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Musiktheater
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Abai

von Achmet Kujanowitsch Schubanow und Latif Abulchajewitsch Hamidi
Libretto von Muchtar Ävesow in einer Übersetzung von Alwina Meissner / Igor Beketov

in deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 30' (eine Pause)

Premiere am 21. September 2012 im Großen Haus des Südthüringischen Staatstheaters Meiningen


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Südthüringisches Staatstheater
Meiningen

(Homepage)

Über allen Wipfeln droht Gefahr

Von Roberto Becker / Fotos: Staatstheater Meiningen

Der Jubel bei der Abai - Premiere im Meininger Theater war groß, für alle Beteiligten, ganz so, wie es sich für ein kühnes Projekt gehört. Auch, wenn man danach die deutsche Opernlandschaft gewiss nicht neu vermessen muss. Ansgar Haags internationaler Ehrgeiz, hat nicht nur seinen Thüringer Tannhäuser vor zwei Jahren in die Steppe Kasachstans getragen. Er hat von dort auch die Oper mitgebracht, die in Almaty jede Spielzeit eröffnet. Deren Musik ist als kollektive Leistung von Achmet Schubanow und Latif Hamidi im Lande entstanden und klingt nicht wie die Kopie einer europäischen Oper, wobei ihre Schöpfer schon eine Vorliebe für italienisches Opernpathos und das Parlando des deutschen  Musikdramas gehabt haben müssen.

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Abai (Dae-Hee Shin) unterm Lenin-Portrait

Die üppig instrumentierte und ausschweifend melodische Musik ist zumindest daran geschult. Bei einer ausgelassenen Hochzeitsfeier im Stück geht schon mal so die Post ab, als wäre man in Spanien. Ansonsten aber ist die Musik fast durchgängig auf großes Pathos und große Gesten gestimmt, kommt aber kaum über eine cineastische Klangbebilderung im engen Schulterschluss von Text und Handlung hinaus, höchstens mal in die Nähe eines Operettenfinales. Gleichwohl füllen die Meininger Solisten die Gesangspartien mit Eifer und Kondition aus. Und die Trumpfkarte befindet sich am Pult der Hofkapelle, denn da steht kein geringerer als Schubanows  Urenkel, der ehemalige Meininger GMD Alan Buribayev. Der macht seine Sache natürlich mit innerer Anteilnahme besonders gut.

Die Idee von Ansgar Haag, diese Romeo und Julia - Geschichte vor dem Hintergrund einer Scharia-Moral mit einer Kinovorführung in einem typischen sowjetischen Kulturhaus einzuleiten, liegt damit auf der Hand und wird durch jeden Ton bis zum Überdruss beglaubigt. Am Ende gar traut man kaum seinen Ohren und Augen, wenn da plötzlich „Über allen Wipfeln ist Ruh…“, als Trauermusik vertont, daherkommt. Aber das ist durchaus keine Selbstironie des Librettisten Muchtar Ävesow oder der beiden Übersetzer Alwina Meissner und Igor Beketov, deren auf Endsilben gereimtes Deutsch mehr Anlass zum Schmunzeln bietet, als dem ernsthaften Gegenstand der einfach gebauten Geschichte gut tut. Vom kessen „Blicke kriegst du keine, lass mich jetzt alleine“ über „So weit wie die Steppe in der Nacht, seh ich Zukunftspracht“ bis zum dräuenden „Es lauert der alte Feind in der Nacht, gebet acht“ treiben sie es ziemlich arg. Aber sei‘s drum. Für das Goethe-Zitat brauchte man 1944 unter dem Damoklesschwert Stalins und in Zeiten, da selbst ein Weltgenie wie Schostakowitsch seines Lebens nicht sicher war, wirklich Mut. Heutzutage gilt das fast schon für die Story.

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Öffentlich hängen - so wollen es die Scharfmacher.

Wenn man sich nämlich auf das einlässt, was da in Meiningen am Anfang auf der Bühne passiert, dann kommt Beklemmung auf. Da ist das Stück noch aktueller, als es schon bei der Planung seines Imports nach Thüringen war. Während der Vorführung eines typisch sowjetrussischen Kriegsfilms mit der typischen Heldenverherrlichung des Genres, nutzen der junge Filmemacher Ajdár (Rodrigo Porras Garulo) und seine Geliebte Azar (Camila Ribero-Souza) die Gelegenheit für ein Schäferstündchen. Dumm nur, dass sie es hinter der Leinwand haben und dann auch noch der Film reißt. Da die junge Frau aber von ihrer Sippe (gegen ihren Willen) schon für einen anderen Mann vorgesehen ist, und die bärtigen Tugendwächter nur auf ein Stichwort warten, wird die Szene im Handumdrehen zum Tribunal. Der bärtige Scharfmacher (Stephanos Tsirakoglou) will den Mann hängen sehen und der Strick ist schnell bei der Hand. Der Auftritt Abais (Dae-Hee Shin mit Würde und einem grünen Prachtmantel wie der afghanische Präsident über den Schultern) kann das gerade noch verhindern. Er überzeugt auch den Richter in Generalsuniform (Ernst Garstenhauer), besser eine Hochzeit als eine Hinrichtung anzusetzen. Doch das Verhängnis nimmt seinen Lauf – und man muss befürchten, dass das der Realität im Machtbereich des Islamismus näher kommt, als uns allen lieb sein kann.

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Mit Gift haben die Fanatiker Erfolg.

Die Scharfmacher machen nach außen gute Miene zum bösen Spiel und greifen zum Gift. Nur durch einen Zufall bekommt der Bräutigam auch noch die für Abai bestimmte Dosis. So bleibt ihm (in der Oper) noch die Rolle des Rächers, aber auch des düsteren Mahners vor den üblen Zeiten, die aufziehen. Dieses Finale ist dann auf der Bühne nicht so beklemmend wie es bei einer radikaleren Projektion auf die unausweichliche Auseinandersetzung mit der Sexualmoral der Scharia auch hierzulande möglich wäre. Aber immerhin. Was Haag da konventionell, aber unter der Folklore deutlich erkennbar anschneidet, passt besser zur Zeit, als uns allen lieb sein kann. Auch wenn die Musik dazu wie aus sehr fernen vormodernen Zeiten klingt und der deutsche Text das Ganze auf einer ungewollt komischen Distanz hält.

FAZIT

Dem Theater in Meiningen ist damit ein zumindest origineller Einstand in eine Spielzeit gelungen, in der sich das Haus, auf die bewährt touristenfreundliche Weise natürlich, auch dem drohenden Wagnerjahr 2013 stellen wird. Gleich am Anfang des Jahres mit der Uraufführung von Wahnfried – Bilder einer Ehe von Reinhard Baumgart im Schauspiel und dann im März mit einer Neuinszenierung von Tristan und Isolde.  Da man Wagners Liebesverbot und den Tannhäuser  schon im Repertoire hat und auch das Konzertprogramm aufs Jubiläum ausgerichtet ist, kann das Jahr 2013 in Meiningen ruhig kommen.  Und die Freunde dieses Theaters auch


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alan Buribayev

Regie
Ansgar Haag

Bühnenbild
Dieter Richter

Kostüme
Kerstin Jacobssen

Choreinstudierung
Sierd Quarré

Dramaturgie
Diane Ackermann

 

Chor und Extrachor des
Meininger Theaters

Meininger Hofkapelle


Solisten

Abai
Dae-Hee Shin

Ajdár
Rodrigo Porras Garulo

Asím
Xu Chang

Azar
Camila Ribero-Souza

Karlygásch
Carolina Krogius

Kokbai
Francis Bouyer

Syttan
Ernst Garstenhauer

Zirensché
Stephanos Tsirakoglou

Narymbét
Stan Meus

Mes
Axel Michael Thoennes


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Südthüringisches
Staatstheater

(Homepage)






Da capo al Fine

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