstück avancierte: The Mystery of Edwin Drood. Entgegen der sonst üblichen Arbeitsteilung bei Broadway-Musicals zeichnete der Komponist Rupert Holmes auch für die Dialoge und Songtexte verantwortlich und erntete im Jahr der Uraufführung 1986 direkt drei Tony Awards für die beste Musik, das beste Buch und das beste Musical. Das Theater Münster unternimmt mit dieser Produktion nun einen Versuch, dieses bis jetzt in Deutschland kaum beachtete Werk auch auf deutschen Bühnen zu etablieren und hierzulande ebenfalls eine in der englischen Literaturgeschichte als "Droodiana" bezeichnete Manie auszulösen, mit der man seit 1870 versucht aufzuklären, was mit Edwin Drood passiert sein könnte.

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Eklat am Weihnachtsabend: John Jasper (Axel Herrig, links) beobachtet den Streit zwischen Edwin Drood (Roberta Valentini, Mitte) und Neville Landless (Dennis Laubenthal, rechts).

Grundlage des Musicals ist ein unvollendet gebliebener Roman von Charles Dickens, den man zu den ersten Kriminalromanen der Literaturgeschichte zählt. In zwölf Teilen sollte dieses Stück erscheinen, doch Charles Dickens starb, nachdem er neun Teile verfasst hatte, ohne irgendwelche Notizen zum Fortgang der Geschichte zu hinterlassen. Edwin Drood, ein junger Mann mit viel versprechender Zukunft, wächst in dem kleinen englischen Ort Cloisterham auf. Er plant, nach der Hochzeit mit der wunderschönen Rosa Budd, die ihm bereits seit Kindertagen versprochen ist, nach Ägypten zu gehen. Doch John Jasper, Organist und Chorleiter in Cloisterham und gleichzeitig Edwins Onkel und Vormund, ist ebenfalls unsterblich in Rosa verliebt und versucht, seine unglückliche Liebe in London in der Opiumhöhle von Prinzessin Puffer zu vergessen. Als die Geschwister Helena und Neville Landless aus Ceylon in Cloisterham eintreffen, um die englische Lebensart kennen zu lernen, und Neville auch Rosas Charme verfällt, kommt es am Weihnachtsabend bei John Jasper zu einem Eklat zwischen Edwin und Neville. Die beiden jungen Männer eilen zum Fluss, um ein aufziehendes Gewitter zu beobachten. Von da an bleibt Edwin verschwunden. Alles, was von ihm gefunden wird, ist der blutige Mantel seines Vormunds, den ihm John zum Schutz vor dem Unwetter geliehen hatte. Sechs Monate später tauchen ein gewisser Dick Datchery mit der Prinzessin Puffer aus London auf, um den Fall zu untersuchen. An dieser Stelle endet Dickens' Romanfragment. In der Musical-Version wird diese Geschichte nun von einer Theatertruppe unter Leitung ihres Prinzipals gespielt, wobei das Publikum darüber entscheidet, wer am Ende als Täter entlarvt wird.

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Der Prinzipal (Gerhard Mohr, Mitte) auf dem Friedhof mit Durdles (Aurel Bereuter, links) und seinem Gehilfen (Tom Ohnerast, rechts)

Das Regie-Team um Karl Absenger inszeniert das Stück nah am Libretto, wofür es mehrere Gründe geben mag. Der wichtigste Aspekt dürfte natürlich sein, dass das Musical eine absolut spannende Geschichte erzählt, die man zeitlich gar nicht verlegen könnte, ohne dabei den Reiz der Handlung zu zerstören. Aber auch die Tatsache, dass der Komponist noch lebt und im Programmheft seinen Dank für diese Produktion ausspricht, dürfte Anteil daran haben, das Werk im Sinne des Verfassers zu präsentieren. Des Weiteren bietet der offene Ausgang des Stückes die Möglichkeit, selbst innerhalb der Produktion jeden Abend eine etwas andere Fassung zu spielen. Schließlich kann man vorher nie wissen, wen das Publikum am jeweiligen Abend als Mörder wählt. So entführen die leicht historisierenden Kostüme von Karin Fritz in ein viktorianisches England, wie man es aus zahlreichen Dickens-Verfilmungen kennt. Das Bühnenbild, für das ebenfalls Fritz verantwortlich zeichnet, präsentiert sich, wie es für Musical mit häufigen Szenenwechsel üblich ist, mit wenigen beweglichen Bühnenelementen, die mal ein Bild, mal einen Schrank, dann wieder einen Eingang in eine Gruft darstellen, recht variabel und wird durch zahlreiche Projektionen im Hintergrund ergänzt. Das Sinfonieorchester ist hinter der Szene auf der Bühne positioniert, und über dem Orchester dient ein Steg dazu, Teile des Chors zu positionieren. Der Orchestergraben vorne ist mit zwei Öffnungen überbaut, wobei Treppen hinabführen und eine weitere Auftrittsmöglichkeit bieten. Um den Einbezug des Publikums zu betonen, treten die Sänger auch durch die Zuschauerraum auf.

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Neville (Dennis Laubenthal, links hinten) Helena (Johanna Marx), Bazzard (Ilja Harjes, zweiter von rechts hinten) und Chrisparkle (Peter Jahreis, rechts hinten) glauben, in John (Axel Herrig, vorne) den Schuldigen gefunden zu haben.

Das Ensemble legt große Spielfreude an den Tag, wobei die Theatertruppe, die für das Publikum Charles' Dickens Roman präsentiert, aus den Künstlern selbst besteht und jeder vom Prinzipal Gerhard Mohr einzeln mit seinem eigenen Namen vorgestellt wird, also keine weitere fiktive Ebene eingebaut wird. Mohr legt dabei in seiner Rolle eine gehörige Portion Zynismus an den Tag und gefällt mit seinem herben Spiel. Auch das Publikum hat er gut im Griff, wenn er es auffordert, hier nicht nur seinen Abo-Platz abzusitzen, sondern sich gefälligst für eine Gedenkminute für den verstorbenen Charles Dickens von den Plätzen zu erheben. Doch Mohr teilt nicht nur aus, sondern muss auch einstecken, vor allem von seinem Schauspielkollegen Aurel Bereuter, der als Totengräber Durdles mit diabolischem Spiel kein Blatt vor den Mund nimmt. An seiner Seite begeistert Tom Ohnerast als quirliger Gehilfe. Auch die weiteren Mitglieder aus dem Schauspiel-Ensemble des Theaters Münsters wissen zu überzeugen. Johanna Marx stattet Helena Landless mit einem amüsanten Akzent aus, der ihr, wie sie sagt, wenn sie aus der Rolle fällt, selbst auf die Nerven gehe. Dennis Laubenthal präsentiert ihren hitzigen Bruder Neville sehr temperamentvoll, und auch Ilja Harjes macht aus dem eigentlich unbedeutenden Bazzard durch intensives Spiel eine Paraderolle. Besonders beeindruckend ist sein Versuch, gegen den imaginären stürmischen Wind die Flügeltüren des Hauses zu schließen.

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Wer ist der Mörder: 1 Durdles (Aurel Bereuter), 2 Helena (Johanna Marx), 3 Chrisparkle (Peter Jahreis), 4 Neville (Dennis Laubenthal), 5 Prinzessin Puffer (Suzanne McLeod), 6 John (Axel Herrig), 7 Bazzard (Ilja Harjes) oder 8 Rosa (Julia Lißel)?

Aus dem Musiktheater-Ensemble begeistert Suzanne McLeod als geheimnisvolle Prinzessin Puffer, die, wie sich im zweiten Teil herausstellt, einst Rosas Amme war, durch die Liebe zu einem Mann jedoch vom Pfad der Tugend abgekommen ist und im Sündenpfuhl Londons gelandet ist. Nun ist sie nach Cloisterham gekommen, weil sie fürchtet, dass Rosa durch John Jasper ein ähnliches Schicksal drohen könnte. Peter Jahreis, langjähriges Ensemble-Mitglied des Theaters, ist für die Rolle des Hochwürden Chrisparkle aus dem Ruhestand zurückgekehrt und scheint als ehrwürdiger alter Mann ebenfalls ein Geheimnis zu verbergen, das ihn mit Rosa verbindet. Für die weiteren Partien sind drei Gäste engagiert. Roberta Valentini gestaltet die Titelpartie mit großer Stimme und überzeugt in der Hosenrolle des Edwin und als Inspektor Dick Datchery im zweiten Teil, wobei sie dabei unter dem langen beigefarbenen Mantel ein aufreizendes kurzes Kleidchen trägt. Mohr macht an dieser Stelle süffisant klar, dass Valentini im zweiten Teil nicht der als Inspektor verkleidete Edwin sei, sondern sie aufgrund ihres Vertrags in beiden Akten auftreten und deshalb auch den Inspektor spielen müsse. Als es dann zur Abstimmung kommt, ob Edwin eventuell gar nicht tot ist, sind sich die restlichen Kollegen allerdings einig und jagen Valentini mit "Ciao, Ciao, Roberta" von der Bühne. Julia Lißel präsentiert die Rosa Budd mit anmutigem Spiel und schöner Stimme, wobei Lißel wunderbar mit dem Image der holden Unschuld spielt. Axel Herrig präsentiert den John Jasper herrlich schräg und unheimlich als eine Art Jekyll and Hyde und begeistert auch in den Choreographien von Teresa Rotemberg durch große Beweglichkeit.

Wenn es dann zur Abstimmung über den Mörder von Edwin Drood kommt, geht es im Saal hoch her. Während die Solisten mit Nummern auf der Bühne stehen und das Publikum regelrecht auffordern, sie zum Mörder zu wählen, gehen im Parkett Statisten durch die Reihen und notieren bei den Zuschauern, wer denn ihrer Meinung nach den Mord begangen haben könnte, während das Publikum auf den Rängen die Nummer des Schuldigen rufen soll. Nach einem kurzen Zwischenspiel, in der die Stimmen ausgezählt werden, überbringt der Intendant Dr. Ulrich Peters höchstpersönlich das amtliche Endergebnis. Wer nun tatsächlich der Mörder ist, dürfte von Abend zu Abend variieren. Es folgt jedenfalls eine Szene, in der das Motiv für den Mord plausibel erklärt wird. Um unterschiedliche Varianten zu erfahren, müsste man sich den Abend allerdings mehrere Male anschauen. Im Anschluss soll noch ein Paar per Akklamation für das "Happy End" gefunden werden. Jetzt entscheidet das Publikum durch die Länge des Applauses, wer denn nun am Ende mit wem zusammengeführt werden soll, und auch hierbei ist das Ende sicherlich nicht vorhersehbar, zumal das Abschlussduett gewiss nicht allen Darstellern stimmlich in die Kehle gelegt worden ist. Aber selbst das tut der Stimmung am Premierenabend keinen Abbruch. Mit frenetischem Applaus feiert das Publikum die Solisten, den Chor unter der Leitung von Inna Batyuk, das TanzTheater Münster, das Sinfonieorchester Münster unter der Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg und das Regie-Team, so dass das Ziel, auf dieses in Deutschland zu Unrecht vernachlässigte Werk aufmerksam zu machen, an diesem Abend sicherlich erreicht wird.

FAZIT

Dem Theater Münster gelingt ein in jeder Hinsicht großartiger Musical-Abend. Eigentlich müsste man sich dieses Stück allerdings mehrmals anschauen, da aufgrund des variablen Endes sicherlich kein Abend wie der andere werden dürfte.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Thorsten Schmid-Kapfenburg

Inszenierung
Karl Absenger

Choreographie
Teresa Rotemberg

Bühne und Kostüme
Karin Fritz

Choreinstudierung
Inna Batyuk

Dramaturgie
Jens Ponath 


TanzTheater Münster

Opernchor und Statisterie
des Theaters Münster

Sinfonieorchester Münster

 

Solisten

Prinzipal
Gerhard Mohr

Edwin Drood
Roberta Valentini

John Jasper
Axel Herrig

Rosa Budd
Julia Lißel

Hochwürden Chrisparkle
Peter Jahreis

Helena Landless
Johanna Marx

Neville Landless
Dennis Laubenthal

Durdles
Aurel Bereuter

Durdles' Gehilfe
Tom Ohnerast

Prinzessin Puffer
Suzanne McLeod

Bazzard
Ilja Harjes

Horace
Lars Hübel

Inspizient
Tomasz Zwozniak

 


Weitere Informationen

erhalten Sie vom
Theater Münster
(Homepage)



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